28. November 2016

Die Mühle - Elisabeth Herrmann

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei cbt
Seiten: 448
Buchhandel.de
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Die Autorin:

Elisabeth Herrmann, geboren 1959, begann erst eine Lehre als Bauzeichnerin und arbeitete dann als Maurerin und Betonbauerin, ehe sie das Abitur nachholte und studierte. Heute ist sie als Fernsehjournalistin für den RBB und als freie Autorin tätig. Gleich mit ihrem ersten Roman "Das Kindermädchen" gelang ihr der Durchbruch. Weitere Werke sind u.a. "Die siebte Stunde", "Die letzte Instanz" und "Lilienblut".

Inhalt:

Joshua, Johnny, Tom, Stephan, Siri, Cattie und Franziska - das war die coole und allseits bewunderte, aber auch unnahbare Clique auf Lanas früherer Schule. Lana, zwei Stufen unter ihnen, wurde nie von ihnen beachtet, obwohl sie heimlich für Johnny schwärmte. Jahre später trifft sie überraschend Johnny an der Berliner Uni wieder. Nachdem sie ihm bei einem kleinen Unfall zu Hilfe kommt, erfährt sie, dass sich die Clique nach der Schulzeit getrennt hat.

Geplant ist aber ein Wiedersehenstreffen in einem Luxushotel im tschechischen Karlsbad, Fahrt und Hotel sind bereits bezahlt. Da Johnny aus gesundheitlichen Gründen die Fahrt nicht antreten kann, überlässt er Lana seinen Platz, die spontan annimmt. In Karlsbad angekommen, sind die anderen sechs erst einmal wenig begeistert, dass statt Johnny plötzlich Lana bei ihnen aufschlägt, aber notgedrungen akzeptieren sie ihre Teilnahme.

Es stellt sich heraus, dass anscheinend ein unbekannter Gönner das Treffen arrangiert und bezahlt hat. Eine Limousine bringt die Gruppe in die Berge, wo sie auf eine alte Mühle stoßen. Auch hier hat der unbekannte Gastgeber alles für sie vorbereitet. Doch die jungen Leute entdecken auch beunruhigende Hinweise und es scheint, als führe der Unbekannte nichts Gutes mit ihnen im Schilde. Spätestens als einer von ihnen verschwindet und der Rückweg abgeschnitten ist, wird Lana klar, dass sie in höchster Gefahr schweben ...

Bewertung:

Elisabeth Herrmanns Jugendthriller "Die Mühle" entwirft ein sehr reizvolles Ausgangsszenario voll Spannung und dichter Atmosphäre, sieht man von ein paar kleinen Schwächen ab, die vor allem den Anfangsteil betreffen.

Die zwanzigjährige Lana erzählt rückblickend jene dramatischen Ereignisse, die sich innerhalb weniger Tage abspielen. Die Handlung funktioniert nach dem Zehn-kleine-Negerlein-Prinzip, da nach und nach Mitglieder der Gruppe verschwinden. Es ist lange Zeit unklar, was mit ihnen geschehen ist, ob sie sich verlaufen haben, verunfallt oder gar entführt oder getötet worden sind. Ebenso ist unklar, wer hinter der Organisation steckt und was derjenige damit bezweckt. Man ahnt zwar, dass irgendjemand Rache an der Clique nehmen will, doch die - plausiblen - Beweggründe werden erst spät offenbart.

Bis dahin beherrschen eine düstere Atmosphäre und unheimliche Geschehnisse die Handlung. Die einsame und imposante Mühle ist ein gelungener Schauplatz, einerseits der einzige Zufluchtsort in der verwilderten, rauen Natur, andererseits geht hier offenbar der unbekannte Gastgeber ein und aus, ohne von der Gruppe gesehen zu werden. Nachdem die Gruppe erst einmal den Ernst der Lage begriffen hat, werden die Beklemmung und die wachsende Verzweiflung sehr intensiv dargestellt. Die Handys haben in der abgelegenen Gegend keinen Empfang, der Rückweg ist ungewiss und gefährlich, Unwetter und Kälte bedrohen die jungen Leute. Sie reagieren misstrauisch aufeinander und sind sich uneins, wie man weiter verfahren soll.

