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7. Mai 2016

Schweig für immer - Linwood Barclay

Produktinfos:

Ausgabe: 2016
Seiten: 512
Amazon-Marketplace
Buchhandel.de
* * * * *
Der Autor:

Linwood Barclay studierte zunächst LIteratur und arbeitete als Journalist in Kanada. Er begann eine Krimireihe, die bislang nicht auf Deutrsch veröffentlicht wurde. 2007 erschien sein Thriller "Ohne ein Wort", der ihn sofort zum Bestsellerautor machte. Weitere Werke sind u. a. "Dem Tode nah", "In Todesangst" und "Weil ich euch liebte".

Inhalt:

Sieben Jahre sind vergangen, seit Cynthia Archer endlich das Geheimnis um ihre seit Jahrzehnten verschwundene Familie lüften konnte. Immer noch leiden sie, ihr Mann Terry und die inzwischen vierzehnjährige Grace unter den dramatischen Ereignissen von damals, die sie beinah das Leben kosteten. Cynthia reagiert gereizt und überbehütend auf ihre Tochter, und nimmt sich schließlich eine kleine Auszeit von der Familie, um mit sich ins Reine zu kommen.

Grace nutzt den neu gewonnenen Freiraum, um sich mit ihrem neuen Freund Stuart zu treffen. Stuart überredet sie, heimlich in ein Haus einzusteigen, wo er ein fremdes Auto für eine Spritztour ausleihen will. Die beiden sind allerdings nicht allein im Haus. Plötzlich fällt ein Schuss, Grace flüchtet in Panik.

Bestürzt erfährt Terry, dass Stuart ihr eine Waffe in die Hand gedrückt hatte und dass Grace nun fürchtet, Stuart versehentlich erschossen zu haben. Als Terry den Schauplatz untersucht, findet er Blut, doch Stuart ist verschwunden - und auch nicht mehr per Handy zu erreichen. Allmählich ahnt Terry, dass seine Tochter unverhofft Zeugin einer kriminellen Tat wurde. Offenbar gibt es auch einen Zusammenhang zu dem älteren Paar, das kurz zuvor in ihrer Gegend erschossen wurde - und Terry ahnt, dass seine Familie und vor allem Grace in großer Gefahr schweben ...

Bewertung:


Mit seinem Debütthriller "Ohne ein Wort" gelang Linwood Barclay auf Anhieb der internationale Durchbruch, alle nachfolgenden Werke waren Erfolge. Bislang war er nicht für Fortsetzungen bekannt, doch nun liegt mit "Schweig für immer" ein Folgeband an "Ohne ein Wort" vor, der gut unterhält, wenngleich er nicht die Klasse seines hervorragenden Vorgängers erreichen kann.

Grundsätzlich spielen die Ereignisse aus "Ohne ein Wort" keine bedeutende Rolle für diesen Roman, sieht man davon ab, dass das erlebte Trauma die Familie belastet. Die wichtigsten Ereignisse aus dem früheren Werk werden angerissen, sodass auch Neueinsteiger "Schweig für immer" ohne Verständnisprobleme lesen können; natürlich ist der Reiz aber größer, wenn man die Protagonisten schon von früher kennt. Man erfährt, wie sehr die Ereignisse von damals die Familie auch sieben Jahre später noch belastet. Auch wenn Cynthia Antworten auf ihre Fragen nach dem Schicksal ihrer Familie erhalten hat und sie, Terry und Cynthia das Abenteuer überstanden, herrscht keine Heile-Welt-Stimmung bei den Archers. Bei Thrillern ohne Fortsetzung neigt man dazu, zu vergessen, dass auch ein halbwegs guter Ausgang nicht garantiert, dass die Protagonisten anschließend wieder in ihr früheres Leben zurückkehren können; insofern ist es sehr interessant, hier zu erleben, was es mit Menschen langfristig auslöst, die Hauptfiguren in einem Thriller gewesen zu sein.

Ohne Frage ist Linwood Barclay hier erneut ein spannendes Werk geglückt, das einige recht unerwartete Wendungen bietet und den Leser mit dramatischen Handlungsverläufen in Atem hält. Parallel werden mehrere Entwicklungen verfolgt: Es geht um die Frage, ob Grace tatsächlich versehentlich ihren Freund Stuart angeschossen hat und wohin er verschwunden ist, wer die dritte Person im Haus war und wie die Geschehnisse mit dem ermordeten Ehepaar zusammenhängen. Die meiste Zeit erzählt Terry aus der Ich-Perspektive, aber dazwischen gibt es immer wieder Kapitel mit personalem Erzähler, der mal Grace, mal Vince und mal Cynthia fokussiert.

Zudem gibt es ein Wiedersehen mit zwei wichtigen Figuren aus "Ohne ein Wort", die auch hier wieder eine entscheidende Rolle einnehmen. Terrys einstige rebellische, aber begabte Schülerin Jane Scavullo hat sich zu einer jungen Frau entwickelt, die lose mit ihm in Kontakt geblieben ist. Ebenfalls dabei ist Janes Stiefvater Vince Fleming, ein berüchtigter Gangster und ehemaliger Jugendfreund von Cynthia, der trotz seiner kriminellen Aktivitäten das Herz auf dem rechten Fleck trägt, wenn es um seine Liebsten geht. In "Ohne ein Wort" hatte Vince Fleming entscheidenden Anteil daran, dass Teddy, Cynthia und Grace die Handlung lebend überstanden; dennoch bleibt Vince ein zwiespältiger Charakter, den man nicht reizen sollte. Das gilt erst recht für diesen zweiten Band, da ihm sowohl sein körperlicher Zustand als auch der Tod seiner Frau physisch und psychisch zusetzen.

