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13. November 2014

Brennen muss Salem - Stephen King

Produktinfos:

Ausgabe: 1997
Seiten: 576
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Der Autor:

Stephen King, Jahrgang 1947, zählt zu den erfolgreichsten Autoren der Welt und schreibt überwiegend Horror und Thriller. 1973 veröffentlichte der ehemalige Lehrer mit "Carrie" seinen ersten Roman, der sofort ein Bestseller wurde. Alle folgenden Bücher wurden ebenfalls Welterfolge, viele davon sind von namhaften Regisseuren verfilmt wurden. Zu den bekanntesten Werken zählen unter anderem: Es, Christine, Shining, Misery und The Stand. Stephen King lebt zurückgezogen mit seiner Familie in Bangor, Maine.

Inhalt:

Die Kleinstadt Jerusalems Lot, kurz Salems Lot genannt, in Maine: Seit Hubert Marsten seine Frau ermordet und sich anschließend erhängt hat, gilt das Marsten-Haus als Spukort. Als Junge verschafft sich Ben Mears aufgrund einer Mutprobe Zutritt zum Haus und glaubt, den gehängten Hubert Marsten gesehen zu haben.

Fünfundzwanzig Jahre später kehrt Ben Mears, inzwischen ein recht erfolgreicher Schriftsteller, nach Salems Lot zurück. Er möchte das immer noch verrufene Marsten-Haus mieten und ein Buch über dessen Vergangenheit schreiben. Doch zu seiner Überraschung wurde das Haus kurz zuvor verkauft. Die neuen Eigentümer sind die Antiquitätenhändler Kurt Barlow und Richard Straker. Während sich Barlow offenbar noch im Ausland befindet, stellt sich Straker im Ort vor. Trotz seiner leicht zynischen und herablassenden Art nimmt der ältere Mann viele Einwohner mit seinem höflichen Charme und seinem eleganten Auftreten für sich ein.

Während sich Ben Mears in seiner alten Heimat langsam wieder einlebt und mit der jungen, liebenswerten Susan Norton ausgeht, geschehen seltsame Dinge: Zuerst verschwindet der kleine Ralph Glicks und sein älterer Bruder Danny bleibt verstört zurück. Wenig später stirbt Danny unter mysteriösen Umständen an starker Blutarmut. Kurz darauf stirbt zudem ein Mann, der ähnliche Symptome wie Danny aufweist. Ben, der alte Englischlehrer Matt Burke, Pater Callahan, der Arzt Jimmy Cody, der kleine Mark und Susan sind die Einzigen, die ahnen, was hinter diesen Todesfällen steckt. Trotz aller Gefahren wollen sie sich dem Bösen entgegen stellen ...

Bewertung:


Bereits in seinem zweiten veröffentlichten Roman zeigt Stephen King, wenn auch noch nicht in Vollkommenheit, seine Stärken, die ihn zu einem der erfolgreichsten Autoren des 20. und 21. Jahrhunderts gemacht haben - eine spannende Handlung, die sich an zunächst unscheinbaren Ort abspielt, böse übernatürliche Mächte, eine Gruppe sympathischer Charaktere, die sich tapfer entgegen stellt und bei aller Dramatik und Melancholie auch stets ein Sinn für kleine humorvolle Momente. Es ist, wie so häufig bei King, insbesondere auch die Geschichte einer kleinen Stadt, ihrer Stärken und Schwächen, ihrer typischen Vertreter und ihrem Untergang.

Vampire zählen zu den beliebtesten Horrorgestalten und King greift hier vorwiegend auf traditionelle Vorstellungen zurück. Seine Vampire ernähren sich von Blut, welches verjüngende Effekte auslöst, sie meiden das Sonnenlicht und das christliche Kreuz, besitzen hypnotisierende Fähigkeiten, können durch einen Pflock ins Herz vernichtet werden und müssen von ihrem Opfer herein gebeten werden, um in ein Haus zu gelangen. Der Erzähler unternimmt auch keine großartigen Versuche, zu verschleiern, dass es auf eine Vampirgeschichte hinauslaufen wird; einzig das verrufene Marsten-Haus lässt zunächst eher an Geisterstorys wie "Spuk in Hill House" denken. Doch sobald die ersten seltsamen Dinge in Salems Lot vor sich gehen, liegen die vampirischen Hintergründe auf der Hand.

"Brennen muss Salem" hat seine unheimlichen Momente, obgleich es in diesem Bereich nicht ganz an besonders gruselige Werke wie "Friedhof der Kuscheltiere" oder "Shining" heran reicht. Das liegt sicher auch am grundsätzlich eher niedrigen Gruselfaktor der Gattung Vampire, deren erste moderne Vertreter wie John Polidoris Lord Ruthven oder Sheridan le Fanus Carmilla bereits durch erotische Anziehungskraft statt durch Monstrosität auffallen. King hält sich in seiner Darstellung des Obervampirs eng an dem Vorbild Dracula nebst weiteren Reminiszenzen; ja selbst die Truppe um Ben Mears stellt einmal fest, wie sehr sie der kranke, aber energische Matt Burke an einen gewissen Van Helsing erinnert. Den weiteren Vampiren allerdings geht dieser elegante Charme gänzlich ab; ihnen entströmt der Grabgeruch und ihre bleichen Gesichter und ihre roten Augen sind nur mehr furchterregend statt attraktiv.

In seinem Schreibratgeber "On Writing" rät Stephen King unter anderem zum Prinzip "Kill your darlings". Gemeint ist damit die Bereitschaft, sich von liebgewonnenen Sätzen/Szenen/Charakteren zu trennen, wenn dem Werk damit aus objektiver Sicht gedient ist. "Kill your darlings" ist bei King aus inhaltlicher Sicht insofern oft Programm, als dass bei ihm häufig sympathische Charaktere ihr Leben lassen müssen - auch in "Brennen muss Salem" wird der Leser schmerzhaft damit konfrontiert. Stephen King ist wahrlich ein Meister darin, dem Leser gewisse Figuren ans Herz wachsen zu lassen, ehe er sie einem wieder entreißt und in "Brennen muss Salem" erleiden mehrere liebenswerte Charaktere dieses Schicksal. Natürlich wird auch in diesem Werk nicht auf intertextuelle Bezüge innerhalb des King-Universums verzichtet - beispielsweise einer der Figuren wird man im Dark-Tower-Zyklus wieder begegnen. Zudem gibt es in der Kurzgeschichtensammlung "Nachtschicht" zwei Werke, die mit "Brennen muss Salem" zusammenhängen: "Briefe aus Jerusalem" kann als Vorgängergeschichte für den Roman gelesen werden, während "Einen auf den Weg" kurz nach den Ereignissen des Romans in Salem's Lot spielt.

