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28. November 2016

Die Mühle - Elisabeth Herrmann

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei cbt
Seiten: 448
Buchhandel.de
* * * * *
Die Autorin:

Elisabeth Herrmann, geboren 1959, begann erst eine Lehre als Bauzeichnerin und arbeitete dann als Maurerin und Betonbauerin, ehe sie das Abitur nachholte und studierte. Heute ist sie als Fernsehjournalistin für den RBB und als freie Autorin tätig. Gleich mit ihrem ersten Roman "Das Kindermädchen" gelang ihr der Durchbruch. Weitere Werke sind u.a. "Die siebte Stunde", "Die letzte Instanz" und "Lilienblut".

Inhalt:

Joshua, Johnny, Tom, Stephan, Siri, Cattie und Franziska - das war die coole und allseits bewunderte, aber auch unnahbare Clique auf Lanas früherer Schule. Lana, zwei Stufen unter ihnen, wurde nie von ihnen beachtet, obwohl sie heimlich für Johnny schwärmte. Jahre später trifft sie überraschend Johnny an der Berliner Uni wieder. Nachdem sie ihm bei einem kleinen Unfall zu Hilfe kommt, erfährt sie, dass sich die Clique nach der Schulzeit getrennt hat.

Geplant ist aber ein Wiedersehenstreffen in einem Luxushotel im tschechischen Karlsbad, Fahrt und Hotel sind bereits bezahlt. Da Johnny aus gesundheitlichen Gründen die Fahrt nicht antreten kann, überlässt er Lana seinen Platz, die spontan annimmt. In Karlsbad angekommen, sind die anderen sechs erst einmal wenig begeistert, dass statt Johnny plötzlich Lana bei ihnen aufschlägt, aber notgedrungen akzeptieren sie ihre Teilnahme.

Es stellt sich heraus, dass anscheinend ein unbekannter Gönner das Treffen arrangiert und bezahlt hat. Eine Limousine bringt die Gruppe in die Berge, wo sie auf eine alte Mühle stoßen. Auch hier hat der unbekannte Gastgeber alles für sie vorbereitet. Doch die jungen Leute entdecken auch beunruhigende Hinweise und es scheint, als führe der Unbekannte nichts Gutes mit ihnen im Schilde. Spätestens als einer von ihnen verschwindet und der Rückweg abgeschnitten ist, wird Lana klar, dass sie in höchster Gefahr schweben ...

Bewertung:

Elisabeth Herrmanns Jugendthriller "Die Mühle" entwirft ein sehr reizvolles Ausgangsszenario voll Spannung und dichter Atmosphäre, sieht man von ein paar kleinen Schwächen ab, die vor allem den Anfangsteil betreffen.

Die zwanzigjährige Lana erzählt rückblickend jene dramatischen Ereignisse, die sich innerhalb weniger Tage abspielen. Die Handlung funktioniert nach dem Zehn-kleine-Negerlein-Prinzip, da nach und nach Mitglieder der Gruppe verschwinden. Es ist lange Zeit unklar, was mit ihnen geschehen ist, ob sie sich verlaufen haben, verunfallt oder gar entführt oder getötet worden sind. Ebenso ist unklar, wer hinter der Organisation steckt und was derjenige damit bezweckt. Man ahnt zwar, dass irgendjemand Rache an der Clique nehmen will, doch die - plausiblen - Beweggründe werden erst spät offenbart.

Bis dahin beherrschen eine düstere Atmosphäre und unheimliche Geschehnisse die Handlung. Die einsame und imposante Mühle ist ein gelungener Schauplatz, einerseits der einzige Zufluchtsort in der verwilderten, rauen Natur, andererseits geht hier offenbar der unbekannte Gastgeber ein und aus, ohne von der Gruppe gesehen zu werden. Nachdem die Gruppe erst einmal den Ernst der Lage begriffen hat, werden die Beklemmung und die wachsende Verzweiflung sehr intensiv dargestellt. Die Handys haben in der abgelegenen Gegend keinen Empfang, der Rückweg ist ungewiss und gefährlich, Unwetter und Kälte bedrohen die jungen Leute. Sie reagieren misstrauisch aufeinander und sind sich uneins, wie man weiter verfahren soll.