Vince ist, weil schwer durchschaubar und komplex, definitiv einer der gelungensten Charaktere. Terry fungiert wie schon in "Ohne ein Wort" als sympathische Identifikationsfigur, der nette Familienvater und Englischlehrer, der bemüht ist, seine Lieben zu schützen und die Kontrolle über alles zu behalten. Blass bleibt hingegen Cynthia. In "Ohne ein Wort" konnte man besser mit ihr leiden, schließlich ging es um ihre Eltern und ihren Bruder, die spurlos verschwanden und deren Schicksal sich allmählich aufklärte. In "Schweig für immer" erscheint sie in erster Linie kompliziert, und es fällt nicht leicht, eine Bindung zu ihr aufzubauen.

Das Ende ist bemüht, den Leser ein wenig zu schockieren und mit einer gewissen Beklemmung zurückzulassen. Das funktioniert teilweise auch, allerdings wirkt die Wendung auch etwas übertrieben und aufgesetzt. Grundsätzlich ist die Handlung ein bisschen zu überladen, vollgefrachtet mit persönlichen Dramen und Konflikten (Grace' Rebellion gegen die Eltern, Cynthias Probleme mit Grace, Vince' Verlust seiner Ehefrau, Vince' Verhältnis zu seiner Stieftochter), die in der Fülle leicht ermüdend und einfach zu dick aufgetragen erscheinen.

Fazit:

Kurzweiliger und unterhaltsamer Thriller, der aber deutlich hinter dem Vorgängerband "Ohne ein Wort" zurückbleibt und nie dessen Klasse und Faszination erreichen kann.

23. Januar 2016

Fenster zum Tod - Linwood Barclay

Produktinfos:

Ausgabe: 2012
Seiten: 592
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Der Autor:

Linwood Barclay studierte zunächst LIteratur und arbeitete als Journalist in Kanada. Er begann eine Krimireihe, die bislang nicht auf Deutsch veröffentlicht wurde. 2007 erschien sein Thriller "Ohne ein Wort", der ihn sofort zum Bestsellerautor machte. Weitere Werke sind "Dem Tode nah" und "In Todesangst".

Inhalt:


Der fünfunddreißigjährige Thomas Kilbride ist schizophren und wird von seinem Vater betreut; nach dessen Tod übernimmt zunächst Thomas' Bruder Ray diese Aufgabe. Thomas verlässt so gut wie nie das Haus und tut sich schwer mit sozialer Interaktion. Stattdessen befasst er sich fast rund um die Uhr mit Kartografie und kennt nahezu alle Stadtpläne der Welt auswendig.

Eines Tages entdeckt Thomas bei einem virtuellen Spaziergang durch New York mit dem Computerprogramm Whirl360 ein Fenster in einer Wohnung, an dem sich etwas Seltsames abspielt - das verschwommene Bild scheint zu zeigen, wie eine Person gerade mit einer Plastiktüte erstickt wird. Thomas ist überzeugt davon, dass hier zufällig ein Mord aufgenommen wurde. Auf sein Drängen hin fährt Ray zu der Wohnung und erfährt, dass die beiden ehemaligen Bewohnerinnen seit Monaten ausgezogen sind.

Merkwürdigerweise wird die Wohnung inzwischen zwar anderweitig vermietet, aber nicht bewohnt. Zudem stellt sich heraus, dass eine der Bewohnerinnen, die Kellnerin Allison Fitch, tatsächlich verschollen zu sein scheint - und wenig später ist die Wohnungsansicht bei Whirl360 bearbeitet worden, und die Person am Fenster wurde herausretuschiert. Ray ahnt allmählich, dass sein Bruder Recht hatte und hier tatsächlich ein Mord vertuscht wurde. Die Polizei schenkt ihnen keinen Glauben, sondern hält alles für Hirngespinste aufgrund von Thomas' Krankheit. Rays Recherche blieb jedoch anderweitig nicht unbemerkt - bald darauf schweben er und Thomas in tödlicher Gefahr ...

Bewertung:

Wenn Linwood Barclays Roman als Variante des 21. Jahrhunderts von Hitchcocks "Fenster zum Hof" beworben wird, trifft das durchaus den Kern. Verschärft wird diese Variante dadurch, dass der Mordzeuge unter Schizophrenie leidet und von der Polizei bereits durch andere Aktionen als unglaubwürdig eingestuft wurde. Das Buch ist in erster Linie ein hochspannender Thriller, beleuchtet aber auch eine komplizierter Brüder-Beziehung und den Alltag eines psychisch kranken Menschen.

Ray und Thomas sind sympathische Protagonisten, die zum Mitfiebern einladen. Ihr Schicksal ist dem Leser nicht gleichgültig, vielmehr hofft er, dass beide aus dem Schlamassel heil herauskommen werden. Bei Ray darf man davon ausgehen, da er als Ich-Erzähler auftritt, bei Thomas kann man dagegen nicht sicher sein. Die Hauptspannung dreht sich natürlich um die Frage, was es mit dem Mord auf sich hat, wer dahintersteckt und wie die Brüder sich den Verfolgern entziehen können.

