18. April 2018

Die Tribute von Panem 2: Gefährliche Liebe - Suzanne Collins

Produktinfos:

Ausgabe: 2010 bei Oetinger
Seiten: 432
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Die Autorin:

Suzanne Collins aus den USA, Jahrgang 1962, veröffentlichte 2003 ihr erstes Kinderbuch "Gregor und die graue Prophezeiung". Insgesamt umfasst die Underland-Reihe fünf Bände und wurde zu internationalen Bestsellern. Ihre Trilogie "Die Tribute von Panem" übertraf diesen Erfolg noch und bescherte ihr überdies zahlreiche Auszeichnungen.

Inhalt:

Nachdem Katniss und Peeta gemeinsam die Hungerspiele überlebt und gewonnen haben, beginnt für sie eine Tour durch die Distrikte, begleitet von den Medien. Die Zuschauer sind begeistert von den scheinbaren Liebespaar, das so knapp dem Tod entronnen ist. Allerdings spürt Katniss auch, dass ihr inszenierter Beinah-Suizid in der Arena, der zum vorzeitigen Abbruch der Spiele führte, noch mehr ausgelöst hat: Katniss wird als Rebellin bewundert, und zunehmend gibt es Anzeichen für Aufstände in einzelnen Distrikten.

Präsident Snow macht Katniss deutlich, dass ihre Angehörigen und Freunde sterben werden, wenn sie nicht ihn und alle Welt davon überzeugt, nur aus verwirrter Liebe zu Peeta so gehandelt zu haben. Die Aufstände sollen unbedingt verhindert werden. Katniss gibt sich Mühe, leidet aber darunter, dass sie sich auch zu ihrem besten Freund Gale hingezogen fühlt.

Doch es kommt noch schlimmer für sie: Die 75. Hungerspiele stehen an, und anlässlich des Jubiläums gibt es eine gravierende Änderung - die Teilnehmer bestehen diesmal aus ehemaligen Siegern der einzelnen Distrikte. Katniss und Peeta müssen somit zurück in die Arena und um ihr Leben kämpfen ...

Bewertung:

Nach dem furiosen ersten "Tribute von Panem"-Teil "Tödliche Spiele" ist es für den zweiten Band der Trilogie "Gefährliche Liebe" natürlich schwer, daran heranzureichen.

Tatsächlich zieht sich das erste Drittel zunächst ein wenig. Die Handlung verläuft ruhiger als im ersten Band, der schnell mit Dramatik aufwartete. Hier geht es zum großen Teil um Katniss' ungewisse Gefühle und ihren Zwiespalt, was ihr Verhältnis zu Peeta und Gale angeht. Um Präsident Snow zu besänftigen, muss Katniss öffentlich ihre Liebe zu Peeta demonstrieren, auch wenn sie sich ihrer eigentlichen Gefühle nicht sicher ist und sie Gale nicht verletzen möchte. Dieses Szenario rührt durchaus an, so richtig in Schwung kommt die Handlung aber erst durch die Andeutungen von Rebellionen und vor allem durch die 75. Spiele.

Bislang waren die ehemaligen Sieger außen vor, was zukünftige Spiele anging. Somit ist die Neuerung natürlich ein Paukenschlag. Sowohl für Katniss als auch für Peeta steht fest, dass sie alles dafür tun wollen, dass der jeweils andere überlebt. Zwar ist natürlich klar, dass Katniss als Ich-Erzählerin irgendwie erneut aus der Arena herauskommen wird, aber hochspannend und dramatisch wird es trotzdem: Wie wird es Peeta ergehen, den Katniss um jeden Preis schützen möchte, der aber selbst umgekehrt sein Leben für Katniss geben will? Wer von den anderen ehemaligen Siegern ist vertrauenswürdig für eine - zumindest vorübergehende - Allianz? Was für ein Setting mit was für Fallen wartet diesmal auf die Tribute? Zudem ist die Konkurrenzsituation noch bedrohlicher für Katniss und Peeta als zuvor; schließlich sind ihre Gegner diesmal nicht gleichaltrige oder jüngere Teenager, sondern teils erfahrene Kämpfer. Sie alle haben bereits ihren Überlebenswillen bewiesen, Töten ist ihnen nicht fremd, das sorgt für eine andere Atmosphäre als im ersten Teil.