Im Laufe der Zeit gewinnen die Cliquenmitglieder an Kontur. Franziska ist zunächst die Freundlichste gegenüber Lana, doch auch sie verliert später ihr gegenüber die Nerven. Siri verhält sich arrogant, die Karrierefrau Cattie hat ein Alkoholproblem, Tom taut auf, nachdem Lana ihm bei der Brückenüberquerung beigestanden hat. Lana merkt schnell, dass ihre einst bewunderten "Götter" ausgesprochen menschlich sind und einige Schwächen besitzen. Als Außenstehende hat Lana den schwersten Stand und muss sich immer wieder gegen Verdächtigungen wehren, dass sie, womöglich gemeinsam mit Johnny, hinter dem Ganzen steckt. Gemeinsam mit Lana wartet der Leser gebannt darauf, endlich zu erfahren, welches fatale Geheimnis die Clique verbindet, das womöglich den Hintergrund für dieses Zusammentreffen bildet. Grundlegend ist der Thriller für Jugendliche ab etwa fünfzehn Jahren geeignet, wobei er sich ebenso gut für Erwachsene anbietet. Zwar gibt es immer mal wieder selbstironische Kommentare von Lana, doch der Tenor ist überwiegend ernst, unheimlich und dramatisch, vor allem gegen Ende hin melancholisch.

Die Schwächen betreffen in erster Linie den Anfang, da hier die Glaubwürdigkeit ein bisschen auf der Strecke bleibt. Es erscheint etwas fragwürdig, dass Jana sich so spontan auf die Reise ins Unbekannte nach Karlsbad einlässt - um den reservierten Zug zu erwischen, eilt sie direkt von Johnny zum Bahnhof, verzichtet also auf Gepäck und tritt die Fahrt nur mit dem Nötigsten wie Handy und Portemonnaie an. Zudem ist sie für die anderen sechs quasi eine Fremde, die sie maximal vom Sehen kennen und teilweise nicht einmal das, hat auf einem Cliquentreffen also nichts verloren, auch wenn Johnny ihr seine Fahrtkarte überlassen hat. Es wirkt insgesamt etwas zu konstruiert und gezwungen, dass Lana ohne direkten Bezug zu der Clique zum Treffen fährt, obwohl sie damit rechnen muss, dass die anderen ihre Teilnahme ablehnen.

Des Weiteren wird nicht ganz deutlich, weshalb die Clique seinerzeit überhaupt so faszinierend war; kein Vergleich etwa zu der charismatischen Clique in Donna Tartts Krimi "Die geheime Geschichte", wo der Leser sehr gut nachvollziehen kann, dass der Ich-Erzähler zu diesem elitären Kreis gehören möchte. In diesem Fall wird eher behauptet als wirklich demonstriert, dass die Clique so interessant ist, dass Lana spontan die Reise zu ihnen antritt, zumal sie jahrelang keinen von ihnen gesehen hat. Überdies reagieren die Cliquenmitglieder grundsätzlich etwas zu unbekümmert auf die ersten bedrohlichen Hinweise. Zu Beginn denken sie offenbar, einer von ihnen hätte heimlich das Treffen arrangiert. Aber spätestens, als sie für ein Picknick eine Hängebrücke überqueren müssen, die anschließend abreißt, erwartet man deutlich mehr Misstrauen und Besorgnis bei den Reaktionen.

Fazit:

"Die Mühle" von Elisabeth Herrmann ist ein - von kleinen Schwächen abgesehen - spannender, beklemmender und unheimlicher Thriller für jugendliche und erwachsene Leser, der durch eine dichte Atmosphäre überzeugt.

