23. Februar 2017

Die Sippe - Marc-Oliver Bischoff

Produktinfos:

Ausgabe: 2016
Seiten: 317
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Der Autor:


Marc-Oliver Bischoff, geboren 1967 in Lemgo, studierte Wirtschaftswissenschaften und arbeitet als Technologieberater. Gleich für sein Krimidebüt "Tödliche Fortsetzung" erhielt er den Friedrich-Glauser-Preis. Weitere Werke sind "Die Voliere" und "Golanhöhen".

Inhalt:


Die junge Krankenschwester Katharina verpasst einen Anruf ihrer Schwester Sara. Als sie später ihre Mailbox abhört, erklingt ein verstörender Hilferuf. Saras Handy ist daraufhin nicht mehr zu erreichen. Katharina sorgt sich um ihre Schwester und fragt auf deren Arbeitsstelle in Rostock nach, wo Sara als Gerichtsvollzieherin arbeitet. Dort erfährt sie, dass sich Sara für eine Woche krankgemeldet hat.

Doch Sara ist weder in ihrer Wohnung noch in einem Krankenhaus, ihr Hausarzt hat sie auch nicht krankgeschrieben. Katharina meldet sie vermisst, doch die Polizei glaubt, dass sich alles harmlos aufklären wird. Katharina hingegen fürchtet, dass ihrer Schwester etwas zugestoßen ist, und forscht auf eigene Faust nach.

Saras Spur verliert sich in dem Dorf Grantzow, wo sie kurz vor ihrem Verschwinden einen beruflichen Termin hatte. Doch in dem idyllischen Dorf will sie niemand gesehen haben. Katharina quartiert sich in dem Örtchen ein. Die Zeit scheint hier einige Jahrzehnte zurückgedreht worden zu sein: Die Einwohner verzichten auf moderne Technik, bauen auf ökologische Landwirtschaft und leben in einfachen, aber scheinbar sehr harmonischen Verhältnissen. Doch Katharina spürt schon bald, dass hinter der Fassade dieser seltsamen Gemeinschaft nicht alles so friedlich ist ...

Bewertung:


Marc-Oliver Bischoffs "bislang politischste(r) Roman", wie es auf der Buchrückseite heißt, widmet sich den Gefahren faschistoider Gemeinschaften und fremdenfeindlichen Tendenzen, die gerade in den Jahren 2016 und 2017 in diversen westlichen Ländern vermehrt aufflammen.

Das Werk ist anfangs sehr spannend, da unklar ist, was mit Sara geschehen ist und wie die Bewohner des Dorfes auf Katharinas Nachforschungen reagieren werden. Einige Bewohner von Grantzow begegnen dem neugierigen Neuankömmling sichtlich misstrauisch bis feindselig, andere sind aber weniger durchschaubar. Eine interessante Figur ist vor allem Ursula "Ursel" Breker, auf deren Biobauernhof Katharina vorerst unterkommt. Katharina versteht sich gut mit Ursels Kindern Niklas und Ester-Marie, Ursel verhält sich freundlich und großzügig, und sie verbringen viel Zeit miteinander; Ursel ist mit Abstand Katharinas engste Vertraute im Dorf. Andererseits war ausgerechnet Ursels Hof Saras letzter Termin vor ihrem Verschwinden, und Katharina weiß nicht, wie weit sie Ursel wirklich vertrauen kann - hat sie Sara tatsächlich nie gesehen, weiß sie wirklich nichts über deren Verschwinden? Oder hat sie vielleicht Angst vor der "Sippe" und hält deswegen Informationen zurück? Oder ist sie sogar in Saras Verschwinden involviert? Diese Fragen stellen sich sowohl Katharina als auch der Leser.