Erneut gibt es gelungene Nebenfiguren, die sich dem Leser einprägen. Wieder fungiert Haymitch als Mentor für Katniss und Peeta, wie schon bei ihrer Vorbereitung auf ihre ersten Spiele. Haymitch war vor den beiden der bislang einzige Sieger aus Distrikt 12, was ihm zwar Reichtum einbrachte, den er aber seit Langem hauptsächlich in Alkohol investiert. Dessen ungeachtet ist Haymitch, wenn gerade mal bei klarem Verstand, ein cleverer und nicht zu unterschätzende Ratgeber, dessen trockene Bemerkungen immer wieder für Humor sorgen. Ein neuer Charakter ist der vierundzwanzigjährige Finnick Odair, einer der ehemaligen Sieger, der jetzt erneut in die Arena geht. Der attraktive, lässige Finnick ist ein Frauenschwarm und höchst populär, was die eher spröde Katniss ziemlich befremdet. Finnick wirkt auf den ersten Blick wie ein oberflächlicher Schönling, allerdings zeigt sich bald, dass sich hinter der glatten Fassade weitaus mehr verbirgt. Fest steht auf jeden Fall, dass der durchtrainierte Sportler einer der größten Konkurrenten in der Arena sein wird. Umso spannender ist die Frage, ob und inwieweit er als Verbündeter infrage kommt.

Katniss selbst hat nach wie ihre Ecken und Kanten. Sie ist im Gegensatz zum sanften und eloquenten Peeta kein großer Redner, erscheint oft unnahbar und abweisend und macht es selbst denen, die sie mögen, nicht gerade leicht. Das macht sie aber auch zu einer einprägsamen Figur, und sie ist sympathisch, ohne zugleich everybody's darling zu sein.

Die Zeit in der Arena nimmt diesmal nicht ganz so viel Raum ein wie im ersten Band, erreicht auch nicht völlig deren Intensität, was natürlich auch daran liegt, dass im ersten Band die Spiele noch ganz neu für den Leser waren. Aber auch mit geringerem Überraschungseffekt fesseln diese Spiele; man leidet erneut mit Katniss und erlebt viele dramatische und traurige Momente, aber auch zumindest kleine Augenblicke der Freude, der Freundschaft und des Humors. Trotz der hohen Messlatte ist Suzanne Collins ein sehr würdiger Nachfolgeband geglückt, dessen abruptes Ende sehr neugierig auf den finalen Teil macht.

Fazit:


"Gefährliche Liebe", der zweite Band der Tribute-von-Panem-Reihe, ist abermals ein sehr lesenswertes All-Age-Dystopie-Abenteuer mit einem Hauch Romantik - da ist es auch zu verschmerzen, dass der Anfang sich ein kleines bisschen zieht.

17. April 2018

Die Wahrheit eines Augenblicks - Liane Moriarty

Produktinfos:

Ausgabe: 2013 bei Lübbe
Seiten: 432
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Die Autorin:

Liane Moriarty, Jahrgang 1966, stammt aus Australien und schrieb schon als Kind gern Geschichten. Sie arbeitete zunächst u. a. im Marketingbereich, ehe sie 2004 ihren ersten Roman "Drei Wünsche frei" veröffentlichte. Weitere Werke sind "Tausend kleine Lügen", "Ein Geschenk des Himmels" und "Alles aus Liebe".

Inhalt:

Die Fitzpatricks Cecilia, John-Paul und ihre drei Töchter Isabelle, Esther und Polly sind eine glückliche Familie in Sydney. Als ihr Mann John-Paul gerade auf Geschäftsreise ist, findet Cecilia beim Aufräumen einen verschlossenen Brief von ihm mit der Aufschrift: "Nur im Fall meines Todes zu öffnen". Auf John-Pauls Bitte hin öffnet sie den Brief zunächst nicht, doch es lässt ihr keine Ruhe.

Zur gleichen Zeit erfährt in Melbourne die bis dahin glücklich verheiratete Tess O'Leary, dass ihr Ehemann Will und ihre Cousine und beste Freundin Felicity sich ineinander verliebt haben. Verstört zieht Tess bis auf Weiteres mit dem kleinen Sohn Liam zu ihrer Mutter nach Sydney.

Während Tess versucht, ihr Leben am Ort ihrer Kindheit und Jugend neu zu ordnen, öffnet Cecilia schließlich den Brief - und erfährt eine erschreckende Wahrheit, die ihr Leben auf den Kopf stellt ...

