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18. April 2018

Die Tribute von Panem 2: Gefährliche Liebe - Suzanne Collins

Produktinfos:

Ausgabe: 2010 bei Oetinger
Seiten: 432
* * * * *
Die Autorin:

Suzanne Collins aus den USA, Jahrgang 1962, veröffentlichte 2003 ihr erstes Kinderbuch "Gregor und die graue Prophezeiung". Insgesamt umfasst die Underland-Reihe fünf Bände und wurde zu internationalen Bestsellern. Ihre Trilogie "Die Tribute von Panem" übertraf diesen Erfolg noch und bescherte ihr überdies zahlreiche Auszeichnungen.

Inhalt:

Nachdem Katniss und Peeta gemeinsam die Hungerspiele überlebt und gewonnen haben, beginnt für sie eine Tour durch die Distrikte, begleitet von den Medien. Die Zuschauer sind begeistert von den scheinbaren Liebespaar, das so knapp dem Tod entronnen ist. Allerdings spürt Katniss auch, dass ihr inszenierter Beinah-Suizid in der Arena, der zum vorzeitigen Abbruch der Spiele führte, noch mehr ausgelöst hat: Katniss wird als Rebellin bewundert, und zunehmend gibt es Anzeichen für Aufstände in einzelnen Distrikten.

Präsident Snow macht Katniss deutlich, dass ihre Angehörigen und Freunde sterben werden, wenn sie nicht ihn und alle Welt davon überzeugt, nur aus verwirrter Liebe zu Peeta so gehandelt zu haben. Die Aufstände sollen unbedingt verhindert werden. Katniss gibt sich Mühe, leidet aber darunter, dass sie sich auch zu ihrem besten Freund Gale hingezogen fühlt.

Doch es kommt noch schlimmer für sie: Die 75. Hungerspiele stehen an, und anlässlich des Jubiläums gibt es eine gravierende Änderung - die Teilnehmer bestehen diesmal aus ehemaligen Siegern der einzelnen Distrikte. Katniss und Peeta müssen somit zurück in die Arena und um ihr Leben kämpfen ...

Bewertung:

Nach dem furiosen ersten "Tribute von Panem"-Teil "Tödliche Spiele" ist es für den zweiten Band der Trilogie "Gefährliche Liebe" natürlich schwer, daran heranzureichen.

Tatsächlich zieht sich das erste Drittel zunächst ein wenig. Die Handlung verläuft ruhiger als im ersten Band, der schnell mit Dramatik aufwartete. Hier geht es zum großen Teil um Katniss' ungewisse Gefühle und ihren Zwiespalt, was ihr Verhältnis zu Peeta und Gale angeht. Um Präsident Snow zu besänftigen, muss Katniss öffentlich ihre Liebe zu Peeta demonstrieren, auch wenn sie sich ihrer eigentlichen Gefühle nicht sicher ist und sie Gale nicht verletzen möchte. Dieses Szenario rührt durchaus an, so richtig in Schwung kommt die Handlung aber erst durch die Andeutungen von Rebellionen und vor allem durch die 75. Spiele.

Bislang waren die ehemaligen Sieger außen vor, was zukünftige Spiele anging. Somit ist die Neuerung natürlich ein Paukenschlag. Sowohl für Katniss als auch für Peeta steht fest, dass sie alles dafür tun wollen, dass der jeweils andere überlebt. Zwar ist natürlich klar, dass Katniss als Ich-Erzählerin irgendwie erneut aus der Arena herauskommen wird, aber hochspannend und dramatisch wird es trotzdem: Wie wird es Peeta ergehen, den Katniss um jeden Preis schützen möchte, der aber selbst umgekehrt sein Leben für Katniss geben will? Wer von den anderen ehemaligen Siegern ist vertrauenswürdig für eine - zumindest vorübergehende - Allianz? Was für ein Setting mit was für Fallen wartet diesmal auf die Tribute? Zudem ist die Konkurrenzsituation noch bedrohlicher für Katniss und Peeta als zuvor; schließlich sind ihre Gegner diesmal nicht gleichaltrige oder jüngere Teenager, sondern teils erfahrene Kämpfer. Sie alle haben bereits ihren Überlebenswillen bewiesen, Töten ist ihnen nicht fremd, das sorgt für eine andere Atmosphäre als im ersten Teil.

Erneut gibt es gelungene Nebenfiguren, die sich dem Leser einprägen. Wieder fungiert Haymitch als Mentor für Katniss und Peeta, wie schon bei ihrer Vorbereitung auf ihre ersten Spiele. Haymitch war vor den beiden der bislang einzige Sieger aus Distrikt 12, was ihm zwar Reichtum einbrachte, den er aber seit Langem hauptsächlich in Alkohol investiert. Dessen ungeachtet ist Haymitch, wenn gerade mal bei klarem Verstand, ein cleverer und nicht zu unterschätzende Ratgeber, dessen trockene Bemerkungen immer wieder für Humor sorgen. Ein neuer Charakter ist der vierundzwanzigjährige Finnick Odair, einer der ehemaligen Sieger, der jetzt erneut in die Arena geht. Der attraktive, lässige Finnick ist ein Frauenschwarm und höchst populär, was die eher spröde Katniss ziemlich befremdet. Finnick wirkt auf den ersten Blick wie ein oberflächlicher Schönling, allerdings zeigt sich bald, dass sich hinter der glatten Fassade weitaus mehr verbirgt. Fest steht auf jeden Fall, dass der durchtrainierte Sportler einer der größten Konkurrenten in der Arena sein wird. Umso spannender ist die Frage, ob und inwieweit er als Verbündeter infrage kommt.

Katniss selbst hat nach wie ihre Ecken und Kanten. Sie ist im Gegensatz zum sanften und eloquenten Peeta kein großer Redner, erscheint oft unnahbar und abweisend und macht es selbst denen, die sie mögen, nicht gerade leicht. Das macht sie aber auch zu einer einprägsamen Figur, und sie ist sympathisch, ohne zugleich everybody's darling zu sein.

Die Zeit in der Arena nimmt diesmal nicht ganz so viel Raum ein wie im ersten Band, erreicht auch nicht völlig deren Intensität, was natürlich auch daran liegt, dass im ersten Band die Spiele noch ganz neu für den Leser waren. Aber auch mit geringerem Überraschungseffekt fesseln diese Spiele; man leidet erneut mit Katniss und erlebt viele dramatische und traurige Momente, aber auch zumindest kleine Augenblicke der Freude, der Freundschaft und des Humors. Trotz der hohen Messlatte ist Suzanne Collins ein sehr würdiger Nachfolgeband geglückt, dessen abruptes Ende sehr neugierig auf den finalen Teil macht.

Fazit:


"Gefährliche Liebe", der zweite Band der Tribute-von-Panem-Reihe, ist abermals ein sehr lesenswertes All-Age-Dystopie-Abenteuer mit einem Hauch Romantik - da ist es auch zu verschmerzen, dass der Anfang sich ein kleines bisschen zieht.

30. Juni 2017

Wer zuletzt stirbt (The Amateurs Band 1) - Sara Shepard

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei cbt
Seiten: 384
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Die Autorin:

Sara Shepard, Jahrgang 1977, studierte Kreatives Schreiben und arbeitete zunächst als Journalistin. 2006 erschien der erste Band der Reihe "Pretty Little Liars", der inzwischen mehr als 15 Bände umfasst. Eine weitere Buchreihe ist "The Lying Game", die gleichfalls erfolgreich verfilmt wurde.

Inhalt:

Aerin ist elf Jahre alt, als ihre ältere Schwester Helena spurlos verschwindet. Fünf Jahre später wird ihre Leiche gefunden, Helena wurde ermordet. Noch ein knappes weiteres Jahr vergeht, ohne dass es einen Hinweis auf den Täter geben hätte. Die Polizei legt den Fall nun zu den Akten.

Die mittlerweile siebzehnjährige Aerin sucht aber immer noch nach Antworten. Sie wendet sich an die Website "Offener Fall", in der Amateurdetektive sich mit ungelösten Kriminalfällen befassen. Über dieses Forum lernen sich auch Seneca und Maddox kennen, die schließlich gemeinsam Aerin aufsuchen und ihre Hilfe anbieten.

Aerin ist zunächst wenig überzeugt, da Seneca und Maddox kaum älter sind als sie selbst. Doch schließlich gibt sie nach und recherchiert zusammen mit Seneca, Maddox, Maddox' Foren-Freund Brett und seiner Stiefschwester Madison in Helenas Vergangenheit. Und tatsächlich finden die fünf ein paar Hinweise, die den Ermittlern verborgen blieben. Dabei geraten sie auch selbst immer weiter in Gefahr ...

Bewertung:

"Wer zuletzt stirbt" ist der Auftakt der Reihe "The Amateurs", eine Jugendthrillerreihe ganz in der Tradition Sara Shepards bisheriger Serien wie das erfolgreich verfilmte "Pretty Little Liars" und der Zweiteiler "The Perfectionists". Im Mittelpunkt stehen fünf Jugendliche, die einen Mordfall klären wollen und dabei selbst Gefahr laufen, ins Visier des Täters zu geraten.

Grundsätzlich ist der Auftakt durchaus recht unterhaltsam und teilweise auch spannend. Die "Amateurs" stoßen auf mehrere Verdächtige, die ein Motiv für Helenas Tod gehabt hätten, vor allem aber finden sie heraus, dass Helena ein Doppelleben führte. Sie finden sowohl heraus, dass es Unstimmigkeiten bei bereits bekannten Verdächtigen gibt, als auch, dass es neue Verdächtige gibt, die die Ermittler bisher nicht in Betracht gezogen haben. Es ist reizvoll zu verfolgen, was sich bei Nachforschungen zu Helenas Leben kurz vor ihrem Tod ergibt, und es kommt mehrfach zu sehr brisanten Situationen, in denen die Freunde große Risiken eingehen. Es hat auch seinen Reiz, dass die fünf eben nicht von vornherein eine Clique bilden, sondern sich erst zusammenfinden müssen - das läuft nicht ohne gewisse Streitigkeiten ab. Interessant ist außerdem, dass Aerin nicht die Einzige in der Runde ist, der ein Angehöriger ermordet wurde. Senecas Mutter wurde zuvor ebenfalls ermordet; ihr Fall ging allerdings im Medientrubel um die verschwundene Helena seinerzeit unter. Brett wiederum hat seine Großmutter durch einen Mord verloren. Die ähnlichen Erfahrungen sorgen für eine verstärkte Vertrautheit zwischen den bis dahin Fremden Aerin, Seneca und Brett.