Im Laufe der Zeit gewinnen die Cliquenmitglieder an Kontur. Franziska ist zunächst die Freundlichste gegenüber Lana, doch auch sie verliert später ihr gegenüber die Nerven. Siri verhält sich arrogant, die Karrierefrau Cattie hat ein Alkoholproblem, Tom taut auf, nachdem Lana ihm bei der Brückenüberquerung beigestanden hat. Lana merkt schnell, dass ihre einst bewunderten "Götter" ausgesprochen menschlich sind und einige Schwächen besitzen. Als Außenstehende hat Lana den schwersten Stand und muss sich immer wieder gegen Verdächtigungen wehren, dass sie, womöglich gemeinsam mit Johnny, hinter dem Ganzen steckt. Gemeinsam mit Lana wartet der Leser gebannt darauf, endlich zu erfahren, welches fatale Geheimnis die Clique verbindet, das womöglich den Hintergrund für dieses Zusammentreffen bildet. Grundlegend ist der Thriller für Jugendliche ab etwa fünfzehn Jahren geeignet, wobei er sich ebenso gut für Erwachsene anbietet. Zwar gibt es immer mal wieder selbstironische Kommentare von Lana, doch der Tenor ist überwiegend ernst, unheimlich und dramatisch, vor allem gegen Ende hin melancholisch.

Die Schwächen betreffen in erster Linie den Anfang, da hier die Glaubwürdigkeit ein bisschen auf der Strecke bleibt. Es erscheint etwas fragwürdig, dass Jana sich so spontan auf die Reise ins Unbekannte nach Karlsbad einlässt - um den reservierten Zug zu erwischen, eilt sie direkt von Johnny zum Bahnhof, verzichtet also auf Gepäck und tritt die Fahrt nur mit dem Nötigsten wie Handy und Portemonnaie an. Zudem ist sie für die anderen sechs quasi eine Fremde, die sie maximal vom Sehen kennen und teilweise nicht einmal das, hat auf einem Cliquentreffen also nichts verloren, auch wenn Johnny ihr seine Fahrtkarte überlassen hat. Es wirkt insgesamt etwas zu konstruiert und gezwungen, dass Lana ohne direkten Bezug zu der Clique zum Treffen fährt, obwohl sie damit rechnen muss, dass die anderen ihre Teilnahme ablehnen.

Des Weiteren wird nicht ganz deutlich, weshalb die Clique seinerzeit überhaupt so faszinierend war; kein Vergleich etwa zu der charismatischen Clique in Donna Tartts Krimi "Die geheime Geschichte", wo der Leser sehr gut nachvollziehen kann, dass der Ich-Erzähler zu diesem elitären Kreis gehören möchte. In diesem Fall wird eher behauptet als wirklich demonstriert, dass die Clique so interessant ist, dass Lana spontan die Reise zu ihnen antritt, zumal sie jahrelang keinen von ihnen gesehen hat. Überdies reagieren die Cliquenmitglieder grundsätzlich etwas zu unbekümmert auf die ersten bedrohlichen Hinweise. Zu Beginn denken sie offenbar, einer von ihnen hätte heimlich das Treffen arrangiert. Aber spätestens, als sie für ein Picknick eine Hängebrücke überqueren müssen, die anschließend abreißt, erwartet man deutlich mehr Misstrauen und Besorgnis bei den Reaktionen.

Fazit:

"Die Mühle" von Elisabeth Herrmann ist ein - von kleinen Schwächen abgesehen - spannender, beklemmender und unheimlicher Thriller für jugendliche und erwachsene Leser, der durch eine dichte Atmosphäre überzeugt.

25. November 2016

Dangerous Boys - Abigail Haas

Produktinfos:

Ausgabe: 2015
Seiten: 352
Buchhandel.de
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Die Autorin:

Abigail Haas wuchs im englischen Sussex auf und lebt mittlerweile in den USA. Sie studierte in Oxford Politik, Philosophie und Wirtschaftswissenschaften. Ihre Thriller erscheinen auch unter den Namen Abby McDonald und Melody Grace. Weitere Werke sind u.a.: Dangerous Girls, L.A. Lovestory, Plötzlich Liebe und Mein perfekter Sommer.

Inhalt:

Eigentlich stand für Chloe fest, dass sie nach ihrem sehr guten High-School-Abschluss aufs College gehen und das öde Kleinstadtleben hinter sich lassen wird. Doch dann kommt alles anders, als ihr Vater die Familie verlässt und ihre Mutter in tiefe Depressionen versinkt. Chloe verschiebt schweren Herzens ihre Collegepläne und hält sich und ihre Mutter finanziell mit Nebenjobs über Wasser.