Der kriminalistische Teil der Handlung dreht sich um Katharinas Suche nach ihrer Schwester. Der Roman enthält aber auch eine starke gesellschaftlich-politische Komponente. Gezeigt wird auf der einen Seite die Gefahr, die von nationalistischen Gruppierungen ausgeht, auf der anderen Seite wird verdeutlicht, wie leicht man in diese Fänge geraten kann. Katharina begegnet Menschen, die die fremdenfeindliche Gesinnung der Dorfbewohner unterschätzen und verharmlosen und nur die positiven Aspekte des altmodischen Dorflebens sehen, das durch die vier Familien der "Sippe" kontrolliert und organisiert wird: Gesunde Ernährung wird großgeschrieben, Kinder lernen Disziplin, Mütter werden bei der Erziehung entlastet, die Dorfgemeinschaft unterstützt einander und Nachbarschaft existiert nicht nur auf dem Papier.

In der zweiten Hälfte gibt es allerdings ein paar Schwächen. Katharinas vorheriges Leben spielt plötzlich keine Rolle mehr, da sich alles um das Dorf dreht, obwohl zuvor ein paar nicht uninteressante Punkte berührt worden: Katharina hat ein geheimes Verhältnis mit dem Arzt Dr. Roland Keller, was in der Klinik auf keinen Fall publik werden darf. Eines Abends wird sie überfallen und beinah vergewaltigt. Sie erleidet kurz darauf in der Öffentlichkeit einen Zusammenbruch und wird zu ihrem Pech in das Krankenhaus eingeliefert, in dem sie arbeitet. Schließlich erhält ausgerechnet ihre Mitbewohnerin den Zuschlag für die begehrte Stelle der Stationsleitung, für die Katharina sich beworben hatte. Natürlich lässt sich durch diese Vorgeschichte gut erklären, weshalb Katharina sich eine Auszeit nimmt und in Ruhe nach ihrer Schwester suchen kann; dennoch ist es etwas schade, dass all diese Punkte, die ihr Leben in den Wochen zuvor so sehr bestimmten, seit ihrer Ankunft in Grantzow quasi keine Rolle mehr spielen.

Weiterhin fällt ein wenig störend auf, dass der Handlung nach und nach etwas an Glaubwürdigkeit einbüßt. Es erscheint nicht wirklich realistisch, dass Katharina binnen einer Woche von der Gemeinschaft akzeptiert wird und man davon ausgeht, dass sie tatsächlich deren Gesinnung übernommen hat und fortan hier leben möchte. Das fällt umso mehr auf, wenn man bedenkt, wie misstrauisch ihr anfangs begegnet wird. Katharina wird im Schnelldurchlauf mit den Grundsätzen und Regeln der Gemeinschaft gefüttert, ihre Indoktrinierung liest sich recht oberflächlich, hier wäre etwas mehr Subtilität schön gewesen. Überhaupt verläuft gegen Ende alles etwas schnell und überstürzt, verglichen mit dem anfänglichen langsamen Aufbau.

Fazit:

"Die Sippe" von Marc-Oliver Bischoff ist ein interessanter Spannungsroman mit aktueller und brisanter politischer Thematik. Vor allem die erste Hälfte unterhält gut und überzeugt, in der zweiten schleichen sich dann ein paar Schwächen ein.

20. Februar 2017

Angstmädchen - Jenny Milewski

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Heyne
Seiten: 336
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Die Autorin:

Jenny Milewski, Jahrgang 1971, stammt aus Schweden und arbeitet in der Werbebranche. Bereits ihr Debütroman, der Thriller "Skalpelltanz", wurde sehr positiv aufgenommen.

Inhalt:

Die neunzehnjährige Malin zieht für ihr Wirtschaftsstudium in ein Studentenwohnheim im schwedischen Linköping. Für das schüchterne Mädchen ist es ein großer Schritt, und sie hofft, sich schnell einzugewöhnen. Ihre Mitbewohner sind der nette Pelle, der schweigsame Torbjörn, die schöne und etwas mysteriöse Rebecka und die selbstbewusste Camilla.

Malin freut sich, dass zu ihrem Badezimmer eine Badewanne gehört. Doch dann erfährt sie von ihren Mitbewohnern, dass sich ihre Vormieterin kurz zuvor darin umgebracht hat. Yuko war eine japanische Studentin, die nur wenige Monate dort lebte, ehe sie sich aus unbekannten Gründen die Pulsadern aufschnitt. Malin ist verstört über diese Neuigkeit und denkt viel über das unbekannte Mädchen nach.

