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24. August 2017

Die Überfahrt - Mats Strandberg

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei TOR (Fischer)
Seiten: 512
* * * * *
Der Autor:

Mats Strandberg aus Schweden, Jahrgang 1976, arbeitet als Journalist bei Schwedens größter Abendzeitung. Weitere Werke sind die Engelfors-Trilogie (Zirkel, Feuer, Schlüssel) und der Roman "Halbes Leben".

Inhalt:

Seit etlichen Jahren fährt die schwedische Ostsee-Fähre "Baltic Charisma" dieselbe Route von Stockholm nach Finnland. An Board ist stets eine bunte Mischung aus allen Altersklassen - Familien mit Kindern, junge Leute in Partystimmung, Senioren. Es fließt reichlich Alkohol, man will sich hier amüsieren und die Alltagssorgen vergessen.

Zu den Passagieren gehört diesmal die ältere, alleinstehende Marianne, die ihrem tristen Alltag entfliehen will und den etwa gleichaltrigen Göran kennenlernt. Ebenfalls an Bord ist der zwölfjährige Albin mit seiner Familie, in der einige Spannungen herrschen. Calle wiederum gehörte vor acht Jahren selbst zum Bordpersonal. Heute möchte er seinem Lebensgefährten Vincent einen Heiratsantrag machen. Die junge Madde will mit ihrer besten Freundin Zandra feiern und die Sorge um ihren drohenden Jobverlust verdrängen.

In der Karaokebar moderiert der ehemalige Schlagerstar Dan Applegren, der sich mit dem verhassten Job mühsam über Wasser hält. Niemand ahnt, dass sich diesmal auch zwei besondere Passagiere an Bord befinden - eine geheimnisvolle Frau und ein kleiner Junge. Mit ihnen kommt das Grauen an Bord - und es scheint kein Entrinnen zu geben ...

Bewertung:

"Die Überfahrt" von Mats Strandberg braucht eine Weile, bis es sich zu einem Horrorroman entwickelt - dann jedoch schlägt der Horror umso erbarmungsloser zu.

Zunächst befasst sich die Handlung vor allem mit dem Porträt des Schiffes und seinen Gästen, einem bunten Potpourri aus allen Altersklassen und Herkünften. Viele von ihnen vereint allerdings, dass sie gescheiterte Existenzen sind, die auf der "Baltic Charisma" ihrem trostlosen oder problematischen Alltag entfliehen möchten; sie sind ein bisschen wie das Schiff selbst, das mittlerweile in die Jahre gekommen ist, bei dem niemand genau weiß, wie lange es überhaupt noch fahren wird. Der Alkohol fließt in Strömen, in den Bars und Discotheken wird getanzt und geflirtet, Hemmungen werden fallengelassen. Offiziell wollen sich alle amüsieren, und doch liegt beständig der Geruch von Verzweiflung in der Luft. Auf der "Baltic Charisma" versammeln sich auf jener Überfahrt unzählige Probleme und Konflikte, Hoffnungen und Wünsche, die auch ohne den später auftretenden übernatürlichen Aspekt der Handlung bereits eine düstere Atmosphäre verleihen.

Besonders berührend sind die Geschichten von Marianne und Albin. Marianne ist eine ältere, einsame Frau, die sich von der Fahrt ein wenig Aufmunterung und Abwechslung verspricht. Sie lernt den etwa gleichaltrigen Göran kennen, der hier mit seinen Freunden feiert. Auch wenn Göran gewiss kein Traummann auf den ersten Blick ist, fühlt sich Marianne zu ihm hingezogen, er macht ihr Komplimente - und die scheue Frau hofft, dass sich zwischen ihnen etwas entwickeln könnte, was vielleicht über diese Nacht hinaus Bestand hat. Sie ist eine liebenswerte Figur, deren Schmerz und Einsamkeit eindringlich dargestellt werden und mit der man unwillkürlich mitfühlt.

Gut gelungen ist auch die Darstellung des kleinen Albin. Das lang ersehnte Wiedersehen mit seiner Cousine Lo fällt anders als als erhofft, denn Lo ist ein schnippischer Teenager geworden, zeigt sich genervt von der ganzen Reise und erinnert kaum noch an seine damals beste Freundin, mit der er so viele Abenteuer erlebte. Während er dem Wiedersehen entgegenfieberte, ist Lo offenbar nur sehr widerwillig mitgekommen. Sie rollt ständig abwertend die Augen, kommentiert alles sarkastisch mit "Nice", kaut gelangweilt Kaugummi und interessiert sich in erster Linie für Mode und Make-up - enttäuschend und einschüchternd für Albin, der in der aufreizenden jungen Dame kaum noch seine Kinderfreundin wiedererkennt. Dazu belasten Albin die Sorgen um seine geliebte Mutter, die im Rollstuhl sitzt, und um den immer öfter alkoholisierten Vater, bei dem sich ein schwerwiegendes psychisches Problem herauskristallisiert. Albins Kummer ist sehr gut nachvollziehbar, in kürzester Zeit wächst einem der Junge ans Herz. Umso schöner ist es dann, als Lo schließlich doch langsam auftaut und Albin zaghaft die alte Vertrautheit zwischen ihnen erahnt.

Mitreißend ist zudem die Geschichte um Calle, der seinem Lebensgefährten Vincent einen Heiratsantrag macht - der ganz anders endet, als er sich gedacht hatte. Absolut kein Sympathieträger, aber dennoch eine gut dargestellte Figur ist der abgehalfterte Schlagerstar Dan Applegren. Vor zwanzig Jahren hatte er seinen großen Hit, scheiterte allerdings selbst damit beim Grand-Prix-Vorentscheid. Heute kann er vom damaligen Ruhm nur noch träumen; den verhassten Moderationsjob in der Karaokebar erträgt er nur dank Koks und williger Groupies.

Lange Zeit geht es abwechselnd um die Probleme, Sorgen und Gedanken dieser und noch ein paar weiterer Passagiere. Recht spät kommt der Horror in Form moderner Vampire ins Spiel, die die Überfahrt in einen grausigen Alptraum verwandeln und die Opfer zu zombieähnlichen Wesen machen. Auch nach den ersten Vorkommnissen ahnen die Passagiere noch nicht, was wirklich vor sich geht. Für Spannung ist dadurch gesorgt, dass man um das Leben der sympathischen Charaktere bangt und hofft, dass sie dem Grauen entrinnen können, dass sie vielleicht mit einem Rettungsboot fliehen können oder mit dem Schiff rechtzeitig die Küste erreichen.

Während die beklemmende und düstere Atmosphäre hervorragend eingefangen wird und die Charaktere überzeugen, sind die Schilderungen der brutalen Übergriffe und des Blutdurstes der Vampire etwas zu ausufernd geraten. Die drastischen Szenen nehmend phasenweise etwas überhand und sind ein wenig zu plakativ geraten; zudem lesen sie sich auf Dauer recht ermüdend, weil repetetiv. Grundsätzlich ist "Die Überfahrt" ein Roman, der sich Zeit für die Handlungsentfaltung nimmt und damit auch Geduld beim Leser einfordert.

Fazit:

"Die Überfahrt" von Mats Strandberg ist ein atmosphärisch sehr dichter Horrorroman mit überwiegend sehr gelungenen Charakteren, der gut unterhält und berührt - sieht man davon ab, dass der Horror erst spät ins Spiel kommt und dann teilweise ein bisschen zu brutal geschildert wird.

18. Mai 2017

Hochland - Steinar Bragi

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei DVA
Seiten: 304
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Der Autor:

Steinar Bragi aus Island, Jahrgang 1975, verfasste mit Frauen" einen sehr erfolgreichen Roman, der für den Literaturpreis des Nordischen Rats nominiert wurde.

Inhalt:

Vier junge Leute aus Reykjavík - die Paare Hrafn und Vigdis sowie Egill und Anna - fahren mit ihrem Jeep in die raue, einsame Gegend des isländischen Hochlands. Aufgrund von Nebel kommen sie vom Weg ab und stranden mitten in der Einöde.

Sie finden Zuflucht im einzigen Haus weit und breit, bei einem alten Ehepaar. Schon bald merken die vier, dass die alten Leute sich seltsam verhalten und sehr verschroben sind. Sie verbarrikadieren nachts ihr Haus, und sie zeigen sich distanziert zu ihren Übernachtungsgästen.

Die Freunde wollen möglichst schnell wieder in die Zivilisation zurückkehren. Das Auto fährt aber keinen Meter mehr, es kommt zu Streit, und irgendetwas scheint draußen in der Sandwüste zu lauern ...

Bewertung:

Eine raue Einöde in der isländischen Wildnis, ein seltsames Ehepaar, eine noch unbekannte Bedrohung aus der Dunkelheit - das sind verheißungsvolle Zutaten in Steinar Bragis "Hochland", die auf einen spannenden Horrorthriller hoffen lassen - doch tatsächlich kann das Ergebnis in keiner Hinsicht überzeugen. Umso erstaunlicher sind die von Kritikern getroffenen Vergleiche mit Stephen King, deren Erwartungen das Werk absolut nicht gerecht wird.

Erstes großes Manko sind die Charaktere der vier Hauptfiguren, die durchweg blass bleiben. Auch am Ende des Romans ist keiner der Protagonisten dem Leser wirklich ans Herz gewachsen, sodass man um ihn bangen würde. Ob jetzt Hrafn, Vigdis, Egill oder Anna im Handlungsverlauf etwas zustößt oder nicht, ist beinah belanglos, man fiebert nicht mit ihnen, sie bleiben austauschbar und kaum mehr als bloße Namen. Es ist zwar ganz reizvoll, dass sich schnell Konflikte in der kleinen Gruppe aufbauen, und man möchte schon erfahren, ob sie alle diesen Trip überleben oder nicht. Doch letztlich entsteht kein klares Bild von den Figuren, und ihr Schicksal kümmert daher nicht wirklich; daran ändern auch die kleinen eingeflochtenen Rückblenden in ihr Leben vor diesem Ausflug nichts.

Das gilt auch für das verschrobene Ehepaar, bei dem die Clique unterkommt. In Ansätzen ist zwar spannend, was die alten Leute wohl zu verbergen haben und ob sie ihren Besuchern gut oder schlecht gesonnen sind. Aber obwohl diese Ausgangslage so viel Potenzial bietet, sind auch dieses rätselhafte alte Ehepaar keine interessanten Figuren; es fehlt ihnen an Charisma.

Hin und wieder gibt es ein paar gruselige Momente und am Ende erwarten den Leser grausame Szenen. Das alles genügt aber nicht, um nachhaltig zu fesseln. Der Schluss ist zumindest konsequent und kann ein wenig schockieren, aber auch das genügt nicht, um das Buch Horrorfans ans Herz zu legen. Im Gedächtnis bleiben hier allenfalls teils atmosphärische Landschaftsschilderungen und eine gute Grundidee, die nicht überzeugend umgesetzt wurde.

Fazit:

"Hochland" von Steinar Bragi ist ein sehr mäßiger Horrorthriller, dessen verheißungsvolle Grundidee schwach umgesetzt wurde. Vor allem die Charaktere bleiben allesamt blass und wirken beliebig, sodass man trotz der Gefahrensituation nicht um sie bangt.

25. Januar 2017

Dark Wood - Thomas Finn

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei Knaur
Seiten: 464
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Der Autor:

Thomas Finn wurde 1967 in Chicago geboren und lebt heute in Deutschland. Nach seinem VWL-Studium arbeitete er als Journalist und Autor, vor allem für die Rollenspielreihe "Das Schwarze Auge". Weitere Werke sind u.a. "Weißer Schrecken", "Der Funke des Chronos", Die Chroniken-der-Nebelkriege-Trilogie und Die Wächter-von-Astaria-Trilogie.

Inhalt:

"Survive" ist der Titel der spektakulären Realitysendung, deren Teilnehmer durch die Show die Chance bekommen, ihre Firma zu retten. Eine Handvoll Mitarbeiter muss innerhalb von wenigen Tagen einige Prüfungen irgendwo in der Wildnis meistern - wenn es ihnen gelingt, erhält die Firma 500.000 Euro. Zusätzlich gibt es für den besten Teilnehmer 50.000 Euro extra.