Ihr einziger Lichtblick ist ihr neuer Freund Ethan, der gerade mit seiner Familie hierhergezogen ist. Die Treffen mit ihm lenken Chloe von ihrer eigenen trostlosen Situation zuhause ab. Eines Tages steht aber überraschend Ethans älterer Bruder Oliver bei seiner Familie vor der Tür. Oliver hat kurzerhand sein Studium geschmissen und nimmt sich eine Auszeit bei seiner Familie.

Schon bald ist Chloe klar, dass Oliver ganz anders als Ethan ist - frecher, geheimnisvoller und auf seine Art ebenso anziehend wie sein Bruder, wenn nicht noch mehr. Anfangs ist Chloe genervt von Olivers dreistem Auftreten, doch schon bald fühlt sie sich zu ihm hingezogen. Es beginnt ein brisantes Dreiecksverhältnis, das ein tödliches Ende nehmen wird ...

Bewertung:

Nach "Dangerous Girls", in dem zwei Mädchen im Mittelpunkt standen, widmet sich Abigail Haas in "Dangerous Boys" einem Mädchen und zwei rivalisierenden Brüdern, einer äußerst prekären Beziehungskonstellation.

In die Haupthandlung werden immer wieder kurze Vorblenden zwischengeschaltet, die kurz nach einer Eskalation spielen, die offenbar für einen der Brüder tödlich endete. Aber welcher der beiden Brüder das ist und wer vor allem auf wen losgegangen ist und welche Rolle Chloe dabei spielt, das bleibt lange Zeit offen. Es ist ein spannendes, reizvolles Szenario, das hier entworfen wird. Chloe ist zu Beginn eine sympathische Protagonistin, die mit einem schwierigen Familienschicksal zu kämpfen hat. Ihr Vater verlässt die Familie für eine andere Frau, mit der er ein Kind bekommt. Chloes Mutter versinkt in schweren Depressionen, verweigert das Essen und ist nicht mehr arbeitsfähig, sodass Chloe allein für den Unterhalt aufkommen muss. Ihre persönliche Situation berührt, und es ist gut nachzuvollziehen, wie sehr Chloe darunter leidet, dass sie ihre Mutter umsorgen muss, statt ins Collegeleben einzusteigen. Zu allem Überfluss ist ihre beste Freundin Alisha zum Studieren weggezogen und meldet sich immer seltener.

Da ist es nur naheliegend, dass Chloe sich bereitwillig auf den netten Ethan einlässt, dessen Familie so harmonisch erscheint und der ihr die Wärme schenkt, die sie derzeit von niemandem sonst bekommt. Die Faszination für Oliver entwickelt sich schleichend. Er besitzt eine gewisse Bad-Boy-Attitüde, ist charmant und intelligent, dabei aber auch unstet. Obwohl er kurz vor seinem Studienabschluss steht und dort zu den Besten gehört, bricht er sein Studium ab und kehrt nach Hause zurück, ohne konkrete Zukunftspläne zu haben. Für Chloe, die so gerne aufs College gehen würde, ist dieses Verhalten fast ein Affront, ganz zu schweigen von Olivers dreisten Bemerkungen ihr gegenüber. Dann aber erkennt sie allmählich, dass Oliver genau das erfüllt, was ihr bei Ethan fehlt, eine gewisse draufgängerische Art, mit der er sich selbstbewusst nimmt, was er will.

Es ist recht spannend, diese Situation zu verfolgen und darauf zu warten, dass Ethan hinter das Verhältnis kommt. Dennoch reicht "Dangerous Boys" bei Weitem nicht an die Klasse von "Dangerous Girls" heran. Hauptgrund dafür ist, dass Oliver einfach kein sympathischer Charakter ist, sodass es nie wirklich nachvollziehbar wird, dass sich Chloe in ihn verliebt. Anfangs triezt er sie immer wieder und verhält sich übergriffig, später kommt zwar sein Charme ein wenig zum Vorschein, doch er ist immer noch in erster Linie überheblich und egoistisch. Nicht ganz nachvollziehbar ist auch, dass Chloe nicht einmal ihrer besten Freundin anvertrauen möchte, was sie gerade mit ihrer Mutter zuhause durchleidet, obwohl Alisha und sie zu dem Zeitpunkt noch guten Kontakt miteinander haben. Zudem wartet sie aus Angst vor Kleinstadtgerede sehr lange, bis sie ihrer Mutter professionelle Hilfe verschafft, was ebenfalls nicht sehr plausibel erscheint. Des Weiteren büßt Chloe im Handlungsverlauf an Sympathiepunkten ein und eignet sich in der zweiten Hälfte immer weniger als Identifikationsfigur. Gegen Ende erwarten den Leser zwar ein paar Wendungen, doch ein nachhaltiger Effekt, wie ihn "Dangerous Girls" durchaus auslösen konnte, bleibt hier aus.