Bewertung:


Frauenroman, Krimi, Gesellschaftsdrama, von allem etwas vereint Liane Moriartys "Die Wahrheit eines Augenblicks" (das mittlerweile unter "Das Geheimnis meines Mannes" neu aufgelegt wurde). Der Roman ist zwar nicht ganz so großartig wie ihr wohl bekanntestes Werk "Tausend kleine Lügen", bietet aber dennoch sehr gute Unterhaltung - und regt auch ein wenig zum Nachdenken und Mitfühlen an.

Im Fokus stehen vor allem die Schicksale von Cecilia und Tess, und beide sind auf unterschiedliche Weise von Beginn an spannend. Bei Cecilia möchte man zunächst erfahren, was in dem ominösen Brief geschrieben steht, und gleich darauf, wie sie mit diesem Wissen umgeht. Ihr Zwiespalt ist gut nachvollziehbar: Auf der einen Seite fühlt sie sich moralisch zum Handeln verpflichtet, auf der anderen Seite würde sie damit nicht nur ihren Mann, sondern auch ihren Töchtern schaden. Somit steht Cecilia vor einer schweren Entscheidung, die ihr niemand abnehmen kann. Es ist sehr verständlich, dass sie ihre Familie schützen möchte, zugleich aber wünscht man sich auch, dass sie über ihren Schatten springt und sich anders entscheidet. Cecilias Situation verleitet dazu, sich in ihre Lage zu versetzen und sich zu fragen, inwieweit es bei bestimmten Handlungen überhaupt ein Richtig oder Falsch gibt - oder auch, ob es besser gewesen wäre, den Brief nie zu öffnen.

Tess hat ein ganz anderes Problem, das auf seine Weise aber auch den Leser berührt. Ihr Mann hat sich ausgerechnet in ihre Cousine verliebt, die für sie seit Kindertagen Schwester und beste Freundin zugleich war. Tess fühlt sich doppelt betrogen, ihre Welt bricht zusammen, und gleichzeitig versucht sie, ihren Schmerz vor ihrem Sohn zu verbergen. Die Rückkehr in ihre alte Heimat Sydney sorgt fürs Abwechslung, konfrontiert sie aber auch intensiver mit ihrer Jugendvergangenheit, als ihr lieb ist - etwa in Gestalt ihres Ex-Freundes. Tess' Geschichte ist zwar etwas weniger dramatisch als die von Cecilia, versteht aber ebenfalls zu fesseln. Zudem kommt es zu einer interessanten Verquickung beider Schicksale.

Obwohl der Roman einige melancholische Seiten hat und traurige Dinge passieren, ist er auch durchzogen mit humorvollen Szenen. Dafür sorgen oft die quirligen Töchter Isabelle, Esther und Polly, aber auch die ironisch-sarkastischen Gedanken der Protagonistinnen. Freude und Leid liegen für die Figuren häufig sehr nah beieinander; der Autorin gelingt das schwierige Kunststück, witzige, dramatische und tragische Momente nebeneinanderzustellen, ohne Brüche entstehen zu lassen. Die Schwächen fallen nur gering aus. Die ersten Seiten ziehen sich ein wenig, bis endlich der Briefinhalt bekannt ist und auch Tess' Schicksal thematisiert wird und für Spannung sorgt. Zudem wirkt das Ende, obgleich an sich passend, etwas dick aufgetragen.

Fazit:


"Die Wahrheit eines Augenblicks" von Liane Moriarty ist ein sentimentaler, nachdenklich stimmender und zugleich in weiten Teilen auch humorvoller Roman.

17. März 2018

Die Tribute von Panem 1: Tödliche Spiele - Suzanne Collins

Produktinfos:

Ausgabe: 2009 bei Oetinger
Seiten: 416
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Die Autorin:

Suzanne Collins aus den USA, Jahrgang 1962, veröffentlichte 2003 ihr erstes Kinderbuch "Gregor und die graue Prophezeiung". Insgesamt umfasst die Underland-Reihe fünf Bände und wurde zu internationalen Bestsellern. Ihre Trilogie "Die Tribute von Panem" übertraf diesen Erfolg noch und bescherte ihr überdies zahlreiche Auszeichnungen.