Zu den kleinen Schwächen des Romans gehört die zu unrealistische Gestaltung des kleinen Mark Petrie. Grundsätzlich hat Stephen King den Hang, seine Kinderfiguren zu reif, zu altklug und dazu gerne auch spirituell begabt zu konstruieren - man denke da etwa an Danny aus "Shining", Trisha aus "Das Mädchen" oder David aus "Desperation". Auch Mark ist kein typischer Zwölfjähriger, sondern ein überschlauer, cleverer Junge, der in Sachen Tapferkeit und Entschlusskraft den meisten Erwachsenen voraus ist. Mark ist ohne Frage sympathisch, aber es fällt schwer, sich einen Knirps vorzustellen, der alleine loszieht, um einen Vampir zu vernichten und all die schrecklichen Dinge so gut zu verkraften, wie es ihm gelingt.

Zu konstruiert handelt auch eine andere Figur, die sich viel zu unvorsichtig verhält und allzu leicht in die Hände des Obervampirs fällt. Es ist beinah ärgerlich, zu verfolgen, wie leichtsinnig sich diese Person verhält und es wirkt viel zu simpel und zu phantasielos, wie ihr Schicksal inszeniert ist. Grundsätzlich fällt auf, dass Charaktere nicht unbedingt zu den facettenreichsten aus Kings Œuvre zählen und man spürt durchaus, dass der Autor hier noch zu Beginn seiner Karriere stand. Sympathisch sind sie zwar, aber sie bleiben kaum nachhaltig im Gedächtnis nach Abschluss der Lektüre. Vor allem Protagonist Ben Mears wirkt unterm Strich ein bisschen zu blass; seine traurige Vergangenheit - der Tod seiner Ehefrau bei einem Motorradunfall - rührt zwar an, erreicht aber nicht die Tiefe, die die Schicksale anderer Kingscher Charaktere präsentieren.

Fazit:


Unterm Strich ein lesenswerter Vampirroman, der zu Stephen Kings Frühwerken zählt. "Brennen muss Salem" erreicht zwar noch nicht die Klasse von Kings besten Büchern, versteht aber dennoch auf spannende Weise zu unterhalten.

5. Juni 2012

Zwischen Nacht und Dunkel - Stephen King

Produktinfos:

Seiten: 527
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Der Autor:

Stephen King, Jahrgang 1947, zählt zu den erfolgreichsten Autoren der Welt. 1973 veröffentlichte der ehemalige Lehrer mit »Carrie« seinen ersten Roman, der sofort ein Bestseller wurde. Alle folgenden Bücher wurden ebenfalls Welterfolge, viele davon sind von namhaften Regisseuren verfilmt wurden. Zu den bekanntesten Werken zählen unter anderem: »Es«, »Christine«, »Shining«, »Misery«, »The Stand« und die Saga vom »Dunklen Turm«. Weitere Bücher erschienen unter dem Pseudonym Richard Bachmann.

Inhalt:

1922
Nebraska, 1922: Wilfred James lebt mit seiner Frau Arlette und dem vierzehnjährigen Sohn Henry auf einer Farm, die sein Ein und Alles ist. Als Arlette von ihrem Vater 40 Hektar Land erbt, kommt es zum Streit - Arlette will das Land verkaufen, das Farmleben aufgeben und in die Stadt ziehen, Wilfred und sein Sohn wollen dagegen die Farm behalten. Als alles Überreden nichts nützt, sieht Wilfred nur einen Ausweg: Er überredet seinen Sohn dazu, ihm bei Arlettes Ermordung zu helfen. Anschließend werfen sie die Tote in den Brunnen. Damit nimmt der Horror aber erst seinen Anfang ...

Big Driver
Krimischriftstellerin Tess wird spontan zu einer Lesung eingeladen. Auf der spätabendlichen Rückfahrt hat sie eine Autopanne. Ein riesiger, freundlicher Pick-Up-Fahrer bietet ihr seine Hilfe an - um sie kurz danach zu überwältigen und vergewaltigen. Tess wird gewürgt, geschlagen und offenbar für tot gehalten, ehe er sie ablegt und davonfährt. Verletzt und geschockt schafft es Tess nach Hause. Aus Scham wegen ihrer Prominenz und aus Angst vor ihrem Vergewaltiger, der ihren Ausweis hat, wagt sie keine Anzeige. Aber sie schwört, Rache zu nehmen ...

Faire Verlängerung
Dave Streeter, verheirateter Familienvater, erkrankt an Krebs. Trotz einer Chemotherapie werden ihm nur noch einige Monate gegeben. Der verzweifelte Streeter trifft einen seltsamen Händler, der ihm einen unglaublichen Deal bietet: Streeter bekommt eine Lebensverlängerung um mindestens 15 Jahre, sein Krebs wird verschwinden, und sein Leben wird glücklicher werden. Als Gegenleistung soll er einen verhassten Menschen nennen, der dafür vom Pech verfolgt wird. Streeter willigt ein. Tatsächlich ist er plötzlich geheilt. Aber sein Auserwählter erleidet nun grausame Schicksalsschläge ...

Eine gute Ehe
Seit über 25 Jahren sind Darcy und Bob Anderson nun schon verheiratet. Sie haben zwei erwachsene Kinder, und auch wenn es kaum noch große Leidenschaft gibt, führen sie eine zufriedenen Ehe. Eines Tages ist Bob mal wieder auf einer Kurzreise wegen seines Hobbys unterwegs, der Münzsammlerei. Darcy stößt in der Garage zufällig auf ein Geheimversteck mit einem Kästchen. Der Inhalt lässt sie plötzlich an allem zweifeln, was sie je über ihren Mann zu wissen glaubte ...

Bewertung:

Schon einmal hat Stephen King eine Novellensammlung vorgelegt, "Frühling, Sommer, Herbst und Tod", die getrost zu seinen besten Werken gezählt werden kann, auch wenn sie längst nicht so populär wie andere ist, und auch wenn es dort so gut wie keine übernatürlichen Elemente gibt. Auch die neue Novellensammlung kann fast ohne Einschränkungen überzeugen - und auch hier halten sich die übernatürlichen Horrorelemente sehr zurück.