Fazit:

"Dangerous Boys" von Abigail Haas ist ein durchschnittlicher Thriller, halbwegs spannend und vor allem leicht zu lesen, ab etwa vierzehn Jahren geeignet. Verglichen mit dem ersten Young-Adult-Thriller der Autorin, "Dangerous Girls", fällt dieses Werk aber recht deutlich ab.

21. November 2016

Still - Zoran Drvenkar

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei Heyne (Erstauflage 2014 bei Eder & Bach)
Seiten: 414
Buchhandel.de
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Der Autor:

Zoran Drvenkar, 1967 geboren in Jugoslawien und heute in Berlin lebend, arbeitete nach diversen Jobs seit 1989 als Autor. Er verfasst sowohl Kinder- und Jugend- als auch Erwachsenenbücher und erhielt für sein Schaffen zahlreiche Preise wie den Deutschen Jugendliteraturpreis und den Friedrich-Glauser-Preis. Weitere Werke sind u.a.: Sorry, Du, Die Kurzhosengang und Die Nacht, in der meine Schwester den Weihnachtsmann entführte.

Inhalt:

Seit mehreren Jahren verschwinden regelmäßig im Winter im Raum Berlin/Brandenburg Kinder, vermutlich Opfer eines Pädophilenringes. Die Kinder werden direkt aus dem Elternhaus entführt. Ein Mädchen konnte seinen Peinigern offenbar entkommen - fast nackt, fiebernd und schwer verstört. Lucia ist mittlerweile zwanzig und lebt in einem Pflegeheim. Sie hat seit ihrer Rückkehr kein Wort gesprochen.

Der Lehrer Mika Stellar vermutet, dass auch seine Tochter ein Opfer dieser Täter wurde. Weil die Polizei nicht weiterkommt, macht er selbst Jagd auf die Täter und dafür in die Pädophilenszene ein. Seine Recherchen führen ihn zu vier Männern, die sich regelmäßig in einer Kneipe treffen und die er als die Täter vermutet. Mika nimmt eine neue Identität an und sucht Kontakt zu ihnen.

Er gibt vor, seine eigene Tochter sexuell zu begehren, und gewinnt allmählich das Vertrauen der Männer. Sein Ziel ist es, Rache für seine Tochter und all die anderen Kinder zu nehmen und die Männer ein für alle Mal auszuschalten. Dabei ist ihm bewusst, dass ihn der kleinste Fehler verraten und ihm zum tödlichen Verhängnis werden kann ...

Bewertung:

Bewegend, düster, abgründig und stilistisch ungewöhnlich kommt Zoran Drvenkars vierter Thriller "Still" daher. Die Handlung gliedert sich in drei abwechselnde Erzählstränge, die jeweils mit "Ich", "Du" und "Sie" betitelt sind.

"Ich" thematisiert Mika Stellars Gedanken und liefert fesselnde und beklemmende Einblicke in die zerrissene Seele eines Vaters, der sich für seine Tochter in die Hölle begibt. Ein Jahr lang betreibt er sorgfältige Recherche und bereitet seinen Plan vor, bei dem das kleinste Scheitern seinen Tod bedeuten kann. Er nimmt einen anderen Namen - eben Mika Stellar - an, beschafft sich Papiere für seine neue Identität und wechselt seinen Arbeitsplatz, damit die Täter bei eigenen Überprüfungen keinesfalls erfahren, dass er Vater eines der Opfer ist. Er taucht ein in die Rolle eines pädophilen Familienvaters, der obendrein die eigene Tochter begehrt und zwischen Scham und Verlangen hin- und hergerissen ist. Mika weiß sehr genau, wie er vorgehen muss, um das Vertrauen der Männer zu gewinnen, um einer von ihnen zu werden. Er muss überzeugen in seiner Rolle als Pädophiler, darf aber auch nicht übertreiben oder zu aufdringlich werden, um seine neuen Freunde nicht misstrauisch zu machen. Jeder Satz den Männern gegenüber ist wohlüberlegt, um seine Rolle authentisch dazustellen: der schüchterne, unsichere Vater, der mit den Gefühlen zu seiner Tochter kämpft und schwankt zwischen Scham und der Erleichterung, sich Gleichgesinnten öffnen zu können. Es gelingt ihm gut, den Leser auf seine Seite zu ziehen, sodass man mit ihm fiebert und bangt, ob seine Tarnung hält oder es zu einer Katastrophe kommt. Zugleich ist man sich aber mehr und mehr auch bewusst, dass Mika bei seinem Rachefeldzug selbst moralische Grenzen überschreiten will und für seine Mission womöglich selbst etwas Menschlichkeit einbüßen wird.