"Wer zuletzt stirbt" hat letztlich leider auch einige Mängel, weshalb zumindest dieser Auftaktband qualitativ nicht an Sara Shepards beste Werke heranreicht. Zum einen vergehen rund hundert Seiten, ehe die "Amateurs" richtig mit ihren Ermittlungen beginnen. Bis dahin verläuft die Handlung teils recht zäh und hält sich zu lange mit den Querelen der Hobbyermittler auf. Aerin ist zunächst frustriert, dass ihre Helfer Seneca und Maddox nicht älter sind als sie selbst; Seneca muss ihrem Vater ein Lügenmärchen auftischen, um für ein paar Tage zu verreisen. Zudem ergeben sich flirtige Situationen zwischen Aerin und Brett einerseits und Seneca und Maddox andererseits, die die Beteiligten verwirren. Das ist alles nicht uninteressant, aber der kriminalistische Teil lässt sich zu langsam an.

Störend, weil sehr unrealistisch ist außerdem, wie schnell die "Amateurs" auf Hinweise stoßen, die den Ermittlern in knapp sechs Jahren entgangen sind. Da finden sie in Helenas Zimmer ein wichtiges Indiz, das auf eine heimliche Liebschaft hindeutet, das den Polizisten bei der Hausdurchsuchung nicht aufgefallen ist. Später stoßen sie auf Nachrichten an Helena, die bisher niemand entdeckt hat, und sie kommen durch simple Bluffs an pikante Informationen. Am Ende gibt es eine recht spektakuläre Wendung, die allerdings schon einige Seiten zuvor alles andere als dezent vorbereitet wird. Der Überraschungseffekt hält sich daher sehr in Grenzen, auch wenn man nach der Lektüre auch den zweiten Band lesen möchte.

Fazit:

"Wer zuletzt stirbt" von Sara Shepard ist der Auftakt einer Jugendthrillerreihe für Leser ab etwa vierzehn Jahren, ganz in der Tradition ihrer bisherin Bücher. Man bekommt recht solide Unterhaltung geboten, aber die Handlung verläuft an einigen Stellen zu konstruiert, sodass das Werk nicht zu den besten Romanen der Autorin zählt.

8. April 2016

The Perfectionists (Band 2): Gutes Mädchen, böses Mädchen - Sara Shepard

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei cbt
Seiten: 352
Buchhandel.de
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Die Autorin:

Sara Shepard, Jahrgang 1977, studierte Kreatives Schreiben und arbeitete zunächst als Journalistin. 2006 erschien der erste Band der Reihe "Pretty Little Liars", der inzwischen mehr als 15 Bände umfasst. Eine weitere Buchreihe ist "The Lying Game", die gleichfalls erfolgreich verfilmt wurde.

Inhalt:

Eine Aufgabe im Filmkurs der Beacon Heights High School lässt fünf Mädchen überlegen, wem sie den Tod wünschen, und sie erstellen eine Liste ihrer Hassobjekte. Kurz drauf ist der gemeine Snob Nolan tatsächlich tot, und zwar genau so ermordet, wie von den Mädchen vorgeschlagen. Wenig passiert ein weiterer Mord in ihrem Umfeld - wieder eine Person von ihrer Liste.

Julie, Parker, Mackenzie, Ava und Caitlin geraten unter Tatverdacht. Sie sind jedoch überzeugt davon, dass niemand von ihnen der Mörder ist - stattdessen vermuten sie, dass irgendjemand aus dem Filmkurs ihr Gespräch belauscht hat und ihnen die Morde anhängen will.

Um sich vom Tatverdacht zu befreien, versuchen sie auf eigene Faust, den Mörder zu entlarven. Nach und nach wächst dabei jedoch das gegenseitige Misstrauen. Ist vielleicht doch eine von ihnen der Täter ...? Zudem ist die Liste, auf der sie im Filmkurs spaßeshalber ihre potenziellen Opfer schrieben, spurlos verschwunden. Mit Recht fürchten die Mädchen, dass auch die weiteren Opfer der Liste in Gefahr schweben ...

Bewertung:

Sara Shepards Zweiteiler "The Perfectionists" funktioniert nach einem ähnlichen Schema wie ihre Erfolgsreihe "Pretty little liars": Eine Mädchenclique an einer elitären High School, pikante Geheimnisse, die plötzlich an die Öffentlichkeit gelangen, gegenseitiges Misstrauen und die Suche nach einem Mörder. Dabei ist "The Perfectionists" trotz gewisser Parallelen mehr als nur ein Abklatsch der älteren Reihe.

"Gutes Mädchen, böses Mädchen" ist der zweite und abschließende Teil, der unmittelbar an den ersten Band anschließt. Natürlich ist es sinnvoll, zunächst den Band "Lügen haben lange Beine" zu lesen. Doch da auf den ersten Seiten die wichtigsten vorangegangenen Ereignisse zusammengefasst werden, versteht man den Band auch ohne Kenntnis des ersten. Die meisten Kapitel konzentrieren sich auf eine der fünf Protagonistinnen, indem sich ein personaler Erzähler auf deren Handlungen fokussiert. Jedes der Mädchen hat Probleme und Geheimnisse: Julie war ursprünglich das beliebteste Mädchen der Schule, bis ihre Mitschülerinnen dahinterkamen, dass ihre Mutter ein Messie ist und mit knapp dreißig Katzen in einem verwahrlosten Haus wohnt. Auch Parker war ein beliebtes, fröhliches Mädchen, ehe ihr gewalttätiger Vater ihr bleibende Entstellungen zufügte. Die bildhübsche Ava unterdessen leidet unter ihrer missgünstigen Stiefmutter, die vor allem unter Alkoholeinfluss gemein wird. Das Musikgenie Mackenzie muss sich damit auseinandersetzen, dass ihre ehemals beste Freundin ihr den Schwarm ausgespannt und gegen sie intrigiert hat. Und dann ist da noch die talentierte Fußballerin Caitlin, deren Bruder sich das Leben nahm.

Bis auf Julie und Parker handelt es sich hier zumindest anfangs nicht um wirkliche Freundinnen, die Mädchen kannten sich untereinander bislang nur flüchtig - erst der Filmkurs und der daraus resultierende Mord hat sie als Schicksalsgenossinnen zusammengebracht. Man verfolgt einerseits ihre Annäherung, andererseits entsteht aber in der zweiten Romanhälfte auch zunehmend Misstrauen. Allmählich erscheint es den Mädchen nicht mehr undenkbar, dass eine von ihnen hinter den Taten steckt, die kritischen Nachfragen und Kommentare häufen sich. Zumindest für den Mord an dem bösartigen Nolan hätte jede von ihnen ein Motiv gehabt. Die Handlung ist fesselnd und auch abwechslungsreich gestaltet. Nicht nur, dass mehrere Morde geschehen, auch die persönlichen Dramen der Mädchen halten den Leser in Atem. Egal, ob es sich um emotionale Verwicklungen mit Jungs, Julies Scham wegen ihrer Mutter oder Avas Konflikte mit ihrer Stiefmutter handelt, die Ereignisse lassen einen nicht kalt. Die Mädchen sind vielleicht keine unvergesslichen, einzigartigen Charaktere, aber doch mehr als bloße Stereotype, und man kann gut mit ihnen sympathisieren.

Die Auflösung ist als großer Knalleffekt konzipiert, der aufmerksame Leser erschließt sie aber schon etwas vor der Enthüllung. Grundsätzlich ist die Erklärung stimmig, und es werden alle bis dahin angesammelten Fragen beantwortet. Allerdings ist die Auflösung polarisierend, setzt auch auf Effekthascherei und ist nicht in jeder Hinsicht befriedigend, zumal es auf den letzten Seiten nochmals eine kleine Wendung gibt, die den Schluss recht offen gestaltet - ein dritter Band läge angesichts dessen nah, ist aber offenbar nicht vorgesehen.

Fazit:

Unterhaltsamer und spannender zweiter Teil einer Mini-Reihe, die sich zur Not auch ohne den ersten Teil lesen lässt. Insgesamt überdurchschnittlich gut, vor allem aufgrund der Kurzweiligkeit, doch der Schluss ist ein bisschen zu plakativ.

3. März 2016

Rain - Das tödliche Element - Virginia Bergin

Produktinfos:

Ausgabe: 2015
Seiten: 416
Amazon
Buchhandel.de
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Die Autorin:

Virginia Bergin (England) studierte Psychologie, ehe sie das Schreiben für sich entdeckte. "Rain" ist ihr erster Roman.

Inhalt:


Die fünfzehnjährige Ruby aus dem ländlichen Dartbridge führt ein typisches Teenagerleben, bis eine weltweite Katastrophe ausbricht und schlagartig alles verändert. Ein für Menschen tödliches Virus ist in die Atmosphäre gelangt und verseucht den Regen. Wer mit Regenwasser in Berührung kommt, beginnt kurz darauf zu bluten und stirbt binnen weniger Stunden unter großen Schmerzen. Es gibt kein Gegenmittel.

Ruby ist gerade auf einer Party bei Freunden, als die Nachricht eintrifft. Die Mutter ihres Schulfreundes fährt sie nach Hause, zu ihrer Mutter, Stiefvater Simon und ihrem kleinen Bruder Henry. Während im Fernsehen immer nur die Anweisung wiederholt wird, die Häuser nicht zu verlassen, bricht auf den Straßen Chaos aus, und das Internet funktioniert nicht mehr.

In den nächsten Tagen muss Ruby erleben, dass sich erst ihre Mutter und ihr kleiner Bruder und später ihr Stiefvater infizieren und sterben. Allein auf sich gestellt, hat sie nur noch ein Ziel: Sie will nach London zu ihrem Vater und ihrem Halbbruder gelangen. In einer Welt, die jegliche Struktur verloren zu haben scheint, kämpft sich Ruby nach London durch ...

Bewertung:

Endzeitszenarien sind beliebte Sujets für Bücher und Filme, gerne resultierend aus einer Zombie-Invasion. Das Szenario, in dem die Strukturen der Zivilisation zusammenbrechen und das Gesetz des Stärkeren zählt, ist also beileibe keine neuer Aspekt in Virginia Bergins Jugendthriller; doch hier sind es keine Zombies, sondern ein tödlicher Regenvirus, der dies alles auslöst.

Die fünfzehnjährige Ruby steht deutlich im Mittelpunkt, zumal sie auch als Ich-Erzählerin fungiert und den Leser regelmäßig anspricht. Sie erzählt rückblickend das Geschehen, ohne dass dem Leser von vornherein klar wäre, aus welcher aktuellen Situation heraus sie dies tut. Außer, dass sie offenbar überlebt hat, ist also zunächst alles offen - wer von ihrer Familie und ihren Freunden überlebt hat, ob sie ihren Vater und ihren Halbbruder gefunden hat, ob ein Heilmittel gegen den Regen gefunden wurde und wie sich die Zivilisation entwickelt hat.

