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3. März 2017

Nachts in meinem Haus - Sabine Thiesler

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Heyne
Seiten: 512
* * * * *
Die Autorin:

Sabine Thiesler studierte Germanistik und Theaterwisenschaften und arbeitete als Bühnenschauspielerin, ehe sie Schriftstellerin wurde. Neben "Der Kindersammler" verfasste sie auch einige Theaterstücke und schrieb Drehbücher für Fernsehserien wie "Tatort" und "Polizeiruf 110". Andere Werke sind "Hexenkind", "Die Totengräberin" und "Der Menschenräuber".

Inhalt:

Der Künstler Tom Simon führt ein glückliches Leben: Er ist wohlhabend, hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht, betreibt eine Hamburger Galerie und ist verheiratet mit der attraktiven und erfolgreichen Regisseurin Charlotte. Gemeinsam bewohnen sie ein reizvolles, abgelegenes Anwesen im Hamburger Norden.

Doch in einer Unwetternacht ändert sich Toms Leben von Grund auf. Er trifft eine fatale Entscheidung und steht plötzlich vor den Trümmern seines Lebens. Sein bester Freund, der gewiefte Anwalt René, verhilft ihm zur Flucht; Tom soll bis auf Weiteres in Renés Haus in einem toskanischen Bergdorf unterkommen. Unterdessen will René für Tom die Wogen glätten.

Tom ahnt jedoch nicht, dass René sehr bald seine Meinung ändert. Während sich Tom in der Toskana versteckt, fädelt sein Freund einen perfiden Plan gegen ihn ein. Erst ganz allmählich kommt Tom der Verdacht, dass er niemandem mehr trauen kann ...

Bewertung:

Mit "Nachts in meinem Haus" legt Sabine Thiesler den inzwischen neunten Toskana-Krimi vor. Wie immer verbindet sie darin Handlungsstränge in Deutschland und Italien miteinander, und wie immer hat auch Donato Neri, vom Pech verfolgter Carabiniere aus Ambra, eine kleine Rolle darin.

Die Ausgangssituation ist reizvoll: Tom Simon führt ein scheinbar perfektes Leben, bis er in einer verhängnisvollen Nacht eine Fehlentscheidung trifft. Da er fürchtet, dass die Polizei ihm seine Version nicht glauben würde, flüchtet er nach Italien. Anfangs ist es recht spannend, diese Flucht mitzuverfolgen. Das gilt ebenso für die Frage, wie sich parallel die Dinge in Deutschland entwickeln, das heißt, welche Schlüsse die Ermittler ziehen und wie sich Toms Freund René verhält. Zu diesem frühen Zeitpunkt fällt es noch recht leicht, mit Tom zu bangen, da er zwar einen fatalen Fehler begangen hat, dieses katastrophale Resultat aber absolut nicht beabsichtigte.

Und während im letzten Roman "Und draußen stirbt ein Vogel" der ambrische Ermittler Neri nur eine sehr kleine Rolle innehatte, bekommt er hier wieder deutlich mehr Raum. Neri hat nicht nur direkten Kontakt mit Tom Simon, sondern auch sein Privatleben erfährt ein paar einschneidende Veränderungen. Wer also Sabine Thieslers Werke gerade auch wegen dieser Nebenfigur verfolgt, der wird hier zumindest in dieser Hinsicht auf seine Kosten kommen. Gelungen wie üblich sind die Beschreibungen der toskanischen Landschaft und Lebensart; Sabine Thiesler versteht es, den Charme des Dorflebens in die Krimihandlung zu integrieren.

Aber von diesen Punkten abgesehen, kann der Roman nicht wirklich überzeugen. Zum einen ist Tom im weiteren Handlungsverlauf kein besonders sympathischer Protagonist. Anfangs ist er noch geschockt über seine Tat, schon bald aber sorgt er sich vor allem um seinen unbequemen Lebensstil. Er trauert seinem Luxus hinterher und versinkt in Selbstmitleid; von Reue über sein Verhalten ist nicht mehr viel zu spüren. Er ist daher niemand, mit dem man als Leser besonders fühlen oder leiden könnte.