1922 ist eine sowohl bewegende als auch dramatische und teils gruselige Geschichte. Ich-Erzähler Wilfred legt ein Geständnis ab und berichtet dem Leser acht Jahre nach der Tat vom Mord an seiner Ehefrau und den schrecklichen Folgen. Anfangs sieht alles nach einem gewöhnlichen Krimi aus - als Wilf es nicht schafft, Arlette von seiner Ansicht zu überzeugen, entledigt er sich ihrer, nachdem er zuvor lange mit seinem Sohn darüber gesprochen hat. Der vierzehnjährige Henry ist widerwilliger Mittäter, vor allem seine unschuldige Liebe zur gleichaltrigen Shannon ist es, die ihn davon überzeugt, dass er die Farm nicht verlassen will. Der Mord verläuft komplizierter als gedacht, ein schlechtes Omen und ein erster Schock für die beiden. Es folgt eine ungewisse Zeit, in der Wilfred angibt, seine Frau habe ihn verlassen. Immer wieder gibt es knifflige Situationen, in denen jemand der Wahrheit gefährlich nahekommt.

Diese Krimiatmosphäre entwickelt sich zu einem Psychospiel. Henry hat den Mord nicht verarbeitet, er entfernt sich immer weiter von seinem Vater. Den wiederum plagen zunehmen Visionen von seiner toten Ehefrau und den Ratten, die an ihr herumnagen. Der Druck auf beide wächst, und schließlich sorgt Henry für einen neuen Schock. Die Erzählung ist vielleicht an manchen Stellen, ganz kingtypisch, ein wenig zu ausufernd geworden, was dem Lesespaß aber kaum Abbruch tut. Gegen Ende hin wird es sehr traurig, auch wenn man schon vorher ahnt, dass es für keinen der Beteiligten ein wirklich glückliches Ende nehmen wird. Ein wenig darf der Leser spekulieren, was real und was Einbildung ist, ohne dass man zu sehr im Dunkeln damit steht. Etwas unspektakulär ist der Titel, der im Original genauso lautet.

In Big Driver nimmt sich King nicht zum ersten Mal einer vergewaltigten Frau an, in "Das Bild" war dies beispielsweise bereits zentrales Thema. King gelingt es, Tess' Gefühlswelt nach dem schrecklichen Erlebnis glaubwürdig darzustellen. Sie ringt mit sich, ob sie zur Polizei gehen soll oder nicht, und hat dabei nachvollziehbare Motive: Als halbwegs prominente Krimiautorin wäre ihr Fall ganz sicher bald in den Klatschblättern zu finden, ihr graut davor, in Interviews nach der Tat befragt zu werden oder womöglich sogar Schuldzuweisungen zu bekommen. Zum anderen ist ihr klar, dass ihr Vergewaltiger zu allem fähig ist, sie offenbar für tot hielt und nicht davor zurückscheuen würde, sein Werk zu vollenden. Da er ihre Handtasche mitgenommen hat, kennt er ihren Namen und ihre Adresse.

Dem Leser ist Tess gleich sympathisch, ihr Zaudern nur zu verständlich, und gebannt verfolgt man ihr Schicksal. Alles ist möglich bei Stephen King, sowohl dass sie Selbstjustiz übt und ihr damit die Rache glückt als auch dass sie dem Big Driver ein zweites, endgültiges Mal in die Hände fällt. Etwas schwach sind die Zusammenhänge, die Tess über ihre Vergewaltigung und den Täter herausfindet; zu schnell entdeckt sie die Verbindungen, die zudem noch ein wenig konstruiert und eigentlich sogar recht unnötig sind. Etwas ausgelutscht ist zudem Kings Spleen, seine Protagonisten, wie hier auch Tess, gern eingebildete Gespräche mit skurrilen Gesprächspartnern zu führen; in diesem Fall führt Tess ihre Selbstgespräche vor allem mit ihrem Navigationsgerät und ihrem Kater. Eigentlich recht sympathisch gelöst, aber schon in ähnlicher Form in diversen einer anderen Geschichten vorgekommen ... und vor allem in der zweiten Hälfte der Erzählung ein bisschen zu überstrapaziert. Keine hervorragende, aber immer noch gute Geschichte.

Faire Verlängerung ist eine moderne Teufelspaktgeschichte. Das alte Thema vom Wunsch, der im Gegenzug für ein moralisch fragwürdiges Opfer erfüllt wird, erscheint hier im frischen Gewand. Streeters Pakt ist für den Leser zunächst nachvollziehbar, bis sich zeigt, dass tatsächlich jemand anders sein Pech geerbt hat. Die Geschichte ist beklemmend, gleichzeitig aber auch durchsetzt mit schwarzem Humor und George Elvid eine unaufdringliche sowie originelle Satansfigur, ein scheinbar jovialer Straßenverkäufer, der seit Jahrhunderten sein Unwesen treibt und, wenn es nötig ist, bedrohliche Züge entwickelt. Das moralische Dilemma ist geschickt inszeniert, ohne erhobenen Zeigefinger. Was der Geschichte aber fehlt, um sehr gut zu sein, ist ein zündendes Ende - der Schluss ist zwar alles andere als schlecht, aber ein bisschen belanglos.

Eine gute Ehe bildet den sehr gelungenen Abschluss. Was tut man, wenn man nach über 25 Jahren einer recht erfüllenden Ehe feststellt, dass der Partner ein schreckliches Geheimnis hat - und offenbar in ihm ein Ungeheuer schlummert? Diese Frage muss sich die sechsundvierzigjährige Darcy stellen. Stephen King baut geschickt die Spannung auf: Schon im ersten Satz wird angedeutet, dass Darcy einen erschreckenden Zufallsfund macht, um was es sich dabei aber handelt, wird erst einige Seiten später enthüllt. Bis dahin erfährt der Leser erst einmal, wer Darcy und Bob überhaupt sind, wie sie sich kennengelernt haben, wie ihre Ehe verlief - nie langatmig, stattdessen entsteht vor seinen Augen ein klares Bild der beiden, und vor allem Protagonistin Darcy ist einem sogleich sympathisch. Dementsprechend leidet man mit ihr unter der furchtbaren Entdeckung und verfolgt gebannt, wie sie darauf reagiert. Ihre Reaktionen sind allesamt nachvollziehbar, und auch wenn der Schluss nicht sehr überraschend ist, versteht es die Erzählung, durchweg zu fesseln. Thriller und Familiendrama mischen sich gekonnt miteinander bis zum passenden Schluss, der etwas melancholisch stimmt, aber doch versöhnlich ist. Tipp: nach der Lektüre mit Dennis Rader alias "BTK" beschäftigen, der King zu dieser Geschichte inspirierte.

