23. Oktober 2012

Der Hahn ist tot - Ingrid Noll

Produktdetails:

Ausgabe: 1993
Seiten: 266
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Die Autorin:

Ingrid Noll wurde 1935 als Tochter eines Arztes in Shanghai geboren. Mit 14 Jahren siedelte ihre Familie nach Deutschland über, wo sie in Bonn Germanistik und Kunstgeschichte zu studieren begann. Erst im Alter von 55 Jahren veröffentlichte sie mit "Der Hahn ist tot" ihren ersten Roman, der sofort die Bestsellerlisten stürmte. Es folgten weitere Werke, allesamt humorvolle Krimis, die sich meist um mordende Alltagsfrauen drehen, u.a.: "Die Apothekerin", "Die Häupter meiner Lieben", "Selige Witwen", "Röslein rot". Mehrere ihrer Bücher wurden bereits verfilmt.

Inhalt:


Rosemarie Hirte lebt ein recht ereignisloses Leben. Unverheiratet und kinderlos, mit biederem Aussehen, wenigen Bekannten und ohne besondere Hobbies kommt sie der Bezeichnung "alte Jungfer" recht nah. Das ändert sich schlagartig, als sie sich mit 52 Jahren zum ersten Mal ernsthaft verliebt. Der Auserwählte ist Rainer Witold Engstern, Lehrer und Sachbuchautor, dem sie auf einer Lesung begegnet. Rosemarie ist wild entschlossen: Diesen Mann muss sie haben!

Regelmäßig schleicht sie sich in seinen Vorgarten, um ihn heimlich zu beobachten. Eines Abends wird sie zufällig Zeugin einer heftigen Auseinandersetzung zwischen ihm und seiner alkoholkranken Ehefrau. Im Affekt kommt es zu einer Schießerei, bei der Witolds Frau getroffen wird. Während der geschockte Witold einen Krankenwagen rufen will, kommen Rosemarie Schreckensvisionen von ihrem Angebeteten im Gefängnis. Das muss sie verhindern!

Kurzerhand stürmt sie auf die Bildfläche, erschießt die Verletzte und lässt alles wie einen Überfall aussehen. Der verstörte Witold ist seiner Retterin zwar dankbar, doch in Liebe will er nicht so recht entflammen. Aber Rosi gibt nicht auf. Die einstige alte Jungfer kennt nur noch ein Ziel und dafür geht sie über Leichen - im wahrsten Sinn des Wortes ...

Wenn alte Scheunen brennen ...

Der Clou bei "Der Hahn ist tot" liegt in der Hauptperson, die den Leser sofort auf ihrer Seite hat. Rosemarie Hirte ist keine kaltblütige Mörderin. Sie ist lediglich eine einsame Frau, die urplötzlich eine Chance auf das langersehnte Glück wittert - und jenseits aller Vernunft darum zu kämpfen beginnt.

Das Buch ist rückblickend aus der Ich-Perspektive geschrieben. In lakonischem Tonfall erzählt Rosemarie die Ereignisse, die sie von einer harmlosen Versicherungsangestellten zur mehrfachen Mörderin werden ließen. Das Absurd-Witzige an der Handlung ist, dass Rosemarie nur durch unglückliche Umstände in diese mörderische Lage gerät. Sie ist eine Durchschnittsfrau, die an sich niemals jemandem etwas Böses wollte. Doch das jahrzehntelange Entbehren jeglicher glücklicher Beziehungen lässt sie mit einem Mal die Kontrolle verlieren, als sie ihre Chance zum Greifen nah sieht.

Man muss weder in Rosemaries Alter sein noch ihre Erfahrungen erlebt haben, um sich rasch mit ihr zu identifizieren oder doch zumindest Sympathie für diese Frau zu entwickeln, die sich von Herzen ihren Witold und nichts anderes wünscht. Doch jedes Mal, wenn sich ihre Chancen verbessert haben, wird ihr Glück vereitelt, meist in Gestalt einer Rivalin. Für Rosemarie gibt es da natürlich kein Pardon - denn sie weiß genau, dass dies wahrscheinlich ihre letzte Gelegenheit sein wird, jene heiß ersehnte Zweisamkeit zu erleben ...

Neben der resoluten Rosemarie weiß Ingrid Noll auch einprägsame Nebenfiguren zu kreieren, die dem Leser sofort lebendig vor Augen werden. Da ist die lebenslustige Beate, Rosis ungleiche und einzige Freundin, die zur vermeintlichen Rivalin um den geliebten Witold wird. Da ist die feurige Pamela Schröder alias "Scarlett", die mit roter Mähne und rauchigem Gesang den schmucken Lehrer zu umgarnen weiß. Da ist die liebenswert-natürliche Schulkollegin Kitty mit der Pfadfinderinnenaura, der Rosi um ein Haar den Kampf um Witold gönnen würde und Witolds kumpelhafter Freund Ernst Schröder. Nicht zu vergessen die alte Frau Römer, die ihre Rosi für eine herzensgute Kollegin hält und deren Hund Dieskau (sic!), den Rosi kurzzeitig in Pflege nimmt, nicht ganz unschuldig am weiteren Verlauf der Dinge ist.

Und zu guter Letzt natürlich das Objekt der Begierde selbst, Rainer Witold Engstern mit dem jungenhaften Charme und dem schlagfertigen Wortwitz, um den sich die Frauen scharen. Mit der Zeit erkennt auch die zunächst verblendete Rosemarie, dass an ihrem Adonis nicht alles Gold ist, was glänzt. Ein ums andere Mal gerät sie ins Wanken, ob dieser sprunghafte Narziss tatsächlich all die Mühe und Morde wert ist - aber da ist es bereits zu spät ...

Ingrid Noll weicht ab vom gängigen Krimi-Schema des bösen Mörders, der in typischer "Who-dunnit"-Manier vom Leser und Ermittler gleichermaßen erraten werden muss. Stattdessen konzentriert sie sich vollkommen auf die Täterin selbst. Die Morde stehen nicht im Vordergrund, sie sind nur logische Konsequenz im Leben der Protagonistin. Rosemarie ist nicht gerne eine Mörderin, aber das Schicksal scheint ihr keine andere Möglichkeit zu geben. Ihr schnodderiger Tonfall und ihre selbstironischen Kommentare über ihre missglückte Liebeswerbung geben dem Roman den richtigen Pfiff.

Rosemarie Hirte ist die Antwort auf all die frustrierten, einsamen Frauen, die das große Glück in ihrem Leben verpasst haben und sich vor einem letzten Versuch, darum zu kämpfen, scheuen. Natürlich schießt Rosi auf ihrem Weg ein wenig übers Ziel hinaus - aber das Ergebnis ist ein wunderbar leicht geschriebener Roman, der auch beim wiederholten Lesen nichts von seinem Charme einbüßt. Es ist ein gänzlich ungewöhnlicher Krimi, der trotz seiner amüsanten Note auch nicht der Spannung entbehrt - denn was könnte aufregender sein als die Frage, wie es mit Rosi und Witold enden mag ...?

Fazit:


Humorvoller Krimi voll bissiger Ironie um eine Frau, die für die Liebe ihres Lebens buchstäblich über Leichen geht. Rasant und flüssig geschrieben mit einer sympathischen und durchweg authentischen Hauptfigur, die zur Mörderin wider Willen wird. Klare Empfehlung für alle Freunde amüsanter und fesselnder Unterhaltung.

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