Inhalt:

Die ehemaligen USA in der Zukunft: Nach einigen Kriegen und Aufständen ist das restliche Nordamerika "Panem" in 12 Distrikte und das Kapitol unterteilt; es herrscht eine große Spanne zwischen Armut und Reichtum. Einmal im Jahr finden die Hungerspiele statt, in denen 24 "Tribute", zwölf Mädchen und zwölf Jungen - jeweils ein Mädchen und ein Junge aus einem Distrikt -, ähnlich Gladiatoren in einer Arena unter medialer Beobachtung gegeneinander kämpfen müssen - bis der Letzte von ihnen übrig ist.

In diesem Jahr ist die zwölfjährige Primrose aus dem 12. und ärmsten Distrikt unter den Ausgewählten - und ihre sechzehnjährige Schwester Katniss Everdeen erklärt sich sofort bereit, ihren Platz einzunehmen. Katniss ist eine äußerst begabte Bogenschützin, die zusammen mit ihrem besten Freund Gale täglich durch die Wälder streift und heimlich Wild schießt, um sich, Prim und ihre verwitwete Mutter zu ernähren. Katniss hat kaum Hoffnung, gegen die teils extra ausgebildeten Teilnehmer aus den reichen Distrikten bestehen zu können, auch wenn sie ihr Bestes geben will.

Nach Beginn der Spiele finden sich die 24 Tribute in einer Waldlandschaft wieder, und es beginnt ein Kampf auf Leben und Tod. Katniss sieht sich dabei auch Peeta gegenüber, dem anderen Teilnehmer aus ihrem Distrikt. Obwohl nur flüchtig miteinander bekannt, hat er ihr schon einmal aus einer Notlage geholfen. Katniss möchte ihm gerne trauen - aber gibt es überhaupt noch so etwas wie Freundschaft unter den Teilnehmern ...?

Bewertung:

Die "Tribute von Panem"-Trilogie von Suzanne Collins darf durchaus bereits als Jugendbuchklassiker des 21. Jahrhunderts gesehen werden. Die Reihe gehört zum SF-Genre Dystopie, wird durch ein paar Fantasyelemente ergänzt, enthält sozialkritische Bezüge, natürlich reichlich Spannung und Dramatik und nicht zuletzt eine Portion Romantik. Jennifer Lawrence erlangte mit der Hollywoodverfilmung ihren absoluten Durchbruch, und Katniss Everdeen wurde zum Idol Tausender Teenagermädchen.

Der Auftakt "Tödliche Spiele" reißt den Leser gleich von Beginn an hinein ins Geschehen. Es ist eine düstere Welt, in der Katniss lebt; für Menschen wie sie aus dem ärmsten Distrikt bedeutet jeder Tag einen Kampf um Nahrung und ums Überleben. Das Jagen in den Wäldern ist verboten, aber Katniss geht lieber das Risiko ein, als ihre Familie verhungern zu lassen. Die jährlichen Hungerspiele, in denen stets 23 der 24 zwölf- bis sechzehnjährigen Teilnehmer sterben, bilden den grausamen Höhepunkt. Das Szenario sorgt einerseits für Spannung und regt andererseits zum Nachdenken an: Wie und wann werden die Tribute sterben, wie wird es Katniss in der Arena egehen, wird sie jemanden töten müssen, gibt es möglicherweise doch Zusammenhalt zwischen manchen Teilnehmern - und was wird aus Peeta, gegenüber dem sich Katniss verpflichtet fühlt? Die Hauptgefahr geht natürlich für Katniss von ihren Konkurrenten aus, aber in der Wildnis werden auch Hunger, Durst, Verletzungen, Krankheiten und Kälte früher oder später zum Problem; ganz zu schweigen davon, dass die Organisatoren die Arena durch zusätzliche Gefahren wie etwa vergiftete Nahrungsmittel anreichern.

Automatisch fragt sich der Leser, wie er selbst in einer solchen Situation handeln würde, wie das jeweilige Verhalten überhaupt moralisch zu bewerten ist - schaut man nur auf das eigene Überleben, oder verschont man einen Gegner? Wie beständig und ehrlich können Allianzen in dieser Situation sein? Und was passiert, wenn man wirklich Sympathie für einen der Konkurrenten empfindet - oder vielleicht sogar mehr ...?