Diesmal sind sechs Mitarbeiter einer Hamburger Werbeagentur die Teilnehmer, und die Show findet in abgelegenen norwegischen Wäldern statt. Während sie an ihre körperlichen und seelischen Grenzen gehen müssen, werden sie rund um die Uhr von Kameras beobachtet, und die Welt kommentiert im Internet das Geschehen.

Zwischen den ungleichen Kollegen Bernd, Lars, Gunnar, Sören, Katja und Dagmar kommt es schnell zu einigen Unstimmigkeiten, die Anstrengungen zehren zusätzlich an den Nerven. Doch alles wird noch viel dramatischer, als einer der Teilnehmer verletzt wird und keine Hilfe kommt. Plötzlich sind die sechs von der Außenwelt abgeschnitten - allein mit etwas, das in den Wäldern lauert ...

Bewertung:

Casting- und Survivalshows haben in den letzten Jahren für mehrere Thriller und Horrorromane den Hintergrund geliefert, man denke etwa an "Survive - Du bist allein" von Alexandra Oliva, "Wonderland" von Christina Stein oder "Schlusstakt" von Arno Strobel. Thomas Finns Horrorthriller "Dark Wood" setzt gleichfalls auf ein Realityshowkonzept, das sich plötzlich in ein Schreckensszenario verwandelt.

"Survive" präsentiert sich als trashinges Unterhaltungsformat, das alle Klischees der gängigen Show mit sich bringt. Moderator Daniel ist ein aalglatter und arroganter Fiesling, der genüsslich die Schwachstellen der Kandidaten aufdeckt. Die Kollegen werden bewusst gegeneinander ausgespielt, etwa indem es zu wenig Essensrationen gibt oder indem angeblich vertrauliche Einzelinterviews mit prekären Aussagen über die anderen unverhofft allen vorgespielt werden. Zudem müssen die Teilnehmer einerseits zusammenhalten, um die Firma zu retten, andererseits sind sie auch Konkurrenten um die 50.000 Euro Extraprämie. Da liegt es nah, dass es schnell zu ersten Konflikten zwischen den Kollegen kommt, die sich teilweise schon im Vorfeld nicht sonderlich grün gewesen sind. Die Kandidaten kämpfen zunächst gegen widrige Bedingungen wie Kälte, Unwetter und Hunger, gegen Anfeindungen untereinander und schließlich gegen eine unheilvolle Bedrohung aus den Wäldern, bei der sich erst spät herauskristallisiert, welcher Natur sie ist.

Für durchgehende Spannung sorgen die Fragen, was genau für die Angriffe verantwortlich ist, wer von den Kandidaten möglicherweise umkommt und wie sich die sechs charakterlich entwickeln. Es gibt keine herausragende Hauptfigur, mal steht der eine, mal der andere Kandidat mehr im Vordergrund. Interessant ist vor allem, dass der erste Eindruck nicht immer von Dauer ist; manch einer der Kollegen hat ein dunkles Geheimnis oder zeigt im späteren Verlauf ungeahntes Verhalten, sowohl im positiven als auch im negativen Sinn. Gunnar ist der Buchhalter, der mit dem Agenturchef befreundet ist und sich recht nervös präsentiert. Texter Lars ist jung, gut aussehend und sportlich, dabei aber auch sehr von sich selbst überzeugt. Eitel und ausgesprochen selbstbewusst ist auch Art-Direktor Bernd, mit 52 der älteste der Kandidaten. IT-Fachmann Sören hingegen ist ein scheuer Nerd, schwer übergewichtig und gewohnt, als Zielscheibe für Spott herzuhalten. Kontakterin Katja wiederum ist eine attraktive und schlagfertige Blondine, während PR-Beraterin Dagmar als freundliche, schüchterne graue Maus erscheint. Im Laufe der Zeit bilden sich sowohl Feindschaften als auch Allianzen, die für Leserunterhaltung sorgen.

Schon der Überlebenskampf in den rauen Natur und die Konflikte untereinander böten genug Stoff für einen fesselnden Thriller. In "Dark Wood" gesellt sich aber noch eine weitere, zunächst noch unklare Bedrohung mit dezentem Übernatürlichkeitsfaktor hinzu. Horrorfans kommen auf ihre Kosten, dafür sorgt die gruselige Atmosphäre. Es herrscht überwiegend Dunkelheit, es gibt keinen sicheren Rückzugsort und im späteren Verlauf spielt ein riesiges Höhlensystem eine wichtige Rolle.

Nicht immer überzeugend ist das Verhalten der Charaktere. Auch als ihnen schon klar ist, dass sie in Lebensgefahr schweben, streiten sie sich noch über berufliche Dinge. Sicher kommen einige sehr unschöne Dinge ans Tageslicht, trotzdem ist es nicht realistisch, dass die Vorwürfe und Feindseligkeiten die Kollegen angesichts der Extremsituation so sehr beschäftigen - "Rettet erst mal euer Leben", möchte man den Figuren glatt zurufen.

Fazit:

"Dark Wood" von Thomas Finn ist ein spannender, wenngleich nicht absolut hochklassiger Horrorthriller. Er überzeugt durch eine fesselnde Handlung und ein reizvolles Setting; da ist es auch zu verschmerzen, dass die Charaktere sich nicht immer ganz realistisch verhalten.

16. November 2016

The Walking Dead - Die beste Verteidigung (Band 5)

Produktinfos:

Ausgabe: 2007
Seiten: 148
Buchhandel.de
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Der Autor:

Robert Kirkman, Jahrgang 1978, veröffentlichte zu Halloween 2003 das erste Heft der Reihe "The Walking Dead". Mittlerweile erschienen mehr als 150 Hefte, seit 2010 läuft die sehr erfolgreiche TV-Serie dazu. Weitere Comicreihen, an denen Kirkman als Autor beteiligt war sind z. B. Battle Pope, Dieb der Diebe, Tech Jacket und Ultimate X-Men.

Inhalt:

Rick und Glenn entdecken in der Nähe des Gefängnisses einen Helikopter am Himmel, der kurz darauf im Wald abstürzt. Die beiden hoffen, dort Überlebende zu finden und machen sich gemeinsam mit Michonne auf den Weg. Der Helikopter ist jedoch leer. Fußspuren weisen darauf hin, dass jemand anderes vor den dreien dort war und die Helikopter-Insassen mitgenommen hat.

Sie folgen den Spuren und stoßen auf die kleine Stadt Woodbury, in der ein paar Dutzend Überlebende geschützt hinter Mauern leben. Ihr Anführer nennt sich "Governor" und heißt Rick, Glenn und Michonne zunächst willkommen. Irritiert erfahren die drei, dass in Woodbury regelmäßig Arenaspiele mit Kämpfern und Zombies veranstaltet werden, um die Einwohner zu unterhalten.

Wenig später lässt der Governor seine freundliche Maske fallen. Er nimmt Rick, Glenn und Michonne in seine Gewalt und will aus ihnen herauspressen, wo sie ihre sichere Zuflucht haben ...

Bewertung:

Im fünften Sammelband tritt erstmals der Governor auf den Plan, der auch in der TV-Serie eine große Rolle einnimmt. Davon abgesehen driften spätestens hier TV-Serie und Comicvorlage deutlich auseinander. In der TV-Serie sind es Michonne und Andrea, die als Erste auf Woodbury stoßen, und Andrea geht eine Beziehung mit dem Governor ein. Davon kann in der Comicvorlage keine Rede sein, zumal Andrea in den Comics mit Dale liiert ist.

Mit dem Governor kommt ein sehr charismatischer und zugleich höchst gefährlicher Gegener auf den Plan. Woodbury ist an sich eine angenehme Zuflucht, sieht man den perversen Arenaspielen ab. Hier leben Familien in gemütlichen Häusern, die Mauern werden gut von Schützen bewacht. Alles könnte so schön sein, wenn nicht der sadistische Governor hier das Regiment führen würde. Schnell ist klar, dass er vor nichts zurückschreckt - seine Brutalität in den Comics übertrifft noch die in der TV-Serie -, was insbesondere Rick und Michonne erfahren müssen. Während die Szene mit Rick sehr deutlich die Gewalt zeigt, wird diese bei Michonne auf effektive Art angedeutet: Man erfährt, was der Governor mit ihr vorhat und man bekommt Michonne im Anschluss zu sehen, aber die eigentliche Tat wird zumindest visuell ausgeblendet und bleibt der Phantasie des Lesers überlassen. Sehr eindrucksvoll ist Michonnes Reaktion darauf, die noch deutlicher als zuvor demonstriert, was für ein starker Charakter in ihr steckt. Zudem kann sie ihre Loyalität gegenüber Rick unter Beweis stellen, und man erfährt auf dem Weg nach Woodbury ein paar Details zu ihrem Leben vor der Apokalypse wie ihren Beruf und wie sie zu ihrem Katana gekommen ist.

Der Band steht ganz im Zeichen der drohenden Auseinandersetzung zwischen dem Gefängnis und Woodbury. Der Governor ahnt natürlich, dass ein Gefängnis ein noch sicherer Ort zum Leben wäre, und will die Einwohner umsiedeln - selbstverständlich auf Kosten von Ricks Gruppe, die er ausschalten will. Somit stehen die Kämpfe gegen Zombies hier sehr im Hintergrund. Mit dem Governor ist ein Antagonist auf deer Bildfläche erschienen, der auf seine Weise nicht weniger gefährlich ist als die Zombies, die bisher die Bedrohung darstellten. Zwar gab es bereits tödliche Konflikte mit den Gefängnis-Insassen, doch waren dies zumindest nur einzelne Personen, während der Governor genug Leute um sich hat, um zumindest theoretisch das Gefängnis einnehmen zu können - zudem sind die Woodbury-Einwohner gut mit Waffen versorgt und stellen somit eine bisher nicht gekannte Form der Bedrohung dar.

Da die Handlung in Woodbury spielt, bleiben natürlich aus Ricks Gruppe alle außer Rick, Glenn und Michonne außen vor. Somit ist der Band vor allem für die Leser interessant, die eine der drei Figuren besonders schätzen und neugierig darauf sind, wie diese in Extremsituationen reagieren (was man bei Rick zu diesem Zeitpunkt bereits erlebt hat, bei Glenn und Michonne dagegen weniger). Zwei positive neue Charaktere sind Doktor Stevens, der Arzt von Woodbury, der die Handlungen des Governors missbilligt, und seine junge Assistentin Alice. Beide sind sympathisch, und man hofft, dass sie noch eine Weile erhalten bleiben.

Charlie Adlard arbeitet mit Schwarz-Zeichnungen und großzügigen Schattierungen, nicht selten ist ein Drittel eines Gesichtes in Schwarz getaucht. Während insgesamt die meisten TV-Darsteller den Comic-Charakteren ähnlich bis sehr ähnlich sehen, trifft das beim Governor nicht zu, denn der Comic-Governor trägt lange schwarze Haare und einen Bart, sieht etwas wilder und piratenhafter aus als seine TV-Verkörperung David Morrissey.

Fazit:

Auch der fünfte "Walking Dead"-Sammelband ist sehr spannend und unterhaltsam, auch wenn der Fokus nur auf Rick, Glenn und Michonne gerichtet ist und die anderen Figuren ausgeblendet werden. Zum ersten Mal treten der Governor und Woodbury in Erscheinung, was neue Brisanz in die Handlung bringt. Die Auseinandersetzungen mit den Zombies geraten in den Hintergrund, dafür aber fesselt der Konflikt mit dem Governor.

14. November 2016

The Walking Dead - Was das Herz begehrt (Band 4)

Produktinfos:

Ausgabe: 2009
Seiten: 136
Buchhandel.de
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Der Autor:

Robert Kirkman, Jahrgang 1978, veröffentlichte zu Halloween 2003 das erste Heft der Reihe "The Walking Dead". Mittlerweile erschienen mehr als 150 Hefte, seit 2010 läuft die sehr erfolgreiche TV-Serie dazu. Weitere Comicreihen, an denen Kirkman als Autor beteiligt war sind z. B. Battle Pope, Dieb der Diebe, Tech Jacket und Ultimate X-Men.