30. Juni 2012

Lilienblut - Elisabeth Herrmann

Produktinfos:

Ausgabe: 2010
Seiten: 448
Amazon
* * * * *

Die Autorin:

Elisabeth Herrmann, geboren 1959, begann erst eine Lehre als Bauzeichnerin und arbeitete dann als Maurerin und Betonbauerin, ehe sie das Abitur nachholte und studierte. Heute ist sie als Fernsehjournalistin für den RBB und als freie Autorin tätig. Gleich mit ihrem ersten Roman "Das Kindermädchen" gelang ihr der Durchbruch. Aus der Krimi-Reihe gibt es inzwischen die Bände "Die siebte Stunde" und "Die letzte Instanz".

Inhalt:

Sabrina Doberstein lebt mit ihrer Mutter, einer Winzerin, im rheinland-pfälzischen Leutesdorf am Rhein. Zu ihrem sechzehnten Geburtstag bekommt sie von der Mutter den Weinberg "Rosenberg" geschenkt, den die Mutter für dreißig Jahre gepachtet hat. Sabrina ist entsetzt statt erfreut, denn sie will auf keinen Fall ihr ganzes Leben an Leutesdorf gebunden sein.

Verständnis findet sie bei ihrer besten Freundin, der achtzehnjährigen Amelie. Amelie ist ganz anders als die schüchterne Sabrina: Sie stammt aus schwierigen Familienverhältnissen, liebt es zu flirten und ist sehr kess. Sabrina bewundert die Freundin und gemeinsam träumen sie davon, auszuwandern und ein neues Leben zu beginnen.

In diesem Sommer lernen die Mädchen den geheimnisvollen Schiffer Kilian kennen, der allein und scheinbar ziellos mit seinem Schiff den Rhein entlang schippert. Sabrina fühlt sich zu ihm hingezogen, doch auch Amelie hat ein Auge auf den Abenteurer geworfen und geht in die Offensive. Nach dem ersten abendlichen Date kehrt Amelie jedoch nicht mehr heim - am nächsten Tag wird ihre Leiche gefunden und Kilians Schiff ist verschwunden ...

Bewertung:

Elisabeth Hermanns erster Jugendthriller ist nicht nur für heranwachsende, sondern auch für erwachsene Leser eine lohnenswerte Lektüre voller Spannung und gelungener Charaktere in einem reizvollen Setting.

Im Mittelpunkt steht die gerade sechzehnjährige Sabrina, ein liebenswertes Mädchen mit typischen Teenagerproblemen, das in ein bewegendes Verbrechen verwickelt wird. Da sind zum einen die Konflikte mit ihrer Mutter: Sabrina versteht sich grundsätzlich gut mit ihr, aber dennoch kommt es in letzter Zeit vermehrt zum Streit. Franziska Doberstein ist eine Winzerin aus Leidenschaft, worüber auch die Ehe vor einigen Jahren zerbrochen ist. Nichts sähe sie lieber, als wenn ihre Tochter dieses Erbe fortführe, aber Sabrina ist unsicher, wie ihr Leben verlaufen soll - tatsächlich in den Weinbetrieb einsteigen, eine Ausbildung machen oder die Schule weiter besuchen und das Abitur probieren? Der Rosenberg soll ein schönes Geburtstagsgeschenk sein, für Sabrina bedeutet er aber nur eine Zwangsverpflichtung für die nächsten dreißig Jahre.