Fazit:

Vier gute bis sehr gute Novellen mit wenig übernatürlichen Elementen. Die Geschichten bewegen sich zwischen Horror, Krimi und viel Melancholie. Alle sind spannend und bewegend, zwei davon ein wenig besser als die beiden anderen, aber alle sehr lesenswert.

Qual - Richard Bachman/Stephen King

Produktinfos:

Ausgabe: 2007
Seiten: 342
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Der Autor:

Stephen King, Jahrgang 1947, zählt zu den erfolgreichsten Autoren der Welt. 1973 veröffentlichte der ehemalige Lehrer mit "Carrie" seinen ersten Roman, der sofort ein Bestseller wurde. Alle folgenden Bücher wurden ebenfalls Welterfolge, viele davon sind von namhaften Regisseuren verfilmt wurden. Zu den bekanntesten Werken zählen unter anderem: "Es", "Christine", "Shining", "Misery", "The Stand" und die Saga vom "Dunklen Turm". Weitere Bücher erschienen unter dem Pseudonym Richard Bachman.

Inhalt:

Das Leben hat Clayghton Blaisdell jr, genannt Blaze, übel mitgespielt. Mit drei Jahren verliert er seine Mutter bei einem Unfall, sein Vater ist ein Trinker, der ihn oft verprügelt. Eines Tages wirft er seinen Sohn die Treppe hinunter. Blaze überlebt nur knapp und trägt einen Hirnschaden davon, der den begabten Jungen in ein leicht zurückgebliebenes Kind verwandelt. Er kommt in ein Waisenhaus, dessen strenge Erziehungsmethoden seine Lage aber nicht verbessern. Auch die kurze Zeit bei Pflegeeltern endet mit einer Katastrophe.

Blaze wächst zu einem einfältigen, aber dafür körperlich umso stärkeren Jugendlichen heran, der sich mit kleinen Delikten über Wasser hält. In diesem Milieu trifft er auf den gerissenen Gauner George, der ihn zu seinem Partner macht. Auch wenn Blaze hin und wieder unter Georges Attacken leiden und missgelungene Coups ausbaden muss, fühlt er sich bei ihm gut aufgehoben. Kurz vor der geplanten Entführung eines Babys reicher Eltern, das den beiden zwei Millionen bringen soll, stirbt George jedoch in einer Messerstecherei.

Blaze ist wieder auf sich allein gestellt - doch er fühlt Georges Gegenwart nach wie vor in seiner Nähe. Die Stimme seines Partners sitzt in seinem Kopf und sagt ihm, er soll den großen Coup allein durchziehen. Blaze gelingt es tatsächlich, den kleinen Joe an sich zu bringen. Von nun an wird er nicht nur von der Polizei gejagt, sondern er spürt auch eine immer größer wachsende Zuneigung zu dem Baby ...

Bewertung:

Bereits aus dem Jahre 1973 stammt dieser frühe King-Roman, der unter seinem Pseudonym Richard Bachmann, das 1985 gelüftet wurde, erscheinen sollte. Das Manuskript geriet in Vergessenheit, bis es jetzt in überarbeiteter Form veröffentlicht wurde.

Gelungener Protagonist

Im Mittelpunkt steht Blaze, ein geistig leicht retardierter Mann mit hünenhafter Gestalt, unverkennbar eine Hommage an die Figur des Lennie aus Steinbecks "Von Mäusen und Menschen", wie King auch im Nachwort bestätigt. Blazes Leben steht von Anfang an unter einem schlechten Stern, die Mutter stirbt, der Vater ist ein gewalttätiger Alkoholiker. Der schwere Treppensturz hinterlässt neben dem Hirnschaden eine auffallende Delle in der Stirn des Jungen, die ihn, zusätzlich zu seinem früh entwickelten Bärenkörper, von nun an wie ein Kainsmal durchs Leben begleitet. Einen kleinen Lichtblick bildet seine Freundschaft im Waisenhaus zum schmächtigen John, die jedoch durch dessen Tod jäh beendet wird. Fast zwangsläufig gleitet der unbeholfene Blaze in ein kriminelles Leben ab, und fast ebenso zwangsläufig verspürt man Mitgefühl. Obwohl man ahnt, dass es kein glorreiches Happy-End geben wird, hofft man beständig darauf, dass sich Blazes Lage bessern wird. Zu keiner Zeit ist Blaze ein schlechter Mensch, doch ein ums andere Mal überschätzt er seine körperlichen Kräfte, was fatale Folgen mit sich bringt.

Besonders gelungen sind die Rückblenden, in denen Blazes Kindheit und Jugend beleuchtet wird. Blaze wehrt sich gegen die Drangsalien des Rektors, macht Bekanntschaft mit der ersten Liebe und erlebt einen aufregenden Tag mit seinem Freund John in Boston, der ihm ein paar Momente des Glücks beschert. Bei etlichen tragikkomischen Szenen fällt es schwer, sich zwischen Lachen und Weinen zu entscheiden, etwa wenn er treudoof auf gehässige Kommentare seines Partners George reagiert.

Wenig Gewalt, kein Horror

Der Name Stephen King steht in der Regel für Horror, oft gepaart mit übernatürlichen Elementen. Unter den Pseudonym Richard Bachmann veröffentlichte er realitätsnähere, dafür sehr harte Romane mit deprimierend-düsterer Stimmung. Mit anderen Bachmann-Werken hat "Qual" den knappen Stil gemeinsam. Keine ausufernden Schilderungen einer typischen Kleinstadt, wie King es sonst gern zelebriert, dafür eine direkte Sprache, die andeutet, dass er sich stilistisch an den Hardboiled-Krimis der vierziger Jahre orientierte. Todesfälle und brutale Szenen werden nur kurz erwähnt, ohne dass auf Details eingegangen würde, doch gerade dieser lakonische Stil, der Blazes hartes, schnörkelloses Leben widerspiegelt, ruft beim Leser Emotionen hervor. Für einen Hauch von Mystik sorgt die Stimme des toten George, die Blaze in seinem Kopf hört, die aber eher den Status eines imaginären Freundes besitzt als den eines Geistes. Im Gegensatz zu Werken wie "Todesmarsch", "Menschenjagd" oder "Der Fluch" ist die Atmosphäre nicht bitterböse, sondern eher auf Melancholie aufgelegt. Es ist kein reiner Krimi, sondern mehr ein tragisches Melodram über einen Außenseiter, das eher bewegt als nervenaufreibend fesselt.