Inhalt:

Zwei der ehemaligen Gefängnis-Insassen sind an Waffen gekommen und bedrohen Ricks Gruppe. Gleichzeitig kommt es zu einem Angriff einer Zombie-Horde, und die Gruppe sieht sich einem gefährlichen Kampf gegenüber.

Kurz darauf erscheint vor dem Gefängnis eine junge Frau, die von Ricks Gruppe aufgenommen wird. Michonne hat sich seit der Apokalypse wochenlang allein durchgeschlagen, bewaffnet mit einem Katana-Schwert. Die Gruppe hat Respekt vor dieser Leistung, ist aber zunächst misstrauisch ihr gegenüber, da Michonne kaum etwas über sich preisgibt.

Der Erste, der ihr näherkommt, ist Tyreese. Als Footballfan erkennt sie in ihm einen ehemaligen Profi-Spieler wieder, und Tyreese fühlt sich zu ihr hingezogen. Das sorgt für Eifersucht bei Carol und führt zu einem dramatischen Ereignis. Rick macht Tyreese Vorwürfe, dieser wiederum kritisiert Ricks übertriebene Härte und seine Alleingänge bei Entscheidungen, die die Gruppe zunehmend irritieren. Der Streit zwischen den beiden eskaliert. Zudem wird einer aus der Gruppe bei der Erkundung des Gebäudes von einem Untoten gebissen ...

Bewertung:


Wie der dritte Sammelband spielt auch der vierte komplett in der Gefängnisanlage, die für Ricks Gruppe ein Zuhause geworden ist. Mit Michonne, der geheimnisvollen und toughen Samurai-Kämpferin, tritt ein neuer, sehr wichtiger und interessanter Charakter auf den Plan.

Gerade an Michonne zeigt sich wieder einmal, dass die TV-Serie die Comic-Figuren teilweise ein wenig bis gravierend anders darstellt. Optisch und grundlegend betrachtet entspricht die Michonne der Comic-Vorlage ganz der Verkörperung durch Danai Gurira: Sie ist eine athletische Farbige um die dreißig, schweigsam und mysteriös. Zombies erledigt sie ohne Wimpernzucken mit ihrem Katana, und als Schutz während ihres Lebens in den Wäldern führte sie zwei Untote an Ketten mit sich, die sie durch Abschlagen der Unterkiefer und der Arme gefahrlos gemacht hatte - andere Zombies griffen sie durch diese Taktik nicht an, da sie offenbar Michonnes menschlichen Geruch dank ihrer Begleiter nicht mehr witterten. Während aber Michonne mit Tyreese in diesem Band eine folgenschwere Affäre eingeht, wäre dies in der TV-Serie schwer vorstellbar. Des Weiteren ist zwar auch die TV-Michonne ein lange Zeit schwieriger Charakter, der niemanden an sich heranlässt, doch im Comic wirkt sie anfangs regelrecht kalt, bezeichnet Andrea grundlos als "Bitch" und hat keine Scheu, Carols Herz zu brechen, indem sie ihr Tyreese ausspannt. Somit ist Michonne zwar aufgrund ihrer Fähigkeiten und ihrer Rätselhaftigkeit in diesem Band ein reizvoller, aber noch nicht unbedingt sympathischer Charakter, was sich aber später noch ändern wird.

Neben Michonne ist der Konflikt zwischen Rick und Tyreese das zweite wichtige Thema des Bandes. Bis vor Kurzem waren die beiden noch gute Freunde, Tyreese unterstützte Ricks Entscheidungen. Damit ist vorerst Schluss, und man darf gespannt sein, ob und inwieweit sie sich in den nächsten Bänden wieder annähern werden. Ein Auslöser für den Konflikt ist Tyreeses Betrug an Carol, was sicherlich eine der bis hierhin emotionalsten Szenen darstellt. Carol erschien von Beginn an labiler als andere Frauen der Gruppe, in Tyreese fand sie eine bedeutsame Stütze, sodass der Betrug viel Mitgefühl beim Leser auslöst.

Das dritte wichtige Thema ist die Bissverletzung eines Gruppenmitglieds. Im Gegensatz zu anderen Zombie-Welten ist es bei "The Walking Dead" nicht so, dass erst ein Zombiebiss eine Verwandlung auslöst - jeder Überlebende ist automatisch infiziert (wodurch dies geschehen ist, ist bislang unbekannt und wird laut Robert Kirkman eventuell/vermutlich auch nie aufgelöst werden) und verwandelt sich somit nach seinem Tod, selbst wenn dieser auf natürliche Art erfolgen sollte. Der Biss löst allerdings hohes Fieber aus, das bislang nach einer Weile zum Tod führte. Es bleibt aber Raum für Hoffnung, dass man dieser Infektion vielleicht durch schnelle Maßnahmen entgegenwirken kann und dass man einen solchen Biss vielleicht, je nach Behandlungsmethode und Bissstelle, überleben kann. Somit steht dieser Band auch sehr im Zeichen dieser Frage, und man bangt um die gebissene Person.

Wieder einmal gelungen sind Charlie Adlards düstere Zeichnungen. Die Hintergründe sind zwar recht einfach gehalten und erreichen nicht die Detailfreudigkeit seines Vorgängers Tony Moore, allerdings hatte Moore aufgrund dieser Genauigkeit auch zunehmend Probleme, die Zeitpläne einzuhalten. Man darf bei Adlards Zeichnungen keine allzu hohen Ansprüche an die Ästhetik haben, keine ausgefeilten Hintergründe erwarten, aber man sieht, dass er sein Handwerk sehr gut versteht.

Fazit:

Sehr unterhaltsamer, spannender und bewegender vierter Sammelband. Mit Michonne tritt ein sehr interessanter neuer Charakter auf den Plan, und auch das Gefängnissetting ist weiterhin reizvoll.

20. Oktober 2016

Das Ufer - Richard Laymon

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei Heyne Hardcore
Seiten: 592
Buchhandel.de
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Der Autor:

Richard Laymon, 1947-2011, wurde in Chicago geboren und ist einer der meistverkauften Horrorautoren der USA. Er studierte englische Literatur und arbeitete unter anderem als Lehrer und Bibliothekar, ehe er sich dem Schreiben widmete. Er verfasste mehr als dreißig Romane, die überwiegend erst nach seinem Tod in Deutschland erschienen. Weitere Werke sind u. a. "Rache", "Die Insel", Das Spiel", "Die Show" und "Die Familie".

Inhalt:

Die achtzehnjährige Leigh West verbringt 1969 den Sommer bei Onkel und Tante am Lake Wahconda. Dort verliebt sie sich in den gleichaltrigen Charlie. Die Sommerromanze endet mit einem furchtbaren Unglück, bei dem Charlie ums Leben kommt. Kurz darauf stellt Leigh fest, dass sie schwanger ist.

Achtzehn Jahre später: Leighs Tochter Deana ist mittlerweile im gleichen Alter wie ihre Mutter damals und mit Allan liiert. Bei einem romantischen Zusammensein werden sie von einem Unbekannten angegriffen und Allan getötet. Deana kann sich retten, doch schon bald darauf meint sie, das Auto des Täters vor ihrem Haus zu sehen.

Officer Mace Harrison übernimmt die Ermittlungen und schenkt Leigh durch seine selbstbewusste, tatkräftige Art eine gewisse Sicherheit. Leigh fühlt sich zu ihm hingezogen, Deana dagegen sieht die Annäherung der beiden mit Argwohn. Tag und Nacht sind Deana und Leigh von nun an in Angst vor dem irren Mörder. Warum hat er gerade Deana und ihren Freund als Opfer gewählt? Gibt es etwa einen Zusammenhang zu Leighs Erlebnis vor achtzehn Jahren ...?

Bewertung:

Ein Mutter-Tochter-Gespann steht im Fokus von Richard Laymons Horrorroman "Das Ufer", einem für ihn recht typischen Werk, das sich im unspektakulären Mittelfeld seines Schaffens einfügt. Wie alle seine Bücher liest sich der Roman leicht, und man behält trotz der zwei ineinander verwobenen Handlungsstränge gut den Überblick. Reizvoll ist insbesondere der Vergangenheitsstrang, der die Geschichte der achtzehnjährigen Leigh erzählt. Das Anbändeln zwischen ihr und dem linkischen, unerfahrenen Charlie wird recht ansprechend präsentiert; Charlies schreckliches Schicksal ist durchaus bewegend, ebenso wie Leighs Kummer darüber.

Sowohl Leigh als auch Deana sind grundsätzlich sympathisch; gern möchte man beide am Ende gerettet sehen, und auch das enge Verhältnis der beiden zueinander wird schön dargestellt. Eine gewisse Spannung ergibt sich aus den Fragen, wer Deana nach dem Leben trachtet, ob es Zusammenhänge zu Charlies Tod damals gibt und wie sich das Verhältnis zwischen Leigh und Officer Mace entwickelt - denn der Leser weiß, anders als Leigh und Deana, dass er auch seine sehr dunkle Seite verbirgt. Bezüglich zwei, drei Nebencharaktere darf man rätseln, wie sie wirklich zu Leigh und Deana stehen, ob sie das sind, was sie vorgeben, oder ob es noch zu weiteren unliebsamen Überraschungen kommt. Es gibt ein paar blutige Actionszenen, wenn auch keinen richtigen Splatter, und man muss auch über keinen besonders robusten Magen verfügen, um der Handlung folgen zu können - in dieser Hinsicht gibt es definitiv heftigere Romane von Laymon.

Wenn man nicht mehr mehr erwartet als ein paar Metzeleien und die Flucht vor (mindestens) einem irren Mörder, wird man hier solide unterhalten. Allerdings sind die Charaktere ziemlich flach geraten, frei von jeder Nachhaltigkeit. "Das Ufer" ist eine Lektüre, die zwar für den Augenblick leidlich unterhalten kann, danach aber sehr schnell abgehakt ist - und selbst während der Lektüre ist man nicht unweigerlich so sehr gefesselt, dass man das Buch nicht problemlos zwischendurch beiseite legt.

Übertrieben wie eigentlich immer bei Richard Laymon ist die ausgeprägte Sexualität der Figuren und das Betonen der körperlichen Vorzüge der weiblichen Personen. Wer schon andere Werke des Autors gelesen hat, kennt diese Marotte, wer zum ersten Mal damit konfrontiert wird, reagiert möglicherweise genervt aufgrund der Penetranz. Gegen Ende kommt eine übersinnliche Fähigkeit ins Spiel, die das Geschehen beeinflusst, was sehr konstruiert wirkt und nicht in den Rest der Handlung passt. Insgesamt hat der Autor durchaus schlechtere Bücher verfasst, allerdings auch bessere.

Fazit:


"Das Ufer" ist ein leicht unterdurchschnittlicher bis durchschnittlicher Laymon-Roman, der sich als anspruchslose Lektüre eignet, wenn man nicht viel mehr als oberflächliche Spannung erwartet. Der Vorteil liegt darin, dass man sich nicht wirklich konzentrieren muss und das Buch schnell zu lesen ist; ebenso ist ein gewisser Unterhaltungsfaktor vorhanden. Grundsätzlich ist das Werk aber nur Fans des Autors zu empfehlen, da das Genre viele bessere Alternativen bietet.

21. September 2016

Die Feinde (Band 1) - Charlie Higson

Produktinfos:

Ausgabe: 2014 bei Heyne
Seiten: 480
Buchhandel.de
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Der Autor:

Charlie Higson, Jahrgang 1958 (England), ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Schauspieler und Sänger. Bekannt wurde er vor allem durch seine "Young Bond"-Romane, die Geschichten über den jugendlichen James Bond erzählen.