Aufgrund der unterschiedlichen Erzählperspektiven weiß der Leser mehr als die Hauptfiguren Ray und Thomas. Der Großteil des Geschehens wird zwar von Ray berichtet, aber es gibt auch einige Kapitel, in denen personale Erzähler die Ereignisse um die verschwundene Allison und die Täter rund um den Mordkomplott beleuchten. Allison Fitch ist eine Kellnerin, die chronisch pleite ist und es sich durch ihre schlechte Zahlungsmoral inzwischen mit allen Freunden verdorben hat. Sie spielt in den Ereignissen um den Fenstermord eine zentrale Rolle, allerdings entwickelt sich hier einiges anders, als es der Leser zunächst vermutet. Im Gegensatz zu Ray und Thomas ist die egoistische Allison keine Sympathieträgerin, aber das macht es nur interessanter und ein bisschen realitätsnäher - warum sollten es immer die liebenswerten Menschen sein, die in Thrillern eine tragende Rolle spielen.

Für den Leser gibt es somit zwar kein Rätselraten, ob Thomas mit seinem Verdacht richtig liegt, aber der Spannung tut dies keinen Abbruch: Man weiß umso deutlicher um die Gefahr, in der Thomas und Ray schweben und dass Rays scheinbar harmlose Recherche schwerwiegende Folgen haben wird. Parallel gibt es in dem Strang um Allison einige unerwartete Wendungen, die den Rezipienten in Atem halten. Verstärkt wird die Spannung noch durch zwei Zusatzelemente: Zum einen bekommt Ray Zweifel, was den Unfalltod seines Vaters angeht, zum anderen erfährt er, dass Thomas mit dreizehn Jahren irgendetwas Schlimmes erlebt hat, über das er bisher nicht mit ihm sprechen wollte. Langeweile kommt trotz des Umfangs nicht auf; Linwood Barclay versteht es einfach, die Schlinge um seine Figuren immer enger zu ziehen und an den passenden Stellen wirkungsvolle Überraschungsmomente zu platzieren.

Bei aller Dramatik gibt es auch humorvolle Szenen, die sich aus Thomas' Krankheit ergeben, ohne dass sich darüber lustig gemacht wird. Thomas ist überzeugt davon, für den CIA zu arbeiten und schickt regelmäßig Mailberichte über seine kartografischen Tätigkeiten. Seiner Überzeugung nach werden irgendwann sämtliche Stadt- und Landkarten durch eine Katastrophe verschwinden, sodass der CIA auf Thomas' Fähigkeiten zurückgreifen muss. Das bei Schizophrenie typische Stimmenhören wird bei Thomas durch Tabletten eingedämmt; nur die Stimme des ehemaligen Präsidenten Bill Clinton spricht noch regelmäßig zu ihm und lobt ihn für seinen Einsatz. Ray steht Thomas' Überzeugungen ein ums andere Mal ratlos gegenüber, und für den Leser sind Thomas' naiv-offene Sichtweisen und Äußerungen amüsant.

Sicherlich ist das Werk nicht dazu geeignet, umfassende Einblicke in die Schizophrenie zu schenken; bisweilen wirkt Thomas auch mehr wie ein autistischer Inselbegabter, nicht umsonst wird er an einer Stelle spöttisch "Rain Man" genannt. Illustriert wird weniger speziell die Krankheit Schizophrenie als eher die Schwierigkeit, psychisch kranken Menschen angemessen zu begegnen und sie zu verstehen.

Schwächen gibt es so gut wie gar keine zu verzeichnen. Unter Umständen ist das dramatische Finale ein bisschen konstruiert, es geschieht das eine oder andere passende Ereignis zur passenden Zeit, aber das ist verzeihlich. Wer Spaß am hochspannenden Thrillern hat, wird hier sicherlich nicht enttäuscht werden.

Fazit:


Sehr spannender Thriller mit interessantem Grundthema, der von Anfang bis Ende fesselt und bestens unterhält.

30. Juli 2013

Weil ich euch liebte - Linwood Barclay

Produktinfos:

Ausgabe: 2012
Seiten: 528
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Der Autor:

Linwood Barclay studierte zunächst Literatur und arbeitete als Journalist in Kanada. 2007 erschien sein Thriller "Ohne ein Wort", der ihn sofort zum Bestsellerautor machte. Weitere Werke sind "Dem Tode nah", "In Todesangst" und "Kein Entkommen".

Inhalt:

Das Leben von Bauunternehmer Glen Garber schlägt jäh in eine Katastrophe um, als seine Frau Sheila bei einem Autounfall stirbt. Der Verlust allein ist schon schlimm genug für Glen und seine achtjährige Tochter Kelly, doch es kommt noch schlimmer - Sheila war offenbar stark alkoholisiert und hat bei dem Unfall zwei weitere Menschen mit in den Tod gerissen.

Glen kämpft mit den widersprüchlichen Gefühlen von Trauer und Wut über Sheilas Verhalten. Kelly wird wegen ihrer Mutter in der Schule angefeindet, Sheilas Mutter gibt Glen die Schuld dafür, dass er nichts von ihrem Alkoholproblem ihrer Tochter wusste. Zusätzlich belastet Glen, dass eines seiner erbauten Häuser abgebrannt ist und die Versicherung die Zahlung verweigert.

Kurz nach Sheilas Tod stirbt ihre Freundin Anne, Mutter von Kellys bester Freundin Emily, auf mysteriöse Weise, indem sie nachts ertrinkt. Bei einem Besuch bei Emily hörte Kelly tags zuvor zufällig ein seltsames Telefongespräch von Anne mit, das sich offenbar um dubiose Geschäfte drehte. Schließlich spricht auch noch Sheilas Freundin Belinda von 62.000 Dollar, die sie Sheila gegeben habe. Allmählich kommt Glen der Verdacht, dass Sheila selbst in gefährliche Machenschaften verwickelt war und dass hinter ihrem angeblichen Unfalltod ein Verbrechen steckt ...