Gleichzeitig bemerkt sie unheimliche Vorgänge im Wohnheim. Immer wieder findet sie dicke schwarze Haarbüschel in ihrer Badewanne, die nicht von ihr stammen; sie hört Türenknallen und Schritte, obwohl sie allein ist, immer wieder ist der Boden überflutet. Schließlich sieht sie eine weiße Gestalt mit schwarzen Haaren. Für Malin steht fest, dass Yukos Geist im Wohnheim umhergeht - und sie fühlt sich immer mehr verfolgt ...

Bewertung:

Jenny Milewskis "Angstmädchen" weckt schnell gewisse Assoziationen zum japanischen Horrorfilm (bzw. dessen Romanvorlage) und dessen amerikanische Neuverfilmung "Ring". Zwar gibt es hier kein verhängnisvolles Video, dafür aber eine weibliche Geistergestalt mit langen schwarzen, ins Gesicht hängenden Haaren, die den Lebenden zur Bedrohung wird.

Die Spannung baut sich langsam auf, die Bedrohung ist zunächst sehr subtil und diffus. Man lernt die schüchterne Protagonistin und Ich-Erzählerin Malin kennen, die sich in ihrem neuen Heim erst eingewöhnen muss. Malin wurde in Südkorea geboren, wurde aber mit drei Monaten von einem schwedischen Ehepaar adoptiert und hat keine Erinnerung mehr an ihre Heimat, geschweige denn, dass sie Koreanisch sprechen würde. Dennoch wird sie aufgrund ihres exotischen Aussehens immer wieder für eine Ausländerin gehalten. Da ist es kein Wunder, dass sie sich der verstorbenen Yuko verbunden fühlt, auch wenn sie ihr nie begegnet ist. Im Gegensatz zu ihr war Yuko tatsächlich fremd in Schweden, verstand kaum die Sprache und nur gebrochenes Englisch; Malin denkt oft daran, wie einsam sich Yuko gefühlt haben muss, und hat den Verdacht, dass ihre WG-Genossen sich vielleicht nicht genug um sie gekümmert haben.

Die ersten seltsamen Vorkommnisse kann man noch zur Not rational erklären, doch allmählich wird Malin klar, dass im Wohnheim etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Spannung ergibt sich aus den Fragen, was Yuko noch alles für bedrohliche Szenarien in Gang setzen wird und wie Malins Mitbewohner auf die Vorfälle reagieren. Es gibt ein paar unheimliche und beklemmende Momente, harten Horror sucht man hier jedoch vergebens, ebenso wie bemerkenswerte Wendungen; der Verlauf ist sehr konventionell Es liegt mehr eine sanfte Gruselatmosphäre mit zunehmender Melancholie über der Handlung, und sowohl deshalb als auch aufgrund des jungen Alters der Figuren und des einfach gehaltenen Stils eignet sich die Lektüre durchaus für jugendliche Leser. Yukos Schicksal berührt; unweigerlich fragt man sich ebenso wie Malin, warum sie diesen Schritt ging, man möchte fortwährend mehr über das japanische Mädchen erfahren, an das niemand außer Malin noch zu denken scheint.

Ein kleiner Minuspunkt ist der Prolog, der zwar gleich eine intensive Stimmung kreiert, aber letztlich etwas zu viel vorwegnimmt. Des Weiteren ist schade, dass Yukos Tagebuch erst so spät in der Handlung und dann so kurz wieder aufgenommen wird, ebenso wie der Japandozent Peter Östlund. Malin findet Yukos Tagebuch und erhofft sich daraus Erkenntnisse über ihre Herkunft und vor allem ihre Zeit in Schweden und ihre Gründe für den Suizid. Sie bittet unter einem Vorwand den Japanologen Peter Östlund um einen kurzen Einblick. Der junge, unkomplizierte Peter Östlund ist eine sympathische Figur, die ruhig noch größeren Raum in der Handlung verdient gehabt hätte. Zudem gibt er interessante Einblicke in die japanische Mythologie, und dieser Punkt spielt eine nicht unwichtige Rolle - umso schöner wäre es gewesen, wenn dieser Punkt noch etwas weiter ausgebaut worden wäre.