Inhalt:

Ohne Vorwarnung wird London von einer Epidemie befallen, die nur Erwachsene betrifft. Die Infektion verwandelt die Menschen in blutrünstige Bestien, die Jagd auf die Kinder machen. Viele sterben, doch einigen gelingt es, sich in Gebäuden zu verstecken und zu verbarrikadieren.

Eine Gruppe von Kindern hat sich in einem Kaufhaus verschanzt. Regelmäßig beschaffen Suchtrupps neue Nahrungsmitteln. Mit der Zeit jedoch wird es immer schwieriger, in der Umgebung Lebensmittel zu finden; zudem gibt es bei den Kämpfen gegen die Erwachsenen immer wieder Opfer.

Eines Tages trifft ein Junge ein, der ihnen von einer sicheren Zuflucht erzählt - dem Buckingham Palast. Er und viele andere Kinder haben sich dort eingerichtet und suchen neue Gruppenmitglieder. Das klingt verlockend, aber der Weg quer durch London ist äußerst gefährlich ...

Bewertung:

Charlie Higsons Auftakt seiner Feinde-Reihe ist eine leichte Variation des üblichen Zombieschemas: Die "Zombies" sind hier keine zum Leben erwachten Toten, sondern kranke Menschen, die zudem älter als vierzehn Jahre sind. Bisse der Infizierten führen oft zum Tod, lösen aber keine Verwandlung aus. Die Protagonisten sind ausnahmslos Kinder, was für einen Horrorroman eine interessante Abwechslung darstellt. Das Szenario erinnert an Williams Goldings "Herr der Fliegen", so sich Kinder allein auf einer Insel durchschlagen müssen, oder auch an Michael Grants "Gone"-Reihe, in der plötzlich alle Menschen über fünfzehn Jahren verschwinden. Harmlos und brav wird der Inhalt durch die Fokussierung auf Kinder gewiss nicht, im Handlungsverlauf müssen einige der Gruppenmitglieder ihr Leben lassen.

Die Geschichte, die ja freilich nur den Anfang einer insgesamt siebenteiligen Reihe erzählt, ist grundsätzlich spannend. Für Kinder ist es ungleich schwerer, in einer postapokalyptischen Welt zu überleben, als für erwachsene Protagonisten - die jüngsten unter ihnen können nur wenig Nützliches beitragen, allen Kindern fehlen technische und medizinische Experten, die das Überleben erleichtern würden. Dennoch schlagen sie sich beachtlich, werden nach und nach immer härter und abgebrühter. Ungefähr nach dem ersten Drittel bestimmt der Aufbruch zum Buckingham Palast das Geschehen. Die Kaufhausgruppe ist sich uneins darüber, ob dieser riskante Weg wirklich angebracht ist. Nicht nur, dass sie einige Kilometer unsicheres Terrain zu Fuß durchqueren müssen, sie wissen auch nicht, ob und inwieweit sie dort überhaupt willkommen geheißen werden und ob es dort tatsächlich so sicher ist, wie der Junge mit der Patchwork-Jacke erzählt, der sie dorthin führen will. Spätestens an dieser Stelle wird offenkundig, dass nicht nur die Erwachsenen ein Problem in dieser Welt darstellen, sondern auch die Kinder - man weiß nicht, wem man noch trauen kann, und es bilden sich in wichtigen Fragen immer wieder mehrere Lager mit unterschiedlichen Ansichten, ganz zu schweigen von rivalisierenden Banden aus der gleichen Gegend, die die gleichen Ressourcen beanspruchen.

Der Roman wird ab zwölf Jahren empfohlen, wobei diese Grenze schon recht niedrig angesetzt ist. Es gibt zwar keine Splatterszenen, allgemein wird die Brutalität eher angedeutet als explizit dargestellt, aber die harte Thematik richtet sich eher an Jugendliche ab etwa vierzehn, fünfzehn Jahren. Auch erwachsene Leser, die ein Faible für Zombieromane und postapokalyptische Szenarien haben, werden bei "Die Feinde" solide unterhalten. Zu den Schwächen zählt eine gewisse Langatmigkeit, die sich zwischendrin bisweilen einstellt. Das liegt vor allem daran, dass es lange dauert, bis einem die Figuren ans Herz wachsen. Man kann zwar schnell die Namen und grundlegende Charakterzüge zuordnen, aber wirklich einprägsam ist keiner von ihnen. Todesfälle unter den Kindern lassen einen nicht kalt, doch es mangelt an markanten Protagonisten, die zum intensiven Mitfiebern einladen. Sicher gibt es reizvolle Figuren, wie etwa die toughe Maxie, die in die Rolle der Anführerin hineinwächst, oder Small Sam, der von der Gruppe getrennt wird. Doch es dauert auch bei diesen Charakteren, bis sie diesen Reiz erlangt haben.

Über den Ausbruch der Seuche und die erste Zeit danach erfährt man nur wenig. Die Handlung setzt einige Monate nach Ausbruch der Epidemie ein, sodass man die Kinder bereits recht abgeklärt erlebt; dabei wäre es sicherlich interessant gewesen, die Entwicklung mitzuerleben. Es ist nachvollziehbar, dass die Kinder aufgrund ihrer Lage älter wirken, als sie sind; allgemein verhalten sie sich aber etwas zu erwachsen, für Weinerlichkeit und Ängste ist nur sehr wenig Raum.

Dass am Ende einige offene Fragen bleiben, ist beim Auftakt einer Reihe kaum zu verhindern. Schade ist nur, dass bislang (Stand Herbst 2016) noch keine weiteren Bände auf Deutsch erschienen sind. Wer nicht auf unbestimmte Zeit mit den Fortsetzungen warten will, muss somit auf Englisch ausweichen.

Fazit:

"Die Feinde" von Charlie Higson bildet den soliden Auftakt einer auch für Jugendliche geeigneten Zombiereihe, die den Fokus auf Kinder legt. Die Handlung ist recht unterhaltsam und nicht zu blutig, macht auch durchaus neugierig auf die weiteren sechs Bände. Allerdings gibt es gerade, was die Charaktere angeht, noch Luft nach oben.

8. August 2016

Das Spiel (Opfer - Band 1) - Jeff Menapace

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei Heyne Hardcore
Seiten: 400
Buchhandel.de
* * * * *
Der Autor:

Jeff Menapace (USA) erlangte gleich mit seinem Debütroman "Das Spiel" den Durchbruch als Horrorautor; zwei weitere Bände folgten nach. 2011 erhielt er den Red Adept Reviews Indie Award. Ansonsten ist er Fan der Three Stooges, liebt den Originalfilm "The Texas Chainsaw Massacre" und hasst Spinnen.

Inhalt:

Das Ehepaar Patrick und Amy Lambert freut sich auf ein gemütliches Wochenende mit seinen Kindern, der sechsjährigen Carrie und dem vierjährigen Caleb, am idyllischen Crescent Lake in Pennsylvania. Angeln, Spaziergänge, gutes Essen und nettes Plaudern mit den Hütten-Nachbarn Lorraine und Norm - das sind die Pläne der Familie.

Auf der Hinfahrt macht Patrick eine seltsame Begegnung an einer Tankstelle. Ein jovialer Fremder verwickelt ihn zunächst in ein Gespräch, um anschließend seine Benzinrechnung zu übernehmen. Amy ist der aufdringliche Fremde unheimlich, erst recht, als sie ihn kurz danach wiedertreffen und er Carries Puppe gegen einen Lutscher eintauscht. Schließlich wird Amy in einem Supermarkt von einem weiteren Fremden sexuell belästigt.

Die Lamberts sind durch die Vorkommnisse beunruhigt, doch sie ahnen bei Weitem nicht das Ausmaß, das ihnen bevorsteht. Die Brüder Arty und Jim Fannelli lieben es, sich Opfer für ihre perversen Spiele zu suchen, sie körperlich und seelisch bis aufs Äußerste zu quälen. Die Lamberts haben sie als ihre neusten Mitspieler auserkoren und verfolgen sie bis zu ihrem Ferienhaus ...

Bewertung:

Der Film "Funny Games" und der Autor Richard Laymon sollen laut Rückseitentext die Richtung vorgeben, in die sich dieser Roman begibt - und grundsätzlich liegt der Verlag damit auch richtig.

Der erste Teil der "Spiel"-Trilogie von Jeff Menapace ist ein recht brutaler Horrorthriller mit zwei sadistischen Psychopathen, die Jagd auf eine typisch amerikanische Durchschnittsfamilie machen. Ganz so nervenaufreibend und provokant wie "Funny Games" (insbesondere das Original mit dem wunderbaren Schauspieler-Ehepaar Ulrich Mühe und Susanne Lothar) ist das Werk allerdings nicht; und auch der Splatterfaktor und die sexuellen Ausschweifungen der Richard-Laymon-Romane werden nicht erreicht, was je nach Lesergeschmack auch ein Vorteil sein kann. Zudem nimmt sich das Werk Zeit für den Aufbau. Der Leser lernt zunächst die Lamberts ausführlich kennen, um auch ganz sicher mit ihnen zu sympathisieren. Das gelingt grundsätzlich, wobei letztlich keiner der Figuren wirklich im Gedächtnis bleibt; die Lamberts sind nett und freundlich, aber eben auch durchschnittlich und recht beliebig. Amy ist dreiunddreißig, Patrick achtunddreißig, und die beiden sind, wie immer wieder betont wird, auch nach vielen Jahren Ehe sehr verliebt ineinander. Der kleine Caleb ist ruhig und naiv, seine ältere Schwester ein bisschen eigensinniger und widerspenstiger. Trotz kleiner Querelen strahlt diese Familie Harmonie aus, vielleicht ein bisschen zu sehr; ein paar Ecken und Kanten hätten den Lamberts jedenfalls nicht geschadet.

Das mörderische Brüderpaar Arty und Jim tritt früh ins Bild, und der Leser erhält Einblick in ihre Pläne und Phantasien; es dauert jedoch lange, bis die beiden wirklich zuschlagen. Das baut eine gewisse Spannung auf, kann die Geduld manchen Lesers aber auch strapazieren. Gewissenlos und bar jeglichen Mitgefühls für ihre Opfer sind sie beide. Während der etwas ältere Arty aber etwas besonnener auftritt, verliert Jim schneller mal die Kontrolle. Vor allem ist Jim deutlich mehr auf die sexuelle Seite des Spiels fixiert und hat in Amy ein besonders reizvolles Opfer gefunden.

Es ist recht spannend, zu verfolgen, wie sich das "Spiel" entwickelt, welche physischen wie psychischen Quälereien sich die unheilvollen Brüder für die Lamberts ausgedacht haben und wie diese reagieren. Natürlich steht im Vordergrund die Frage, ob die Lamberts das Martyrium überleben und ob ihnen vielleicht die Flucht oder gar eine erfolgreiche Gegenwehr gelingt. Das Buch schenkt seinen Lesern einige Stunden gute Unterhaltung, liest sich flüssig und ist generell für alle Freunde von Horrorthrillern zu empfehlen. Wer wirklich harte Kost erwartet, die den Genrekenner schockiert, wird indessen enttäuscht werden; an die Härte von Richard Laymons Werken oder auch an Bret Easton Ellis' "American Psycho" reichen die Grausamkeiten nun doch nicht heran. Neben den etwas zu flachen Charakteren kann man auch die eine oder andere konstruierte Szene kritisieren, die bestimmte Entwicklungen erst ermöglicht. Bisweilen verhalten sich manche Figuren nicht in naheliegender Weise, was für die Handlung praktisch ist, aber etwas zu simpel wirkt. Das Ende präsentiert schließlich noch eine Wendung, die allerdings für Genrekenner nicht wirklich überraschend ist und längst nicht so schockierend ist, wie es wohl sein soll.

Fazit:

"Opfer", der erste Teil der "Spiel"-Trilogie von Jeff Menapace, ist ein unterhaltsamer Horrorthriller, eine schnelle und flüssige Lektüre für zwischendurch mit einer gewissen Spannung. Die Charaktere sind allerdings nicht sonderlich einprägsam, und es gibt ein paar konstruierte Szenen. Alles in allem ein guter Roman, der neugierig auf den zweiten Teil macht, sofern man nicht mit allzu hohen Erwartungen herangeht.