Der "Du"-Strang widmet sich dem entkommenen Opfer Lucia. Die Handlung springt zurück zur Entführung der damals dreizehnjährigen Lucia und erzählt in knappen, eindringlichen Worten - konsequent in der Du-Perspektive -, was ihr und ihrem kleinen Bruder damals zugestoßen ist. "Sie" sind die Männer, die Jagd auf Kinder machen, immer wenn der Winter kommt. Schnee und Eis verdecken die Spuren, hüllen die Welt ein, und das ist die Zeit, wenn sie still und leise in die Häuser schleichen und ihre Beute holen.

Drvenkars Stil ist gewöhnungsbedürftig. Nicht allein, dass er die alte Rechtschreibung nutzt und statt Anführungszeichen Spiegelstriche setzt, sodass man leicht übersieht, welche Absätze eine wörtliche Rede kennzeichnen. Er nutzt auch oft kurze Sätze, formuliert eindringlich und bildhaft, spiegelt in seiner Sprache die Verzweiflung und die Besessenheit Mika Stellars wider. Man erfährt auch jeweils recht spät, wer "Ich", "Du" und "Sie" überhaupt sind, wie die drei Stränge inhaltlich und chronologisch konkret zusammengehören, sodass gerade auf den ersten zwanzig, dreißig Seiten mehr Konzentration als bei anderen Thrillern gefordert ist. Hat man sich erst einmal damit - und auch mit den leider recht zahlreichen Tippfehler, insbesondere was die Kleinschreibung der Höflichkeitsanrede angeht - abgefunden, passt dieser Stil gut zu der atmosphärisch dichten und harten Handlung.

Gegen Ende kommen mehrere Wendungen ins Spiel, von denen zumindest eine weit hergeholt ist und ein bisschen zu reißerisch wirkt. Davon abgesehen, ist das Ende gelungen, da es weder allzu harmonisch noch unbefriedigend ausgeht.

Fazit:

"Still" von Zoran Drvenkar ist ein beklemmender, atmosphärischer und spannender Thriller mit brisanter Thematik. Auf den zunächst gewöhnungsbedürftigen Stil muss man sich einlassen, dann liest sich der Roman flüssig. Gegen Ende hin kommt eine etwas überzogene Wendung ins Spiel, die aber den Gesamteindruck nicht wesentlich trübt.

19. November 2016

Pretty Baby. Das unbekannte Mädchen - Mary Kubica

Produktinfos:

Ausgabe: 2016
Seiten: 304
Buchhandel.de
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Die Autorin:

Mary Kubica studierte amerikanische Geschichte und Literatur und erlangte gleich mit ihrem Debütroman "Good Girl" den Durchbruch als Thrillerautorin. "Pretty Baby" ist ihr zweiter Roman, 2016 erschien "Don't you cry".

Inhalt:

Heidi Wood hat eine ausgeprägte soziale Ader, weshalb sie auch in einer gemeinnützigen Organisation arbeitet, wo sie sich vor allem um Immigranten kümmert. Eines Morgens fällt ihr im Zug ein offenbar obdachloses junges Mädchen mit einem Baby auf. Der Anblick lässt sie nicht los, und als sie das Mädchen wiedertrifft, lädt sie es spontan zum Essen ein.