Bewertung:


Sie ähneln sich schon, die Thriller von Linwood Barclay. Wie üblich ist der Ich-Erzähler ein Mann Mitte dreißig, der bis vor Kurzem ein solides Familienleben führte, ehe er sich plötzlich in ein Verbrechen verwickelt sieht, das er auf eigene Faust zu klären versucht. Dabei gelingt es dem Autor nicht, an sein fulminantes "Ohne ein Wort" anzuschließen, dennoch ist auch "Weil ich euch liebte" unterm Strich ein lesenswertes Werk für Fans des Genres.

Dabei sieht es längere Zeit weniger wie ein Thriller aus, da der Fokus doch recht stark auf Glens Versuch liegt, mit Sheilas Tod und ihrer mutmaßlichen Schuld an dem Unfall umzugehen. Glen muss einerseits für seine Tochter Kelly da sein und seine eigene Trauer bewältigen, andererseits seine geschäftlichen Probleme behandeln, auch wenn er sich dazu kaum in der Lage sieht. Für den Leser ist schon recht früh klar, dass hinter Sheilas Tod mehr als ein Unfall steckt, die genauen Zusammenhänge aber werden nur nach und nach aufgedeckt. Ganz allmählich ergibt sich ein komplexes Gefüge, in das eine Vielzahl an Personen verwickelt ist und in dem gefälschte Markentaschen, Medikamentenhandel und der Brand in dem von Glen gebauten Haus zusammenhängen. Vor allem der Zusammenhang zwischen dem Brand und den anderen beiden Punkten wird erst spät offenkundig und es ist durchaus auch für einige Überraschungen gesorgt. Zu seinem Entsetzen muss Glen erkennen, dass einige Personen aus seinem engsten Umfeld in die Geschehnisse verwickelt sein könnten und er weiß schließlich kaum noch, wem er trauen darf. Zudem geht die Polizei zwar den kriminellen Machenschaften nach, doch dass Sheilas Tod ein selbst verschuldeter Unfall war, steht für sie nach wie vor außer Zweifel. Wie üblich versteht sich Linwood Barclay gut darin, seinen Protagonisten sympathisch und im positiven Sinn 'durchschnittlich' zu gestalten - Glen Garber ist kein außergewöhnlicher Charakter und daher sicher auch nicht besonders einprägsam, aber gut geeignet als Identifikationsfigur. Spannung ist eigentlich durchweg gegeben, auch dank einiger Cliffhanger, deren Einsatz Barclay allerdings ruhig sparsamer dosieren könnte. Bei der achtjährigen Kelly fällt auf, dass sie für ihr Alters ein bisschen zu reif erscheint, gerade angesichts der Tatsache, dass sie ihre Mutter durch einen schrecklichen Unfall verloren hat.

Ein eindeutiger Schwachpunkt des Romans ist die allzu häufige Bemühung des Zufalls, um den Handlungsfluss zu bewahren. Besonders ärgerlich ist dies dann, wenn etwa zwei Personen unabhängig voneinander zeitlich eine Art Geistesblitz haben und sich über die gleiche Sache klar werden. Auch das Ende leidet unter dieser Methodik - einerseits ergibt sich zwar eine reizvolle und sicher wenig erwartete Wendung, andererseits ist es wieder einmal sehr konstruiert, wie Glen in genau dem passenden Moment den richtigen Schluss zieht und nur durch die Entdeckung eines bestimmten Details plötzlich eine Eingebung hat, die ihm sonst wohl verborgen geblieben wäre. Zudem neigt Linwood Barclay in diesem Roman auch zu sehr dazu, immer in letzter Sekunde Figuren eintreffen zu lassen oder eine Situation zu entschärfen und schießt dabei ein wenig übers Ziel hinaus. Alles in allem entsteht dadurch der Eindruck, dass aus Phantasielosigkeit bestimmte Entwicklungen auf die leichteste Art gelöst werden, anstatt ein bisschen mehr Raffinesse zu bemühen.

Fazit:


Ein insgesamt unterhaltsamer und sehr kurzweiliger Thriller, der spannend und dramatisch ist und sich leicht und locker liest. Allerdings fallen die häufigen Zufälle störend auf, vor allem gegen Ende wird es damit übertrieben. So zählt das Buch nicht zu Linwood Barclays besten Büchern, empfiehlt sich aber dennoch für eifrige Thrillerleser.

30. Juni 2012

Kein Entkommen - Linwood Barclay

Produktinfos:

Ausgabe: 2011
Seiten: 528
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Der Autor:

Linwood Barclay studierte zunächst Literatur und arbeitete als Journalist in Kanada. Er begann eine Krimireihe, die bislang nicht in deutsch übersetzt wurde. 2007 erscheint sein Thriller "Ohne ein Wort", der ihn sofort zum Bestsellerautor machte. Weitere Werke sind "Dem Tode nah" und "In Todesangst".

Inhalt:

Die Harwoods sind scheinbar eine glückliche Familie: David arbeitet als engagierter Journalist, seine Frau Jan als Verkäuferin und der vierjährige Ethan macht das Glück komplett. Seit ein paar Wochen aber fühlt sich Jan zunehmend depressiv und äußert einmal sogar Selbstmordgedanken. Zur gleichen Zeit hat David Stress wegen eines geplanten Artikels über den Bau eines privat finanzierten Gefängnisses, das offenbar nur Profit bringen soll und schlechte Bedingungen für Wärter wie Inhaftierte bedeutet. David liegt das Thema am Herzen, doch in der Redaktion sieht man seine Kritik nicht gern.