4. Juli 2016

Auferstehung - Brian Keene

Produktinfos:

Ausgabe: 2011 bei Heyne
Seiten: 400
Buchhandel.de
* * * * *
Der Autor:

Brian Keene (USA, Jahrgang 1967), erhielt gleich für seinen Debütroman "Auferstehung" im Jahr 2001 den Bram Stoker Award, der alljährlich für außergewöhnliche Horrorliteratur verliehen wird. Weitere Werke sind u. a. Stadt der Toten, Die Verschollenen und Kill Whitey.

Inhalt:

Ein Nuklearexperiment der Havenbrook National Laboratories in Pennsylvania schlägt fehl - furchtbar fehl. Als Folge fahren bösartige Dämone in die Körper der Toten, die daraufhin wieder auferstehen und Jagd auf die Lebenden machen. Diese Zombie-Wesen stecken zwar in verrottenden Körpern, sind jedoch genauso intelligent wie die Menschen und nutzen auch Waffen für den Kampf.

Viele der Lebenden fallen diesen Wesen rasch zum Opfer und wandeln kurz darauf mit ihnen über die Erde. Zu den wenigen Überlebende gehört Jim Thurmond, der sich mit Vorräten in seinem Bunker in West Virginia verschanzt hat. Als ihn ein verzweifelter Anruf seines kleinen Sohnes Danny aus New Jerseys erreicht, bricht er auf, um ihn zu retten.

Auf dem Weg trifft er den alten Pfarrer Thomas Martin, der ihn begleitet. Nachdem sie sich eine Weile durchgeschlagen haben, geraten sie in Gefangenschaft des skrupellosen Colonel Schow und seiner Soldatentruppe, die ehemals der Pennsylvania National Guard angehörten. Die Soldaten nehmen wahllos Männer und Frauen gefangen, die Frauen als Zwangsprostituierte, die Männer als Sklaven. Bei den Frauen ist die junge drogensüchtige Exprostituierte Frankie, die sich mit ihrem Schicksal nicht abfinden will. Zudem befindet sich Professor William Baker unter den Gefangenen, der Anteil an dem fehlgeschlagenen Experiment hat. Er soll die National Guard um Colonel Schow zu den Havenbrook National Laboratories führen, da sich der Colonel erhofft, dort effektive Waffen gegen die Zombies zu finden -..

Bewertung:

Umherwandelnde Zombies, die Menschen töten und fressen, eine kleine Gruppe Überlebender, die sich verzweifelt gegen diese Invasion wehrt - das ist gewiss nichts Neues im Horrorgenre. Ungewöhnlich ist aber, dass die Zombies in Brian Keenes "Auferstehung" nicht nur wandelnde Körper sind, die allenfalls animalische Laute von sich geben und nur über minimale Intelligenz verfügen. Stattdessen können diese Zombies denken und sprechen und sich auch sehr geschickt bewegen. Sie töten nicht bloß mit Händen und Zähnen, sondern sie können problemlos auch Schusswaffen benutzen oder Fahrzeuge bedienen. Den Lebenden Unterlegen sind sie im Grunde nur durch ihre teils zerstörten Körper. Die Zombies achten zwar darauf, ihre Opfer beim Töten nicht so zuzurichten, dass sie anschließend nicht mehr laufen können; trotzdem sind die Zombies natürlich manchmal in ihrer Motorik durch Verletzungen eingeschränkt. Als wäre das nicht schon genug, ist auch die Tierwelt von diesem Phänomen betroffen, sodass getötete und wiederauferstandene Tiere nicht nur ungenießbar, sondern auch höchst gefährlich sind.

Es ist daher gut nachvollziehen, dass es extrem schwer ist, in dieser postapokalyptischen Welt zu überleben. Die Untoten lauern quasi an jeder Ecke und gehen planvoll vor, lassen sich nicht so einfach austricksen wie ihre deutlich primitiveren Kollegen aus anderen Büchern oder Filmen. Ein Biss führt zwar nicht zur Zombifizierung, wie sonst in derartigen Medien meist üblich, sprich, solange man nicht durch Blutverlust oder eine Infektion stirbt, wird man durch Zombie-Verletzungen nicht zwangsläufig selbst zu einem. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit, ohne ärztliche Versorgung durch einen Zombie-Angriff zu sterben, natürlich hoch, nicht zuletzt, weil die verwesenden Zombies unzählige Bakterien verbreiten.

Die Handlung teilt sich in verschiedene Stränge auf, die in der zweiten Hälfte nach und nach zusammenlaufen. Zunächst verfolgt man jeweils separat, was Jim und Thomas Martin, Frankie und Baker erleben. Jim ist anfangs dem Selbstmord nah, erlebt er doch mit, wie seine schwangere Frau stirbt und sich, ebenso wie der Fötus in ihr, in einen Zombie verwandelt. Erst der Anruf seines Sohnes Danny gibt seinem Leben wieder Sinn: Jims Exfrau, Dannys Mutter, ist offenbar ebenso wie ihr Partner umgekommen, und Danny verschanzt sich auf dem Dachboden. Jim ist überzeugt davon, dass sein Sohn es irgendwie schaffen wird zu überleben, bis er bei ihm eintrifft und ihn rettet, egal wie unwahrscheinlich das für Außenstehende klingt. Der weise Pfarrer Martin unterstützt ihn in seinem Vorhaben und wird ihm bald ein guter Freund. Die toughe Frankie entkommt aus einem Zoo in Baltimore, wo sich die wilden Tiere gleichfalls in Zombies verwandelt haben. Durch ihre harte Vergangenheit als Prostituierte und Heroinsüchtige gelingt es ihr, sich mit ihrer Gefangenschaft bei den Soldaten zu arrangieren und einen kühlen Kopf zu bewahren. Nach außen hin kooperativ hofft sie, im Verlauf ihrer Gefangenschaft eine Chance zur Flucht zu bekommen.

Ein weiterer Strang gebührt William Baker, der den Colonel und dessen Truppe zu den Havenbrook National Laboratories führt, wohl wissend, dass er gar nicht über die Kenntnisse verfügt, die der Colonel von ihm erwartet. Baker hat sich zudem eines elternlosen, etwa neunjährigen Jungen angenommen, der sich "Wurm" nennt. Wurm ist taub, spricht daher nur schwer verständlich und versteht sein Gegenüber wiederum nur, wenn er die Worte von den Lippen ablesen kann. Es ist rührend, zu lesen, wie sich Baker um den Jungen kümmert, der ihm wiederum volles Vertrauen schenkt und sich bei ihm sichtlich geborgen fühlt.

Spannung bezieht der Roman aus den Fragen, wer von den Protagonisten überleben wird, ob Jim nach New Jeryes gelangt und seinen Sohn womöglich lebend findet und was der Colonel und die anderen in den Havenbrook National Laboratories vorfinden - dort, wo alles seinen Anfang nahm. Wie bei Brian Keenes grundsätzlich recht schonungslosem Stil zu erwarten, sind die Schilderungen der Grausamkeiten hart und direkt, egal ob es sich um Zombie-Angriffe, Vergewaltigungen oder Kannibalismus handelt. Ein Großteil der Überlebenden ist verroht und hat jede Moral verloren. Alle vier Hauptfiguren - Jim, Pfarrer Martin, Frankie und Baker - sind sympathisch, und man wünscht jedem von ihnen, dass er diese Hölle überlebt.

Diese neue Art von Zombies, die denkt und spricht und planvoll handelt, ist allerdings gewöhnungsbedürftig. Wenn man bedenkt, dass sogar Tiere betroffen sind und beispielsweise jeder Vogel eine tödliche Gefahr darstellen kann, ist es schon schwer vorstellbar, dass überhaupt jemand längere Zeit überleben kann, die Gefahrensituation ist insgesamt ein bisschen übertrieben hoch. Zudem wirken die höhnischen Kommentare der Zombies teilweise schon etwas unfreiwillig komisch. Und auch wenn man grundsätzlich mit Jim Thurmond fühlt, hat Stephen King in "Puls" die verzweifelte Suche eines Vaters nach seinem Sohn inmitten einer Zombie-Apokalypse zweifellos noch packender und bewegender umgesetzt. Bei den Charakteren stört vor allem, dass eine recht ausgeprägte Schwarz-Weiß-Malerei vorherrscht: Es gibt einmal die Guten, wie Jim Thurmond und Pfarrer Martin, und es gibt abgrundtief verrohte Menschen wie die Kannibalen oder den Colonel und zahlreiche seiner Soldaten, aber nur wenig dazwischen. Der Roman ist für Horror-Fans unterhaltsam, aber erhebt sich nicht wirklich über den Durchschnitt hinaus. Schlechte Karten haben überdies die Leser, die auf die Fortsetzung "Stadt der Toten" verzichten wollen, denn "Auferstehung" endet mit einem Cliffhanger, und wichtige Punkte werden erst im Folgeband aufgeklärt.

Fazit:

"Auferstehung" von Brian Keene ist ein solider Zombie-Roman mit viel Splatter, in dem die Zombies ungewöhnlicherweise genauso intelligent und geschickt sind wie die Lebenden. Wer gerne postapokalyptische Romane liest und nicht zart besaitet ist, findet hier ordentliche Unterhaltung, allerdings gibt es einige Werke mit facettenreicheren Charakteren und einer noch fesselnderen Atmosphäre.

13. April 2016

The Walking Dead - Gute alte Zeit (Band 1)

Produktinfos:

Ausgabe: 2013 (Erstausgabe 2003)
Seiten: 144
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Der Autor:

Robert Kirkman, Jahrgang 1978, veröffentlichte zu Halloween 2003 das erste Heft der Reihe "The Walking Dead". Mittlerweile erschienen mehr als 150 Hefte, seit 2010 läuft die sehr erfolgreiche TV-Serie dazu. Weitere Comicreihen, an denen Kirkman als Autor beteiligt war, sind z. B. Battle Pope, Dieb der Diebe, Tech Jacket und Ultimate X-Men.

Inhalt:

Der Kleinstadt-Polizist Rick Grimes wird im Dienst angeschossen und schwer verletzt. Wochen später erwacht er im Krankenhaus aus seinem Koma. Zu seiner Verwunderung scheint das Krankenhaus verlassen zu sein. Beim Umherstreifen stößt er auf verwesende Untote, die ihn angreifen und denen er gerade noch entkommen kann. Draußen begreift er, dass er sich in einer postapokalyptischen Welt befindet, in der Zombies Jagd auf die Lebenden machen.

Seine ganze Sorge gilt seiner Frau Lori und dem gemeinsamen siebenjährigen Sohn Carl, doch er findet sein Zuhause verlassen vor. Die einzigen anderen Lebenden, die er zunächst trifft, sind ein Mann namens Morgan und dessen Sohn, die Zuflucht in Ricks Nachbarhaus gesucht haben.

Rick hofft, dass Lori und Carl zu Verwandten nach Atlanta geflüchtet sind und macht sich auf den Weg dorthin. Doch auch Atlanta ist bevölkert von den Untoten. Wen immer sie töten, verwandelt sich in einen von ihnen. Kurz bevor auch Rick gebissen wird, rettet ihn der junge Glenn. Er nimmt ihn mit zu einem Camp außerhalb von Atlanta, in dem sich einige Überlebende zusammengefunden haben ...

Bewertung:

Die TV-Serie "The Walking Dead" begeistert mittlerweile seit sechs Staffeln, ein Ende ist bislang noch nicht abzusehen. Das ist auch gut so, denn die Comicvorlage von Robert Kirkman bietet noch genug Stoff für einige weitere Staffeln - auch wenn sich Comicreihe und TV-Serie inhaltlich teils erheblich unterscheiden.