Weiterhin stört Toms teils extreme Naivität. Als ihn beispielsweise René telefonisch darüber informiert, dass die Polizei nach ihm sucht, ist er sehr verwundert, obwohl ihm klar sein sollte, dass ihn die Ermittler, egal ob als Verdächtiger oder als möglicher Zeuge, unbedingt sprechen wollen. Tom denkt auch nicht daran, dass sein vorgetäuschtes Alibi mit einer angeblichen Nachricht aus Lissabon auf Renés Anrufbeantworter für die Polizei zu durchschauen sein dürfte - schließlich sollte sowohl nachweisbar sein, dass der Anruf gar nicht aus Lissabon kam, als auch, dass er deutlich nach dem Tatzeitpunkt stattfand, auch wenn René bei seinem Anrufbeantworter das Datum verändern möchte. Letztlich denkt Tom auch nicht an mögliche Zeugen, die ihn kurz vor dem fraglichen Zeitpunkt noch in Hamburg gesehen haben könnten, wenn er sich angeblich schon längst im Ausland befunden haben will. Etwas fragwürdig ist außerdem, wie schnell die Polizei alle Taxifahrer zu ihren Fahrgästen in jener Nacht überprüft hat: Über tausend Taxis in Hamburg sind keiner Zentrale angeschlossen, die Fahrer also schwer aufzufinden, was hier aber offenbar keine Rolle spielt.

Ein weiterer Schwachpunkt liegt in der Figur René. Auf dem Papier klingt es interessant, dass der beste Freund plötzlich zum größten Feind wird und geschickt gegen einen intrigiert. Und der Grund, warum René sich gegen Tom stellt, ist auch nachvollziehbar. Aber wie skrupellos René plötzlich im wahrsten Wortsinn über Leichen geht, um seinen Plan auszuführen, ist nicht sehr glaubhaft. Auch der sehr abrupte Umschwung eines weiteren Charakters reiht sich darin ein.

Fazit:

"Nachts in meinem Haus" von Sabine Thiesler ist trotz recht guter Ansätze ein maximal durchschnittlicher Thriller. Er liest sich zwar schnell weg, aber ein paar Logikschwächen schmälern den Lesegenuss deutlich.

27. Januar 2017

Und draußen stirbt ein Vogel - Sabine Thiesler

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei Heyne
Seiten: 448
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Die Autorin:

Sabine Thiesler studierte Germanistik und Theaterwisenschaften und arbeitete als Bühnenschauspielerin, ehe sie Schriftstellerin wurde. Neben "Der Kindersammler" verfasste sie auch einige Theaterstücke und schrieb Drehbücher für Fernsehserien wie "Tatort" und "Polizeiruf 110". Andere Werke sind "Hexenkind", "Die Totengräberin" und "Der Menschenräuber".

Inhalt:

Die deutsche Autorin Rina Kramer lebt zurückgezogen in der Toskana, wo sie ihre erfolgreichen Bücher schreibt. Ihr Ehemann Eckart reist die meiste Zeit des Jahres als Regisseur durch die Welt, der kleine Sohn Fabian wohnt in einem deutschen Internat und verbringt nur die Ferien in Italien.

Rina weiß nicht, dass sie einen fanatischen Stalker hat, der sie bei ihren Lesungen beobachtet und ihr Leben auskundschaftet. Manuel Gelting ist davon überzeugt, dass Rina ihm seine Buchideen gestohlen hat und er nur ihretwegen kein Autor geworden ist. Als sich Rina nach einer Lesung in Deutschland wieder in die Toskana zurückzieht, folgt er ihr mit seinem Wohnwagen.

Es trifft sich perfekt für ihn, dass Rina die kleine Gästevilla bei ihrem Haus an Urlauber vermietet. Er mietet sich bei ihr ein und plant seine Rache, während Rina und ihr kleiner Sohn ihn für einen etwas verschrobenen, aber harmlosen Gast halten ...

Bewertung:

Mit ihrem Roman "Und draußen stirbt ein Vogel" bleibt Sabine Thiesler ihrem Schema treu und legt den achten Thriller vor, der in der Toskana spielt. Die Werke sind in sich abgeschlossen, doch wie immer spielt auch hier Commissario Donato Neri eine kleine Rolle. Der bemühte Polizist, der nach wie vor seiner einstigen Stelle in Rom nachtrauert und bei Ermittlungen immer wieder die falschen Schlüsse zieht oder haarscharf an der Aufklärung vorbeischlittert, kommt hier allerdings nur am Rande vor.

Die Handlung um die Bestsellerautorin Rina Kramer ist teilweise spannend, und grundsätzlich liest sich das Werk schnell und flüssig. Lange Zeit ist unklar, wie weit Manuel mit seiner Rache gehen wird, ob es vielleicht Tote geben wird. Gerade wenn man bereits andere Thriller aus Sabine Thieslers Feder kennt, weiß man, dass am Ende nicht zwangsläufig ein glücklicher Ausgang stehen muss, dass nicht immer der moralischen oder gesetzlichen Gerechtigkeit (vollständig) Genüge getan wird. Das Setting ist reizvoll, auch wenn man es so oder so ähnlich schon aus Thieslers anderen Romanen kennt: eine wild-romantische Gegend abseits der Städte, viel ursprüngliche Natur, eine einsame Lage des Hauses über vierzehn Serpentinen, keine Nachbarn. Für Rina Kramer sind diese idyllischen Bedingungen ideal, um sich ganz in Ruhe ihrer Arbeit widmen zu können; ironischerweise ist auch ihr Stalker dafür dankbar, dass sein Opfer es ihm so leicht macht. Es ist auch keine schlechte Idee, das Stalkerthema hier etwas zu variieren: Manuel Gelting ist kein Fan der Autorin, der von ihr Beachtung wünscht oder eine besondere Bindung zu ihr fühlt wie beispielsweise Annie Wilkes aus Stephen Kings "Misery". Stattdessen hasst er sie und macht sie für sein deprimierendes Leben und seine Erfolglosigkeit verantwortlich.