Die Nebencharaktere sind grundsätzlich interessant, da so unterschiedlich und nicht von Anfang an klar einzuordnen. Allerdings sind sie nicht so ausgefeilt und dem Leser so nah, dass man wirklich um sie bangen würde. Als Wohnheimbewohner schweben sie alle in Gefahr, aber die Frage, ob jemand von ihnen sterben wird, fesselt nicht so sehr.

Fazit:


"Angstmädchen" von Jenny Milewski ist ein solider Gruselroman, der auch von Jugendlichen gelesen werden kann. Das Thema ist zwar altbekannt, und es gibt keine großen Überraschungen. Dennoch unterhält der Roman recht gut, wenn man mit einer konventionellen Handlung zufrieden ist.

29. Januar 2017

Saving Grace - B. A. Paris

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei Blanvalet
Seiten: 349
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Die Autorin:

B. A. Paris stammt aus England, hat aber die meiste Zeit ihres Lebens in Frankreich verbracht. Sie arbeitete im Finanzbereich und als Lehrerin, ehe sie mit "Saving Grace" ihren ersten Roman veröffentlichte, der gleich ein großer Erfolg wurde.

Inhalt:

Grace und Jack Angel scheinen das perfekte Paar zu sein. Jack ist überaus attraktiv, charmant und engagiert sich als Anwalt für Opfer von häuslicher Gewalt. Grace ist elegant und bildschön und kümmert sich liebevoll um ihre jüngere Schwester Millie, die am Downsyndrom leidet. Sobald Millie achtzehn ist, soll sie zu Grace und Angel in deren eindrucksvolles Anwesen in einem Londoner Vorort ziehen; die beiden haben ihre Vormundschaft übernommen.

Bei genauerer Betrachtung fallen Grace' Bekannte mit der Zeit ein paar seltsame Dinge auf: Grace kommt nie allein zu Treffen, sondern wird immer von Jack begleitet; häufig sagt sie Verabredungen ganz ab. Sie hat weder ein Handy noch eine eigene E-Mail-Adresse und hat mit der Heirat ihre Arbeitsstelle aufgeben. Sie geht ein paar Hobbys nach, aber trotzdem ist nicht ganz klar, was sie den ganzen Tag zuhause macht, ohne sich zu langweilen. Das schöne Haus ist wie eine Festung gesichert. Doch für all diese Kleinigkeiten haben sie und Jack stets eine harmlose Erklärung parat, sodass sich niemand weiter wundert.

Tatsächlich trügt der Schein, und hinter der perfekten Fassade liegt ein Alptraum. Jack Angel ist nicht der, für den die anderen ihn halten - und er sorgt dafür, dass Grace es niemandem sagen kann. Sein wichtigstes Druckmittel ist Millie, über die er als Vormund bestimmen kann. Grace weiß, dass sie irgendetwas unternehmen muss, bevor Millie zu ihnen zieht und auch sie ihm ausgeliefert ist ...

Bewertung:

Mit "Saving Grace" legt B. A. Paris ein wirklich ausgesprochen gelungenes Thrillerdebüt vor, das in fast allen Belangen sehr überzeugt. Der Roman zeichnet das beklemmende Porträt einer jungen Frau, deren Leben in den Händen eines Psychopathen liegt. Am Anfang ist es etwas schwer nachzuvollziehen, weshalb Grace nicht aus dieser Ehehölle ausbricht, doch mit der Zeit fügen sich alle Gründe zusammen - und ergeben ein erschreckendes Gesamtbild.