Dieser Band umfasst die ersten sechs Einzelhefte. Die Handlung ähnelt hier noch stark den Ereignissen der ersten TV-Staffel. Auch hier in der Vorlage steht gleich zu Beginn der Polizist Rick Grimes im Vordergrund, der aus dem Koma erwacht und verzweifelt nach seiner Frau und seinem Sohn sucht. Rick hatte vor der Apokalypse ein solides, eher unauffälliges Leben. Seine Hingabe für seine Familie macht ihn gleich sympathisch. Gemeinsam mit Rick lernt der Leser die neue Welt kennen. Man besitzt keinen Wissensvorsprung, sondern ist genauso ahnungslos wie er, was die Geschehnisse der letzten Wochen und was den Verbleib seiner Familie angeht. Nach Rick begegnet man Morgan und dessen Sohn, der sich in Ricks Nachbarhaus geflüchtet hat, allerdings trennen sich die Wege bald schon wieder. So ist Glenn die nächste dauerhafte Figur, die man nach Rick kennenlernt. Der asiatischstämmige ehemalige Pizzafahrer ist bekannt dafür, dass er sich immer wieder in waghalsigen Manövern in die Stadt wagt, um die Vorräte für das Camp aufzustocken. Man erfährt zwar nicht viel über ihn, aber allein, dass er für Seife und Süßigkeiten für die Campbewohner täglich sein Leben aufs Spiel setzt, macht ihn liebenswert. Bei den restlichen Camp-Bewohnern gibt es vor allem einen eklatanten Unterschied zur TV-Serie: Carol, die Mutter der kleinen Sophia, ist hier eine gänzlich andere Figur, nämlich eine junge Frau Mitte zwanzig, die ihre Tochter bereits als Teenager bekommen hat und deren Ehemann in der Apokalypse verstarb. In der TV-Serie ist Carols Ehemann noch dabei, misshandelt sie, und Carol ist generell ein älterer und anderer Charakter. Weiterhin sei gesagt, dass der in der TV-Serie sehr populäre Charakter Daryl Dixon in der Comicreihe nicht existiert.

Spannung und Atmosphäre werden in diesem ersten Band großgeschrieben. Die "Walker" sind zwar nicht schnell und vor allem absolut nicht intelligent, tauchen aber gerne in großen Gruppen auf. Zudem kann man sie nur töten, indem man ihr Gehirn zerstört, und selbst ein abgeschlagener Kopf wird noch weiter schnappen nach allem, was in seine Reichweite gelangt. Neben dem Abwehren der Untoten geht es vor allem darum, sich Vorräte an Waffen bzw. Munition und Nahrung zu beschaffen. Die Männer gehen zwar regelmäßig im Wald auf die Jagd, doch die Munition ist kostbar und darf nicht vergeudet werden. Zudem hält gegen Ende auch der Winter Einzug, und es muss Feuerholz gesammelt werden.

Bereits in diesem ersten Band werden auch die Konflikte der Überlebenden thematisiert. Im Camp leben notgedrungen die unterschiedlichsten Charaktere zusammen, und es herrscht bei allem Zusammenhalt nicht immer Einigkeit. Besonders im Fokus steht das Verhältnis zwischen Rick und seinem Freund und Kollegen Shane, der er dort überraschend wiedertrifft. Während sich der ahnungslose Rick über das Wiedersehen freut, ist Shane aus bestimmten Gründen nicht ganz so glücklich. Des Weiteren gibt es auch viele emotionale Szenen. Jeder aus dem Camp hat Grausames erlebt, besonders ergreifend ist Jims Geschichte, dessen gesamte Familie vor seinen Augen getötet und gefressen wurde.

Der erste Band endet mit einer spektakulären Szene, die einen tollen Cliffhanger bildet. Man ist begierig darauf, so schnell wie möglich den zweiten Band zu lesen. Bemängeln lässt sich im Grunde nur, dass die Charaktere, abgesehen von Rick, noch nicht sehr ausgereift sind und man noch eine recht grobe Vorstellung von den meisten Figuren hat. Die düsteren Zeichnungen von Tony Moore fangen die Stimmung exzellent ein. Es gibt einige grausige Detailszenen, gerade die Zombies sind von Nahem wahrlich kein schöner Anblick. Freilich gibt es in den späteren Bänden noch explizitere Grausamkeiten, doch der erste Band liefert bereits einen guten Vorgeschmack auf den harten und kompromisslosen Ton, der hier angeschlagen wird. Ferner sei noch erwähnt, dass Miterfinder und Zeichner Tony Moore nur an diesem ersten Band, sprich: den ersten sechs Heften, beteiligt war und später nur noch die Cover zeichnete. Leider trennten sich die Wege der ehemaligen Kindheitsfreunde Robert Kirkman und Tony Moore recht unerfreulich, da Uneinigkeiten über Verträge und Finanzen vorherrschten.

Fazit:

Guter Auftakt der populären Comicreihe, der die ersten sechs Hefte in einem Band vereint. Die Geschichte um Rick Grimes ist von Beginn an spannend und macht neugierig auf den weiteren Verlauf. Die düsteren Schwarz-Weiß-Zeichnungen passen perfekt zum dramatischen Handlungsgeschehen.

9. März 2016

Das Haus - Richard Laymon

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei Heyne Hardcore
Seiten: 272
Buchhandel.de
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Der Autor:

Richard Laymon, 1947-2011, wurde in Chicago geboren und ist einer der meistverkauften Horrorautoren der USA. Er studierte englische Literatur und arbeitete unter anderem als Lehrer und Bibliothekar, ehe er sich dem Schreiben widmete. Er verfasste mehr als dreißig Romane, die überwiegend erst nach seinem Tod in Deutschland erschienen. Weitere Werke sind u. a. "Rache", "Die Insel", Das Spiel", "Die Show" und "Die Familie".

Inhalt:


Fünfzehn Jahre ist es her, dass im Sherwood-Haus in der Kleinstadt Ashburg eine Familie ermordet wurde. Der Täter wurde nie gefasst, und das Haus steht seither leer. Dieses Jahr richtet ein Unbekannter eine Halloween-Party dort aus. An der High School werden anonyme Einladungen an Schüler und Lehrer verteilt; viele sind neugierig, was sich dahinter verbirgt.

Auch der Teenager Eric plant, das Sherwood-Haus zu besuchen. Eric ist ein schüchterner Außenseiter, der oft von anderen Jungs Prügel kassiert. Auch zuhause ist Eric derzeit nicht glücklich: Seine Mutter Cynthia datet den Cop Sam und möchte gern, dass Sam und Eric sich näher kennenlernen - doch Eric ist nicht bereit, einen Ersatzvater zu akzeptieren und gibt sich stur.

Sam wiederum muss den Mord an seinem Kollegen Dexter aufklären, der zerstückelt in seinem Haus gefunden wurde. Er verdächtigt Dexters Exfrau, doch die Spur führt schließlich ins Sherwood-Haus. Kurz vor seinem Tod soll Dexter das verlassene Haus betreten haben ...

Bewertung:

Natürlich kommen bei einem Mordhaus, das viele Jahre später an "Allhallow's Eve" erneut zum Schauplötz von Morden wird, unweigerlich Assoziationen zum Horror-Kultfilm "Halloween", aber bei diesen grundsätzlichen Parallelen bleibt es dann auch. Richard Lamyons Werke stehen für harten, kompromisslosen Horror, gerne garniert mit expliziten Sexszenen. Horror in Form von blutigen Morden gibt es hier reichlich, in Sachen Sexszenen hält sich Laymon vergleichsweise zurück, sieht man von einigen Phantasien pubertierender Schüler ab.

"Das Haus" ist in erster Linie ein geradliniger, recht unterhaltsamer Horror-Roman, der an einigen Punkten sein Potenzial nicht nutzt und somit im Durchschnittsbereich hängen bleibt. Über weite Strecken ist das Werk spannend, da zunächst unklar ist, wer die Halloween-Party ausrichtet, was dort genau passieren soll und wer von den Charakteren schließlich alles sein Leben lassen muss. Der Leser besitzt einen gehörigen Wissensvorsprung gegenüber den Figuren, hat er doch auf den ersten Seiten den Mord an Dexter im Sherwood-Haus miterlebt und weiß somit, dass ein Mörder dort sein Unwesen treibt. Freilich wirkt das Sherwood-Haus auf die Einwohner unheimlich aufgrund seiner Geschichte, und nicht allen ist wohl bei dem Gedanken, dort eine Halloween-Party zu besuchen. Trotzdem ahnt niemand außer dem Mörder, was sich dort abspielen wird, niemand ahnt etwas von den Morde, die sich in den Tagen vor der Party dort bereits ereignet haben. Für den Leser wächst entsprechend die Vorfreude auf die Party, die die Gäste wie ahnungslose Lämmer auf dem Weg zur Schlachtbank besuchen werden.

Wirklich tiefgründig sind Laymons Werke kaum, dennoch kommt mit Erics Problemen phasenweise eine gewisse Ernsthaftigkeit auf. Der Teenager leidet darunter, seinen Vater nie kennen gelernt zu haben, nicht wissend, dass er durch eine Vergewaltigung entstand. Er hofft auf ein Treffen mit seinem unbekannten Vater und lehnt Sam entsprechend als Ersatzvater ab. Eric ist keine reine Sympathiefigur, doch es kommt Verständnis für seine Gefühle auf. Nachvollziehbar sind größtenteils auch Sams Gedanken. Er ist glücklich mit Cynthia, unterschätzt allerdings zunächst die sich anbahnenden Schwierigkeiten mit dem widerwilligen Eric. Erst allmählich dämmert Sam, auf was für eine komplizierte Situation er sich mit der alleinerziehenden Cynthia eingelassen hat, und daneben bestimmt auch noch die Suche nach Dexters Mörder sein derzeitiges Leben. Es stört zwar ein wenig, wie schnell Sam parallel Interesse für die hübsche Melody entwickelt, die er im Zuge der Ermittlungen trifft, ansonsten ist er aber einer der Charaktere, um die man durchaus bangt.

Langeweile kommt während der flotten Lektüre nicht auf, doch das Werk kann trotzdem nicht allen Erwartungen standhalten. Störend ist das sehr abrupte Ende, überhaupt ist das Finale im Sherwood-Haus zwar blutig, hätte aber noch atmosphärischer inszeniert werden können. Die Dekorierung, die auf Edgar Allan Poes "Hopp-Frosch" anspielt, ist eine nette Idee, ansonsten aber ist die Party eher lieblos und wird zu schnell abgehandelt; da waren die zuvor geschilderten Morde im Haus deutlich interessanter. Auf der letzten Seite werden zudem einige wichtige Ereignisse in einer äußerst knappen Zusammenfassung wiedergegeben, was den lieblosen Charakter des Endes unterstreicht. Sogar einen nicht unwichtigen Mord erfährt man erst an dieser Stelle, was hauptsächlich Verärgerung auslöst statt Überraschung oder Betroffenheit. Weniger gewichtig, aber nicht irrelevant ist zudem die Frage, wie glaubwürdig es ist, dass so bereitwillig eine anonyme Party in einem verlassenen Haus besucht wird. Schade ist zudem, dass das Verhältnis zwischen der netten, unscheinbaren Beth und Eric nicht weiter beleuchtet wird; zwischen den beiden keimt eine Art Freundschaft auf, als sie ihn als Date für die Party auswählt, dieser Aspekt wird dann aber doch eher oberflächlich behandelt.

Fazit:

Wer einen blutigen und kurzweiligen Horror-Roman sucht und nicht viel Tiefgang erwartet, darf ruhig zugreifen. Allerdings gibt es auch bessere Werke von Richard Laymon, und das Ende ist auch bei gemäßigten Erwartungen etwas zu lieblos erzählt.

3. März 2016

Rain - Das tödliche Element - Virginia Bergin

Produktinfos:

Ausgabe: 2015
Seiten: 416
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Buchhandel.de
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Die Autorin:

Virginia Bergin (England) studierte Psychologie, ehe sie das Schreiben für sich entdeckte. "Rain" ist ihr erster Roman.