Der kriminalistische Teil wird durch kleine Nebenstränge ergänzt. Da ist einmal Rinas und Eckarts erkaltete Ehe, die quasi nur noch auf dem Papier besteht. Rina akzeptiert stillschweigend Eckarts Daueraffäre mit seiner Regieassistentin, die meiste Zeit des Jahres ist er ohnehin in anderen Ländern unterwegs. Der kleine Fabian entdeckt auf einer Vatikanreise seine Begeisterung für den Petersdom und knüpft ein vertrauliches Band mit Pater Johannes, der wiederum eine Gemeinde in der Toskana übernimmt. Fabians plötzlich erwachter Religionseifer ist Eckart allerdings ein Dorn im Auge; und bei Pater Johannes ist zunächst uneindeutig, inwieweit er wirklich vertrauenswürdig ist.

Aber im Gegensatz zu früheren Werken, vor allem die ersten Romane "Der Kindersammler", "Hexenkind", "Die Totengräberin" und "Der Menschenräuber", ist die Figur des Täters hier blass geraten. Manuel Gelting bleibt eine diffuse Figur, zwar bedrohlich, aber nicht faszinierend. Seine Gedankenwelt wird nie wirklich nachvollziehbar; die Erklärung, warum er Rina für eine Plagiatorin hält, ist nicht sehr überzeugend, sondern weit hergeholt. Es gibt zwar einen nicht uninteressanten Rückblick in Manuels Jugend mit einem einschneidenden Erlebnis; dennoch ist er, trotz seiner finsteren Pläne und Gedanken, ein unspektakulärer Bösewicht. Rina Kramer ist eine soweit sympathische Protagonistin, aber auch kein Charakter, der sich ins Lesergedächtnis einpflanzt. Schade ist zudem, dass Commissario Neris Mitwirken sehr spärlich ausfällt. Insgesamt erscheint das Buch eher wie ein Abklatsch vergangener Werke ohne eigene Stärke; es funktioniert als solide Lektüre, wenn man keine besonderen Erwartungen hat, bleibt aber unter Sabine Thieslers üblichem Niveau.

Fazit:


"Und draußen stirbt ein Vogel" ist ein durchschnittlicher Thriller, der nicht an Sabine Thieslers beste Werke heranreicht. Der Roman bietet eine solide, halbwegs spannende und kurzweilige Lektüre, ohne sich aber nachhaltig einzuprägen. Vor allem die Täterfigur und ihre Motivation sind wenig überzeugend.

19. Juli 2012

Nachtprinzessin- Sabine Thiesler

Produktinfos:

Ausgabe: 2011
Seiten: 576
Amazon
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Die Autorin:

Sabine Thiesler studierte Germanistik und Theaterwisenschaften und arbeitete als Bühnenschauspielerin, ehe sie Schriftstellerin wurde. Neben "Der Kindersammler" verfasste sie auch einige Theaterstücke und schrieb Drehbücher für Fernsehserien wie "Tatort" und "Polizeiruf 110". Andere Werke sind "Hexenkind" und "Die Totengräberin".

Inhalt:

Matthias von Steinfeld führt in Berlin nach außen hin das beneidenswerte Leben eines erfolgreichen Immobilienmaklers. Er verdient sehr gut und stammt aus angesehener Familie, hat ein enges Verhältnis zu seiner alten Mutter und tritt selbstsicher und weltgewandt auf - dass er geschieden ist und zu seinem halbwüchsigen Sohn ein etwas schwieriges Verhältnis hat, scheinen die einzigen negativen Punkte zu sein.

Zur gleichen Zeit treibt ein Serienmörder in Berlin sein Unwesen. Seine Opfer sind junge Männer, die sich offenbar auf homosexuelle Spielereien einlassen und dann mitten im Akt grausam von ihrem Liebhaber ermordet werden. "Nachtprinzessin" nennt sich der Täter, der seine Opfer qualvoll mit einem teuren Seidenschal stranguliert.