Katniss fungiert als Ich-Erzählerin und spricht in einem abgeklärten, prägnanten, direkten Tonfall und nicht selten mit trockenem Humor über die Ereignisse. Katniss ist ein burschikoses Mädchen, ein Tomboy, uneitel, sehr direkt, dickköpfig, clever und doch in extremen Momenten auch emotional und verletzlich. Es fällt nicht schwer, sich sofort mit ihr zu solidarisieren und mit ihr zu fiebern. Peeta kommt sensibler und sanfter daher, ist aber schwer zu durchschauen. Genau wie Katniss muss man abwarten, wie es wirklich um seinen Charakter bestellt ist, wenn es darauf ankommt.

Eine sehr gelungene Nebenfigur ist Katniss' Gegnerin Rue, die jüngste der Tribute: Sie ist erst zwölf Jahre alt, klein und schmal und erinnert Katniss unweigerlich an ihre gleichaltrige Schwester Prim. Für sie ist der Gedanke unfassbar, dass ein Kind in der Arena kämpfen muss, und die beiden verbünden sich miteinander. Die kleine, zarte und so junge, aber durchaus sehr fähige Rue ist eine liebenswerte Figur, die man sofort ins Herz schließt. Überhaupt gelingt es dem Roman ausgezeichnet, die rührenden Szenen ohne übertriebenen Kitsch zu präsentieren. Auch der Rest der Handlung ist sehr geschickt komponiert; kleine Details offenbare später ihre Bedeutung, das Geschehen ist genau dann aufregend, dramatisch, actionreich, bewegend und bisweilen sogar humorvoll, wenn es angebracht ist. Am Ende laufen alle Fäden zusammen, und zugleich wird man es kaum erwarten können, den zweiten Band aufzuschlagen. Freilich ist die Grundidee nicht neu; eine noch härtere Umsetzung mit ähnlichem Gedanken findet man in Koushun Takamis "Battle Ryoal", auch Stephen Kings "Menschenjagd" und "Todesmarsch" haben einige Parallelen - dennoch sind "Die Tribute von Panem" ein sehr reizvolles Werk, das Dystopiefans ans Herz zu legen ist.

Fazit:

Der erste Band der "Tribute von Panem"-Reihe "Tödliche Spiele" ist ein hervorragender All-Age-Roman ab etwa dreizehn, vierzehn Jahren für alle Leser, die sich für abenteuerliche Dystopien interessieren: fesselnd, atmosphärisch, bewegend und gewiss lange im Gedächtnis verweilend.

9. März 2018

Dann schlaf auch du - Leila Slimani

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Luchterhand
Seiten: 224
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Die Autorin:

Leila Slimani, Jahrgang 1981, geboren und aufgewachsen in Marokko, ist mittlerweile in Frankreich heimisch. Sie studierte Medien und Politik und arbeitete als Journalistin. 2014 erschien ihr erster Roman "Dans le jardin de l’ogre", 2016 folgte "Dann schlaf auch du".

Inhalt:

Myriam und Paul Massé, ein Pariser Ehepaar Mitte dreißig, suchen nach einer Betreuung für ihre beiden Kinder, das Baby Adam und Vorschulkind Mila. Myriam war lange Zeit Hausfrau, doch nun will sie unbedingt wieder in ihren Beruf als Anwältin zurückkehren.

Sie entscheiden sich schließlich für die zarte Louise, die beste Referenzen aufweist und die die Kinder sogleich ins Herz schließen. Louise ist Anfang vierzig, verwitwet, hat eine erwachsene Tochter. Sie versorgt nicht nur die Kinder der Massés, sondern macht auch die schöne Altbauwohnung behaglicher und kocht leckere Gerichte.

Schon nach kurzer Zeit ist Louise für Myriam und Paul unentbehrlich; sie werden von ihren Freunden um die wunderbare Nanny beneidet. Doch das Ehepaar ahnt nichts von der Einsamkeit und Verletzlichkeit des Kindermädchens. Und sie ahnen nicht, dass am Ende eine furchtbare Tragödie mit mehreren Toten stehen wird ...

Bewertung:

Der zweite Roman der französisch-marrokanischen Journalistin und Autorin Leila Slimani, inspiriert durch einen wahren Fall in New York im Jahr 2012, avancierte rasch nach Erscheinen zu einem Bestseller. "Dann schlaf auch du" ist ein sowohl untypischer als auch literarischer Krimi, der sich auch und vor allem an Leser wendet, die sonst diesem Genre nicht so viel abgewinnen können.