Inhalt:


Die fünfzehnjährige Ruby aus dem ländlichen Dartbridge führt ein typisches Teenagerleben, bis eine weltweite Katastrophe ausbricht und schlagartig alles verändert. Ein für Menschen tödliches Virus ist in die Atmosphäre gelangt und verseucht den Regen. Wer mit Regenwasser in Berührung kommt, beginnt kurz darauf zu bluten und stirbt binnen weniger Stunden unter großen Schmerzen. Es gibt kein Gegenmittel.

Ruby ist gerade auf einer Party bei Freunden, als die Nachricht eintrifft. Die Mutter ihres Schulfreundes fährt sie nach Hause, zu ihrer Mutter, Stiefvater Simon und ihrem kleinen Bruder Henry. Während im Fernsehen immer nur die Anweisung wiederholt wird, die Häuser nicht zu verlassen, bricht auf den Straßen Chaos aus, und das Internet funktioniert nicht mehr.

In den nächsten Tagen muss Ruby erleben, dass sich erst ihre Mutter und ihr kleiner Bruder und später ihr Stiefvater infizieren und sterben. Allein auf sich gestellt, hat sie nur noch ein Ziel: Sie will nach London zu ihrem Vater und ihrem Halbbruder gelangen. In einer Welt, die jegliche Struktur verloren zu haben scheint, kämpft sich Ruby nach London durch ...

Bewertung:

Endzeitszenarien sind beliebte Sujets für Bücher und Filme, gerne resultierend aus einer Zombie-Invasion. Das Szenario, in dem die Strukturen der Zivilisation zusammenbrechen und das Gesetz des Stärkeren zählt, ist also beileibe keine neuer Aspekt in Virginia Bergins Jugendthriller; doch hier sind es keine Zombies, sondern ein tödlicher Regenvirus, der dies alles auslöst.

Die fünfzehnjährige Ruby steht deutlich im Mittelpunkt, zumal sie auch als Ich-Erzählerin fungiert und den Leser regelmäßig anspricht. Sie erzählt rückblickend das Geschehen, ohne dass dem Leser von vornherein klar wäre, aus welcher aktuellen Situation heraus sie dies tut. Außer, dass sie offenbar überlebt hat, ist also zunächst alles offen - wer von ihrer Familie und ihren Freunden überlebt hat, ob sie ihren Vater und ihren Halbbruder gefunden hat, ob ein Heilmittel gegen den Regen gefunden wurde und wie sich die Zivilisation entwickelt hat.

Schnell begreifen sowohl Ruby als auch der Leser, wie fatal die neue Lage der Welt ist: Bereits wenige Regentropfen reichen offenbar aus, um das tödlichen Virus zu übertragen. Mehr noch, auch durch Berührungen infizierter oder toter Menschen kann die Krankheit ausgelöst werden, und natürlich darf kein Leitungswasser mehr genutzt werden. Auch nach einem Regenschauer ist die Gefahr noch nicht gebannt, schließlich lauert in jeder Pfütze der Tod, und Obst und Gemüse, die dem Regen ausgesetzt waren, sollten vorsichtshalber auch gemieden werden. Bis auf die ersten Warnungen in TV und Radio existiert kein Informationssystem, zumindest in Rubys Gegend sind die Menschen auf sich allein gestellt und müssen selbst herausfinden, wie sie am besten überleben. Die Nahrungsmittelvorräte in den Häusern gehen schnell zur Neige, entsprechend werden Supermärkte geplündert und Beute wird teils mit Waffengewalt verteidigt.

Innerhalb weniger Stunden hat sich die Welt in einen trostlosen Ort verwandelt, und Ruby sieht innerhalb der ersten Tage bereits so viele Tote, dass sie das Zählen einstellt. Sehr bewegend ist die Szene, in der Ruby realisiert, dass ihre Mutter und ihr Bruder über Nacht gestorben sind. Mit ihrem Stiefvater Simon hatte sie bislang ein schlechtes Verhältnis, war er doch für sie in erster Linie ein Miesmacher und Besserwisser. Notgedrungen raufen sich die beiden zusammen und werden innerhalb weniger Tage zu einem erstaunlich guten Team, bis auch er ihr entrissen wird. Ruby hat nun keinen Vertrauten mehr in der Nähe, jeder Fremder könnte ein Feind sein, der für Vorräte zum Töten bereit ist.

"Rain" kann problemlos von Erwachsenen gelesen werden, richtet sich jedoch insbesondere an Jugendliche, die sich etwa in Rubys Alter befinden. Entsprechend erzählt Ruby überwiegend in einem etwas schnodderigen, ironischen Tonfall; beispielsweise sind ihr oft teenagertypische Dinge peinlich, sie denkt über ihr Aussehen nach, überhaupt möchte sie gerne, trotz der Situation, möglichst "cool" wirken. Das ist mitunter recht witzig, vor allem im Zusammenspiel mit einem späteren Verbündeten, bei dem es sich ausgerechnet um den schulbekannten Nerd Darius handelt. Unter gewöhnlichem Umständen würde Ruby den streberhaften Darius keines Blickes würdigen, nun müssen sich die beiden gemeinsam nach London durchschlagen, begleitet von einem etwa neunjährigen, vor Schock stummen Mädchen, das sich Darius angeschlossen hat. Es ist amüsant zu lesen, wie sich aus Rubys anfänglicher Abneigung beinah widerwillig eine Sympathie für Darius entwickelt. Zu Beginn ist Darius für Ruby einfach ein trotteliger Streber, der sich ausgerechnet in der Schule sein Lager eingerichtet hat. Doch die beiden ergänzen sich gut, und schließlich registriert Ruby verwirrt und beschämt, dass sie Darius sogar gar nicht mal unattraktiv findet; diese Annäherung sorgt für den nötigen auflockernden Humor inmitten der düsteren Ereignisse. Überhaupt ist Darius ein gelungener Charakter; er ist clever, vernünftig, liebenswert und man hofft, dass er nach dem Verlust seiner Familie einen Weg finden wird, in dieser Welt zurechtzukommen.

Allerdings wird mit Einsatz dieses witzig-locken Tonfalls und Rubys Teenagerproblemen übertrieben, was auf Dauer etwas nervt. Es ist nicht realistisch, wie sehr sie sich auch nach dem Tod ihrer Mutter, ihres kleinen Bruders und ihres Stiefvaters noch um ihr Aussehen sorgt, sodass sie sogar kostbares Wasser zum Haarefärben benutzt. Auch dass sie noch auf dem Weg zu ihrem Dad eine Shoppingtour nicht lassen kann, ist angesichts der Lage eher lächerlich. Das gilt auch für ihren späten Entschluss, sich mit Darius zusammenzutun - es ist kaum glaubhaft, dass sie lieber allein ist, als sich mit einem in ihren Augen uncoolen Nerd abzugeben. Ruby soll zwar bewusst einen durchschnittlichen Teenager darstellen, mit allen Ecken und Kanten, aber durch diese Anwandlungen wird sie phasenweise unsympathisch und unglaubwürdig. Der Schluss wirkt überdies zunächst ein bisschen frustrierend - aber nur solange, bis man sich vor Augen hält, dass 2016 die Fortsetzung erscheint, Rubys Geschichte also noch nicht auserzählt ist.

Fazit:


Ein grundsätzlich gelungener, sehr spannender erster Band einer für Jugendliche konzipierte Horrorthriller-SF-Reihe, der gut unterhält und sowohl witzig als auch bewegend ist. Störend fällt allerdings auf, dass die Protagonistin sich angesichts der Lage zu oft mit Oberflächlichkeiten beschäftigt und sich bisweilen zu unrealistisch verhält.

11. Februar 2016

Winter People - Jennifer McMahon

Produktinfos:

Ausgabe: 2014
Seiten: 400
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Die Autorin:

Jennifer McMahon, geboren 1968 in Connecticut, schrieb schon als Kind Kurzgeschichten und machte ihre Leidenschaft schließlich zum Beruf. Weitere Werke sind u. a. "Das Mädchen im Wald", "Die Insel der verlorenenen Kinder" und "Das 5. Opfer".

Inhalt:


Westhall, Vermont 1908: Sara Harrison Shea lebt zusammen mit ihrem Mann Martin und der kleinen Tochter Gertie auf einer Farm in einer kargen Gegend. Aus ihrer Kindheit kennt Sara die Legenden, die sich um den Ort und besonders um den düsteren Wald ranken: Mit Hilfe eines Rituals soll es möglich sein, Tote für eine Woche in die Welt der Lebenden zurückzuholen. Als Saras über alles geliebte Tochter Gertie stirbt, führt die vor Kummer fast wahnsinnige Sara das Ritual aus - mit fatalen Folgen.

Westhall in der Gegenwart: Die neunzehnjährige Ruthie und ihre sechsjährige Schwester Fawn leben seit dem Tod des Vaters allein mit ihrer Mutter Alice auf der Farm. Am Morgen nach Neujahr ist Alice plötzlich spurlos verschwunden. Ruthie macht sich Sorgen und sucht im Haus nach irgendwelchen Hinweisen, wo ihre Mutter hingegangen sein könnte.

Dabei stößt sie in einem Versteck auf das Tagebuch der Sara Harrison Shea, auf einen Revolver und auf zwei Portemonnaies samt Ausweisen eines ihr unbekannten Ehepaares. Allmählich kristallisiert sich heraus, dass Alice' Verschwinden irgendwie mit Saras unheimlicher Geschichte zusammenhängen muss. Die beiden Schwestern begeben sich auf eine gefährliche Suche ...

Bewertung:

Es bleibt nicht aus, dass einem bei der Lektüre von "Winter People" alsbald Stephen Kings "Friedhof der Kuscheltiere" in den Sinn kommt, auch gewisse Assoziationen zum Horrorfilm/-buch "The Ring" tun sich auf. Verbindende Elemente sind die wiederkehrenden Toten, die mit Hilfe eines Rituals zum Leben erweckt werden, die Trauer und Verzweiflung Hinterbliebener, die sich auf diese wahnsinnige Tat einlassen, und das Schicksal eines Kindes, das auch nach seinem Tod weiterhin Unglück verbreitet. Davon abgesehen ist Jennifer McMahons Roman bei Weitem kein Aufguss dieser anderen Medien, sondern funktioniert wunderbar als eigenständiger Horrorthriller.

Die Handlung teil sich in drei Stränge auf, die nach und nach immer enger zusammengeführt werden. Der Strang im Jahr 1908 dreht sich um das Schicksal von Sara, deren Tagebuchaufzeichnungen das Geheimnis um die "Schlafenden", die zum Leben erweckt werden, in die Gegenwart transportiert. In der Gegenwart stehen vor allem die Schwestern Ruthie und Fawn im Mittelpunkt, die zusammen mit ihrer verschwundene Mutter die jetzigen Bewohner der Farm sind und das Tagebuch finden. Der dritte Strang handelt von der jungen Katherine, deren Mann Gary vor zwei Monaten tödlich verunglückte. Katherine drängt es, zu erfahren, was ihn kurz vor seinem Tod nach Westhall führte und stellt Nachforschungen an. Sie findet heraus, dass sich Gary mit einer ihr unbekannten Frau in einem Restaurant traf, bei der es sich um Alice handelt. Und sie findet in Garys Sachen die Taschenbuchausgabe von Saras Tagebuch, das deren Nichte seinerzeit veröffentlichte. Auf ihrer Suche nach Alice, von der sie sich Antworten zu Garys letzten Stunden erhofft, trifft Katherine schließlich auf Ruthie und Fawn, sodass sich der Kreis zwischen Sara (bzw ihrem Tagebuch), Ruthie/Fawn und Katherine schließt.

Sowohl die Vergangenheits- als auch die Gegenwartshandlungen sind hochspannend und berührend. Letzteres gilt vor allem für den Strang um Sara. Bereits vor Gertie hat sie schwere Schicksalsschläge erfahren: Zunächst erlebte sie mehrere Fehlgeburten, ehe der kleine Charlie geboren wurde und nach zwei Monaten verstarb. Kein Wunder also, dass Gertie von Sara Liebe überschüttet wird und dass ihr Verlust Sara nahezu um den Verstand bringt. Auch Gerties Vater Martin leidet natürlich sehr unter Gerties Tod, doch ihm gelingt es schweren Herzens, seine Arbeit wieder aufzunehmen, statt wie Sara in Verzweiflung abzugleiten. Saras Gefühle bewegen den Leser und versetzen ihn gleichzeitig in Gruselstimmung angesichts der Vorstellung, dass die kleine Gertie zurückkehren soll.