Niemand ahnt, dass die "Nachtprinzessin" die düstere Seite des eleganten Matthias von Steinfeld ist. Als seine Mutter einen Schlaganfall erleidet und ins Pflegeheim muss, gerät sein Leben aber aus den Fugen. Es zieht ihn in die Toskana, wo er in einem abgelegenen Dorf Ruhe und Erholung sucht. Doch auch hier tötet die Nachtprinzessin wieder, was sie begehrt und zu lieben glaubt ...

Bewertung:

Mit "Nachtprinzessin" wandert Sabine Thiesler in ihrem neuesten Roman auf bewährten Pfaden: Wieder einmal spielt die Handlung sowohl in Deutschland als auch zu großen Teilen in der beschaulichen Toskana, wieder einmal weiß der Leser sehr früh, wer der Täter ist und kennt das Motiv und wieder einmal ist auch der italienische Inspector Neri als sympathische Randfigur mit von der Partie. Obwohl die Werke der Autorin alle unabhängig voneinander zu lesen sind, gibt es doch kleine Querverbindungen und interne Anspielungen - und hier werden einmal ganz konkret drei Morde angesprochen, die in den vergangenen Bänden thematisiert wurden. Für Kenner aller Bücher ist das amüsant, wer die anderen Werke nicht kennt, dem wird hier allerdings ein bisschen zu viel verraten.

"Nachtprinzessin" ist sicher nicht das beste Werk von Sabine Thiesler, vor allem an den beklemmenden Krimi-Erstling "Der Kindersammler" reicht dieser Roman bei Weitem nicht heran. Zunächst aber zu den positiven Aspekten: Wie alle Werke Thieslers liest sich auch dieser Roman trotz des nicht unerheblichen Umfangs sehr flott. Auch bei Lesepausen findet man sehr schnell wieder in die Handlung hinein und muss sich auch nicht sonderlich konzentrieren, um allen Strängen folgen zu können. Auf dem Kriminalbuchsektor ist es sicherlich immer noch eher ungewöhnlich, den Leser den Mörder von Anfang an kennen zu lassen (wenn sich dies in den letzten Jahrzehnten auch zunehmend häuft). Spannungsarm ist das Buch dennoch nicht, aus mehreren Gründen: Es ist nicht unbedingt vorhergesagt, dass der Mörder am Ende gefasst und bestraft wird, Sabine Thiesler wählt mitunter durchaus ungewöhnliche Ausgänge für ihre Werke. Generell ist es recht interessant zu verfolgen, wie die Ermittlungen verlaufen und wie die Polizei möglicherweise Matthias von Steinfeld auf die Spur kommt. Auch wer alles zu seinen Opfern gehören wird, ob vielleicht endlich einer der jungen Männer entkommen kann ist eine Frage, die sich der Leser stellt. Wie üblich sympathisch ist Inspector Neri, der auch in anderen Thiesler-Krimis auftauchte. Neri leidet unter seiner zänkischen Schwiegermutter und den Vorwürfen seiner Ehefrau Gabriella, die sich nicht damit abfinden kann, dass ihr Mann aus Rom in die Provinz versetzt wurde. Typisch für Neri ist, dass er fleißig und scharfsinnig an den Fällen arbeitet und dass dann doch andere die Lorbeeren dafür einheimsen - man darf gespannt sein, wie es sich diesmal verhält. Zudem wird in diesem Roman sein Privatleben stärker als sonst thematisiert.

Das alles kann aber nicht dauerhaft von den Schwächen ablenken. Vor allem die Hauptfigur Matthias von Steinfeld ist nicht wirklich überzeugend gelungen. Er ist keine Sympathiefigur und das nicht nur wegen seiner Morde. Zugleich ist er auch nicht wirklich charismatisch oder faszinierend, wie vielleicht ein Hannibal Lecter, was fehlende Sympathie vielleicht ausgleichen könnte. Es wird auch nie so ganz durchleuchtet, wie er sich zu diesem Serienmörder entwickeln konnte. Es gibt zwar ausführliche Rückblicke in seine Kindheit und Jugend, aber das schwierige Mutter-Sohn-Verhältnis erklärt zwar die Hass-Liebe zwischen den beiden, aber nicht, warum er junge Männer zu Tode quält. Generell sind die Täterfiguren in früheren Romanen interessanter und überzeugender gewesen und haben auch phasenweise Sympathie oder Mitleid beim Leser erwecken können, was hier fast komplett ausbleibt. Ein bisschen ärgerlich ist auch, dass er selbst wegen seiner Egozentrik sehr nachlässig agiert und absichtlich Spuren hinterlässt. Kurz darauf erkennt er sein Tun natürlich als viel zu leichtsinnig, was noch deutlicher macht, wie unrealistisch sein Verhalten war. Das Ende ist dann auch ein bisschen zu gerafft und komprimiert, als habe man schnell zum Schluss kommen müssen.