Schnell begreifen sowohl Ruby als auch der Leser, wie fatal die neue Lage der Welt ist: Bereits wenige Regentropfen reichen offenbar aus, um das tödlichen Virus zu übertragen. Mehr noch, auch durch Berührungen infizierter oder toter Menschen kann die Krankheit ausgelöst werden, und natürlich darf kein Leitungswasser mehr genutzt werden. Auch nach einem Regenschauer ist die Gefahr noch nicht gebannt, schließlich lauert in jeder Pfütze der Tod, und Obst und Gemüse, die dem Regen ausgesetzt waren, sollten vorsichtshalber auch gemieden werden. Bis auf die ersten Warnungen in TV und Radio existiert kein Informationssystem, zumindest in Rubys Gegend sind die Menschen auf sich allein gestellt und müssen selbst herausfinden, wie sie am besten überleben. Die Nahrungsmittelvorräte in den Häusern gehen schnell zur Neige, entsprechend werden Supermärkte geplündert und Beute wird teils mit Waffengewalt verteidigt.

Innerhalb weniger Stunden hat sich die Welt in einen trostlosen Ort verwandelt, und Ruby sieht innerhalb der ersten Tage bereits so viele Tote, dass sie das Zählen einstellt. Sehr bewegend ist die Szene, in der Ruby realisiert, dass ihre Mutter und ihr Bruder über Nacht gestorben sind. Mit ihrem Stiefvater Simon hatte sie bislang ein schlechtes Verhältnis, war er doch für sie in erster Linie ein Miesmacher und Besserwisser. Notgedrungen raufen sich die beiden zusammen und werden innerhalb weniger Tage zu einem erstaunlich guten Team, bis auch er ihr entrissen wird. Ruby hat nun keinen Vertrauten mehr in der Nähe, jeder Fremder könnte ein Feind sein, der für Vorräte zum Töten bereit ist.

"Rain" kann problemlos von Erwachsenen gelesen werden, richtet sich jedoch insbesondere an Jugendliche, die sich etwa in Rubys Alter befinden. Entsprechend erzählt Ruby überwiegend in einem etwas schnodderigen, ironischen Tonfall; beispielsweise sind ihr oft teenagertypische Dinge peinlich, sie denkt über ihr Aussehen nach, überhaupt möchte sie gerne, trotz der Situation, möglichst "cool" wirken. Das ist mitunter recht witzig, vor allem im Zusammenspiel mit einem späteren Verbündeten, bei dem es sich ausgerechnet um den schulbekannten Nerd Darius handelt. Unter gewöhnlichem Umständen würde Ruby den streberhaften Darius keines Blickes würdigen, nun müssen sich die beiden gemeinsam nach London durchschlagen, begleitet von einem etwa neunjährigen, vor Schock stummen Mädchen, das sich Darius angeschlossen hat. Es ist amüsant zu lesen, wie sich aus Rubys anfänglicher Abneigung beinah widerwillig eine Sympathie für Darius entwickelt. Zu Beginn ist Darius für Ruby einfach ein trotteliger Streber, der sich ausgerechnet in der Schule sein Lager eingerichtet hat. Doch die beiden ergänzen sich gut, und schließlich registriert Ruby verwirrt und beschämt, dass sie Darius sogar gar nicht mal unattraktiv findet; diese Annäherung sorgt für den nötigen auflockernden Humor inmitten der düsteren Ereignisse. Überhaupt ist Darius ein gelungener Charakter; er ist clever, vernünftig, liebenswert und man hofft, dass er nach dem Verlust seiner Familie einen Weg finden wird, in dieser Welt zurechtzukommen.

Allerdings wird mit Einsatz dieses witzig-locken Tonfalls und Rubys Teenagerproblemen übertrieben, was auf Dauer etwas nervt. Es ist nicht realistisch, wie sehr sie sich auch nach dem Tod ihrer Mutter, ihres kleinen Bruders und ihres Stiefvaters noch um ihr Aussehen sorgt, sodass sie sogar kostbares Wasser zum Haarefärben benutzt. Auch dass sie noch auf dem Weg zu ihrem Dad eine Shoppingtour nicht lassen kann, ist angesichts der Lage eher lächerlich. Das gilt auch für ihren späten Entschluss, sich mit Darius zusammenzutun - es ist kaum glaubhaft, dass sie lieber allein ist, als sich mit einem in ihren Augen uncoolen Nerd abzugeben. Ruby soll zwar bewusst einen durchschnittlichen Teenager darstellen, mit allen Ecken und Kanten, aber durch diese Anwandlungen wird sie phasenweise unsympathisch und unglaubwürdig. Der Schluss wirkt überdies zunächst ein bisschen frustrierend - aber nur solange, bis man sich vor Augen hält, dass 2016 die Fortsetzung erscheint, Rubys Geschichte also noch nicht auserzählt ist.

Fazit:


Ein grundsätzlich gelungener, sehr spannender erster Band einer für Jugendliche konzipierte Horrorthriller-SF-Reihe, der gut unterhält und sowohl witzig als auch bewegend ist. Störend fällt allerdings auf, dass die Protagonistin sich angesichts der Lage zu oft mit Oberflächlichkeiten beschäftigt und sich bisweilen zu unrealistisch verhält.

3. Oktober 2015

Geliebte Angst - Rebekka Knoll

Produktinfos:

Ausgabe: 2015
Seiten: 320
Amazon
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Die Autorin:

Rebekka Knoll, Jahrgang 1988, studierte Germanistik und Theaterwissenschaft. "Geliebte Angst" ist ihr erster Jugendroman. Weitere Werke: Splittermädchen, Das Kratzen bunter Kreide und Zwischen den Regalen, ein Geheimnis.

Inhalt:

Ein Jahr ist die achtzehnjährige Emilia mit ihrem Mitschüler Marico zusammen und die beiden sind sehr glücklich. Dann jedoch verunglückt Marico eines Nachts mit seinem Auto und ist auf der Stelle tot. Emilia ist geschockt und untröstlich. Ihre beiden besten Freundinnen Tila und Lorena tun ihr Möglichstes, um Emilia zu helfen.

Emilia organisiert eine Feuerwerksbestattung in Maricos Heimat Tschechien, da er Feuerwerke liebte. Auch durch die Unterstützung ihrer Freundinnen fühlt sie sich langsam etwas besser und will wieder zur Schule gehen. Kurz darauf erhält Emilia eine Facebooknachricht - von Maricos Profil. Der Schreiber gibt sich als Marico aus und macht ihr eine Liebeserklärung.

Emilia ist entsetzt und nimmt an, dass irgendjemand Maricos Account missbraucht. Es folgen regelmäßig weitere Nachrichten und auch Sms von Maricos Handy. Der angebliche Marico scheint Emilia ständig zu beobachten. Immer wieder spielt er auf vergangene Erlebnisse der beiden an oder hinterlässt ihr Geschenke. Emilia weiß zwar mit dem Verstand, dass es nicht wirklich Marico sein kann und doch sehnt sie sie sich bald nach neuen Nachrichten. Ihre Freundinnen drängen sie jedoch, sich auf die Suche nach dem Schreiber zu machen, denn sie befürchten einen gefährlichen Stalker dahinter ...

Bewertung:

Liebesgeschichte und Thriller sind die beiden Genres, die sich in diesem Jugendroman vereinen. Er präsentiert zum einen das Schicksal eines Teenagers, dessen erste Liebe jäh durch einen Unfall endet. Emilias Leid, ihr Kummer und ihre allmähliche Rückkehr in den Alltag werden realistisch geschildert und lassen den Leser mit ihr mitfühlen. Für besonderen Reiz sorgen die Entdeckungen, die Emilia nach Maricos Tod macht - Geheimnisse, die er vor ihr verborgen hat und die sie nun enthüllt. Emilias nahezu makelloses Bild von ihrem geliebten Freund erhält Risse, sie erfährt unschöne Dinge. Allzu nachvollziehbar ist ihr Wunsch, sie könnte mit Marico darüber sprechen, die ihr auf der Seele brennenden Fragen loswerden. Dieses Schwanken zwischen Emilias Vermissen und ihrer Wut auf Marico zählt zu den stärksten Momenten des Romans. Das Buch demonstriert, dass der Verlust alleine bereits kaum erträglich ist; noch schlimmer wird es in diesem Fall aber dadurch, dass bestimmte Dinge zwischen Emilia und Marico nie mehr geklärt werden können, dass Emilia auf manche Fragen niemals Antworten erhalten wird und keine Chance mehr hat, Marico zu Rede zu stellen.

Der Fokus liegt indessen auf dem Thrillerteil der Handlung. Zu Beginn erscheinen die Nachrichten des angeblichen Marico noch als geschmackloser Scherz. Doch schon bald merkt Emilia, dass der Absender sie auch regelmäßig verfolgt und beobachtet. Er kommentiert ihr Lachen, wenn sie mit ihren Freundinnen unterwegs ist, er kann sie offenbar durch ihr Küchenfenster sehen, er kennt das Unterrichtsgeschehen. Schließlich bestellt er sie gar zu bestimmten Orten und hinterlässt ihr Geschenke - Emilia soll sich beispielsweise an der Kasse melden und erhält ein für sie hinterlegtes und bereits bezahltes Kleid, welches Marico seinerzeit gesehen hatte. Dadurch, dass der Absender die Vorgänge in der Schule kennt, ist klar, dass er zu einer ihrer Kurse gehören muss. Das macht es aber nicht viel leichter, denn es gibt niemanden, der eindeutig als Hauptverdächtiger in Frage kommt und ein gutes Motiv hätte, umgekehrt kann Emilia aber auch kaum jemanden ausschließen. Da der Unbekannte scheinbar rund um die Uhr in ihrer Nähe ist, ist die Handlung durchaus spannend. Einerseits darf gerätselt werden, wer warum sich als Marico ausgibt und andererseits ist ungewiss, wie weit Emilias Stalker noch gehen wird in seinem besitzergreifenden Denken.