Tat, Opfer und Täter stehen schon zu Anfang fest: Die beiden Kinder sind tot, die Nanny hat sie getötet. Adam starb sofort, Mila erliegt im Krankenhaus ihren Verletzungen. Die Nanny überlebt einen Selbstmordversuch und liegt im Koma. In bester Why-dunnit-Manier begibt sich der Roman nun langsam auf Spurensuche: Wie konnte es zu dieser unglaublichen Tat kommen? Der Erzähler beleuchtet dazu verschiedene Perspektiven,konzentriert sich mal auf Louise, mal auf Myriam, bisweilen auch auf Paul oder Myriams Tochter Stéphanie. Die Fassade erscheint lange Zeit glücklich: Paul und Myriam kommen gut mit Louise aus; gerade Myriam bemüht sich öfter auch um kleine Geschenke und Gefälligkeiten für das Kindermädchen, sie nehmen Louise auch mit in den Urlaub.

Unter der glänzenden Fassade jedoch lauern Abgründe. Louise hat eine schmerzvolle Vergangenheit hinter sich; sie ist einsam, und so nah sie den Massés auch zu sein scheint, sie bleibt ihnen und ihrer Welt dennoch fern. Myriam und Paul ahnen nicht, wie erbärmlich und trostlos Louises kleine Wohnung ist, eher eine Absteige, in der sie nicht mehr Zeit als nötig verbringt. Sie wissen nichts von ihren Schulden, ihrer schwierigen Ehe und dem komplizierten Verhältnis zu ihrer Tochter. Die Beziehung zwischen dem Kindermädchen und seinen Arbeitgebern ist geprägt durch gegenseitiges Missverstehen: Myriam und Paul geben sich gern großzügig und laden Louise unwissentlich dazu ein, sich mehr und mehr in ihrem Leben einzunisten.

Bei aller scheinbaren Perfektion blitzen ab und zu Aggressionen und Abgründe auf bei Louise, deren Tragweite aber von allen Beteiligten unterschätzt wird. Der Roman spielt mit elterlichen Ängsten und Schuldgefühlen, beleuchtet die Problematik der Einsamkeit und demonstriert, wie wenig man mitunter über einen Menschen weiß, den man jeden Tag um sich hat. Melancholie, Verzweiflung und eine teils beinah klaustrophobische Spannung liegen über der Handlung. Es gibt keine großen Erklärungen, der Leser soll aus dem Dargestellten seine eigenen Schlüsse und Bewertungen ziehen.

Die klare, meist nüchterne Sprache mit knappen Sätzen und nur wenigen Dialogen harmoniert mit dieser Stimmung. Diese Reduziertheit und Kühle weckt nicht bei jedem Leser Begeisterung; auch hätte man die Charaktere von Myriam und Paul noch etwas plastischer herausarbeiten können, damit sie deutlicher vor Augen erscheinen, sich mehr einprägen.

Fazit:

"Dann schlaf auch du" von Leila Slimani ist ein beklemmender Why-dunnit-Krimi in knappem Stil; kein überragender, aber doch lesenswerter und durchaus berührender Roman.

8. März 2018

The Child - Fiona Barton

Produktinfos:

Ausgabe: 2017 bei Wunderlich (Rowohlt)
Seiten: 480
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Die Autorin:

Fiona Barton (Großbritannien) war lange Zeit als Reporterin bei der "Daily Mail", dem "Daily Telegraph" und der "Mail on Sunday" tätig und erhielt die Auszeichnung "Reporter of the Year". 2016 gelang ihr gleich mit ihrem ersten Roman "Die Witwe" ein internationaler Erfolg.

Inhalt:

Bei Bauarbeiten in London wird das Skelett eines Babys entdeckt, das offenbar schon seit Jahrzehnten dort vergraben war. Die Journalistin Kate stößt auf diese Nachricht und wittert eine interessante Geschichte dahinter. Sie beginnt nachzuforschen, in der Hoffnung, die Hintergründe zu enthüllen. Wer ist das Baby, und wer hat es dort vergraben?