Fazit:


Im Vergleich zu den anderen Krimis der Autorin ein doch eher schwacher Roman, der vor allem an der zu oberflächlichen Hauptfigur krankt. Als leichte Unterhaltung geht das Werk in Ordnung, zumal es flüssig geschrieben und zwischendrin immer wieder recht spannend ist.

4. Juni 2012

Die Totengräberin - Sabine Thiesler

Produktinfos:

Ausgabe: 2009
Verlag: Heyne
Seiten: 512
Amazon
* * * * *
Die Autorin:

Sabine Thiesler studierte Germanistik und Theaterwissenschaften und arbeitete als Bühnenschauspielerin, ehe sie Schriftstellerin wurde. Neben ihren Romanen verfasste sie auch einige Theaterstücke und schrieb Drehbücher für Fernsehserien wie "Tatort" und "Polizeiruf 110". Werke von ihr sind u. a.: "Der Kindersammler" "Hexenkind", "Der Menschenräuber" und "Nachtprinzessin".

Inhalt:

Seit fast zwanzig Jahren sind Magda und Johannes verheiratet und nach außen hin glücklich. Tatsächlich hat Johannes eine Geliebte, die er regelmäßig besucht. Wie jedes Jahr wollen Johannes und Magda den Sommer in ihrem Ferienhaus in der Toskana verbringen. Magda fährt voraus, während sich Johannes zur letzten Aussprache mit Carolina trifft und sich für seine Ehe entscheidet. Er hofft auf einen Neuanfang und dass seine Frau ihm die Affäre verzeiht.

Er ahnt nicht, dass Magda in der Toskana bereits seinen Tod plant. Am Morgen nach seiner Rückkehr vergiftet sie ihn und vergräbt die Leiche im Gemüsegarten. Freunden und Verwandten sagt sie, er sei für ein paar Tage zu einem Freund nach Rom gefahren. Später meldet sie ihn vermisst und spielt überzeugend die besorgte Ehefrau. Alles läuft nach Plan - bis Johannes' Bruder Lukas auftaucht. Schon vor ihrer Hochzeit war er in sie verliebt und begehrt sie immer noch. Gerade ist das Theaterstück, in dem er eine wichtige Rolle spielen sollte, geplatzt, und er will sich in Italien eine Auszeit gönnen. Außerdem hofft er, Magda näherzukommen.

Anfangs glaubt Lukas die Vermisstentheorie und hilft Magda, seinen Bruder zu suchen. Doch dann verändert sich Magda plötzlich. Sie spricht Lukas mit "Johannes" an und scheint ihn ernsthaft für ihren Mann zu halten. Der verwirrte Lukas spielt das Spiel mit und gibt sich auch bei der Polizei als heimgekehrter Ehemann aus. Noch bizarrer wird es, als Lukas Briefe von Magda an ihren verstorbenen Sohn Thorben findet. Offenbar lebt sie in einer Scheinwelt. Und dann taucht auch noch ein Erpresser auf, der Lukas Fotos von seinem toten Bruder schickt ...

Bewertung:

Nach "Der Kindersammler" und "Hexenkind" ist "Die Totengräberin" der dritte Kriminalroman von Sabine Thiesler, der zum größten Teil in der Toskana spielt, kann aber qualitativ nicht ganz an die Vorgänger anschließen.

Fesselnde Handlung

Vom Gesichtspunkt der Spannung aus ist der Roman nahezu einwandfrei gelungen. Der Mord an Ehemann Johannes geschieht früh zu Beginn, und von da an ist alles Weitere erst einmal ungewiss. Magdas Plan klingt zunächst überzeugend: Sie erweckt den Anschein, als sei Johannes für ein paar Tage nach Rom gefahren, und mimt gekonnt die besorgte Ehefrau gegenüber seinen Eltern am Telefon, gegenüber Bekannten im Dorf und gegenüber der Polizei. Auch Lukas fällt darauf herein, und als er in Johannes' Handy Nachrichten an die ehemalige Geliebte Carolina entdeckt, steht für ihn fest: Johannes hat sich vermutlich absichtlich abgesetzt und will eine Auszeit oder Magda sogar ganz verlassen. Daher glaubt er zunächst nicht an ein Verbrechen, sondern freut sich insgeheim über diese Entwicklung, da er Chancen sieht, seiner immer noch verehrten Magda näherzukommen.