Zögernd nimmt das Mädchen namens Willow an. Sie ist verdreckt und abgemagert und kaum in der Lage, für das Baby Ruby zu sorgen. Obwohl Willow fast nichts über sich preisgeben will, lässt Heidi nicht locker. Spontan nimmt sie Willow und Ruby zu sich nach Hause - sehr zum Missfallen ihres Ehemanns Chris und ihrer zwölfjährigen Tochter Zoe.

Um Willow nicht zu verschrecken, verständigt Heidi weder die Polizei noch das Jugendamt. Willow und das Baby können sich waschen und bekommen neue Kleidung, Ruby erhält zudem Medikamente. Heidi hofft, in den nächsten Tagen Willows Vertrauen zu gewinnen, um ihr noch besser helfen zu können. Nur widerwillig geht Chris auf seine Geschäftsreisen, immer in Sorge, was Willow vor ihnen verbergen mag und wer dieses fremde Mädchen überhaupt ist. Während er sich fragt, ob Willow möglicherweise gefährlich ist, entfremdet er sich zunehmend von seiner Frau, die sich ganz auf Willow und Ruby fixiert ...

Bewertung:

Mary Kubicas "Pretty Baby" präsentiert dem Leser eine grundsätzlich simple Handlung, in der einige Dinge anders sind, als sie scheinen, ein undurchsichtiges Netz aus Wahrheit und Lüge, das zum Rätseln einlädt, wie sich die angespannte Dreieckskonstellation aus Heidi, Chris und Ruby entwickeln wird.

Erzählt wird die Handlung abwechslend aus drei Perspektiven, wobei der Fokus auf Heidi liegt. Sie und Chris erzählen über die Zeit, in der Willow bei ihnen unterkommt. Willows Strang dagegen spielt kurze Zeit danach. Kleine Andeutungen aus Willows Bericht machen früh klar, dass zwischen ihrer Aufnahme bei den Woods und der Gegenwartshandlung etwas Dramatisches passiert ist, doch was genau vorgefallen ist und wer Täter und wer Opfer ist, offenbart sich erst spät.

Alle drei Hauptcharaktere sind durchaus komplex. Willow ist der undurchschaubare Teenager, laut eigener Aussage achtzehn, was sie aber ganz offensichtlich nur vorgibt, um dem Jugendamt zu entkommen. Während sie gegenüber Heidi und Chris überwiegend schweigt, erfährt der Leser ihr grausames Schicksal: Tod der Eltern, Trennung von der Schwester, Missbrauch und Gewalt in der neuen Familie sind die Kernpunkte, die Willows letzte Jahre bestimmt haben. Und doch wird lange Zeit geheim gehalten, was es mit Baby Ruby auf sich hat, wie Willow auf die Straße geraten ist und wie sie wirklich zu Heidi steht. Heidi ist zu Beginn vor allem sympathisch, kümmert sie sich doch aufopfernd um die beiden Obdachlosen. Willow und das Baby gehen ihr bereits nicht mehr aus dem Kopf, bevor sie auch nur ein Wort mit dem Mädchen gewechselt hat. Sie überlässt Willow zunächst ihr Jacke, lädt sie dann zum Essen ein, gibt ihr Geld, ehe sie sie schließlich mit nach Hause nimmt. Hier wird allerdings auch klar, dass Heidi zunehmend rücksichtslos ihr Helfersyndrom durchsetzt; Einwände ihres Mannes und ihrer Tochter werden abgewiegelt. Zudem erfährt der Leser nach und nach nicht nur aus Willows, sondern auch aus Heides Vergangenheit prekäre Details, die Heides Verhalten in ein etwas anderes Licht stellen.

Chris ist im Gegensatz zu Heidi der vernünftige Part, der zwar ein gewisses Mitgefühl für Willow besitzt, aber in erster Linie seine Familie schützen will. Er recherchiert heimlich über Willows Identität und versucht parallel, Heidi ein wenig aufzurütteln. Seine Bedenken sind sehr nachvollziehbar, allerdings spürt man auch, dass seine Beziehung zu Heidi schon vor Willows Eintreffen instabil war. Chris muss immer wieder auf Geschäftsreise, begleitet von seiner jungen und höchst attraktiven Kollegin Cassidy Knudsen, die ihn in Versuchung bringt. Ob Chris dieser Versuchung nachgibt und wie sich seine Beziehung zu Heidi unter den Belastungen entwickelt, ist zwar nicht so sehr im Fokus wie die Frage nach Willow, ist aber auch Teil der Handlung.