Dabei trifft sie schon bald auf Angela Irving. Angelas Tochter wurde vor vierzig Jahren kurz nach ihrer Geburt aus dem Krankenhaus entführt, und bis heute gibt es keine Spur von ihr oder dem Täter. Angela ist überzeugt davon, dass es sich bei dem Baby um ihre Tochter handelt - und hofft auf baldige Gewissheit.

Und auch die labile zweiundvierzigjährige Emma liest über den Fall und reagiert mit großem Entsetzen. Sie fürchtet, dass im Zuge der Ermittlungen ein dunkles Geheimnis aus ihrer Vergangenheit ans Licht kommen wird ...

Bewertung:

Nach dem ihrem erfolgreichen Debütroman "Die Witwe" legt Fiona Barton mit "The Child" ihr nächstes Werk vor, das in nahezu allen Belangen überzeugt. Es gibt hier ein Wiedersehen mit Kate Waters, die auch im vorherigen Werk mit von der Partie war; man muss "Die Witwe" aber nicht kennen, und es wird auch nicht zu viel darüber verraten, falls man es im Anschluss noch lesen möchte.

Drei Frauen werden abwechselnd in den Handlungsfokus gerückt, jede von ihnen auf andere Weise mit dem Fall des vergrabenen Babys verbunden. Kate ist diejenige, die die Geschichte ins Rollen bringt. Sie entdeckt eine knappe Nachricht zu dem Fund und spürt instinktiv, dass dahinter eine große Story lauert - die sie braucht, um ihren wackligen Posten in der Redaktion wieder zu festigen. Schon bald aber ist sie nicht nur aus beruflichem Ehrgeiz, sondern auch aus emotionaler Verbundenheit davon besessen, den Fall zu klären. Die intelligente, hartnäckige Kate ist eine sympathische Figur, die man gern bei ihren Recherchen begleitet.

Angela wiederum weckt Mitgefühl. Auch wenn der Verlust ihrer Tochter Jahrzehnte zurückliegt, hat sie ihn nie verwunden. Immer noch macht sie sich Vorwürfe, damals zehn Minuten zum Duschen gegangen zu sein und ihr Baby alleingelassen zu haben; auch ihr Mann und ihre beiden verbliebenen Kinder können den fortwährenden Schmerz kaum lindern. Angela will endlich erfahren, was mit Alice geschehen ist - vor allem aber will sie sie bestatten können. Ihre Verzweiflung wird sehr gut nachvollziehbar und berührend geschildert - und man wünscht ihr inständig, dass sie Klarheit über Alice' Schicksal erhält.

Emmas genaue Rolle ist längere Zeit unklar. Sie ist depressiv und durch den Artikel über das tote Baby sehr beunruhigt. Sie hat furchtbare Angst, allerdings ist zunächst nicht klar, ob dies begründet ist oder auf ihrem labilen Zustand beruht. Auch das schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter Jude scheint eine Rolle zu spielen, aber Genaueres kristallisiert sich erst ganz allmählich heraus. Man erahnt zwar zunehmend, was es mit Emmas Ängsten und ihrer Vergangenheit auf sich hat, das mindert aber nicht die Anteilnahme des Lesers.

Alle drei Handlungsstränge erzeugen Spannung, und man möchte von Beginn an erfahren, was es mit dem vergrabenen Baby auf sich hat. Es ist freilich kein actiongeladener Thriller, und es gibt keine Bedrohung durch einen Mörder. Dennoch fiebert man mit, weil einen das Schicksal des Babys berührt, weil man seine Geschichte kennenlernen will, weil man gebannt Kates Nachforschungen verfolgt, sich für Angela Klarheit erhofft und neugierig auf Emmas Geheimnis ist. Die Wendungen können durchaus vorausgeahnt werden, was aber nicht weiter ins Gewicht fällt, da es kein Werk ist, das hauptsächlich auf Überraschungen baut. Der Roman ist in erster Linie ein bewegendes Drama und ein feines psychologisches Porträt dreier Frauen. Die Atmosphäre ist oft melancholisch, erfährt jedoch auch zarte humorvolle Auflockerungen. Das Ende ist sehr überzeugend gewählt und lässt keine wichtigen Fragen offen.

Fazit:

Mit "The Child" ist Fiona Davis ein überzeugender, einfühlsamer Roman mit interessanten Charakteren gelungen. Ein Werk mit sehr leisen Thrilleranklängen, aber dadurch nicht weniger spannend.