Als Lukas anonym die Fotos seines toten Bruders erhält, wagt er es nicht, Magda einzuweihen. Mehr noch, er ahnt, dass ironischerweise er der Hauptverdächtige der Polizei sein würde, denn seine Liebe zu Magda ist ein ideales Motiv, während die Eheprobleme niemandem außer ihm bekannt sind. Natürlich verdächtigt Lukas zunächst den Fotosender, den er auch bald kennenlernt. Es ist der schmierige Literaturkritiker Stefano Topo, der sich durch Erpressung eine Finanzspritze erhofft. Nur der Leser weiß, dass die beiden einander des Mordes verdächtigen, ohne es auszusprechen. Dadurch entsteht ein zusätzlicher Spannungsbogen - Lukas muss das geforderte Erpressungsgeld aufbringen und Topos Gegenwart ertragen, der dreist Magdas Bekanntschaft schließt. Topo wiederum ahnt nicht, dass er den falschen Täter im Visier hat und die Lage falsch einschätzt.

Hinzu kommt im späteren Verlauf Johannes Exgeliebte Carolina, die es nach einer Aussprache drängt und die spontan eine Fahrt in die Toskana plant. Sie weiß, dass Johannes als vermisst gilt, und will den Dingen auf den Grund gehen, ohne die wahren Hintergründe zu ahnen. Die ganze Zeit über wird der Spannungspegel konstant hoch gehalten. Im Raum stehen die Fragen, ob Magda weitere Morde begehen wird, ob das Grab unter dem Olivenbäumchen gefunden wird und wer als Erstes die verzwickten Hintergründe durchschaut.

Interessante Rückblicke

Es braucht eine Weile, ehe der Leser hinter Magdas komplizierten Charakter steigt. Sehr erhellend sind die immer wieder zwischendurch eingestreuten Rückblenden in ihre Kindheit und in die vergangenen Jahre. Zum einen erfährt der Leser hier anschaulich, weshalb sie so sensibel auf das Thema Fremdgehen reagiert. Magda hat traumatische Kindheitserfahrungen mit ihrem Vater erlebt und ist durch das Leid und Verhalten ihrer Mutter geprägt. Einerseits sind diese Enthüllungen informativ, andererseits erschreckend und verleihen der Handlung einen Hauch von emotionaler Tiefe. Weiterhin erfährt man, was es mit Thorben auf sich hat, der bereits vor einem Jahr ums Leben gekommen ist. Man erfährt die Umstände und weiß nun endgültig, dass Magda schon lange psychisch gestört ist, da sie nach wie vor liebevolle Briefe an ihren Sohn schreibt, den sie im Internat glaubt.

Für ein bisschen Humor bei den Charakteren sorgt Kommissar Neri, der schon in "Hexenkind" eine Rolle spielte und ein nettes Wiedersehen beschert, ohne dass man diesen Roman fürs Verständnis gelesen haben müsste. Neri ist ein bemühter, aber recht trotteliger Polizist, der nach den letzten Misserfolgen von Rom in die Provinz versetzt wurde und sich sehnlichst wieder einen spektakulären Fall wünscht, der ihn rehabilitieren könnte. Mit von der Partie ist seine temperamentvolle Frau Gabriella, die es erst recht zurück nach Rom drängt und die ihn bei den aktuellen Ermittlungen auf eigene Faust tatkräftig unterstützt, indem sie Magda aushorcht.

Mangelnde Glaubwürdigkeit

Leider gibt es auch mindestens eine erhebliche Schwäche im Roman, nämlich das teilweise unglaubwürdige Verhalten von Magda und Lukas. Anfangs sieht es aus, als sei Magda eine kaltblütige Mörderin. Sie besorgt sich das Gift geschickt aus der Apotheke, in der sie arbeitet, indem sie den Verdacht auf jemand anderen lenkt. Aber bald nach dem Mord schwenkt dieser Eindruck um. Magda hält Lukas nach kurzer Zeit bereits für Johannes und verdrängt ihre Tat vollkommen. Ihre psychische Störung ist zwar ein interessanter Zug, kommt aber für den Leser zu plötzlich und ist ein fast enttäuschender Umschwung, nachdem man sich bereits auf ihre berechnende Art eingestellt hat.

Sehr seltsam ist zudem das Verhalten von Lukas. Anfangs reagiert er verwirrt und geschockt auf Magdas Äußerungen und wagt es nicht, ihr die Wahrheit zu sagen. Das ist zunächst verständlich, dass er sich dann aber entscheidet, das Spiel dauerhaft mitzumachen, ist eher lächerlich. Er genießt es einfach, nun seinen fast zwanzigjährigen Traum zu verwirklichen und eine Beziehung mit Magda zu führen. Dass sie ihn "Johannes" nennt, blendet er aus, und auch die Suche nach seinem Bruder steht erst einmal im Hintergrund. Nicht nur, dass er Magda gegenüber die Rolle als Johannes einnimmt, er sorgt auch dafür, dass die Polizei ihre Ermittlungen nach dem Vermissten einstellt und lässt sich von jedem als Magdas Ehemann vorstellen.