Kleine Schwächen

Die Schwäche des Romans liegt in seiner Vorhersehbarkeit. Die geradlinige Handlung, die nie lange an einem Punkt in Blazes Leben verweilt, entwickelt sich zum größten Teil genau so, wie der Leser es erwartet. An keiner Stelle taucht eine überraschende Wendung auf, worunter mit der Zeit auch die Spannung leidet. Blazes Gefühle für das Baby kommen nicht unerwartet, da man seinen Charakter bis dato ausreichend kennt. Somit bleibt nur die Frage offen, welches Schicksal er und sein "Schützling" nehmen, die aber am Ende nur von den eigenen Vermutungen bestätigt bleibt. Ein Manko ist darüber hinaus das zu rasch eingeleitete und zu knapp abgehandelte Ende. Gerade weil der Leser schon recht früh ahnt, auf was für ein Finale der Roman hinauslaufen wird, ist der Schluss im Vergleich zum Rest etwas enttäuschend. Man wünscht sich noch einen kleinen zusätzlichen Nachhall, muss sich aber mit einem unspektakulären Ende begnügen.

Sehr unglücklich gewählt ist der Titel der deutschen Übersetzung, da man sich unter "Qual" kaum etwas vorzustellen hat. Während das Original schlicht nach seiner Hauptfigur "Blaze" benannt ist, besitzt das deutsche Pendant keinen Bezug zum Inhalt, wenn man davon absieht, dass Blazes Leben größtenteils eine "Qual" ist. Als schöne Beigabe für King-Fans ist im Anschluss die Kurzgeschichte "Erinnerung" enthalten, die den Ausgangspunkt für den neuen King-Roman, der Anfang 2008 erscheinen soll, bildete.

Fazit: 

Ein bewegender Roman über einen Außenseiter in bester Steinbeck-Tradition. Die vordergründige Krimi-Handlung um eine Entführung rückt zugunsten der melodramatischen Elemente in den Hintergrund. Kleine Abzüge gibt es für die vorhersehbare Handlung und das zu knapp gehaltene Ende.

Puls - Stephen King

Produktinfos:

Ausgabe: 2007
Seiten: 502
Amazon
* * * * *
Der Autor:

Stephen King, Jahrgang 1947, zählt zu den erfolgreichsten Autoren der Welt. 1973 veröffentlichte der ehemalige Lehrer mit »Carrie« seinen ersten Roman, der sofort ein Bestseller wurde. Alle folgenden Bücher wurden ebenfalls Welterfolge, viele davon sind von namhaften Regisseuren verfilmt wurden. Zu den bekanntesten Werken zählen unter anderem: »Es«, »Christine«, »Shining«, »Misery«, »The Stand« und die Saga vom »Dunklen Turm«. Weitere Bücher erschienen unter dem Pseudonym Richard Bachman.

Inhalt:

Clayton Riddell ist ein bislang erfolgloser Comiczeicher, der gerade in Boston seine erste Geschichte verkauft hat. Dadurch hofft er, dass sich das Blatt von nun an für ihn wenden wird und ihm eine sorgenfreie Zukunft bevorsteht. Zuhause in Maine wartet seine Familie auf ihn; seine Frau Sharon, von der er sich kürzlich getrennt hat, und sein zwölfjähriger Sohn Johnny. Kurz vor seiner Rückfahrt besorgt Clay noch Geschenke für die beiden und will sich ein Eis bei einem Straßenverkäufer genehmigen. In dem Moment, als er in der Warteschlange steht, bricht plötzlich auf der Straße die Hölle los. Mehrere Menschen beginnen völlig unkontrolliert übereinander herzufallen. Ein junges Mädchen tötet eine Frau mit Bissen in den Hals, ein Mann greift Passanten mit einem Fleischermesser an, ein anderer reißt einem Hund mit den Zähnen sein Ohr ab. Binnen Sekunden gerät die gesamte Stadt außer Kontrolle. Autos kollidieren auf den Straßen, Feuer brechen aus, Menschen springen aus den Hochhäusern; Feuerwehr, und Notdienste sind rettungslos überfordert, die Polizei erschießt gnadenlos jeden Angreifer.

Mit Mühe gelingt es dem fassungslosen Clay, sich vor den Angriffen zu schützen. Dabei fällt ihm auf, dass alle Beteiligten in seiner Nähe auf dem Handy angerufen wurden, unmittelbar bevor sie dem Wahnsinn verfielen. Clay schließt daraus, dass die Handys der Auslöser für die Katastrophe sind. Jeder Mensch, der zu dieser Zeit mit einem Mobiltelefon telefoniert, verwandelt sich durch einen unerklärlichen Impuls in einen mordenden Zombie ohne Sinn und Verstand. Auf seiner Flucht vor den Angreifern schließt sich Clay mit zwei anderen Überlebenden zusammen, mit dem feinsinnigen Tom McCourt und der fünfzehnjährigen Alice, die ihre Mutter verloren hat. Gemeinsam bemühen sie sich, dem Inferno lebend zu entkommen.

Neben dem Kampf ums Überleben verfolgt Clay ein schrecklicher Gedanke: Zwar besitzen weder er noch seine Frau ein Handy, doch sein Sohn Johnny hat ein Mobiltelefon zum Geburtstag geschenkt bekommen. Die Telefonleitungen sind unterbrochen, sodass Clay seine Familie nicht erreichen kann. Er weiß nur eines: Er muss zu ihnen nach Hause gelangen, bevor sein Sohn das Handy benutzt. Clay, Tom und Alice versuchen, sich durch dieses Weltuntergangsszenario zu kämpfen ...

Bewertung:

Bereits die Widmung auf der ersten Seite weist den Weg, den dieser Roman einschlägt: Stephen King dankt nicht nur Horror-Kollege Richard Matheson, sondern auch Regisseur George A. Romero, dem Schöpfer solcher Zombie-Kultfilme wie "Die Nacht der lebenden Toten" und "Dawn of the Dead". Die Verbindung von Horror und Gesellschaftskritik ist ein Motiv, das offenbar auch bei Stephen King für diesen Roman Pate gestanden hat ...

Rascher Einstieg, straffe Handlung

Wer sich schon einige Werke des "King of Horror" zu Gemüte geführt hat, der kennt seine oft ellenlangen Einführungen. Ausufernde Beschreibungen und das ausführliche Entwerfen einer harmonischen Kleinstadt und ihrer verschiedenen Bewohner gehören zu seinem Markenzeichen, das manche seiner Anhänger lieben, andere aber schon als penetrant empfinden. Gerade für Letztgenannte eignet sich der Einstieg in "Puls". Keine fünf Seiten gönnt sich der Autor, um den Protagonisten Clayton Riddell und das Setting vorzustellen, ehe er mit einem handfesten Gemetzel loslegt. Der Leser wird hineingerissen in einen unvermittelt losbrechenden Strudel aus Gewalt und Grausamkeit.