Über der gesamten Handlung liegt eine melancholisch-bedrohliche Atmosphäre, die den Leser zu fesseln versteht. Die (scheinbare oder tatsächliche) Bedrohung, die von Willow ausgeht, ist allerdings sehr subtil und entwickelt sich nur langsam. Auch die Wendung im hinteren Teil des Buches geschieht nicht plötzlich, sondern allmählich und lässt sich Schritt für Schritt mitverfolgen. Wer auf rasante Wendungen hofft, wird enttäuscht werden, ebenso, wer einen temporeichen Plot erwartet. Es ist kein typischer Psychothriller, der an den Nerven zerrt und den Leser beinah atemlos macht, "psychologischer Spannungsroman" gibt den Tenor eher wieder. Gewöhnungsbedürftig ist dazu, dass sich die vermeintliche Identifikationsfigur Heidi zunehmend schwierig verhält und man nicht mehr so sehr auf ihrer Linie liegt wie noch zu Anfang.

Fazit:

"Pretty Baby - Das unbekannte Mädchen" von Mary Kubica ist ein sehr reizvoller Roman, der den Leser geschickt in den Bann zieht und sehr unterhaltsame Lesestunden beschert. Die Grundhandlung ist simpel, entwickelt aber zunehmend eine fesselnde Atmosphäre. Allerdings muss sich der Leser auch auf ein gemächliches Voranschreiten einstellen, auch plötzliche Wendungen, wie sonst gerne in Psychothriller genutzt, bleiben hier aus.

18. November 2016

Dangerous Girls - Abigail Haas

Produktinfos:

Ausgabe: 2014
Seiten: 416
Buchhandel.de
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Die Autorin:

Abigail Haas wuchs im englischen Sussex auf und lebt mittlerweile in den USA. Sie studierte in Oxford Politik, Philosophie und Wirtschaftswissenschaften. Ihre Thriller erscheinen auch unter den Namen Abby McDonald und Melody Grace. Weitere Werke sind u.a.: Dangerous Boys, L.A. Lovestory, Plötzlich Liebe und Mein perfekter Sommer.

Inhalt:


Die siebzehnjährige Anna aus Boston macht mit ihrer Clique Urlaub auf Aruba, um dort den Spring Break zu feiern. Mit dabei sind auch ihr Freund Tate und ihre beste Freundin Elise. Doch der Trip ins Paradies wird zum Alptraum, als Elise ermordet wird - die Polizei findet sie erstochen in ihrem Zimmer.

Die Freunde sind völlig verstört und werden nacheinander von den Ermittlern befragt. Ein Teil von ihnen, Mel, AK, Chelsea und Lamar, hat ein solides Alibi für den Tatzeitpunkt. Die Befragungen konzentrieren sich daher schon bald auf Tate und Anna, die zu der Zeit zusammen waren. Aber Tate kommt dank eines cleveren Anwalts und einer Kaution seiner Eltern bald auf freien Fuß, während sich Staatsanwalt Dekker auf Anna fixiert.

Obwohl Anna ihre Unschuld beteuert, zieht sich die Schlinge immer enger zu. Ihre Freunde und selbst Tate wenden sich von ihr ab, die Medien stellen sie als eiskalte Killerin dar. Die Spur zu zwei weiteren Verdächtigen wird vom Staatsanwalt nicht verfolgt. Annas Anwalt bemüht sich, doch es scheint aussichtslos, sie vor einer Verurteilung zu retten ...

Bewertung:


"Dangerous Girls" lehnt sich oberflächlich an den wahren Mordfall Meredith Kercher an, der sich 2007 im italienischen Perugia ereignete, wenngleich natürlich einige Details abgewandelt werden. Die Ausgangssituationen unterscheiden sich ein wenig: Statt Perugia ist hier das karibische Aruba der Schauplatz, vermutlich inspiriert vom Fall der 2005 dort verschwundenen (und bis heute vermissten) achtzehnjährigen Natalee Holloway. Meredith Kercher war nicht wie Elise zum Urlaub, sondern als britische Austauschstudentin in Perugia, und die Tatverdächtige US-Amerikanerin Amanda Knox war keine enge Freundin des Opfers, sondern gleichfalls eine Austauschstudentin, die mit ihr in einer WG wohnte. Der als Mittäter angeklagte Raffaele Sollecito war zwar, wie Tate mit Anna, mit Amanda liiert, allerdings lernten sie sich erst kurz zuvor in Perugia kennen, während im Roman Tate, Anna und Elise Schulkameraden sind. Des Weiteren waren zumindest die amerikanischen Medien Amanda Knox recht gnädig gegenüber, und es gab viel Unterstützung aus der Heimat für sie, was bei Anna ausbleibt; außer ihrem Vater und ihrem Anwaltsteam scheint niemand auf ihrer Seite zu sein.