Selbst als er weiß, dass Johannes ermordet wurde, vertraut er sich niemandem an. Auch gegenüber seinen Eltern am Telefon lügt er, dass Johannes in Ordnung und nur gerade verhindert sei. An vielen Stellen im Roman handelt er unlogisch, obwohl völlig offensichtlich ist, dass er sich selbst immer tiefer in eine fatale Lage verstrickt. Während man es am Ende zumindest teilweise nachvollziehen kann, weil da ein Zurück kaum mehr möglich ist, wirken seine ersten Handlungen sehr unüberlegt und naiv.

Fazit:

Ein sehr spannender Kriminalroman über eine Mörderin, der überwiegend in der Toskana spielt, aber auch Schwächen besitzt. Das Buch lässt sich leicht lesen und fesselt den Leser durchgehend, aber die unlogischen Verhaltensweisen der beiden Hauptcharaktere trüben im weiteren Verlauf das Gesamtbild.

Der Kindersammler - Sabine Thiesler

Produktinfos:

Ausgabe: 2006
Seiten: 502
Amazon
* * * * *
Die Autorin:

Sabine Thiesler studierte Germanistik und Theaterwissenschaften und arbeitete als Bühnenschauspielerin, ehe sie Schriftstellerin wurde. Neben "Der Kindersammler" verfasste sie auch einige Theaterstücke und schrieb Drehbücher für Fernsehserien wie "Tatort" und "Polizeiruf 110". Weitere Werke sind "Hexenkind", "Die Totengräberin", "Der Menschenräuber" und "Nachtprinzessin".

Inhalt:

Der zehnjährige Felix macht mit seinen Eltern Anne und Harald Urlaub in der Toskana. Eines Abends kommt er nicht vom Spielen nach Hause. Die Suche der Polizei bleibt ohne jede Spur, und seine verzweifelten Eltern kehren allein nach Deutschland zurück. Während sich Harald auf eine Affäre einlässt und sich ein neues Kind wünscht, gibt Anne über all die Jahre hinweg die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihrem Sohn nicht auf.

Niemand ahnt, dass der Mörder zuvor bereits in Deutschland aktiv war. Wie in Italien verschwand dort regelmäßig alle drei Jahre ein kleiner Junge, doch da hier die missbrauchten Leichen gefunden wurden, zieht kein Ermittler eine Parallele. Erst zehn Jahre später, als wieder ein Junge in Deutschland ermordet wird, erkennt die Kommissarin Mareike die Zusammenhänge mit der Toskana. Seit zwanzig Jahren hofft sie auf eine heiße Spur, da der Fall ihr keine Ruhe lässt. Um ihren Verdacht zu prüfen, reist sie mit ihrer Lebensgefährtin und den adoptierten Kindern nach Italien.

Zur gleichen Zeit beschließt auch Anne, wieder in die Toskana zu fahren, um dort nach einer Antwort auf Felix' Verschwinden zu suchen. Gegen den Willen ihres Mannes kauft sie spontan ein malerisches, abgelegenes Anwesen, beginnt eine Romanze mit dem ausgewanderten Makler Kai und forscht weiter nach ihrem Sohn - und kommt dabei dem Täter, ohne es zu wissen, gefährlich nahe ...

Bewertung:

Thrillern über Kindermörder gelingt es besonders leicht, Aufmerksamkeit zu erregen, selten aber so intensiv wie in diesem Fall.

Ausgefeilte Charaktere

Ein großer Verdienst des Romans liegt in den gelungenen Charakteren. Neben dem Täter steht dabei vor allem Anne im Vordergrund, die auch nach zehn Jahren die Hoffnung nicht aufgegeben hat, eine Spur ihres verschwundenen Sohnes zu finden. Man bekommt Einblicke gewährt in das zerrüttete Leben einer Frau, die sich von ihrem Mann entfernt und ihn beim Seitensprung mit der besten Freundin erwischt und die sich schließlich selbst auf die Suche nach ihrem Kind macht, auch wenn sie dafür in ein anderes Land fahren muss. Eine interessante Nebenfigur ist Allora, eine scheinbar alterlose Frau, die als Dorfmaskottchen gilt und außer ihrem erklärten Lieblingswort "Allora", das ihr ihren Namen einbrachte, keinen Ton spricht. Die temperamentvolle Kindfrau schwebt zwischen Hysterie und Ergebenheit und ist, was lange Zeit niemand ahnt, eine wichtige Zeugin, was die verschwundenen Jungen in der Toskana angeht.