Mit diesem ungewohnten Einstieg schlägt King gleich zwei Fliegen mit einer Klappe: Zum einen sorgt das hohe Tempo dafür, dass wohl jeder Leser neugierig wird und sofort in der Handlung gefangen ist. Zum anderen steht man, was Informationen angeht, auf gleicher Stufe mit der Hauptfigur, die sich gerade ahnungslos ein Eis kaufen will und ebenso überrascht über die Katastrophe ist, die da über die Welt hereinbricht. Auch im weiteren Verlauf der Handlung behält King dieses Tempo bei. Nur selten kommen die Charaktere zu so viel Ruhe, um sich innere Monologe und abschweifende Gedanken leisten zu können. Der Handlungsbogen ist straff gefasst und verzichtet völlig auf Längen.

Vor allem zu Beginn müssen die Protagonisten an jeder Ecke eine neue Gefahr befürchten, ständig wachsam sein und um ihr Leben fürchten. In einer Welt, die jede Ordnung verloren zu haben scheint, bedeutet jeder Tag, jede Stunde einen neuen Kampf ums Dasein. Obwohl der Roman mit gut 500 Seiten durchaus zur Kategorie "Wälzer" gehört, hat King schon bedeutend längere Werke verfasst. Auch Fans dieser Mammutbücher werden erkennen, dass es dem Plot gutgetan hat, auf übertriebene Ausuferung zu verzichten. Die Atemlosigkeit der Protagonisten und das schnelle Fortschreiten der Handlung passen zur Situation und sind angemessen realistisch - ebenso wie der gewohnt flüssige Stil, der keine unnötigen Schlenker macht und sich ohne große Konzentration lesen lässt.

Sympathische Hauptfiguren trotz mangelnder Tiefe

Kings Stärke sind seit jeher Charaktere in Form von Durchschnittstypen, sympathisch und doch nicht frei von Macken, sodass man sich neidlos in sie hineinversetzt und sowohl sich selbst als auch gute Bekannte in ihnen wiedererkennt. Es sind Alltagsmenschen statt strahlender Helden, und gerade diese Kombination aus gewohntem Alltag und unvorstellbarem Grauen sorgt beim Leser für den beunruhigenden Schauer.

Wie so oft bei King stehen gleich mehrere Figuren im Fokus, doch der zentrale Hauptcharakter ist eindeutig Clay Riddell. Er ist es, der dem Leser in den ersten Sätzen vorgestellt wird, und er ist es auch, der das Ziel der kleinen Mission bestimmt und in vielen Momenten als Anführer der Flüchtlingstruppe auftritt. Er ist ein ganz normaler junger Mann, der gerade seinen ersten beruflichen Erfolg zu verzeichnen hat, dessen größter Stolz sein zwölfjähriger Sohn Johnny ist und dessen Beziehung nach fünfzehn Jahren in Entfremdung endete. Trotzdem besitzt er noch Gefühle für seine Noch-Frau Sharon und sorgt sich um ihr Wohlergehen genauso wie um das seines Kindes. Es fällt nicht schwer, mit Clay zu fühlen und die Gedanken eines Vaters nachzuvollziehen, der lieber von Zombies zerrissen werden will, als die Suche nach seinem Sohn aufzugeben. Kein Motiv ist überzeugender, wenn es darum geht, dass sich ein Protagonist in höchste Gefahr begibt, anstatt sein Heil in der Flucht zu suchen. Auch kinderlose Leser werden hin und wieder schlucken müssen, wenn Clay sich an Szenen mit seinem Sohn erinnert, wenn er alle Wahrscheinlichkeiten immer wieder durchrechnet, wenn die Verdrängung aussetzt und er sich unwillkürlich das Schlimmste ausmalt - was immer das Schlimmste auch sein mag in dieser Lage.

Aber obgleich Clay ein durchaus angenehmer Hauptcharakter ist, mit dem man gerne fühlt, hofft und leidet, hält er nicht alle Erwartungen, die man an einen Kingschen Protagonisten stellt. Der schnelle Einstieg und die straff gespannte Handlung, die dem Plot so guttun, mögen auf der anderen Seite dafür verantwortlich sein, dass man über das gesamte Buch hinweg nicht vollständig warm wird. Das betrifft nicht nur Clay, sondern auch seine Mitstreiter, allen voran Tom, Alice und Jordan.

Tom ist ein sensibler Mann mit einer leisen Art, die nicht über seinen tatsächlichen Mut und seine Tatkraft hinwegtäuschen soll. Alice ist mit ihren fünfzehn Jahren zwar noch ein Teenager, aber trotz ihrer schrecklichen Erlebnisse ein außergewöhnlich tapferes und reifes Mädchen, das den Männern bei ihrer Mission eine große Hilfe bietet. Die vielleicht größte Hilfe ist allerdings der kleine Jordan, ein zwölfjähriger Junge, der sich ihnen unterwegs anschließt.

Jordan ist Stipendiat eines Internats und als solcher naturgemäß sehr intelligent und verständig für sein Alter. Dennoch krankt er wie viele Kinderfiguren aus Kings Feder an einer übertriebenen Reife und Verständigkeit. Ähnlich wie David in "Desperation", wie Danny in "Shining" und wie Trisha in "Das Mädchen" haben wir es auch hier mit einem Kind zu tun, das sich in dieser Situation besser zurechtfindet als so mancher Erwachsene und seinen deutlich älteren Weggefährten sogar intellektuell eine Hilfe ist. Natürlich erlaubt sich auch Jordan kleine Zusammenbrüche, doch in vielen Situationen ist er es unrealistischerweise, der der gesamten Truppe Halt gibt und mit seinem Wissen über Handys und Computer Theorien entwickelt, die Anlass zur Hoffnung geben.