Ein Besuch im Vergnügungspark soll David, Jan und Ethan auf andere Gedanken bringen. Plötzlich aber ist Jan spurlos verschwunden. David sucht den Park ab und verständigt den Sicherheitsdienst, jedoch ohne Erfolg. Er befürchtet, dass sich seine Frau etwas angetan hat, die Polizei gibt schließlich eine Fahndung heraus.

Dann aber wendet sich das Blatt: Niemand hat Jan gemeinsam mit David und Ethan im Park gesehen, niemand außer David weiß etwas von ihren angeblichen Depressionen und schließlich gerät David unter Mordverdacht. Verzweifelt versucht er, die Wahrheit herauszufinden - und entdeckt, dass seine Frau offenbar nicht die war, die sie zu sein vorgab ...

Bewertung:


Bereits mit seinem ersten auf deutsch veröffentlichen Werk "Ohne ein Wort" wurde Linwood Barclay hierzulande rasch als neuer Thrillerautor gefeiert und das durchaus zu Recht. Auch "Kein Entkommen" reiht sich ein in seine typischen Werke, die das Leben eines bis dato Durchschnittsbürgers auf den Kopf stellen, voller überraschender Wendungen und mit einem unschuldigen Verdächtigungen.

Die durchgängige Spannung, die trotz des Umfangs keine Längen aufkommen lässt, ist der größte Pluspunkt des Werkes. Kaum dass Jan verschwunden ist, gibt es mehrere Theorien, was mit ihr geschehen sein könnte: Zum einen scheint es möglich, dass sie Selbstmord begangen hat oder sich zumindest für unbestimmte Zeit an einen geheimen Ort flüchtet, um mit ihren Depressionen allein zu sein. Verdächtig sind aber auch Davids hartnäckige Nachforschungen wegen des geplanten Baus des Gefängnisses, mit denen er sich tief in die Nesseln setzt. Seine eigene Chefin unterstützt den Bau und David steht allein auf weiter Flur mit seinem Engagement, trotzdem kommt er den Verantwortlichen für ihren Geschmack viel zu nah. Denkbar ist daher, dass dort jemand hinter Jans Verschwinden steckt, um David nachhaltig zu schaden oder Rache zu üben. Kurz darauf findet David dann auch noch Indizien dafür, dass Jan eine falsche Identität benutzt hat. Er sucht ihre Eltern auf, die sie angeblich schon seit vielen Jahren aus ihrem Leben gestrichen hat - doch deren Tochter Jan ist bereits als Kind ums Leben gekommen. David ist fassungslos, da er nicht versteht, warum seine Jan ihn über all die Jahre belogen hat. Die Spannung wird erneut angezogen, als er ins Visier der Ermittler gerät. Welche Rolle Jan darin spielt, wie und ob David seine Unschuld beweisen kann, warum auch Jans Arbeitskollegin Deanne verschwunden ist und was hinter allem steckt ist eine gut ausgetüftelte Story, die überzeugend erzählt wird.

Die Charaktere sind nicht ausgefeilt, aber doch grundsätzlich gelungen. Etwa die Hälfte des Buches spricht David als Ich-Erzähler, die Szenen aber, in denen er nicht beteiligt ist - vor allem die Ermittlungen von Detective Duckworth - übernimmt ein außenstehender Erzähler. David erscheint rasch sympathisch, vor allem dank seines unermüdlichen Einsatzes für die Zeitung, er ist offenbar ein Reporter, der durchaus Berufsehre kennt und keine unangenehmen Recherchen scheut. Aus einem zuvor glücklichen Familienvater wird im Handumdrehen ein Mordverdächtiger, der damit natürlich auch das Sorgerecht für seinen Sohn zu verlieren droht. Detective Duckworth ist zwar mit seinem Verdacht gegen David auf der falschen Fährte - aber es ist reizvoll, dass auch er nicht unsympathisch ist. Neben dem gelassenen Gemüt von Davids Vater sorgen Duckworth' vergebliche Versuche, den von seiner Frau auferlegten Diätplan zu befolgen, für kleine humorvolle Momente. Duckworth scheint auch ganz zu Anfang David zu glauben, dann aber findet er niemanden sonst in Jans Umfeld, der ihre depressiven Verhaltensweisen bestätigt, keine Überwachungskamera hat sie im Park gefilmt, den Aussagen des vierjährigen Sohnes wird nicht viel Glauben geschenkt. Es ist recht nachvollziehbar, dass Duckworth David verdächtigt und man kann es ihm nicht wirklich übel nehmen.

Zu bemängeln gibt es insgesamt kaum etwas - wenn man keine allzu anspruchsvolle Literatur erwartet, sondern eben vor allem einen Pageturner. An manchen Stellen wirkt Ethan ein bisschen zu unbeteiligt für einen Vierjährigen - er freut sich etwa anfangs sehr auf den Vergnügungspark, im Park selbst ist er dann aber vor allem müde und bekommt kaum etwas mit, etwas seltsam für seine Vorfreude. Vielleicht ist das Ende auch ein kleines bisschen zu dramatisch gestaltet, wie in einem Hollywoodreißer und es ist komisch, dass Duckworth gar nicht in Betracht zieht, dass Jan ihren Arztbesuch wegen der Depressionen nur vorgetäuscht haben könnte - was für einen depressiven, der sein Leiden verbergen oder kleinreden will, ja realistisch wäre. Zudem ahnt man einen Teil von Jans Vergangenheit schon ein bisschen zu früh durch zu auffällige Andeutungen - aber das sind alles nur Kleinigkeiten.