Trotz dieser guten Ansätze kann das Werk nicht in allen Punkten überzeugen. So wirkt es etwa seltsam, dass Emilias Eltern keine Rolle spielen. Irgendwann wird beiläufig erwähnt, dass sie viel auf Reisen sind; das allerdings erscheint nicht realistisch, sondern nur wie eine Verlegenheitsbegründung. Die Anwesenheit von Emilias Eltern würde es für den Stalker sicher schwieriger machen, sich Emilia zu nähern und sich beispielsweise im Garten aufzuhalten; dementsprechend wirkt es, als habe man sie aus dem Roman heraushalten müssen, ohne dies aber gut begründen zu können. Zwar ist Emilia vom Alter her quasi erwachsen, doch sie geht noch zur Schule und wohnt zu Hause; zudem hat sie mit dem Verlust ihres Freundes zu kämpfen - angesichts dieser Tatsachen passt es nicht ins Bild, dass ihre Eltern nie da sind und die Abwesenheit auch so gut wie gar nicht thematisiert wird.

Zudem wirkt es bisweilen konstruiert, wie bereitwillig sich Emilia auf den falschen Marico einlässt. Zwar ist es nachvollziehbar, dass sie sich durch die Nachrichten Marico verbunden fühlt - aber manche Szenen sind übertrieben melodramatisch inszeniert. Das gilt insbesondere für die Szene, in der sich Emilia auf Maricos Geheiß Lasagne zubereitet und Alkohol trinkt und schließlich betrunken im Garten einschläft; ebenso für die Szene, in der sie auf Befehl im auffälligen roten Kleid die für Besucher abgesperrte Theaterbühne im Schlossmuseum betritt. Es ist nicht nachvollziehbar, dass sich Emilia zunehmend wie eine Marionette benimmt. Nicht ganz stimmig ist außerdem, dass Emilia und ihre Freundinnen einen verdächtigen Mitschüler erst wahrnehmen, als er schon monatelang in ihre Stufe geht. Bei Emilia, die nach Maricos Tod zunächst nicht in die Schule ging, mag das noch verständlich sein; dass aber auch Tila und Lorena mit Lucas Namen zunächst gar nichts anfangen können und ihren Mitschüler nie bemerkt haben, ist alles andere als realistisch.

Fazit:


Ein nicht uninteressanter Jugendthriller mit einer gewissen Spannung, der sich leicht und zügig lesen lässt. Kann allerdings nicht in allen Belangen überzeugen und ist somit insgesamt recht durchschnittlich.

5. September 2015

Unschuldig (Pretty Little Liars 1) - Sara Shepard

Produktinfos:

Ausgabe: 2009
Seiten: 320
Amazon
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Die Autorin:

Sara Shepard, Jahrgang 1977, studierte Kreatives Schreiben und arbeitete zunächst als Journalistin. 2006 erschien der erste Band der Reihe "Pretty Little Liars", der inzwischen mehr als 15 Bände umfasst. Eine weitere Buchreihe ist "The Lying Game", die gleichfalls erfolgreich verfilmt wurde.

Inhalt:


Für die Freundinnen Alison, Spencer, Hanna, Aria und Emily sind es die Sommerferien zwischen der 7. und der 8. Klasse. Die fünf bilden die angesagteste Clique der Rosewood High in einem Vorort von Philadelphia. Alison ist die heimliche Anführerin der Mädchen - immer wieder schlägt sie riskante Aktionen vor und bestimmt die Unternehmungen der Freundinnen.

Eines Nachts verschwindet Ali bei einer Pyjamaparty im Wald und taucht nicht mehr auf. Die Medien belagern den Ort, die Ermittler gehen jeder Spur nach, doch Ali bleibt verschwunden. Die Freundschaft der verbliebenen vier Mädchen bricht bald auseinander, Aria geht mit ihrer Familie gar nach Island.

Drei Jahre später: Spencer, Hanna, Emily und Aria sind inzwischen 16 Jahre alt. Jedes Mädchen hat so seine Probleme. Und jedes Mädchen hat auch ein Geheimnis: Spencer flirtet mit dem neuen Freund ihrer Schwester, Hannah leidet unter Bulimie, Emily schwärmt für ein Mädchen und die zurückgekehrte Aria hat eine Affäre mit ihrem jungen Englischlehrer. Alle vier erhalten Sms und Mails von einer geheimnisvollen Person, die sich "A." nennt und die offenbar all ihre Geheimnisse kennt. Mit "A." hat stets Alison unterzeichnet - doch Alison kann doch unmöglich dahinterstecken ...?

Bewertung:

Man mixe ein bisschen "Beverly Hills 90210" mit Thrillerelementen und einem Hauch Mystery und erhält "Pretty Little Liars", eine mittlerweile sechs Staffeln umfassende Jugendserie. Der TV-Erfolg, der vor allem bei den "Teen Choice Awards" regelmäßig ausgezeichnet wird, basiert auf der gleichnamigen Buchreihe von Sarah Shepard, die sich von ihrer eigenen Jugend in einem Vorort von Philadelphia inspirieren ließ.

Der erste Band präsentiert zunächst die Ausgangslage mit Alisons Verschwinden, ehe sich die Kapitel abwechselnd den vier verbliebenen Mädchen der ehemaligen Clique widmen. Eine herausstechende Hauptfigur gibt es nicht, alle vier erhalten die gleiche Aufmerksamkeit.

Jede von ihnen schleppt Probleme mit sich herum: Spencer leidet seit sie denken kann unter ihrer älteren und scheinbar stets etwas erfolgreicheren Schwester Melissa. Egal wie sehr sich Spencer um gute Noten, um ehrenamtliche Ämter und um sportliche Auszeichnungen bemüht, es gelingt ihr nie, Melissas Erfolge zu erreichen. Dazu passt natürlich, dass Melissa nun den sympathischen und attraktiven Medizinstudenten Wren als Freund hat. Aus Spencers Frust wird jedoch Freude, als sie merkt, dass Wren ihr mehr Zeit und Aufmerksamkeit schenkt als nötig - allerdings fürchtet sie zugleich eine familiäre Katastrophe, wenn dies auffliegen sollte.

Aus der pummeligen Hanna ist ein gertenschlanker Teenager in stylischen Klamotten geworden. Außer der verschwundenen Alison weiß jedoch niemand, dass Hanna ihre Abnahme durch regelmäßiges Übergeben erreicht hat. Auch jetzt wird Hanna bisweilen von Fressanfällen mit anschließender Erleichterung überfallen, nicht zu vergessen ihre Ladendiebstähle, von denen niemand auf Rosewood High erfahren darf. Emily ist eine erfolgreiche Schwimmerin, die aber gerade die Lust am täglichen Training verliert. Das allein ist schon schwierig für sie, da ihre Eltern Wert auf ihre Schwimmkarriere legen; zu allem Überfluss fühlt sie sich nun auch noch zu Maya hingezogen, die in Alisons altes Haus gezogen ist. Und dann ist da noch Aria, die sich gleich nach ihrer Rückkehr in die USA in Ezra verliebt und kurz darauf erfährt, dass er ihren Englischkurs unterrichtet.

Die vier Rosewood-Mädchen bewegen sich in einer Welt, die von Prada-Taschen, Gucci-Sonnenbrillen, Ralph-Lauren-Handtüchern, Tiffany-Armbändern und Fenzi-Geldbörsen bestimmt wird; doch hinter der gestylten Nobelfassade verbergen sich Probleme und Abgründe. Vor allem Spencer und Hanna haben mit ihrem Selbstwertgefühl zu kämpfen, Spencer, weil sie sich immer an der großen Schwester misst und sich von ihren Eltern zu wenig beachtet fühlt, und Hanna, weil sie immer noch oft an ihre Vergangenheit als pummelige, unansehnliche Dreizehnjährige denkt. Die Charakterisierung der Hauptfiguren bleibt zunächst etwas oberflächlich, ehe die einzelnen Mädchen in der zweiten Hälfte an Kontur gewinnen und jede für sich auf ihre Art sympathisch wirkt. Überhaupt zieht sich das erste Drittel ein wenig, bis zu dem Punkt, an dem die Geschichte durch die ersten Nachrichten von "A." an Spannung gewinnt.

Für Spannung sorgen in erster Linie drei Elemente: Dominant im Raum steht die Frage, wer hinter den ominösen Nachrichten steckt, der sich offenbar als Alison ausgibt. Als zweites darf gerätselt werden, was mit Alison in jener Nacht geschah - ist sie freiwillig weggelaufen, oder wurde sie entführt? Als drittes gibt es immer wieder kleine Andeutungen, dass die Clique damals gemeinsam mit Alison ein großes Geheimnis teilte. Ein Streich der Freundinnen führte bei einem Mädchen namens Jenna zu einem Unfall mit schlimmen Folgen; Ali hatte ihnen anschließend abverlangt, niemals mit jemandem darüber zu sprechen. Was genau bei jenem Streich passierte, bleibt in diesem Band noch im Dunkeln; es ist allerdings offenkundig, dass dieses Geschehnis im weiteren Verlauf noch an Bedeutung gewinnen wird. Das Buch endet mit einem Paukenschlag und weckt Neugierde auf den nächsten Band, der ganz im Zeichen der Suche nach "A.s" Identität steht.

Fazit:


Was zunächst als durchschnittlicher Teenieroman um Liebe und Alltagsprobleme beginnt, entwickelt sich zum spannenden Auftakt einer mit Thriller- und Mysteryflair gespickten Jugendbuchreihe. Kein absolutes Highlight, weckt aber Neugier auf die nächsten Bände und unterhält gut.

11. September 2014

Nixenjagd - Susanne Mischke

Produktinfos:

Ausgabe: 2007
Seiten: 194
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Die Autorin:

Susanne Mischke, Jahrgang 1960, studierte zunächst BWL und arbeitete u.a. als Journalistin und Schauspielerin, ehe sie 1994 ihren ersten Krimi "Stadtluft" veröffentlichte. Seitdem lebt sie als freie Autorin und hat bislang über ein Dutzend Romane herausgebracht. Weitere bekannte Werke sind "Mordskind", "Die Eisheilige", "Das dunkle Haus am Meer" und "Wölfe und Lämmer".

Inhalt:


Die sechzehnjährige Franziska schwärmt für ihren neuen Mitschüler Paul, der vor vier Wochen mit ihr die elfte Stufe besucht. Paul sieht gut aus, wirkt aber auch etwas unnahbar. Umso glücklicher ist Franziska, als sich mit ihm ein Gespräch ergibt. Sie erfährt, dass Paul in seiner Freizeit gerne auf einen Hochsitz im Wald geht und dort Tiere beobachtet. Freudig nimmt sie das Angebot an, ihn zu begleiten.

Kurz darauf findet das alljährliche Zeltwochenende der Oberstufenschüler statt. Franziska hofft, dass sie ihm dort endlich näher kommt. Doch alles läuft anders, als gedacht: Ausgerechnet Franziskas Freundin Katrin zeigt reges Interesse an Paul und die beiden verschwinden zusammen im Zelt. Verletzt zieht sich Franziska zurück.