Von Handys und Zombies

Es sind keine klassischen Zombies, die in "Puls" ihr Unwesen treiben, sprich: keine zum Leben erweckten Untoten - aber mordlustige Wesen ohne Verstand, die ihre Menschlichkeit gegen die Befolgung niedrigster Instinkte eingetauscht haben, weshalb der Begriff passend gewählt ist. Die Grundidee, dass ein Handyanruf einen Menschen in solch ein Monster verwandelt, ist so einfach wie originell. Das nützliche Mobiltelefon, bereits bei Kindern oft ständiger Begleiter, wird hier zum Todfeind. Während man es von Zombies, Vampiren oder Werwölfen kennt, dass ein Biss dazu führt, dass man sich verwandelt, ist es hier eine völlig unorthodoxe Methode, die Menschen zu Monstern werden lässt.

Obwohl "Puls" in erster Linie ein unterhaltsamer Horrorroman sein soll, finden sich auch gesellschaftskritische Aspekte in der Handlung wieder. Viele Handy-Kritiker sehen in dem Mobilapparat nur eine überflüssige Spielerei, ein Konsumprodukt, das nur selten aus Notwendigkeit heraus erworben wird und eher als Statussymbol dient. All jene Menschen, die auf technischen Schnickschnack verzichten, gehören zu den vorläufigen Gewinnern in diesem Szenario. Ganz deutlich wird das, als Jordan seinen neuen Freunden erzählt, wie ihn früher seine Schulkameraden auslachten, wenn er mangels Handy das Telefon auf dem Flur benutzen musste. Wer zuletzt lacht, lacht am besten, mag man da denken, denn außer Jordan und dem Rektor ist niemand mehr in der Schule zurückgeblieben.

Nicht nur Clay, sondern auch dem Leser kommt zudem der Gedanke, dass nicht allein die Zombies das Überlebensproblem in dieser Endwelt darstellen. Wie so oft in Katastrophenlagen bilden sich zwei Lager. Zu dem einen gehören die tapferen Kämpfer wie Clay und Konsorten, die nach dem Ursprung und der Lösung suchen. Zum anderen gehören die gefährlichen Egoisten, die sich weigern, ihre Nahrung oder ihre Ausrüstung mit anderen Flüchtigen zu teilen. Immer wieder begegnen die Freunde anderen "Normies", die kein Interesse daran haben, sich mit ihnen zusammenzuschließen, sondern eher selbst noch eine weitere Gefahrenquelle bilden. Mit der Einkehr der Zombies brechen bei den normal gebliebenen Menschen die niederen Instinkte aus, die über Werte und Moral triumphieren und den puren Opportunismus und Egoismus der Gesellschaft aufzeigen.

Interessant ist an der Darstellung der Zombies nicht nur ihre Entstehung, sondern auch die Veränderung, die im weiteren Verlauf mit ihnen vorgeht. Die Verwandelten sammeln sich in Schwärmen, entwickeln telepathische Fähigkeiten, benutzen die Normalos als Sprachrohr, ehe sie selber im begrenzten Maß ihre Sprachfähigkeit entwickeln. Die anfangs planlos mordenden Wilden werden beinahe noch unheimlicher, als sie offenbar damit anfangen, Ziele zu verfolgen, und mittels eines Vertreters unter ihnen immer wieder in Kontakt mit den Freunden treten und immer stärkere Kontrolle über ihre Gedanken gewinnen.

Schwächer gestaltet ist dagegen Clays Erkenntnis, dass die Handys der Auslöser des Grauens sind. Sehr rasch schlussfolgert er, dass die Anrufe die Betroffenen in seiner Nähe zum Wahnsinn verleitet haben. Dabei sind Handygespräche auf der Straße so alltäglich, dass es recht unrealistisch erscheint, hier direkt einen Zusammenhang zu erkennen. Subtiler wäre es gewesen, wenn Clay erst einmal andere Vermutungen verfolgt hätte und erst durch weitere Indizien auf die Handy-Ursache gestoßen wäre.

Parallelen zu anderen King-Romanen

Es ist nicht das erste Mal, dass King Zombie-Kreaturen zum Thema eines Romans macht. Auch im "Friedhof der Kuscheltiere" verwandeln sich Menschen - wenn auch unter anderen Umständen - in blutrünstige Monster, und auch hier bangt der Hauptcharakter um seine betroffene Familie, und gewisse Parallelen im Verhalten dieser mal mörderischen und mal willenlos-teilnahmslosen Kreaturen sind unverkennbar. Auch das Endzeitszenario kennt man bereits aus "The Stand", ganz zu schweigen vom Zusammenschluss einiger grundverschiedener Personen, die gemeinsam gegen das Böse kämpfen, ebenso das wie bereits erwähnte übertrieben reife und vernünftige Kind innerhalb der Gruppe. Auch die von vielen Fans geliebten Anspielungen auf die "Dark Tower"-Reihe werden nicht außen vor gelassen - oder ist es Zufall, dass Clays Comic einen Wanderer zeigt, der an Roland von Gilead erinnert? Trotz bekannter Versatzstücke ist der Roman mehr als ein Abklatsch aus alten Ideen - dennoch werden wohl vor allem die Leser gebannt die Handlung verfolgen, die von King noch wenig bis gar nichts verschlungen haben und frei von jeglichen Déjà-Vu-Gefühlen sind.

Durch die Hölle mit Humor

Wie in allen anderen Romanen von Stephen King wird auch hier sorgsam dosierter Humor eingesetzt, der bei all dem Grauen hin und wieder ein kurzes Grinsen ins Gesicht des Lesers zaubert - nur um ihn dann erneut in einen Strudel aus Horror und Grausamkeiten zu schleudern. Angenehmerweise begeht King nicht den typischen Fehler, seine Actionhelden allzu cool und schlagfertig zu gestalten. Es sind überwiegend die einigermaßen entspannten Situationen, die kurzen Verschnaufpausen, die die Charaktere erleben, in denen sie mal Zeit für einen lockeren Spruch finden und auch der Leser sekundenlang über eine trockene Bemerkung lacht. Für kleine Erheiterungen sorgen beispielsweise Toms verwöhnter Kater Raffe, der die Katastrophe um sich herum mit der katzentypischen Erhabenheit ignoriert, oder auch die Gespräche zwischen Jordan und seinem verehrten Rektor, einem "Mann der ganz alten Schule", wie der Junge eifrig bestätigt, der mit der Gewohnheit eines Gelehrten Jordans Ausdrucksweise immer mal wieder mechanisch verbessert.

Ende gut, alles offen?