Fazit:


Ein sehr temporeicher und bis zum Schluss spannender Thriller, der sich leicht lesen lässt. Die Charaktere sind nicht sehr ausgefeilt, aber doch überzeugend. Die Handlung ist wendungsreich und frei von Längen, die Schwächen fallen sehr klein aus.

27. Juni 2012

Ohne ein Wort - Linwood Barclay

Produktfakten:

Ausgabe: 2007
Seiten: 496
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Der Autor:

Linwood Barclay studierte zunächst Literatur und arbeitete als Journalist in Kanada. Er begann eine Krimireihe, die bislang nicht in deutsch übersetzt wurde. 2007 erscheint sein Thriller "Ohne ein Wort", der ihn sofort zum Bestsellerautor machte. Weitere Werke sind "Dem Tode nah" und "In Todesangst".

Inhalt:

Die vierzehnjährige Cynthia Bigge verschwindet nach einem abendlichen Streit mit ihren Eltern wütend im Zimmer. Am nächsten Morgen ist es ungewohnt still im Haus. Sowohl die Eltern als auch Cynthias älterer Bruder Todd sind verschwunden, die Betten wirken unberührt, keine Nachricht wurde hinterlassen. Todd erscheint nicht in der Schule, die Autos sind zudem verschwunden. Am Nachmittag kommt schließlich die Polizei und Cynthias Familie wird vermisst gemeldet.

Knapp 25 Jahre später: Cynthias Familie ist bis heute spurlos verschwunden geblieben. Cynthia ist mittlerweile glücklich mit dem Highschool-Lehrer Terry verheiratet und hat eine achtjährige Tochter namens Grace. Trotzdem denkt sie immer noch ständig an ihre Familie und grübelt nach, was geschehen sein mag - und ob ihre Familie vielleicht doch noch lebt.

Große Hoffnung legt sie in eine Fernsehsendung, die die Ereignisse noch einmal aufrollt, doch niemand meldet sich. Dann aber häufen sich plötzlich seltsame Vorfälle mit anonymen Nachrichten, die angeblich von Cynthias Familie stammen. Schließlich finden Cynthia und Terry einen Filzhut im Haus, wie ihn Cynthias Vater immer trug. Stammen diese Nachrichten wirklich von Cynthias Familie? Im Zuge der neuen Ermittlungen stellt sich zudem heraus, dass ihr Vater offenbar nicht der war, der er zu sein vorgab ...

Bewertung:


"Ohne ein Wort" ist der erste in Deutschland erschienene Roman Linwood Barclays, der zurecht die Bestsellerlisten stürmte und ihn sofort zu einem internationalen Durchbruch als Thrillerautor verhalf. Der Roman ist vielleicht kein Meisterwerk der anspruchsvollen Literatur, aber als Thriller rundum gelungen.

Der Plot ist simpel und dennoch effektiv: Ein Mädchen stellt morgens fest, dass seine Familie über Nacht spurlos verschwunden ist. Nichts deutet auf ein Verbrechen hin, es gibt weder Kampfspuren noch Blutflecken, alles ist ordentlich und wie am Abend zuvor. Keiner der Nachbarn hat etwas gehört oder gesehen, die Familie hat keine Koffer gepackt und sich am Tag zuvor in irgendeiner Form seltsam verhalten. Es ist wie ein böser Traum für die vierzehnjährige Cynthia, die natürlich bis mittags erst einmal an eine logische Erklärung glaubt - ihr Vater ist vielleicht wieder auf einer spontanen Geschäftsreise, die Mutter bringt Bruder Todd in die Schule. Doch spätestens am Abend steht fest, dass etwas Furchtbares geschehen sein muss. Der Leser fiebert automatisch mit Cynthia mit und möchte unbedingt erfahren, was hinter dieser Sache steckt - ist Cynthias Familie geflohen, ist sie in kriminelle Machenschaften verwickelt gewesen, wurde sie entführt, leben die drei noch oder sind sie schon lange tot? - Es gibt eine Reihe möglicher Szenarien, die allesamt auf ihre Weise beunruhigend sind. Cynthia wächst bei ihrer einzigen verbliebenen Verwandten auf, Tante Tess, liebevoll behütet, aber natürlich dennoch immer traumatisiert durch dieses unerklärliche Erlebnis. Erschwerend kommt hinzu, dass ihre letzten Worte an die Eltern ein hysterisches "Ich wünschte, ihr wärt tot!" waren, bevor sie ihre Zimmertür zuknallte und sie sich insofern schuldig am Verschwinden der Familie fühlt - und sogar insgeheim befürchtet, sie könnten sie absichtlich verlassen haben.