Als Leser fiebert man mit Grace mit und sucht nach Lösungen, nur um immer wieder eines Besseren belehrt zu werden: Jack genießt einen hervorragenden Ruf, er ist als bekannter und bewunderter Anwalt misshandelter Frauen über jeden Verdacht erhaben. Sein Charme und seine Einflussmöglichkeiten bei Polizei und Ärzten machen es möglich, dass er Grace' als labil, hysterisch und unzurechnungsfähig hinstellt. Grace' Eltern leben in Neuseeland, von ihren engen Freunden hat er sie systematisch isoliert, sodass Grace keine Vertrauensperson hat. Sie lebt im Haus als Gefangene, hat keine Chance, unbemerkt die Außenwelt zu informieren. Jack kontrolliert akribisch ihre Taschen und Kleidung und sorgt dafür, dass sie keine Zettelbotschaften aus dem Haus schmuggeln kann - davon abgesehen, dass sie ohnehin keinen Zugang zu Stiften hat.

In der ersten Zeit ihrer Gefangenschaft unternimmt Grace dennoch ein paar Fluchtversuche, aber wie befürchtet schenkt niemand ihren scheinbar wirren Schilderungen Glauben. Zudem verfügt Jack mit Millie über ein perfektes Druckmittel: Für jeden Widerstand sagt er die obligatorischen Wochenendfahrten zu Millies Internat ab; zudem weiß Grace, dass er als Vormund die kleine Schwester in eine psychiatrische Anstalt abschieben könnte. Jack ist so intelligent wie grausam, er spielt mit Grace, ermutigt sie teilweise sogar zu Fluchtversuchen, da ihn ihr Scheitern amüsiert.

Die Handlung spielt auf zwei Zeitebenen. Im Vergangenheitsstrang erzählt Grace, wie sie Jack vor rund einem Jahr kennenlernte und gemeinsam mit Millie eine enge Bindung zu ihm aufbaute, ehe sie nach der Hochzeit schlagartig sein wahres Gesicht erkannte. Im Gegenwartsstrang rückt der Tag, an dem Millie aus dem Internat zu Grace und Jack ziehen soll, immer näher - und Grace will um jeden Preis verhindern, dass es soweit kommt. Daraus ergibt sich ein höchst spannendes Duell, man bangt mit Grace, hofft auf ihre Rettung, die doch schier aussichtslos zu sein scheint. Grace' Handlungen und Gedanken sind nachvollziehbar, es gibt kaum Situationen, in denen sie nicht stimmig wirken. Die siebzehnjährige Millie, liebenswert und offen, ist eine gelungene Nebenfigur. Das Verhältnis der Eltern zu ihren Töchtern war immer distanziert, sodass dass die sechzehn Jahre ältere Grace schon früh eine Art Mutterrolle für Millie übernahm. Grace kann den Gedanken nicht ertragen, dass die unbefangen-fröhliche Millie in Jacks Hände fallen könnte, und auch für den Leser wird diese Vorstellung bald unerträglich.

Insgesamt bleiben nur sehr kleine Kritikpunkte. Zum einen dauert es vielleicht ein paar Seiten zu lang, ehe man von Jacks Motivation und seinen umfassenden Maßnahmen erfährt. Es kann ein wenig ungeduldig machen, dass man zunächst immer nur liest, wie Jack seine Frau kontrolliert und wie angespannt sie ist, ohne dass man durchschaut, warum genau er das macht und was Grace davon abhält, in der Öffentlichkeit zu flüchten oder um Hilfe zu bitten. Zum anderen bleibt am Schluss ein kleines Fragezeichen, ob eine bestimmte Inszenierung wirklich so überzeugend auf objektive Betrachter wirken wird wie suggeriert. Unterm Strich fallen diese Punkte allerdings kaum störend ins Gewicht.

Fazit:

"Saving Grace" von B. A. Paris ist ein sehr fesselnder Psychothriller, der den Leser bis zum Schluss in Atem hält. Von Kleinigkeiten abgesehen, liegt hier ein hervorragendes Debüt vor, das sich allen Freunden spannender Romane empfiehlt.

27. Januar 2017

Und draußen stirbt ein Vogel - Sabine Thiesler

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei Heyne
Seiten: 448
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Die Autorin:

Sabine Thiesler studierte Germanistik und Theaterwisenschaften und arbeitete als Bühnenschauspielerin, ehe sie Schriftstellerin wurde. Neben "Der Kindersammler" verfasste sie auch einige Theaterstücke und schrieb Drehbücher für Fernsehserien wie "Tatort" und "Polizeiruf 110". Andere Werke sind "Hexenkind", "Die Totengräberin" und "Der Menschenräuber".