Wer sich auf alle Fragen, die sich im Verlauf der Handlung stellen, eindeutige Antworten erhofft, wird am Schluss des Romans vermutlich enttäuscht sein. So wie sich im realen Leben nicht alles bis ins letzte Detail klärt, so bleibt auch hier Raum für Spekulationen. Das allerdings ist man bereits von King gewohnt und auch für Nicht-Kenner seiner sonstigen Werke nur dann dramatisch, wenn man mit falschen Erwartungen an das Buch herangeht. Ärgerlich wird dies erst dann, wenn man den Eindruck gewinnt, King wolle sich um die Entscheidung zwischen Happy-End und Not-Happy-End drücken. Als was der Leser den finalen Schluss schließlich einstuft, bleibt letztlich Auslegungssache. Leider hinterlässt das Ende einen bitteren Nachgeschmack, weil es die Konsequenz, die man sonst von King gewohnt ist, vermissen lässt. Stattdessen wirkt es wie ein Versuch, alle Parteien zufriedenzustellen.

Fazit:

"Puls" ist ein unterhaltsamer Horrorroman ohne Längen, der ohne Vorgeplänkel gleich in die Handlung einsteigt und in einem hohen Tempo den Leser mitreißt in eine apokalyptische Welt des Grauens. Die Grundidee des Wahnsinns durch Handys ist originell, die Darstellung der Zombies sehr gewaltsam, aber überzeugend. Nicht so gelungen wie in früheren Romanen des Autors sind die Charaktere, mit denen man zwar grundsätzlich mitfühlt und sich identifiziert, aber nicht in überdurchschnittlichem Maß. Vor allem die Kinderfigur ist eher unrealistisch gezeichnet und zu intelligent und reif für ihr Alter. Schwächen gibt es auch beim unentschlossen wirkenden Ende. Unterm Strich handelt es sich um einen soliden King-Roman, der aber nicht eng an die Klasse seiner Meisterwerke anknüpfen kann.

4. Juni 2012

Friedhof der Kuscheltiere - Stephen King

Produktinfos:

Ausgabe: 1988
Seiten: 459
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Der Autor:

Stephen King, Jahrgang 1947, zählt zu den erfolgreichsten Autoren der Welt. 1973 veröffentlichte der ehemalige Lehrer mit »Carrie« seinen ersten Roman, der sofort ein Bestseller wurde. Alle folgenden Bücher wurden ebenfalls Welterfolge, viele davon sind von namhaften Regisseuren verfilmt wurden. Zu den bekanntesten Werken zählen unter anderem: »Es«, »Christine«, »Shining«, »Misery«, »The Stand« und die Saga vom »Dunklen Turm«. Weitere Bücher erschienen unter dem Pseudonym Richard Bachmann.

Inhalt:

Als der junge Arzt Louis Creed mit seiner Frau und den beiden Kindern Ellie und Gage in das ländliche Ludlow zieht, sieht alles nach einer Idylle aus. Auch mit den Nachbarn, Judd Crandall und seiner Frau Norma, verstehen sich die Creeds bestens. Der alte Judd wird Louis bald sogar eine Art väterlicher Freund, und die Bindung zwischen den beiden wird noch enger, als Louis Judds Frau bei einem Herzanfall das Leben rettet.

Judd ist es auch, der den Creeds den Pfad zum alten Tierfriedhof zeigt, auf dem die Bewohner Ludlows ihre Lieblinge begraben. Als Louis bald darauf ein paar Tage allein zu Hause verbringt, geschieht ein Unglück: Familienkater Church wird von einem Laster überfahren. Louis ist verzweifelt, weiß er doch genau, wie sehr seine Tochter Ellie an dem Tier hängt. Als er mit Judd darüber spricht, vertraut dieser dem Arzt ein dunkles Geheimnis an: Hinter dem Tierfriedhof liegt ein Pfad, der zu einer alten Begräbnisstätte der Micmac-Indianer führt. Die Erde an diesem schaurigen Ort besitzt die Macht, tote Tiere wieder lebendig zu machen. Gemeinsam begraben die beiden den toten Kater.

Was Louis Creed insgeheim nie für möglich gehalten hätte, geschieht: Am nächsten Tag steht Church tatsächlich wieder vor der Tür. Doch die einst so muntere und verschmuste Katze ist träge und aggressiv geworden. Die wiederkehrenden Tiere sehen aus wie früher, doch ihr Wesen verändert sich. Eindringlich warnt der Nachbar den Arzt davor, die Macht dieses Ortes zu missbrauchen. Niemals und unter keinen Umständen darf man es wagen, einen Menschen dort zu begraben - die Folgen wären katastrophal. Doch schon bald wird genau das geschehen ...

Bewertung:

Zu Stephen King muss man nicht mehr viel sagen. Der Mann ist einer der bekanntesten Schriftsteller der letzten Jahrzehnte, und "Friedhof der Kuscheltiere" reiht sich ein in die von ihm verfassten Horrorklassiker.

Bei "Friedhof der Kuscheltiere" kann man ganz besonders gut erkennen, wo eine von Kings größten Stärken liegt, nämlich in dem Erschaffen einer Idylle, in die sich nach und nach das Grauen unaufhaltsam einschleicht. Der Leser ist sofort in der Handlung drin und schließt die Familie Creed sowie die Crandalls ins Herz. Es sind keine abgehobenen Romanfiguren, sondern Menschen wie du und ich. Man sitzt bei ihnen auf der Veranda, man fährt mit ihnen durch die Stadt, und man hört zu, wenn sie sich unterhalten.

Aber wer King kennt, der weiß, dass diese Idylle nicht anhalten kann. Und man muss kein gewiefter Horrorexperte sein, um schnell zu erahnen, wohin die Macht der Indianerstätte führen wird. Der Spannung tut das jedoch, und das ist ganz große Kunst, keinen Abbruch. Man ist so sehr drin im Geschehen, dass man am liebsten eingreifen würde. Man fühlt den Schmerz und die Verzweiflung der Figuren. Der Horror liegt bei King nicht nur in der Angst vor den Ereignissen. Sondern auch und vor allem in der Angst um die lieb gewonnenen Charaktere, denn wer schon einiges von Stephen King gelesen hat, der weiß - ein Happy End ist nie garantiert, und jeder kann sterben. "Friedhof der Kuscheltiere" ist ein sehr atmosphärischer und ein melancholischer Roman, der dabei auch ein paar wirksame Gruselmomente zu bieten hat.. 

Fazit:

"Friedhof der Kuscheltiere" ist zu Recht einer der bekanntesten modernen Horrorromane und sicher nach wie vor eines von Kings besten Werken. Nur schwerlich kann man sich seinem Sog entziehen, der auch beim mehrmaligen Lesen immer wieder spürbar ist. Einmal angefangen, kann man das Buch selbst vor dem Schlafengehen kaum mehr aus der Hand legen.