Die Handlung gewinnt zusätzlich an Fahrt, als die seltsamen Nachrichten eintreffen. Cynthia erhält einen anonymen Anruf und eine E-Mail mit der Botschaft, ihre Familie habe ihr verziehen - wer das schreibt und was sie ihr verziehen haben, bleibt allerdings ein Rätsel. Der Hut scheint eindeutig von ihrem Vater zu stammen, inklusive seinem Geruch und dem eingemalten C als Kennzeichen. Doch sowohl die Polizei als auch zu Cynthias Verzweiflung Terry halten noch eine Alternative für möglich - nämlich, dass Cynthia unbewusst diese Dinge erfindet. Sie hat keinen Zeugen für den Anruf, die Mail könnte fingiert sein, der Hut aus ihrem eigenen Fundus stammen. Terry fürchtet ernsthaft, dass seine Frau den Sinn für die Realität verliert und sich krankhaft in den Wunsch hineinsteigert, ihre Familie möge noch leben und Kontakt zu ihr suchen. Noch spannender wird es, als das Paar schließlich einen Privatdetektiv einschaltet, um endlich zu neuen Erkenntnisse zu gelangen. Dabei stellt sich heraus, dass Cynthias Vater offiziell nirgendwo gemeldet war und womöglich einen falschen Namen trug. Das gibt wiederum der Theorie neue Nahrung, dass er etwas mit dem Verschwinden zu tun hat - ebenso wie Cynthias einstige Teenagerliebelei mit dem Sohn eines hiesigen Chefs des organisierten Verbrechens. Lange Zeit scheint es abwechselnd plausibel, dass Cynthias Vater in eine kriminelle Sache verwickelt war oder dass die Familie unschuldig jemandem zum Opfer fiel. Die Frage nach der Auflösung fesselt den Leser bis zum Schluss. Die Charaktere sind nicht extrem ausgefeilt, aber schon mehr als bloße Abziehfiguren. Terry ist hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, seiner Frau zu glauben und der Angst, sie könne diese Dinge unbewusst erfinden. Auch die unvermeidlich daraus resultierenden Krisenzeiten des Paares sind realistisch dargestellt. Cynthia ist deutlich gezeichnet durch ihre Vergangenheit und neigt dazu, Tochter Grace zu deren Ärger überfürsorglich zu behandeln. Terry versucht, immer Verständnis für Cynthias Trauma aufzubringen, leidet allerdings auch unter ihren Ängsten und ständigen Grübeleien. Eine besonders sympathische Figur ist Cynthias Tante Tess, die nicht nur für ihre Nichte, sondern auch für Terry ein wenig die Mutterrolle übernommen hat.

Zu bemängeln gibt an diesem klassischen Pageturner nur sehr wenig. Es ist vielleicht nicht ganz glücklich, dass der Prolog, der zu Cynthias Teenagerzeiten spielt, in der dritten Person im personalen Stil erzählt wird - denn als die Geschichte anschließend in die Haupthandlung 25 Jahren danach wechselt, übernimmt Terry die Rolle des Erzählers. Wer Bücher mit Ich-Erzählern nicht so gerne mag, wird durch den Prolog also getäuscht. Es ist zudem etwas seltsam, wie fest einer der ehemaligen Ermittler davon überzeugt ist, dass Cynthia in die Geschichte verwickelt war - dass ein Teenager seine Familie auslöscht, mag durchaus vorkommen, aber dass ein vierzehnjähriges Mädchen die Eltern und den fast erwachsenen Bruder sowie die beiden Autos dann auch noch in einer Nacht verschwinden lässt, ohne dass Passanten oder Nachbarn etwas merken oder irgendwelche Spuren im Haus hinterlassen werden, ist einfach ein völlig überzogenes Szenario. Nicht ganz logisch ist außerdem, dass die Unstimmigkeiten bei Clayton Bigge, Cynthias Vater, erst 25 Jahre später durch den Privatdetektiv aufgedeckt werden und die Polizei nicht schon damals bei den Ermittlungen darauf stieß, dass er weder bei der Kfz-Stelle gemeldet ist noch eine Sozialversicherungsnummer unter seinem Namen hat - eigentlich hätte das routinemäßig auffallen müssen bei der Suche nach Hintergründen zu den vermissten Personen. Dann gibt es da noch die eher überflüssigen kurzen Kapitel, in denen sich zwei Leute in Andeutungen ergehen, woraus der Leser nach und nach schließen kann, dass sie mit dem Verschwinden zu tun haben. An ein, zwei Stellen verraten diese Andeutungen etwas zu viel und insgesamt sind diese Einschübe eher unnötig. All diese Dinge fallen aber nur schwach ins Gewicht, da der Rest eben sehr stimmig und unterhaltsam ist.

Fazit:


Ein von Anfang bis Ende sehr spannender Thriller mit einer reizvollen Grundidee. Der Leser fliegt förmlich durch die rasante Handlung des Romans, der an keiner Stelle Längen aufweist und sich immer noch ein bisschen zu steigern weiß. Die Charaktere sind gelungen und die sehr kleinen Mängel fallen nur bei etwas genauerer Betrachtung auf. Insgesamt ein äußerst unterhaltsamer Thriller, wenn man keine literarische Höchstleistung erwartet.

In Todesangst - Linwood Barclay

Produktinfos:

Ausgabe: 2010
Seiten: 448
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* * * * *

Der Autor:

Linwood Barclay studierte zunächst Literatur und arbeitete als Journalist in Kanada. Er begann eine Krimireihe, die bislang nicht in deutsch übersetzt wurde. 2007 erscheint sein Thriller "Ohne ein Wort", der ihn sofort zum Bestsellerautor machte. Weitere Werke sind "Dem Tode nah" und "Weil ich euch liebte".

Inhalt:


Nach seiner Scheidung und dem Untergang seiner eigenen Firma arbeitet Tim Blake als Autohändler. Sein Gehalt ist durchschnittlich, es gibt immer wieder Auseinandersetzungen mit Bob, dem neuen Partner seiner Ex-Frau, und auch die 17-jährige Tochter Sydney ist nicht gerade einfach. Eines Abends kommt Sydney nicht von ihrem Ferienjob im Hotel nach Hause.