Inhalt:

Die deutsche Autorin Rina Kramer lebt zurückgezogen in der Toskana, wo sie ihre erfolgreichen Bücher schreibt. Ihr Ehemann Eckart reist die meiste Zeit des Jahres als Regisseur durch die Welt, der kleine Sohn Fabian wohnt in einem deutschen Internat und verbringt nur die Ferien in Italien.

Rina weiß nicht, dass sie einen fanatischen Stalker hat, der sie bei ihren Lesungen beobachtet und ihr Leben auskundschaftet. Manuel Gelting ist davon überzeugt, dass Rina ihm seine Buchideen gestohlen hat und er nur ihretwegen kein Autor geworden ist. Als sich Rina nach einer Lesung in Deutschland wieder in die Toskana zurückzieht, folgt er ihr mit seinem Wohnwagen.

Es trifft sich perfekt für ihn, dass Rina die kleine Gästevilla bei ihrem Haus an Urlauber vermietet. Er mietet sich bei ihr ein und plant seine Rache, während Rina und ihr kleiner Sohn ihn für einen etwas verschrobenen, aber harmlosen Gast halten ...

Bewertung:

Mit ihrem Roman "Und draußen stirbt ein Vogel" bleibt Sabine Thiesler ihrem Schema treu und legt den achten Thriller vor, der in der Toskana spielt. Die Werke sind in sich abgeschlossen, doch wie immer spielt auch hier Commissario Donato Neri eine kleine Rolle. Der bemühte Polizist, der nach wie vor seiner einstigen Stelle in Rom nachtrauert und bei Ermittlungen immer wieder die falschen Schlüsse zieht oder haarscharf an der Aufklärung vorbeischlittert, kommt hier allerdings nur am Rande vor.

Die Handlung um die Bestsellerautorin Rina Kramer ist teilweise spannend, und grundsätzlich liest sich das Werk schnell und flüssig. Lange Zeit ist unklar, wie weit Manuel mit seiner Rache gehen wird, ob es vielleicht Tote geben wird. Gerade wenn man bereits andere Thriller aus Sabine Thieslers Feder kennt, weiß man, dass am Ende nicht zwangsläufig ein glücklicher Ausgang stehen muss, dass nicht immer der moralischen oder gesetzlichen Gerechtigkeit (vollständig) Genüge getan wird. Das Setting ist reizvoll, auch wenn man es so oder so ähnlich schon aus Thieslers anderen Romanen kennt: eine wild-romantische Gegend abseits der Städte, viel ursprüngliche Natur, eine einsame Lage des Hauses über vierzehn Serpentinen, keine Nachbarn. Für Rina Kramer sind diese idyllischen Bedingungen ideal, um sich ganz in Ruhe ihrer Arbeit widmen zu können; ironischerweise ist auch ihr Stalker dafür dankbar, dass sein Opfer es ihm so leicht macht. Es ist auch keine schlechte Idee, das Stalkerthema hier etwas zu variieren: Manuel Gelting ist kein Fan der Autorin, der von ihr Beachtung wünscht oder eine besondere Bindung zu ihr fühlt wie beispielsweise Annie Wilkes aus Stephen Kings "Misery". Stattdessen hasst er sie und macht sie für sein deprimierendes Leben und seine Erfolglosigkeit verantwortlich.

Der kriminalistische Teil wird durch kleine Nebenstränge ergänzt. Da ist einmal Rinas und Eckarts erkaltete Ehe, die quasi nur noch auf dem Papier besteht. Rina akzeptiert stillschweigend Eckarts Daueraffäre mit seiner Regieassistentin, die meiste Zeit des Jahres ist er ohnehin in anderen Ländern unterwegs. Der kleine Fabian entdeckt auf einer Vatikanreise seine Begeisterung für den Petersdom und knüpft ein vertrauliches Band mit Pater Johannes, der wiederum eine Gemeinde in der Toskana übernimmt. Fabians plötzlich erwachter Religionseifer ist Eckart allerdings ein Dorn im Auge; und bei Pater Johannes ist zunächst uneindeutig, inwieweit er wirklich vertrauenswürdig ist.