In der Gegenwartshandlung fungiert Ruthie als Identifikationsfigur. Ihre Angst um die Mutter und die Suche werden fesselnd erzählt; mit Spannung verfolgt man, wie Ruthie und Fawn nach und nach immer mehr über Sara und die Ereignisse vor hundert Jahren erfahren. Daneben muss Ruthie die Verantwortung für ihre Schwester tragen, muss ihr Zuversicht vermitteln. Ihre Sorgen, Ängste und Bemühungen um Klarheit wirken authentisch, sodass man sich Ruthie eng verbunden fühlt.

Neben den gelungenen Darstellungen vor allem von Sara und Ruthie überzeugt das Werk in Sachen Spannung und Atmosphäre. Saras und Martins beschwerliches Leben in der kargen Gegend wird anschaulich präsentiert, man erhält ein detailreiches Bild von der Farm und ihrer Umgebung. Das Wissen um die "Schlafenden", die aus dem Wald in die Welt der Lebenden geholt werden können, verleiht der Handlung von Beginn an unheimliches Flair. Viele Szenen sorgen für Gänsehautstimmung, plakative Szenen bleiben jedoch aus - die Beschreibungen sind nicht mit Zombieromanen zu vergleichen, die den Fokus auf Horror legen, hier wird stattdessen in erster Linie mit Andeutungen gearbeitet, dies aber durchaus wirkungsvoll.

Zu kritisieren gibt es gibt es kaum etwas in diesem sehr überzeugenden Roman. Anfangs ist es noch ein wenig schwer verständlich, warum Ruthie nicht die Polizei informiert. Später allerdings wird dies verständlich: Ruthie fürchtet, dass die kleine Fawn angesichts der Umstände in eine Pflegefamilie kommen würde, bis ihre Mutter gefunden wird; zudem fürchtet Ruthie nach dem Fund des Revolvers und der Portemonnaies des fremden Ehepaares, das die Ermittler davon erfahren und Alice eines Verbrechens an ihnen verdächtigen könnten. Diese Begründungen hätte man ruhig noch früher klar herausstellen können, aber letztlich kann man Ruthies Nichteinschalten der Polizei nachvollziehen. Des Weiteren kann man kritisieren, dass ein Zusammentreffen von Figuren ein bisschen konstruiert wirkt, da es rein zufällig genau zum passenden Zeitpunkt eintrifft.

Fazit:

Ein sehr spannender, eindringlicher und bewegender Mysterythriller, bei dem die Horrorelemente allerdings trotz des Themas "wiederkehrende Tote" subtil ausfallen, sodass man also keinen klassischen Zombieroman erwarten darf.

20. Juni 2015

Totes Meer - Brian Keene

Produktinfos:

Ausgabe: 2010
Seiten: 383
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Der Autor:

Brian Keene (USA, Jahrgang 1967), erhielt gleich für seinen Debütroman "Auferstehung" im Jahr 2001 den Bram Stoker Award, der alljährlich für außergewöhnliche Horrorliteratur verliehen wird. Weitere Werke sind u. a. Stadt der Toten und Kill Whitey.

Inhalt:


Lamar Reed führt in Baltimore ein durchschnittliches und teils unglückliches Leben. Als homosexueller Schwarzer hat er gleich doppelt mit Vorurteilen zu kämpfen, er kommt aus armen Verhältnissen und hat vor Kurzem seinen Job verloren. Das alles spielt jedoch keine Rolle mehr, als eine Seuche über der Stadt und nach und nach über der ganze Welt ausbricht:

Infizierte Ratten greifen die Menschen an und verwandeln sich nach ihrem Tod in Zombiewesen. Wer von ihnen gebissen wird oder infizierte Körperflüssigkeit in Schleimhäute oder Wunden bekommt, stirbt kurze Zeit später und kehrt ebenfalls als Untoter zurück. Die Zombies scheinen ohne jeden Verstand, nur darauf gepolt, die Lebenden zu fressen. Ausschalten kann man sie nur, indem man ihr Gehirn zerstört.

In Baltimore wird das Kriegsrecht ausgerufen. Immer mehr Menschen fallen der Seuche zum Opfer, die Überlebenden verbarrikadieren sich oder nehmen einen verzweifelten Kampf auf. Lamar begegnet auf seiner Flucht den beiden Waisenkindern Tasha und Malik, die er rettet. Gemeinsam mit dem lässigen Waffenspezialisten Mitch flüchten sie sich zum Hafen. Zusammen mit rund zwanzig anderen Überlebenden fahren sie auf einem ehemaligen Schiff der US-Küstenwache aufs Meer hinaus. Sie hoffen, auf See vor Zombies sicher zu sein und vielleicht Zuflucht auf einer Insel zu finden ...

Zombies ahoi

"Ich erschoss die Schlampe erst, als sie anfing, Alans Gesicht zu fressen." Schon der erste Satz macht dem Leser deutlich, was er bei Brian Keenes Roman erwarten kann: Horden von Zombies, blutiges Gemetzel und eine Menge Verzweiflung. "Totes Meer" ist in den allermeisten Belangen ein klassisches Zombie-Machwerk mit den üblichen Zutaten des Genres. Die Zombies reagieren fast gänzlich ohne Verstand, die Epidemie breitet sich unaufhörlich weiter aus, Überlebende schließen sich zu einer Gruppe zusammen und müssen neben den Untoten auch noch die innergruppären Konflikte in Schach halten.

Hauptfigur und Ich-Erzähler ist der junge Lamar Reed, der als homosexueller Afro-Amerikaner gleich doppelt unter Vorurteilen leidet. Lamar wächst in ärmlichen Verhältnissen im Ghetto auf und versucht alles, um sein Leben trotz dieser Bedingungen im Griff zu behalten - abgeschlossene High School, ein solider Job, respektvolles Verhalten gegenüber Frauen, keine Drogen. Trotzdem schlägt ihm immer wieder zweifacher Ablehnung entgegen - der unterschwellige Rassismus der Weißen und das Unverständnis jener Schwarzen, die ihn als Verräter betrachten, weil er sich von allen Klischees fern hält. Rap und Hip Hop interessieren ihn ebensowenig wie die Parolen eines Jesse Jackson; genervt findet er sich damit ab, dass er auf Partys von wohlmeinenden Bekannten auf Klischeethemen wie Basketball oder Wiedergutmachung für ehemalige Sklaven angesprochen wird. Lamar erscheint dem Leser als sympathische Figur; er ist ein Durchschnittstyp, ohne langweilig zu sein. Seine Probleme machen ihm zum sensiblen Charakter, mit dem es sich leicht mitfühlen lässt, ohne dass er dabei je weinerlich oder selbstmitleidig wirkt.

Spannung ist im Roman durchweg gegeben. Lamar und seine Begleiter müssen nahezu nonstop mit Angriffen rechnen und sich immer wieder aus brenzligen Situationen befreien. Im Laufe der Handlung sterben einige Charaktere, darunter durchaus auch Figuren, die man ins Herz geschlossen hat und die zu Lamars Freunden zählten. Somit ist "Totes Meer" ein sehr düsteres Werk, das wenig Gnade kennt und sowohl durch eine gewisse Unberechenbarkeit überzeugt als auch durchaus auch emotionale Momente beschert. Neben Lamar weckt vor allem der Waffennarr Mitch das Interesse des Lesers; nach außen hin erscheint er lässig und souverän; später allerdings offenbart er ein bewegendes Schicksal. Er und Lamar sind in vielerlei Hinsicht grundverschiedene Charaktere, die sich dennoch zu engen Vertrauen entwickeln; vor allem diese Freundschaft und Lamars Sorge um die beiden Kinder sind es, die innerhalb dieses Grauens für Augenblicke der Hoffnung entstehen lassen.

Neben dem Kampf gegen die Zombies reizen vor allem die Schwierigkeiten der Charaktere untereinander. Die rund zwanzig Überlebenden auf dem Schiff hätten sich vor der Katastrophe kaum je zusammengefunden, sodass rasch Konflikte entstehen. Da ist beispielsweise der Cop Officer Steven Runkle, der kaum etwas über sich preisgibt und in seiner kühlen Verschlossenheit zwar souverän, aber auch etwas angsteinflößend wirkt. Noch unwohler fühlt sich Lamar in Gegenwart von Cleveland Hooper, dem einzigen anderen schwarzen Erwachsenen in der Gruppe. Hooper versucht sich zu Beginn mit Lamar zu verbrüdern, ehe er ihn verächtlich als "Onkel Tom" abstempelt, der sich bei den Weißen anbiedere und mit Ekel auf dessen Homosexualität reagiert. Ihr Kapitän Chief Maxey bemüht sich zwar, die Lage an Bord so ausgeglichen wie möglich zu halten, doch natürlich sind Probleme unausweichlich - die Vorräte müssen streng rationiert werden, eine Frau aus der Gruppe ist Diabetikerin und benötigt dringend Medikamente; es herrscht Uneinigkeit über das nächste anzusteuernde Ziel.

Trotz vieler gelungener Aspekte enthält der Roman auch einige Schwachstellen. Am Ausbruch der Seuche nimmt der Leser kaum teil, stattdessen bekommt er die Ereignisse des vergangenen Monats auf den ersten Seiten in sehr komprimierter Form präsentiert, der Beginn wirkt daher recht gedrängt und ein wenig überhastet, da viele Informationen auf sehr kleinem Raum preisgegeben werden. Grundsätzlich sind die Geschwister Malik und Tasha zwei interessante Charaktere, vor allem aufgrund ihrer engen Bindung zu Lamar und dessen Entwicklung einer Art Vaterrolle. Allerdings wirkt Malik für seine acht Jahre viel zu reif und furchtlos und damit alles andere als realistisch. Obwohl er und seine Schwester ihre Mutter verloren haben und sich allein in ihrem Haus vor Horden von Zombies verschanzen, reagiert Malik selbstbewusst und patzig gegenüber Lamar. Auch später tritt Malik immer wieder eher wie ein Teenager auf statt kindlichere Verhaltensweisen an den Tag zu legen.

Überdies ist die Gestaltung der Charaktere ein bisschen zu simpel geraten. Die Rollen sind recht klar verteilt und es gibt in dieser Hinsicht wenig bis keine Überraschungen - den guten Charakteren fehlt es teilweise an Ecken und Kanten, die schlechten Charaktere sind als solche schnell auszumachen; insbesondere die negativen Figuren sind stereotyp gezeichnet und hätten eine etwas ausgefeiltere Darstellung verdient.

Zudem wird in der zweiten Hälfte des Romans der interessante Gedanke einer möglichen geistigen Weiterentwicklung der Zombies aufgegriffen, aber leider nicht fortgeführt. Es scheint Indizien dafür zu geben, dass die Untoten irgendwann nicht mehr ausschließlich auf Fressen und Töten ausgelegt sind, sondern einen Funken Bewusstsein zeigen; indessen bleibt es bei dieser vagen Andeutung, ohne dass es zu einem richtigen Thema wird. Zu guter Letzt reagieren die Figuren immer mal wieder etwas zu naiv; während der Leser gewisse Gefahren schon früh erkennt, zeigen sich die Charaktere mehrfach lange Zeit arglos - das gilt erst recht für die Risiken, die sich unter dem Meer verbergen.

Fazit:

Ein insgesamt kurzweiliger Zombie-Roman, der gut unterhält, wenn man keine zu hohen Ansprüche stellt. Die Handlung ist spannend, der Protagonist gelungen, allerdings sind die anderen Charaktere überwiegend etwas zu stereotyp geraten. Eine nette Lektüre für Fans von "The Walking Dead" und Konsorten, aber kein Highlight im Horror-Genre.