Wenig später ist Katrin plötzlich verschwunden. Wie viele andere Schüler ist sie zum nächtlichen Schwimmen in den See gegangen. Stunden später wird ihre Leiche gefunden - Katrin, die beste Schwimmerin der Stufe, ist ertrunken. Die Polizei beginnt zu ermitteln und es ergeben sich Hinweise, dass Katrin ertränkt wurde. Paul gerät in Verdacht, aber Franziska will nicht an seine Schuld glauben. Schließlich erhält sie bedrohliche Mails und irgendjemand scheint sie auf Schritt und Tritt zu beobachten ...

Bewertung:

Wie in den Arena-Thrillern üblich, steht im Handlungsmittelpunkt ein Teenager, in dessen Umfeld plötzlich ein Mord geschieht und der allmählich selbst in Gefahr gerät.

Hier ist die Hauptfigur die sechzehnjährige Franziska, ein typischer Teenager und damit wohl als Identifikationsfigur durchaus geeignet. Franziska fühlt sich als Außenseiterin - sie ist ein Bücherwurm, der anders als ihre Klassenkameradin gerne mal Hesse liest; sie ist eher burschikos und findet ihre mausbraunen Haare langweilig. Vor allem ihre Unsicherheit in Bezug auf Jungs ist gut nachzuempfinden. Franziska möchte Paul gerne beeindrucken, allein ihr fehlt die zündende Idee. Dementsprechend gestalten sich die ersten Gespräche recht holprig und Franziskas verwirrte Gedanken und Sorgen wirken authentisch.

Die Handlung bietet eine gewisse Spannung, die sich um zwei grundlegende Fragen rankt: Wer hat Katrin ermordet und wer stalkt Franziska? Franziska erhält anfangs beleidigende Mails und Sms, doch eines Tages liegt auch eine tote Ratte vor ihrer Tür und schließlich deutet alles darauf hin, dass sich jemand Zutritt zu ihrem Zimmer verschafft hat. Es ist ungewiss, wie weit Franziskas Stalker gehen wird und ob es vielleicht sogar zu einem weiteren Mord kommt. Des Weiteren wird Franziskas Konflikt bezüglich Pauls möglicher Involvierung gut dargestellt. Es ist verständlich, dass sie trotz gewisser Indizien an seine Unschuld glaubt und ihn etwa gegenüber ihren besorgten Eltern verteidigt. Andererseits ist sie aber auch nicht gänzlich naiv und erwägt, ob er nicht doch zumindest für das Stalking verantwortlich sein könnte.

Leider mischen sich in diese grundlegend positiven Aspekte auch einige Mängel hinein. Auffallend ist etwa, dass dem psychologischen Konflikt Franziskas nach Katrins Tod zu wenig Raum gegeben wird. Katrin war zwar in Hinblick auf Paul ihre Konkurrentin, aber dennoch ihre engste Freundin. Was ihr plötzlicher Tod in Franziska auslöst, wird kaum thematisiert. Nach Katrins Beerdigung wird ihr Tod fast nur noch in Bezug auf den Mörder aufgegriffen; Franziskas Selbstvorwürfe und ihre Verlustgefühle bleiben zu sehr außen vor.

Handlungstechnisch stören zwei naive Verhaltensweisen von Franziska sowie von ihrem Stalker. Als Franziska die Droh-E-Mails erhält, verdächtigt sie Paul, da sie ihm kurz zuvor ihre Mailadresse gab. Sie kommt nicht auf die naheliegende Idee, ihn zu überprüfen, indem sie ihm eine neue Mailadresse gibt - würde der Stalker nun diese neue Adresse benutzen, die sonst keiner kennt (was er nicht ahnt), würde er sich damit als Paul verraten. Der Stalker wiederum verrät sich schließlich durch einen äußerst dummen Leichtsinnsfehler, was angesichts seines sonst perfiden Vorgehens unglaubwürdig wirkt. Dazu kommt, dass die Motivation des Mörders sehr durchsichtig ist und vom Leser deutlich schneller erkannt wird als von den Figuren.

Fragen wirft die Sms auf, die Franziska von ihrem Stalker erhält. Die Absendernummer "war unterdrückt worden" heißt es, was allerdings technisch nicht möglich ist (im Gegensatz zur unterdrückten Rufnummer). Per Internet ist eine anonyme Sms dagegen möglich - allerdings ermittelt die Polizei später die betroffene Handy-Nummer (eines nicht zuordbaren Prepaidhandys), woraus zu schließen ist, dass die Sms offenbar nicht mit per Internet geschickt wurde - wie es dann möglich war, die Absendernummer auszublenden, bleibt also offen.

Fazit:


Ein durchschnittlicher Jugendthriller, der ganz gut unterhält, allerdings auch nicht in allen Belangen überzeugt. Geht in Ordnung, wenn man keine hohen Erwartungen hat, prägt sich aber nicht ein; es gibt viele bessere Werke in diesem Genre.

30. Januar 2014

Spinnenfalle - Nina Schindler

Produktinfos:

Ausgabe: 2010, cbt
Seiten: 304
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Die Autorin:

Nina Schindler arbeitete zunächst als Gesamtschullehrerin, ehe sie sich in den Neunzigerjahren dem Schreiben widmete. Aus ihrer Feder stammen sowohl Sachbücher wie "Das Überlebensbuch für Eltern" auch auch zahlreiche Kinder- und Jugendbücher wie "Mauerblümchenalarm", "Liebe lebensgefährlich" und "Karlas Jacke".

Inhalt:

Die vierzehnjährige Alexandra Koopmann, genannt Alex, freut sich zunächst, als das russische Aupair-Mädchen Ljuba in ihre Familie kommt. Sie hofft, dass Ljuba ihr wie eine ältere Schwester wird und sie mit ihr viel unternehmen und über Jungs quatschen kann.

Doch es kommt alles anders als gedacht: Die hübsche Ljuba wirkt zwar sehr sympathisch, zeigt aber ausgerechnet an Alex kein Interesse. Liebend gern macht sie mit den siebenjährigen Zwillingen Katharina und Kristina Ausflüge, auch die Herzen der Eltern und von Daniel, Alex' älterem Bruder, fliegen ihr rasch zu. Gegenüber Alex zeigt sie sich aber trotz deren Bemühungen kühl.

Nach Alex' erster Enttäuschung wird es noch zunehmend schlimmer. Ljuba scheint keine Gelegenheit auszulassen, Alex vor Familie und Freunden ins schlechte Licht zu rücken. Immer häufiger steht bei den beiden Aussage gegen Aussage und Alex' Umfeld schenkt Ljuba Glauben, während Alex als hysterisch und eifersüchtig gilt. Alex wird immer verzweifelter, zumal sie ahnt, dass mit Ljuba etwas nicht stimmt - was bezweckt das Aupair-Mädchen mit seinen Lügen und warum durchsucht es heimlich die Zimmer der Koopmanns ...?

Bewertung:

Jugendgeeignete Thrillerelemente und Teenagerstoff vermischen sich in "Spinnenfalle" zu einem soliden, aber nicht überwältigenden Gesamtpaket.

Die Handlung hält sich nicht lange mit Vorgeplänkel auf, sondern geht im medias res. Hauptfigur Alex fungiert als Ich-Erzählerin, die schnell einen Überblick über ihr Leben gibt: Alex ist ein etwas burschikoses Mädchen, unerfahren mit Jungs, recht glücklich in ihrer Familie, auch wenn es hin und wieder Stress im Sechs-Personen-Haushalt gibt. Ihre Gedankengänge sind zunächst gut nachvollziehbar: Alex ist zunächst nicht begeistert, dass ein Aupair einzieht, zumal die Fremde auch noch mit ihr im Keller wohnen und sich ein Bad mit ihr teilen wird. Dann jedoch verspürt auch Alex etwas Vorfreude und erhofft sich in Ljuba eine gute Freundin. Ljubas abweisende Reaktionen sind anfangs sehr subtil und der Leser kann sich gut in Alex' Verwirrung hineinversetzen, vor allem bezüglich der Frage, ob Alex überinterpretiert oder Ljuba sie wirklich nicht mag.

Der Roman bietet durchaus eine gewisse Spannung, insbesondere als sich Ljubas Intrigen steigern und man ihr kriminelle Handlungen zutraut. Im Raum stehen die Fragen, wen Ljuba alles bezirzen und gegen Alex aufbringen wird, wie Alex reagiert und welchen Zweck die Russin damit verfolgt. Der Leser ist Alex' Verbündeter, als Einziger weiß er von der Ungerechtigkeit, während Alex' Freunde und Familienmitglieder - in unterschiedlichem Ausmaß - eher Ljubas Darstellungen glauben. Teilweise ist dies sogar verständlich, denn die hübsche Ljuba besitzt Charme, ihre Situation - weit weg von ihrer Heimat - weckt Mitgefühl und Verständnis, sie scheint nie müde, die quirligen Zwillinge zu betreuen, ist eine Perle im Haushalt und zeigt nie vor Dritten, wie sie wirklich über Alex denkt.

Daneben wird jugendliche Leserinnen in Alex' Alter sicher vor allem ihre Anbändelei mit Klassenkamerad Marlon Vergnügen bereiten. Die unerfahrene Alex wagt kaum zu hoffen, dass der begehrte Marlon sich für sie interessieren könnte. Als er sie dann um Nachhilfe bittet, ist Alex überwältigt und erst recht, als sich daraus mehr ergibt. Alex' Unsicherheiten in Bezug auf Marlon und ihre Sorge vor der möglichen Eifersucht er beiden besten Freundinnen, die Marlon ebenfalls reizvoll finden, werden realistisch geschildert und bieten eine gute Identifikationsgrundlage. Daneben gibt es auch ein paar kleine kulturelle Einblicke in Marlons philippinische Herkunft und die Schwierigkeiten, die sich für ausländische Jugendliche auftun, wenn sie erst seit wenigen Jahren in Deutschland leben.

Vor allem im zweiten Teil allerdings schwächelt das Buch und das liegt vorwiegend an der Thrillerhandlung. Zunächst einmal wird mit den ständigen Vorausdeutungen auf das kommende Unheil reichlich übertrieben - immer wieder erwähnt Alex, dass mit Ljuba alles anders kommen sollte als erhofft, dass sich alle getäuscht haben, dass sich die Lage noch gehörig verschlimmern wird. Im Vergleich dazu nimmt sich dann Ljubas tatsächlicher Beweggrund für ihr Verhalten relativ harmlos und unspektakulär aus. Sowohl die Mittel, zu denen Ljuba greift als auch ihr dubioses Umfeld laden zu dramatischen Spekulationen ein - doch statt einer Aufsehen erregenden Enthüllung ist der Hintergrund schließlich eher enttäuschend. Zudem kommt er nicht einmal überraschend, denn einige von Ljubas Aktionen im Haus ist sehr verräterisch und lockt den Leser, anders als Alex, sofort auf diese Fährte.