Aber im Gegensatz zu früheren Werken, vor allem die ersten Romane "Der Kindersammler", "Hexenkind", "Die Totengräberin" und "Der Menschenräuber", ist die Figur des Täters hier blass geraten. Manuel Gelting bleibt eine diffuse Figur, zwar bedrohlich, aber nicht faszinierend. Seine Gedankenwelt wird nie wirklich nachvollziehbar; die Erklärung, warum er Rina für eine Plagiatorin hält, ist nicht sehr überzeugend, sondern weit hergeholt. Es gibt zwar einen nicht uninteressanten Rückblick in Manuels Jugend mit einem einschneidenden Erlebnis; dennoch ist er, trotz seiner finsteren Pläne und Gedanken, ein unspektakulärer Bösewicht. Rina Kramer ist eine soweit sympathische Protagonistin, aber auch kein Charakter, der sich ins Lesergedächtnis einpflanzt. Schade ist zudem, dass Commissario Neris Mitwirken sehr spärlich ausfällt. Insgesamt erscheint das Buch eher wie ein Abklatsch vergangener Werke ohne eigene Stärke; es funktioniert als solide Lektüre, wenn man keine besonderen Erwartungen hat, bleibt aber unter Sabine Thieslers üblichem Niveau.

Fazit:


"Und draußen stirbt ein Vogel" ist ein durchschnittlicher Thriller, der nicht an Sabine Thieslers beste Werke heranreicht. Der Roman bietet eine solide, halbwegs spannende und kurzweilige Lektüre, ohne sich aber nachhaltig einzuprägen. Vor allem die Täterfigur und ihre Motivation sind wenig überzeugend.

25. Januar 2017

Dark Wood - Thomas Finn

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei Knaur
Seiten: 464
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Der Autor:

Thomas Finn wurde 1967 in Chicago geboren und lebt heute in Deutschland. Nach seinem VWL-Studium arbeitete er als Journalist und Autor, vor allem für die Rollenspielreihe "Das Schwarze Auge". Weitere Werke sind u.a. "Weißer Schrecken", "Der Funke des Chronos", Die Chroniken-der-Nebelkriege-Trilogie und Die Wächter-von-Astaria-Trilogie.

Inhalt:

"Survive" ist der Titel der spektakulären Realitysendung, deren Teilnehmer durch die Show die Chance bekommen, ihre Firma zu retten. Eine Handvoll Mitarbeiter muss innerhalb von wenigen Tagen einige Prüfungen irgendwo in der Wildnis meistern - wenn es ihnen gelingt, erhält die Firma 500.000 Euro. Zusätzlich gibt es für den besten Teilnehmer 50.000 Euro extra.

Diesmal sind sechs Mitarbeiter einer Hamburger Werbeagentur die Teilnehmer, und die Show findet in abgelegenen norwegischen Wäldern statt. Während sie an ihre körperlichen und seelischen Grenzen gehen müssen, werden sie rund um die Uhr von Kameras beobachtet, und die Welt kommentiert im Internet das Geschehen.

Zwischen den ungleichen Kollegen Bernd, Lars, Gunnar, Sören, Katja und Dagmar kommt es schnell zu einigen Unstimmigkeiten, die Anstrengungen zehren zusätzlich an den Nerven. Doch alles wird noch viel dramatischer, als einer der Teilnehmer verletzt wird und keine Hilfe kommt. Plötzlich sind die sechs von der Außenwelt abgeschnitten - allein mit etwas, das in den Wäldern lauert ...

Bewertung:

Casting- und Survivalshows haben in den letzten Jahren für mehrere Thriller und Horrorromane den Hintergrund geliefert, man denke etwa an "Survive - Du bist allein" von Alexandra Oliva, "Wonderland" von Christina Stein oder "Schlusstakt" von Arno Strobel. Thomas Finns Horrorthriller "Dark Wood" setzt gleichfalls auf ein Realityshowkonzept, das sich plötzlich in ein Schreckensszenario verwandelt.