Im Gegensatz zu Anne werden die Familiengeschichten der anderen Opfer nur kurz angerissen, dennoch gelingt es der Autorin überzeugend, das Leid dieser Menschen greifbar zu machen. Vor allem der Beginn, der schildert, wie der kleine Benjamin in die Hände von Mörder Alfred fällt, ist so grausam realistisch gestaltet, dass selbst abgehärteten Thrillerlesern das Schlucken schwerfällt. Man bekommt schmerzhaft vor Augen geführt, wie man selbst aufgeklärte Kinder, die von ihren Eltern vor fremden Erwachsenen gewarnt wurden, dazu überreden kann, mit ihnen zu gehen. Gerade dadurch, dass das Martyrium des Jungen nicht bis zum Schluss ausgeführt wird, malt sich der Leser die grauenvollen Details automatisch selbst aus.

Spannung trotz bekanntem Täter

Im Gegensatz zu den anderen Figuren ist der Leser von Beginn an darüber informiert, wer der Mörder der Kinder ist. Abwechselnd beschäftigt sich die Handlung mit seinem Leben und mit dem der anderen Seite, die aus den Familien der Opfer und den Ermittlern besteht. In Rückblicken erfährt man viele Details über Kindheit und Jugend des Mörders Alfred sowie welche fixen Ideen seinen Taten zugrundeliegen und erhält das Psychogramm eines Menschen, der glücklicherweise nicht nur aus Klischees besteht, was bei solchen Thrillern naheliegt. Trotzdem bleibt der Roman hochspannend, da man bis zum Schluss im Ungewissen bleibt, ob Anne oder die Ermittler den Mörder identifizieren, ob es noch weitere Opfer geben wird und was mit ihm geschieht.

Letztlich fragt man sich auch, welche Richtung Annes Leben nehmen wird, unabhängig von der Frage, ob sie das Verschwinden von Felix aufklärt. Denn obwohl sie sich ein Haus in der Toskana kauft und sich auf eine Affäre mit dem Makler Kai einlässt, hält sie den Kontakt zu ihrem Mann, der darauf baut, dass sie nach ein paar Monaten zurück nach Deutschland kehrt, und sie schließlich auch besuchen kommt. Da selbst Anne lange Zeit nicht weiß, ob sie ihre Zukunft in Italien oder in Deutschland verbringen wird, ist der Leser erst recht ungewiss darüber, wie sich ihr Leben entwickelt. Der Roman bezieht seine Spannung nicht nur aus einer Mörderjagd, sondern auch aus der Konstellation eines Familiendramas heraus, das unter der Oberfläche sogar dominanter herrscht als der Thrillerfaktor.

Einige Schwächen

Dennoch ist der Roman nicht uneingeschränkt gelungen. Einmal kommt der Handlungsstrang um die Ermittlerin Mareike deutlich zu kurz. Mareike ist nicht nur Kommissarin, sondern gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Bettina und den beiden adoptierten Kindern eine interessante Figur, die später noch eine wichtige Rolle in der Handlung einnimmt. Während man bei ihrem ersten Auftauchen noch suggeriert bekommt, dass ihr Handlungsstrang nun regelmäßig zugeschaltet wird, verschwindet Mareike lange Zeit in der Versenkung, weil sich alles Geschehen auf Anne und ihr Leben in der Toskana konzentriert. Vor allem in Anbetracht der Bedeutsamkeit, die Mareike und ihrer Familie am Ende zukommt, ist diese Gewichtung zu ungleichmäßig ausgefallen. Ein weiterer Punkt sind die etwas überstrapazierten Zufälle, die Anne den Weg zum Mörder weisen. Nicht nur die Augenzeugin Allora gehört dazu, sondern vor allem die zufällige Bekanntschaft, die Anne mit Alfred schließt. Dabei hätte man diesen Punkt umgehen können, indem man Hinweise auslegt, die Anne gezwungenermaßen in seine Nähe bringen, anstatt bloße Willkür anzuführen. Letzter wichtiger Punkt ist der Epilog, der sehr einfallslos und gezwungen wirkt. Im Schnellverlauf werden hier die Ereignisse von einigen Monaten durchgespult, und der Schluss, der wohl überraschend sein soll, ist mehr aufgesetzt als alles andere. Das ist schade, da der gute Eindruck des Buches unter diesem zu sehr gewollten Finale leidet.

Fazit:

Ein bewegender Roman, der Thriller und Familiendrama gekonnt miteinander verbindet und nicht nur Lesern mit eigenen Kindern einen ob seiner Intensität schwer verdaulichen Lesestoff bietet. Das solide Psychogramm des Täters, die Spannung und die Charaktere überzeugen; allerdings schwächen ein paar konstruierte Zufälle und vor allem der Epilog den ansonsten sehr guten Gesamteindruck etwas ab. Dennoch insgesamt ein empfehlenswertes Buch, das noch einige Zeit nachwirkt.