Ljubas Vorgehen ist teilweise sehr geschickt, an manchen Stellen aber doch wieder viel zu riskant - insbesondere, wenn sie die siebenjährigen Zwillinge zu Mitwissern bei geheimen Treffen macht und sich darauf verlässt, dass diese sie nicht verraten. Es ist nicht recht überzeugend, wie leicht es ihr gelingt, Intrigen anzuleiern. So richtet sie mehrfach Alex falsche Botschaften von Freunden aus und behauptet anschließend, sie habe etwas missverstanden und alle außer Alex geben sich damit zufrieden - glaubwürdig ist dies nicht.

Fazit:


Alles in allem ein durchschnittlicher Jugendthriller für Leser um die vierzehn Jahre. Das Grundthema ist reizvoll, wird aber allenfalls solide umgesetzt. Leicht zu lesen und ein ordentlicher Zeitvertreib, solange man keine höheren Ansprüche stellt.

21. November 2013

Dein Blick so kalt - Inge Löhning

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Produktinfos:

Ausgabe: 2013
Seiten: 368

Die Autorin:

Inge Löhning, Jahrgang 1957, studierte in München Grafik-Design und arbeitet heute selbständig in diesem Beruf. Nebenbei ist sie als Autorin tätig. Im Arena-Verlag erschienen bislang die Werke Schattenkuss, Scherbenparadies und Dein Blick so kalt.

Inhalt:

Die siebzehnjährige Lou hat gerade ihren Realschulabschluss geschafft und will unbedingt eine Ausbildung zur Mediengestalterin absolvieren. Ihre Eltern aber sind dagegen und sähen sie lieber als Arzthelferin. Die Medienwelt erscheint ihnen zu unseriös, Lous Vater glaubt ohnehin nicht an ihre Durchhaltekraft. Zudem wäre eine Ausbildung nur in der nächsten Großstadt, München, möglich, was Lous Eltern viel zu gefährlich ist - erst recht, nachdem dort gerade eine Gleichaltrige ermordet wurde.

Lou aber bewirbt sich gegen den Willen ihrer Eltern und erhält tatsächlich eine Praktikumszusage bei einer Münchner Werbeagentur. Schließlich geben ihre Eltern nach. Lou wird für zwei Monate eine Wohnung im Mietshaus ihrer Tante zur Verfügung bekommen und ist optimistisch, nach dem Praktikum einen Ausbildungsplatz zu erhalten.

Allerdings entpuppt sich ihre Traumvorstellung bald als komplizierter als gedacht: Die Kollegen in der Agentur sind zwar nett, aber ihr Chef Julian belästigt sie sexuell. Zudem hat sie in der arroganten und verwöhnten Mitpraktikantin Sylke eine Konkurrentin um den Ausbildungsplatz - und Sylke ist offenbar bereit, sich auf Julians Flirts einzulassen. Noch viel dramatischer wird es aber, als Lou seltsame Nachrichten erhält: Offenbar beschattet sie jemand und fotografiert sie heimlich. Zudem verschwindet ein Kleidungsstück aus ihrer Wohnung und jemand schickt ihr eine Traueranzeige des ermordeten Mädchens zu. Bis auf Lous neuen Freund Lysander scheint niemand ihre Sorgen ernst zu nehmen ...

Bewertung:

Die Arena-Thriller versprechen jugendgerechte Spannung und für Teenager, die noch keine große Genreerfahrung haben, bietet "Dein Blick so kalt" auch tatsächlich kurzweilige Unterhaltung.

Protagonistin Louise, genannt Lou, ist ein recht sympathischer Teenager, wenn auch ohne ein besonders origineller Charakter zu sein. Lou ist zielstrebig, recht quirlig, burschikos und ziemlich dickköpfig. Es liegt nah, dass sich der Leser schnell auf ihre Seite schlägt, gerade Teenager, die ihre Situation wohl umso besser nachvollziehen können: Lou hat den völlig legitimen Wunsch, ihre Traumausbildung zu machen - oder zumindest erst einmal ein Praktikum zu absolvieren, denn sie merkt leider, dass sie ohne praktische Erfahrungen chancenlos bei Bewerbungen ist. Ihre Eltern sind tendenziell übervorsichtig, wollen sie nicht in der Großstadt München sehen und sähen sie ohnehin lieber in einer anderen Berufssparte.

Lous Probleme sind gut nachvollziehbar, auch dann, als sie endlich ihren Praktikumsplatz ergattert hat: Sie bekommt lediglich eine Fahrkarte bezahlt, sie muss gemeinsam mit ihrer besten Freundin den Umzug nach München meistern, sie muss sich schnell anspruchsvollen Aufgaben stellen, hat einen unangenehmen Chef und eine ebenso unangenehme Konkurrentin. Lous Situation ist verzwickt, aber durchaus nicht unrealistisch und es fällt dem Leser nicht schwer, sich in ihre Lage einzufühlen. In der zweiten Hälfte sorgt die aufkeimende Liebelei mit Lysander für ein paar witzige und niedliche Momente

Ganz allmählich schleicht sich schließlich die Bedrohung in ihr Leben ein. Ein Unbekannter schickt ihr eine unheimliche E-Mail, die aber noch kein Grund ist, sich bei der Polizei zu melden. Als Lou dämmert, wie ernst es ihrem Stalker ist, ist er bereits viel zu weit in ihr Leben eingedrungen. Verdächtige hat es reichlich in Lous Umgebung: Da ist einmal ihr Onkel Achim, der Ex-Mann ihrer Tante Ute, der im gleichen Haus wohnt. Achim ist ein attraktiver Hallodri, der Lou gerne Komplimente macht und in dessen Gegenwart sie sich schon früher nie richtig wohl fühlte. Dann ist da der Sohn der Hausverwalterin - ein einsilbiger Nerd, der ihr intensive Blicke zuwirft.

Nicht zu vergessen einer ihrer Nachbarn, ein zwar höflicher, aber kühler und überkorrekter Mann mittleren Alters, den Lou im Stillen für sich "Prinzipienreiter" getauft hat - auch er taucht immer wieder in ihrer Nähe auf und sie fühlt sich beobachtet. Dazu natürlich ihr Chef Julian, der anfangs zweideutige Bemerkungen macht und sich schließlich auch zu Handgreiflichkeiten hinreißen lässt - und der nicht damit umgehen kann, dass sich Lou widersetzt. In Verdacht gerät sogar ihre Konkurrentin Sylke - die hochnäsige "Sylke mit Üps" aus reichem Elternhaus, die auch zu unfairen Mitteln greift, um Lou beim Kampf um den Ausbildungsplatz auszustechen.

Im letzten Drittel schwächelt der Roman allerdings etwas. Es häufen sich die Zufälle, vor allem das große Finale wirkt zu konstruiert, die Dramatik wird zu künstlich herbeigeführt, zu dominant tritt das Bestreben hervor, alles von den entscheidenden Sekunden abhängig zu machen. Die Auflösung, wer hinter den Taten steckt, ist zwar nicht wirklich vorhersehbar, aber dennoch oder gerade deswegen enttäuschend - es werden einfach zu viele und zu auffallende falsche Fährten gelegt, zu angestrengt wird vom wahren Täter abgelenkt. Eher belanglos als gehaltvoll präsentieren sich überdies die kurzen Sequenzen, in denen der personale Erzähler die Gedanken des Mörders wiedergibt - der Täter wirkt hier ausgesprochen klischeehaft und ohne Charisma. Leider werden auch nicht alle Handlungsaspekte zu Ende geführt, bestimmte wichtige Personen tauchen etwa nicht mehr auf, was den Schluss zusätzlich etwas unbefriedigend macht.

Fazit:

Ein für Jugendliche durchaus spannender Thriller, der solide unterhält - für routinierte Genreleser dagegen recht durchschnittlich geraten.

3. Mai 2013

Die Straße zwischen den Welten: John Franklins Suche nach der Nordwest-Passage - Christa-Maria Zimmermann

Produktinfos:

Ausgabe: 2007
Seiten: 299
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Die Autorin:

Christa-Maria Zimmermann, geboren 1943 in Oberösterreich, studierte zunächst Kunstgeschichte und Geschichte und arbeitete später als Redakteurin. Nach der Geburt ihrer Kinder konzentrierte sie sich auf das Schreiben Kriminalromanen sowie historischen Kinder- und Jugendbüchern. Weitere Werke sind u.a. "Hundert Tage bis Lhasa", "Die Nacht, als die Titanic sank" und "Der Königsraub am Rhein".

Inhalt:

London, 1854: Der 14-jährige Matti lebt in armen Verhältnissen, sein alkoholabhängiger Vater schlägt sich in der Konservenfabrik als Arbeiter durch, seine Mutter ist tot. Nach einem harten Arbeitstag verhindern sie einen Überfall auf den zwölfjährigen Christopher - Mattis Vater kommt dabei ums Leben. Aus Dankbarkeit für die Rettung nimmt Chris' wohlhabende Familie Matti bei sich auf und die beiden Jungen schließen rasch Freundschaft.

Durch Chris erfährt Matti von der bevorstehenden Expedition des legendären John Franklin, der mit den beiden gewaltigen Schiffen "Erebus" und "Terror" die Nordwestpassage finden und durchqueren will. Chris ist stolz darauf, einen Platz als Schiffsjunge bekommen zu haben und zu seiner Freude darf auch Matti mitfahren. Bald darauf brechen die beiden Schiffe in die Arktis auf.

Am Anfang der Reise sind alle an Bord optimistisch, auch den ersten Sturm meistern sie gut. Schließlich müssen sie jedoch feststellen, dass ihre vorgesehenen Routen eingefroren sind - die Schiffe werden zur Überwinterung gezwungen. Aufgrund der vielen Vorräte scheint dies zunächst kein Problem zu sein, doch dann gibt es erste Todesfälle und die Stimmung an Bord wendet sich ...

Die Franklin-Expedition im Jugendgewand

Viel ist über die dramatische Franklin-Expedition geschrieben worden, bei der Mitte des 19. Jahrhunderts zwei Schiffe mit knapp 130 Mann Besatzung im ewigen Eis des Nordpols verschwanden, nicht zuletzt Dan Simmons' großartige Historik-Horror-Variante Terror.