"Survive" präsentiert sich als trashinges Unterhaltungsformat, das alle Klischees der gängigen Show mit sich bringt. Moderator Daniel ist ein aalglatter und arroganter Fiesling, der genüsslich die Schwachstellen der Kandidaten aufdeckt. Die Kollegen werden bewusst gegeneinander ausgespielt, etwa indem es zu wenig Essensrationen gibt oder indem angeblich vertrauliche Einzelinterviews mit prekären Aussagen über die anderen unverhofft allen vorgespielt werden. Zudem müssen die Teilnehmer einerseits zusammenhalten, um die Firma zu retten, andererseits sind sie auch Konkurrenten um die 50.000 Euro Extraprämie. Da liegt es nah, dass es schnell zu ersten Konflikten zwischen den Kollegen kommt, die sich teilweise schon im Vorfeld nicht sonderlich grün gewesen sind. Die Kandidaten kämpfen zunächst gegen widrige Bedingungen wie Kälte, Unwetter und Hunger, gegen Anfeindungen untereinander und schließlich gegen eine unheilvolle Bedrohung aus den Wäldern, bei der sich erst spät herauskristallisiert, welcher Natur sie ist.

Für durchgehende Spannung sorgen die Fragen, was genau für die Angriffe verantwortlich ist, wer von den Kandidaten möglicherweise umkommt und wie sich die sechs charakterlich entwickeln. Es gibt keine herausragende Hauptfigur, mal steht der eine, mal der andere Kandidat mehr im Vordergrund. Interessant ist vor allem, dass der erste Eindruck nicht immer von Dauer ist; manch einer der Kollegen hat ein dunkles Geheimnis oder zeigt im späteren Verlauf ungeahntes Verhalten, sowohl im positiven als auch im negativen Sinn. Gunnar ist der Buchhalter, der mit dem Agenturchef befreundet ist und sich recht nervös präsentiert. Texter Lars ist jung, gut aussehend und sportlich, dabei aber auch sehr von sich selbst überzeugt. Eitel und ausgesprochen selbstbewusst ist auch Art-Direktor Bernd, mit 52 der älteste der Kandidaten. IT-Fachmann Sören hingegen ist ein scheuer Nerd, schwer übergewichtig und gewohnt, als Zielscheibe für Spott herzuhalten. Kontakterin Katja wiederum ist eine attraktive und schlagfertige Blondine, während PR-Beraterin Dagmar als freundliche, schüchterne graue Maus erscheint. Im Laufe der Zeit bilden sich sowohl Feindschaften als auch Allianzen, die für Leserunterhaltung sorgen.

Schon der Überlebenskampf in den rauen Natur und die Konflikte untereinander böten genug Stoff für einen fesselnden Thriller. In "Dark Wood" gesellt sich aber noch eine weitere, zunächst noch unklare Bedrohung mit dezentem Übernatürlichkeitsfaktor hinzu. Horrorfans kommen auf ihre Kosten, dafür sorgt die gruselige Atmosphäre. Es herrscht überwiegend Dunkelheit, es gibt keinen sicheren Rückzugsort und im späteren Verlauf spielt ein riesiges Höhlensystem eine wichtige Rolle.

Nicht immer überzeugend ist das Verhalten der Charaktere. Auch als ihnen schon klar ist, dass sie in Lebensgefahr schweben, streiten sie sich noch über berufliche Dinge. Sicher kommen einige sehr unschöne Dinge ans Tageslicht, trotzdem ist es nicht realistisch, dass die Vorwürfe und Feindseligkeiten die Kollegen angesichts der Extremsituation so sehr beschäftigen - "Rettet erst mal euer Leben", möchte man den Figuren glatt zurufen.

Fazit:

"Dark Wood" von Thomas Finn ist ein spannender, wenngleich nicht absolut hochklassiger Horrorthriller. Er überzeugt durch eine fesselnde Handlung und ein reizvolles Setting; da ist es auch zu verschmerzen, dass die Charaktere sich nicht immer ganz realistisch verhalten.