Bei der lebenshungrigen Amelie findet sie Trost - aber ganz leicht ist es in diesem Sommer trotzdem nicht mit ihr. Zum ersten mal stört sich Sabrina daran, dass Amelie wie selbstverständlich jeden Mann, der ihr gefällt, für sich beansprucht. So geht es auch mit dem mysteriösen Kilian, einem neunzehnjährigen Schiffer, der Sabrina auf den ersten Blick fasziniert. Amelie zeigt sich ebenfalls interessiert und das natürlich viel offensiver als die wenig erfahrene Sabrina. Bislang war es für die Jüngere kein Problem, ein bisschen im Schatten der selbstbewussten jungen Frau zu stehen, die gerne mit ihren Reizen spielt und im Ort einen zweifelhaften Ruf genießt. Amelie ist eine charmante Person, bei er man gut nachvollziehen kann, wieso Sabrina sich so zu ihr hingezogen fühlt. Ihre Mutter Wanda ist freundlich, aber ihren beiden Lastern Essen und Fernsehen verfallen, ihr Vater seit vielen Jahren arbeitslos, in Selbstmitleid versunken und Stammgast in der Kneipe. Kein Wunder, dass Amelie von der großen weiten Welt träumt und die unbedarfte Sabrina mit ihren verrückten Ideen ansteckt. Dann ist da noch Kulas Kreutzfelder, Sohn aus reichem Haus, mit dem sich Amelie einlässt und der nach ihrem Tod Interesse an Sabrina zu haben scheint und eben jener undurchschaubare Kilian, der mit dem rostigen Lastkahn den Rhein entlangfährt.

Der Anfang des Romans besticht vor allem durch das Kennenlernen der Charaktere, die Atmosphäre in dem idyllischen Örtchen, dem Reiz der Weinberge und der typisch unbeschwerten Sommerstimmung. Mit dem Mord an Amelie wird aus dem Werk schlagartig ein Krimi mit Thrillerelementen. Der verschwundene Kilian ist der Hauptverdächtige der Polizei, was Sabrina nicht glauben will. Gleichzeitig hofft sie inständig darauf, dass der Mord an ihrer Freundin geklärt wird und wird selbst aktiv. Sie erinnert sich an einen Mordfall vor acht Jahren, in dem ebenfalls eine junge Frau zum Opfer wurde und über den niemand mehr sprechen will. Sie versucht Kilian, an den sie immer noch sehnsüchtig denkt, zu entlasten und forscht zugleich in Amelies Umfeld nach. Dabei sind ihr Lukas und ihre neue Freundin Beate behilflich - aber mit der Zeit kommen ihr auch Zweifel, ob die beiden wirklich so ehrlich zu ihr sind, wie es den Anschein hat. Sabrina gerät durch ihre Nachforschungen selbst in Gefahr und wer der Mörder ist mag man zwar vorher erahnen, endgültige Sicherheit gibt es aber erst auf den letzten Seiten.

Wirkliche Schwachpunkte gibt es in diesem Buch nicht, allerdings ist es nicht ganz realistisch, wie schnell Sabrina ihr Herz an Kilian verschenkt. Sie hat kaum ein paar Worte mit ihm gewechselt und weiß so gut wie gar nichts über ihn und ist dennoch über weite Strecken fest von seiner Unschuld überzeugt. Das erste Zusammentreffen zwischen den beiden, der erste Blickkontakt wird ein bisschen zu kitschig geschildert, was nicht zum sonstigen realistischen Tenor des Romans passt. Überhaupt wirkt Kilian auf den Leser nicht unbedingt so faszinierend wie auf Sabrina, sodass man sich fragt, weshalb sie ihn so vergöttert - ein näheres Kennenlernen vor seinem Verschwinden wäre angebracht gewesen zum besseren Verständnis. Nicht ganz logisch ist außerdem, warum Sabrina so lange damit zögert, ehe sie über den früheren Mord im Internet recherchiert, nachdem sie merkt, dass sie von ihrer Mutter keine Details erfahren wird - aber das sind nur kleine Punkte, die den Gesamteindruck nicht trüben.

Fazit:

Ein atmosphärischer und bis zum Schluss spannender Jugendthriller über Freundschaft, Mord und die erste Liebe, der sich auch für erwachsene Leser eignet. Die Charaktere sind gelungen, vor allem die Protagonistin ist sympathisch, die Handlung ist realistisch und kommt trotz des Umfangs ohne Längen aus.