Vereinzelte Leichen- und Lagerfunde, zwei Nachrichten und Inuitberichte geben ein vages Zeugnis darüber ab, was sich damals in den Jahren nach der Abreise der "Erebus" und der "Terror" in der Arktis abgespielt haben muss. Das Scheitern einer so modern angelegten Expedition unter dem erfahrenen Kommandanten John Franklin und das grauenhafte Ende der Männer, das in Kannibalismus mündete, bewegen noch heute die Gemüter und bieten durchaus auch für einen Jugendroman in vereinfachter Form einen packenden Stoff - in allen Belangen kann das Werk dennoch nicht überzeugen.

Es dauert eine Weile, bis die Expedition überhaupt startet, doch die Vorgeschichte ist nicht unwichtig, um die beiden Hauptfiguren besser kennen zu lernen. Matti und Chris kommen aus unterschiedlichsten Verhältnissen, dennoch werden sie schnell gute Freunde und bewähren sich auch als die beiden Jüngsten unter den Seeleuten an Bord. Besonderen Reiz haben die Tagebucheinträge von Chris, die immer mal wieder in die Handlung eingeschoben werden und eine gute Ergänzung zu den Geschehnissen bilden. Der historische Hintergrund ist auf ein für junge Leser verständliches Maß zusammengekürzt, ebenso werden sämtliche Seefahrtsausdrücke gut erklärt.

Überzeugend gestaltet die Autorin den Übergang von optimistischer Stimmung zu allmählichem Zweifel: Neujahrsmorgen 1846 stirbt ein Heizer, was die Mannschaft zwar erschüttert, doch nicht weiter beunruhigt, da er offenbar schon krank die Expedition angetreten hat. Die nächsten beiden Todesfälle lassen jedoch nicht lange auf sich warten und diesmal reagieren die Männer unruhiger. Es drängt sich der Verdacht auf, dass mit den Konserven etwas nicht stimmt - und Matti, der in genau jener Fabrik mit seinem Vater gearbeitet hat, kann sich sogar an fatales Gespräch diesbezüglich erinnern, das nun für dramatische Folgen sorgen könnte. Einer der dramatischsten Zwischenfälle ist schließlich der Tod von John Franklin, dem Mann, der allen Männern stets Zuversicht eingeflößt hat, auch wenn sich die Expedition als schwieriger erwies als gedacht. Es gelingt der Autorin recht gut, die fiktiven Schicksal der beiden Jungen in die historische Situation einzufügen. Auch wenn der Ausgang der Expedition bekannt sein sollte, verleihen Matti und Chris der Handlung zusätzliche Spannung, da nicht gewiss ist, ob es zumindest für sie ein gutes Ende gibt.

Aber auch für einen Jugendroman für Leser ab etwa zwölf Jahren ist das Werk ein bisschen zu oberflächlich geraten. Außer John Franklin erhält kaum einer der Männer an Bord ein wirkliches Profil, gerade Charaktere wie Francis Crozier, der nach Franklins Tod das Kommando übernahm, hätten eine etwas nähere Betrachtung verdient. Zu den Mankos zählt auch, dass entscheidende Ereignisse am Ende der Expedition hier kaum beleuchtet werden, da sich Matti und Chris gemeinsam mit ein paar anderen vom Rest vorübergehend trennen, um auf die Jagd zu gehen und so bei der Rückkehr vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Auch wenn die Jagdereignisse nicht uninteressant sind, wäre es reizvoller gewesen, die Geschehnisse beim Lager zu verfolgen. Letztlich kommt das Ende etwas zu plötzlich und ist zwar vom Grundgedanken her gut, aber zu knapp ausgeführt. Es macht mehr neugierig, als dass es befriedigt und ist nicht ganz so wirkungsvoll, wie es die Thematik verdient hätte.

Fazit:


Ein insgesamt unterhaltsamer und spannender Jugendroman, der die wahre Geschichte der Franklin-Expedition altersgemäß umsetzt. Allerdings hält das Buch nicht alles, was die Thematik verspricht und schwächelt in ein paar Belangen, dennoch auf alle Fälle lesenswert, nicht nur für Jugendliche.

3. April 2013

Schiffbruch in der Antarktis: Shackletons blinder Passagier - Victoria McKernan

Produktinfos:

Ausgabe: 2005
Seiten: 384
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Die Autorin:

Victoria McKernan ist seit ihrem neunzehnten Lebensjahr in der ganzen Welt umhergereist. 1982 machte sie ihren Bachelor und arbeitete sowohl als Unterwassermodel als auch als Tauchlehrerin und Segellehrerin. Sie verfasst überwiegend Thriller für Erwachsene.

Inhalt:

1914: Der achtzehnjährige Perce Blackborow und sein Freund, der 26-jährige Amerikaner Billy Bakewell, suchen in Buenos Aires ein neues Schiff zum Anheuern, nachdem ihr vorheriges überraschend auf Grund gelaufen ist. Zufällig erfahren sie, dass Ernest Shackleton hier auf Zwischenstation ist und noch Männer für seine Expedition zum Südpol sucht. Perce ist begeistert - er bewundert den berühmten Polarforscher. Ziel der Expedition ist die Durchquerung der Antarktis mit der "Endurance".

Perce und Billy bewerben sich, doch zu Perces Enttäuschung wird nur Billy genommen. Spontan beschließen die beiden, dass Perce als blinder Passagier mitkommt. Nach einer Woche wird Perce entdeckt und darf sich als Steward bewähren. Die Mannschaft ist zunächst optimistisch, was die Expedition betrifft und Perce findet gute Freunde.

Doch schon bald stößt die "Endurance" in einem der Randmeere der Antarktis auf ungeahnt dichtes Packeis. Das Schiff kommt nur langsam voran und steckt Anfang 1915 schließlich fest. Die ersten Monate hoffen die Männer, nach dem Abtauen weiterfahren zu können. Stattdessen wird das Schiff im Oktober 1915 durch das Packeis zerstört. Shackleton, seine 27 Männer und rund 20 Schlittenhunde müssen sich auf eine Eisscholle retten. Notdürftig ausgerüstet kämpfen sie ums Überleben. Der Traum von der Durchquerung der Antarktis ist vorüber - Shackleton sieht sich plötzlich vor der fast unmöglichen Aufgabe, die Mannschaft vor dem Tod zu bewahren ...

Einmal weiße Hölle und zurück

  • "Wenn es um wissenschaftliche Führungsqualitäten geht, gib mir Scott; für schnelles und effizientes Vorwärtskommen Amundsen; aber falls man in einem Höllenloch ist und heraus möchte, knie nieder und bete um Shackleton." (Apsley Cherry-Garrard/Raymond Priestly)


Unter den vielen spannende und dramatischen Reisen des Goldenen Zeitalters der Antarktisexpeditionen gehört die Shackleton-Expedition zu den berühmtesten - und das, obwohl oder gerade weil sie in ihrer ursprünglichen Mission scheiterte. Ernest Shackleton gilt seither nicht nur wie schon zuvor als außergewöhnlicher Forscher, sondern auch als ein Musterbeispiel an Souveränität und Führungskraft. Dass alle Männer der Besatzung der "Endurance" die jahrelangen Strapazen unter widrigsten Umständen in der Antarktis überlebten, ist beinah ein Wunder und sicherlich eine der schönsten Rettungsgeschichten überhaupt.

Victoria McKernan hat nicht nur ausgiebig recherchiert, sondern auch auch mit den Angehörigen der Familien von Perce Blackborow und Billy Bakewell gesprochen - die Familien der beiden sind noch heute miteinander befreundet. Die Autorin hält sich grundsätzlich eng an die Fakten, ergänzt durch persönliche Erinnerungen einiger Teilnehmer, reichert diese Basis aber auch mit viel Phantasie an. Perce steht im Mittelpunkt der Geschehnisse - verstärkt wird dies durch fiktive Tagebucheinträge von Perce, die immer wieder dazwischen geschoben werden. Das Resultat ist ein fesselndes Abenteuerbuch, das Jugendliche ab etwa zwölf Jahren genauso begeistert wie Erwachsene. Zusammen mit dem jüngsten Besatzungsmitglied Perce erlebt man die Schönheit wie auch den Schrecken der Antarktis in allen ihren Facetten. Anfangs ist es für Perce und Billy einfach eine aufregende Reise, an der Seite des großen Ernest Shackleton. Perce schleicht sich als blinder Passagier ein und bekommt bei seiner Entdeckung erst einmal eine Schimpftirade von Shackleton zu spüren - und kurz darauf auch einen Anflug trockenen Humors. Der blinde Passagier bewährt sich und muss daher nicht fürchten, im Falle einer Hungersnot als Erster verspeist zu werden, wie ihm Shackleton scherzhaft androhte.

Das Leben auf See, während die Endurance in immer kältere Gefilde gleitet, wird anschaulich geschildert und diese Schilderungen sind auch für Jugendliche zu bewältigen, die keine besonderen Seefahrtkenntnisse besitzen. Nach und nach wächst die Mannschaft zusammen, es bilden sich Freundschaften wie auch Abneigungen. Nicht alle Teilnehmer der Expedition können gleichermaßen beleuchtet werden, doch einige erscheinen dem Leser sehr deutlich vor Augen - etwa Frank Wild, der stellvertretende Expeditionsleiter, ein stiller, tapferer Mann, der Shackletons rechte Hand ist und wie ein Fels in der Brandung alle Entbehrungen erträgt. Oder der humorvolle Fotograf Frank Hurley, der in fast jeder Situation seine Kamera parat hat und dem die Nachwelt die großartigen Aufnahmen während der ganzen Expedition verdankt. Oder der Zweite Offizier Tom Crean, ein schweigsamer irischer Riese, auf den in jeder Situation Verlass ist. Oder der Schiffskoch Charlie Green, klein und mit quäkiger Stimme, der es immer wieder versteht, aus den Resten abwechslungsreiche Mahlzeiten zu zaubern. Oder der pedantische Thomas Orde Lees, der als Lagerverwalter fungiert und wegen seiner akribischen Zählerei und seiner humorlosen Art von den anderen spöttisch "die alte Jungfer" genannt wird. Und nicht zuletzt Ernest Shackleton selbst, der unerschütterliche Expeditionsleiter, der seiner Mannschaft in jeder Situation Zuversicht einflößt und die Antarktis mehr liebt als irgendeinen anderen Ort auf der Welt. Victoria McKernan gelingt es, eine Ahnung von diesem charismatischen Forscher zu vermitteln und zugleich die Faszination für den weißen Kontinent nahe zu bringen, der so schön und doch so gefährlich ist.