Als der besorgte Tim im Hotel nachfragt, trifft ihn der Schock: Niemand scheint Sydney dort zu kennen, geschweige denn, dass sie dort gearbeitet haben soll. Sofort meldet Tim seine Tochter als vermisst und richtet eine Suchseite im Internet ein. Die Polizei reagiert aber zurückhaltend und vermutet, dass Sydney wegen Streitigkeiten für ein paar Tage ausgerissen ist.

Dann aber ergeben sich dramatische Wendungen: Sydneys Auto wird mit Blutspuren gefunden. Zudem will die Mitarbeiterin einer sozialen Einrichtung Sydney in Seattle gesehen haben. Überglücklich fliegt Tim direkt nach Seattle - doch in jener Einrichtung kennt niemand diese Frau, ebensowenig wie Sydney. Als Tim verzweifelt nach Hause zurückkehrt, hat jemand seine Wohnung demoliert. Immer mehr deutet darauf hin, dass Sydney in üble Machenschaften verwickelt war. Zu allem Überfluss wird Tim selbst allmählich für die Polizei zum Verdächtigen ...

Bewertung:

Mit "In Todesangst" bleibt Linwood Barclay seinem bewährten Schema treu, das bereits seine vorherigen Thriller zu Bestsellern machte: Wie schon in "Kein Entkommen" verschwindet eine geliebte Person des Protagonisten und er gerät selbst ins Visier der Ermittler als möglicher Mörder. In in "Ohne ein Wort" verschwand gar eine ganze Familie und die Frau des Protagonisten wird als Verdächtige gehandelt, in "Dem Tode nah" wird der Sohn der Hauptfigur Zeuge eines Mordes und der Tat verdächtigt. Stets wird der Protagonist daraufhin selbst zum Ermittler und versucht, sich bzw seine Frau oder seinen Sohn von dem Verdacht zu befreien.

Die Parallelen liegen also auf der Hand. Die ersten beiden Drittel des Romans sind dennoch überzeugend und fesselnd. Hauptfigur Tim Blake ist zwar keine besonders markante Figur und erinnert doch stark an die Protagonisten der früheren Werke, aber er eignet sich gut als Identifikationsfigur. Tim ist vom Leben derzeit ohnehin nicht gerade sehr begünstigt und das Verschwinden seiner Tochter setzt dem die Krone auf. Seine Verzweiflung ist spürbar, seine Gedanken zwischen Hoffen und Bangen sind nachvollziehbar. Einerseits geht er mechanisch seiner Arbeit nach, andererseits schaut er in jeder freien Sekunde auf der Webseite nach möglichen Hinweisen und durchforstet die Stadt mit Sydneys Bild. Er entwirft eigene Theorien und vermutet beispielsweise, dass Ethan mit Sydneys Verschwinden zu tun haben könnte - Ethan ist der Sohn von Bob, dem neuen Freund seiner Exfrau Susanne, der sich reichlich merkwürdig verhält. Den ganzen Tag über lungert er in seinem Zimmer am Computer herum, neuerdings verschwinden in seiner Umgebung Geld und Wertgegenstände und Tim glaubt Ethan nicht, dass er an seiner hübschen Stiefschwester kein Interesse hatte. Aber auch den jungen Blumenlieferanten hat er unter Verdacht, der auffallend schnell behauptet, Sydney nie gesehen zu haben und sich dabei kaum das Bild anschaut. Gemeinsam mit Tim spinnt sich der Leser seine Theorien zusammen, die immer wieder neues Futter bekommen. Besonders brisant wird es, als auch noch Syds beste Freundin Patty verschwindet - nachdem sie mit Tim zusammen gesehen wurde. Die Polizei wird plötzlich Tims Feind, sie verdächtigen ihn, für das Verschwinden der beiden jungen Frauen verantwortlich zu sein und abgesehen von seiner Exfrau hat er nun niemanden mehr, der ihn unterstützt. Für Spannung und Abwechslung ist also durchaus gesorgt und der Leser rätselt gerne mit, was mit Sydney geschehen ist.

Im letzten Drittel allerdings verliert der Thriller an Klasse. Die Wendungen werden reichlich übertrieben und Tim erinnert leider viel zu sehr an einem Actionhelden, der schier Unmenschliches leistet. Die körperlichen wie seelischen Belastungen, die mit den immer wieder neuen Entwicklungen auf ihn einprasseln, meistert er viel zu gut. Egal ob er mehrmals knapp Mordanschlägen entkommt oder von der Polizei gesucht wird, irgendwie schafft er es immer, klaren Kopf zu behalten und sich aus der Affäre zu ziehen. Unter diesen Entwicklungen leidet die Glaubwürdigkeit erheblich. Auch die Auflösung, was hinter Sydneys Verschwinden steckt, ist nicht in allen Punkten überzeugend. Vor allem die Handlung einer Person, die darin verwickelt ist, erscheint recht hanebüchen und zu melodramatisch. Nach der überzeugenden ersten Hälfte enttäuscht das Ende etwas, sodass das Werk insgesamt nicht an die Vorgänger heranreicht - allerdings bietet es immer noch solide Thrillerkost für Fans dieses Genres.

Fazit:

Unterm Strich liegt hier ein kurzweiliger und spannender Thriller vor, der sich thematisch an die vorherigen Werke des Autors einreiht. Das letzte Drittel allerdings lässt Glaubwürdigkeit vermissen und ist zu übertrieben actionlastig gestaltet. Nicht das Beste von Linwood Barclay, aber insgesamt solide.