Davon abgesehen sind die Parallelen aber deutlich. Wie bei Amanda Knox und Raffaele Sollecito wird Anna und Tate ein tröstender Kuss kurz nach den Ereignissen zum Verhängnis, da die Medien ihr Verhalten als unangebracht kritisieren. Die Ermittlungen werden schlampig geführt, sodass DNA-Nachweise nicht eindeutig verwertet werden können. Bei Amanda Knox wurde eine im Rahmen einer Kreatives-Schreiben-Aufgabe verfasste kriminalistische Kurzgeschichte als Zeichen für ihr mörderisches Wesen gedeutet, so wie gegen Anna entsprechende selbst verfasste Gedichte verwendet werden. Wie bei Amanda Knox bemühen sich auch hier die Medien, sie nicht nur als kalt und ungewöhnlich gefasst, sondern auch als Femme fatale und partyfeierndes, drogenkonsumierendes Luder darzustellen.

Die Anklage vermutet ein sexuelles, von Eifersucht geprägtes Verhältnis zwischen Anna und Elise und präsentiert ein durchaus glaubwürdiges Motiv für die brutale Tat. Anna wiederum belastet zwei junge Männer, die Elise kurz zuvor kennenlernte, als potenzielle Täter: Juan ist ein Straßenverkäufer, mit dem Elise zunächst flirtete, ehe sie ihn zu seinem Ärger eiskalt abservierte; Niklas ist eine Affäre, die sie ins Haus einlud und der sich gegenüber Anna sehr provokant verhielt. Allerdings ist der die Ermittlung leitende Staatsanwalt schon früh von ihrer Schuld überzeugt und wiegelt alle anderen Verdachtsmomente ab.

Die Handlung springt kapitelweise zwischen drei Zeitebenen umher, was anfangs etwas gewöhnungsbedürftig ist. Ein Strang spielt in der Zeit vor der Tat und erzählt rückblickend, wie sich Anna und Elise anfreundeten und wie der Urlaub vor dem Mord ablief. Der zweite Strang fokussiert sich auf die Zeit unmittelbar nach der Tat und gibt die ersten Vernehmungen und Annas Zeit in der Untersuchungshaft wieder. Der dritte Strang schließlich widmet sich dem Prozess. Das Geschehen, erzählt aus Annas Sicht, ist spannend und sehr kurzweilig. Annas Hilflosigkeit wird gut vermittelt, und es wird nicht an Wendungen gespart, die die Ereignisse immer wieder ein leicht verändertes Licht rücken. Am Ende wird alles aufgeklärt, und das durchaus auf spektakuläre Weise. Man kann die Auflösung zwar möglicherweise vorher erahnen, doch die meisten Leser werden überrascht werden.

Was ein bisschen fehlt, sind komplexere Charaktere. Gerade der Rest der Clique bleibt blass. Von Mel weiß man, dass sie auf Elise fixiert ist und von dieser zunehmend als lästig empfunden wird, von A.K., dass seine Eltern enorm reich sind und er sehr rasch Misstrauen gegenüber Anna zeigt, von Lamar, dass er möglicherweise mehr für Anna empfindet und länger zu ihr hält als die anderen und von Chelsea, dass sie lange Zeit nicht an Annas Schuld glaubt, dann aber doch Zweifel äußert. Diese Nebenfiguren gehen etwas zu sehr unter; dafür aber ist das Verhältnis zwischen Anna und Elise umso reizvoller, geprägt von einer außergewöhnlichen Intensität, das trotz aller Liebe - oder gerade deswegen - nicht frei von Spannungen ist.

Fazit:

"Dangerous Girls" von Abigail Haas ist ein sehr spannender, leicht zu lesender Jugendthriller, der sich lose an den Meredith-Kercher-Mordfall anlehnt, dann aber zielstrebig seine eigene Richtung verfolgt und eine gelungene Auflösung präsentiert. Abgesehen von den etwas zu blassen Nebenfiguren gibt es keine nennenswerten Schwächen.