Humorvolle Anekdoten, liebenswerte Neckereien und herzerwärmende Freundschaftsbeweise wechseln sich ab mit dramatischen und bewegenden Momenten. Die Männer lassen sich anfangs durch das zähe Voranschreiten der Expedition nicht erschüttern, spielen Fußball, verkleiden sich, lesen sich durch die Weltliteratur, spielen Karten und nutzen jede Gelegenheit für eine ablenkende Festivität - und feiern so mal den Jahrestag der Erfindung der Konservendose und mal den Sultan von Mesopotamien. Aber auch wenn der Leser durch die Geschichte weiß, dass alle Männer der Expedition gerettet werden, gibt es auch schmerzhafte Szenen - etwa wenn sich die Mannschaft von den mitgeführten Hunden und der Schiffskatze "Mrs. Chippy" trennen muss, da der Proviant nicht reichen wird oder wenn Perce schwerste Erfrierungen an den Füßen erleidet und fünf Zehen amputiert bekommt. Sehr reizvoll ist auch der Epilog, in dem das weitere Schicksal einiger der wichtigsten Figuren bis zu ihrem Tod erzählt wird. Dazu gibt es eine Zeittafel, eine Karte und einige Fotografien von Frank Hurley, der für seine kostbaren Bilder in das eiskalte Meer tauchte.

Zu bemängeln gibt es an diesem Buch wahrlich wenig. Nicht ganz verständlich ist allerdings, weshalb die Autorin den zweiten Arzt Dr. James McIlroy nicht erwähnt und den Eindruck erweckt, der junge Dr. Alexander Mackling sei der einzige Arzt an Bord - das wird besonders deutlich bei der Amputationsszene, die in Wirklichkeit beide Ärzte gemeinsam vornahmen, während Macklin hier lediglich von Frank Hurley und Frank Wild assistiert wird. Die Zeit nach der Rettung wird ein bisschen zu knapp erzählt, gerade Perces erste Tage zurück bei seiner Familie hätte man noch kurz anreißen können, der Roman klingt ein bisschen plötzlich aus.

Fazit:

Ein bewegender, spannender und dramatischer Abenteueroman für Jugendliche und Erwachse, der auf Tatsachen beruht. Fesselnd von Anfang bis Ende, teils auch humorvoll, mit nur sehr kleinen Mängeln.

19. Juli 2012

Wirbel im Internat - Marie Louise Fischer

Produktinfos:

Ausgabe: 1971
Seiten: 102
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Die Autorin:

Marie-Louise Fischer, 1922-2005, zählt zu den bekanntesten Autorinnen Deutschlands. Sie studierte zunächst Germanistik, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaften, ehe sie als Dramaturgin in Prag arbeitete. Mit 29 Jahren erschien ihr erster Roman. Seitdem verfasste sie mehr als hundert Bücher, vorwiegend Gesellschafts- und Frauenromane. Vor allem ihre meist mehrbändigen Mädchenromane wurden zu Klassikern innerhalb der Jugendbuchliteratur, z.B. die Reihen "Ulrike", "Klaudia" und "Michaela".

Inhalt:

Nach den Sommerferien kehren die Schülerinnen des vornehmen Mädcheninternats Schloss Hohenwartau in Bayern zurück. Für große Aufregung sorgt die Neuigkeit, dass ein neuer Lehrer angekommen ist. Dr. Herbert Jung ist ein attraktiver junger Lehrer, der Deutsch und Englisch unterrichten wird. Vor allem die Schülerinnen der 12. Klasse, die ihn in Deutsch bekommen, sind hingerissen und schwärmen für ihn. Seine Vorliebe für Tweedjacken bestimmt seinen Spitznamen - von nun an heißt er nur noch "Tweedy" bei den Mädchen.

Besonders stark erwischt hat es die hübsche Yvonne, die zuhause sehr verwöhnt wird und sehr selbstbewusst ist. Ihre beste Freundin Helga ist das genaue Gegenteil von ihr: Sie stammt aus einer kinderreichen Familie, die längst nicht so wohlhabend ist. Dafür ist Helga vernünftig und klug und trotz ihrer Gegensätze sind die Mädchen beste Freundinnen. Während Yvonne felsenfest davon überzeugt ist, dass Tweedy in sie verliebt ist, schwärmt Helga heimlich für ihn. Mit dem Verstand weiß sie zudem, dass sie wohl kaum eine Chance hat.

Helga bekommt allerdings Hoffnung, als Tweedy eines Nachmittags mit ihr spazieren geht und sich offensichtlich sehr für sie interessiert. Yvonne kontert mit einer Herausforderung zum Tennismatch, wo sie eine Annäherung versucht. Noch brisanter wird es, als Tweedy Helga am Heimfahrtswochenende mit dem Auto nach München fährt. Die einstige Freundschaft zwischen Helga und Yvonne bricht und es kommt zu einem heftigen Streit ...

Bewertung:


Im Gegensatz zu den meisten Internatsbüchern von Marie Louise Fischer stehen hier nicht 12-14-jährige Mädchen im Mittelpunkt, sondern 17-jährige Fast-Abiturientinnen, die im nächsten Band sogar volljährig sind. Dementsprechend ist auch der Tenor der Handlung nicht mehr ganz so unschuldig, sondern es geht eindeutig um Liebeleien und teilweise auch Interesse an Sex, wenngleich das Buch für heutige Verhältnisse immer noch recht brav daherkommt.

Helga ist sicherlich eine sehr sympathische Hauptfigur, wenn auch fast schon etwas zu perfekt. Sie hängt sehr an ihrer Familie mit den fünf jüngeren Geschwistern, ist fleißig und intelligent und bildet sich gleichzeitig nicht viel darauf ein. Wenn der Leser es einem der Mädchen gönnt, tatsächlich bei Tweedy Erfolg zu haben, dann gewiss ihr. Da Tweedys Verhalten nicht eindeutig ist, ist auch für Spannung durchaus gesorgt. Mal scheint es, als habe er mehr Interesse für Helga als es einem Lehrer zusteht, dann wieder verhält er sich völlig neutral. Die Freundschaft zwischen Yvonne und Helga bröckelt zusehends und junge Leserinnen bekommen hier demonstriert, dass man sich nicht in eine Schwärmerei hineinsteigern sollte wie Yvonne und es erst recht unsinnig ist, eine langjährige Freundschaft deswegen zu kündigen.

Allerdings verzeichnet das Buch auch einige Mankos, die es sogar schwächer als die Fortsetzung "Im Internat gibts keine Ruhe" machen. Dass die Afro-Amerikanerin Babsy wie selbstverständlich als "Negermädchen" bezeichnet wird, ist angesichts der Entstehungszeit nicht ungewöhnlich oder despektierlich gemeint. Störend ist aber der mehr oder weniger unterschwellige Rassismus, den manche Figuren ihr gegenüber haben und der zwar als negativ dargestellt, aber viel zu sehr übergangen wird. Da sind einmal Yvonnes Eltern, die es alles andere als gern sehen, dass ihre Tochter freudig ihre Klassenkameradin in der Oper begrüßt. Auch wenn sie Babsys Eltern als große Künstler anerkennen, ist eine "Negerin" nicht der Umgang, den sie sich für Yvonne wünschen und sie fühlen sich unwohl, in der Öffentlichkeit mit ihr gesehen zu werden. Hier wäre eine Szene nicht schlecht gewesen, in der Yvonne die Äußerungen ihrer Eltern mitbekommt und Babsy verteidigt, anstatt dass man die Bemerkungen einfach so stehen lässt. Beinah noch schlimmer ist die Reaktion der Erzieherin Fräulein von Zirpitz, "die Zirpe" genannt, die in die Prügelei zwischen Helga und Yvonne stößt. Sie missinterpretiert Babsys Versuch, die Mädchen zu trennen und ereifert sich, dass es sie am allerwenigsten wundere, ausgerechnet Babsy darin verwickelt zu sehen - offenbar hat sie eine grundlose heftige Abneigung gegen Babsy, die sich auf deren Hautfarbe bezieht. Und obwohl sicher niemand von Babys anwesenden Freundinnen so eine Bemerkung gutheißen kann, gibt es keine Reaktion von Seiten der Mädchen.

Erschreckend sind zudem manche Regeln im Internat. Als Helga nachts ihrer schlaflosen Freundin Yvonne ein Glas Wasser bringt und dazu kurz über den Flur ins Bad huscht, taucht gleich darauf die Erzieherin auf und durchleuchtet das Zimmer mit der Taschenlampe - man fragt sich unwillkürlich, ob es tatsächlich verboten ist, nachts auf Toilette zu gehen oder sich etwas zu trinken zu holen. In der Szene danach würde sich Helga gern zum Trost aufs Bett zu ihrer traurigen Freundin setzen - aber sie wagt es nicht, denn wer sich auf das Bett einer Kameradin legt oder auch nur auf deren Bettkante setzt, wird sofort aus dem Internat entlassen. Und so wagt es Helga selbst mitten in der Nacht nicht, sich auch nur für wenige Sekunden auf Yvonnes Bettkante zu setzen, da sie sonst erwischt werden und fliegen könnte, was auch angesichts der siebziger Jahre erschreckend prüde ist.

Zu guter Letzt ist das Verhalten der Mädchen, auch im direkten Vergleich zu anderen Charakteren der Internatsserien, zu übertrieben. Die immerhin fast erwachsenen Mädchen steigern sich von Anfang an extrem schnell in ihre Schwärmereien hinein. Sie wissen kaum etwas über den neuen Lehrer und träumen schon davon, von ihm als Partnerin erwählt zu werden. Eher komisch als realistisch sind ihre Aktionen, etwa wenn die immerhin verlobte Margot ein heimlich geknipstes Foto im Medaillon bei sich trägt oder Uschi einen Faden aus Tweedys Jacke stibitzt und als Reliquie aufbewahrt. "Tweedy" selbst verhält sich wiederum für einen Lehrer reichlich naiv und trägt durch sein Verhalten dazu bei, dass sich die Schwärmereien noch verstärken.

Fazit:

Ein recht schwaches Buch aus einer der vielen Internatsserien von Marie Louise Fischer, das ausnahmsweise vom Nachfolgeband übertroffen wird. Die Figuren sind zwar teilweise sympathisch und die Handlung ist überwiegend lehrreich. Allerdings gibt es auch zahlreiche übertriebene und unrealistische Stellen, vor allem in den Verhaltensweisen der Charaktere. Ein Buch, das man als Fan solcher typischer Mädchenromane ruhig lesen kann, das aber qualitativ hinter vielen anderen Büchern der Autorin zurücksteht.