29. Oktober 2012

Verlorene Spuren - Danielle Steel

Produktinfos:

Ausgabe: 1994
Seiten: 400
Amazon
* * * * *

Die Autorin:

Danielle Steel, Jahrgang 1947, wuchs in New York auf und studierte dort. Gleich ihr erster Roman im Jahr 1977 machte sie zu einer erfolgreichen Autorin. Bekannt ist sie vor allem für dramatische Liebesromane. Einige ihrer Werke: Die Schneetänzerin, Schicksalstage, Traumvogel und Abschied von St. Petersburg.

Inhalt:


New York, Ende der 1930er Jahre: Die junge Marielle Patterson scheint nach außen hin ein glückliches Leben zu führen: Sie ist mit dem reichen, wenn auch weitaus älteren Malcom Patterson verheiratet und hat mit dem vierjährigen Teddy einen Sohn, den sie über alles liebt. An einem Wintertag begegnet ihr jedoch in der Kirche jemand, der sie an die schlimmste Zeit ihres Lebens erinnert: Ihr Ex-Mann Charles Delauney.

Charles und Marielle brannten vor Jahren als blutjunges Paar durch und heirateten, ihr Glück wurde durch ihren Sohn André gekrönt. Mit sechs Jahren aber verstarb André bei einem Unfall - Charles gab Marielle die Schuld daran, die Ehe zerbrach und Marielle erlitt einen Nervenzusammenbruch. Anschließend verstarben ihre Eltern und sie blieb mittellos zurück, die Ehe mit Malcolm Patterson war lediglich eine Vernunftehe.

Charles liebt Marielle immer noch und sie hat Mühe, ihn abzuwehren. Als er tags darauf jedoch ihren Sohn sieht, eskaliert die Situation: Er gerät außer sich vor Wut und kann nicht akzeptieren, dass Marielle jetzt einen neuen Sohn hat, nachdem ihr gemeinsames Kind starb. Betrunken droht er ihr, Teddy wegzunehmen. Am nächsten Tag ist Teddy tatsächlich aus seinem Schlafzimmer verschwunden - und für Marielle beginnt ein Alptraum. Hat Charles etwas mit der Entführung zu tun und lebt Teddy noch? Zu allem Überfluss gibt ihr Malcolm die Schuld an den Ereignissen ...

Lindbergh-Entführung reloaded

Danielle Steel ist seit vielen Jahren als Autorin von Liebesromanen bekannt und erfolgreich und das lässt sich auch in diesem Werk nicht ganz verleugnen - doch in erster Linie ist es vor allem ein Thriller, der sich um eine Kindesentführung dreht. Es ist das New York der späten Dreißigerjahre. Im Mittelpunkt steht eine junge Frau, die ein schweres Schicksal hinter sich hat, obwohl sie ursprünglich aus gutem Haus stammt. Gegen den Willen ihrer Eltern heiratete sie den windigen Charles Delauney, zog mit ihm nach Paris und wurde schnell schwanger - doch der geliebte Sohn stirbt mit sechs Jahren bei einem schrecklichen Unfall, als Marielle gerade wieder schwanger war. Marielles vergeblicher Versuch ihn zu retten löst bei ihr eine Fehlgeburt aus und ihr Mann machte sie für den Tod beider Kinder verantwortlich. Die Ehe mit dem deutlich älteren Malcolm Patterson gab ihr nun zwar materielle Sicherheit und ein weiteres Kind, doch glücklich ist Marielle dennoch nicht. Ihr Mann und sie lieben sich nicht, das Hauspersonal scheint sie zu verachten und hört nur auf Malcolms Anweisungen und eine energische Gouvernante sorgt zudem dafür, dass Marielle ihren Sohn nicht so oft sieht. Zudem leidet Marielle ständig unter der Angst, auch dieses Kind zu verlieren - und dann sind da noch ihre regelmäßigen Migräneanfälle, die sie schwächen. Dieses Schicksal macht es nicht schwer, den Leser für Marielle einzunehmen, zumal sie nicht übermäßig selbstmitleidig ist, sondern immer versucht, Haltung zu bewahren.

Die Entführung Teddys macht Marielles schlimmste Alpträume wahr. Wieder wird sie beschuldigt, dafür verantwortlich zu sein - als Malcolm von seiner Geschäftsreise heimkehrt, zeigt er zunächst noch einen Hauch Vernunft und entschuldigt sich für seine ersten Ausbrüche. Kaum erfährt er jedoch von der Begegnung mit Charles und dessen Drohungen, wirft er seiner Frau vor, Teddy dem Täter gewissermaßen ausgeliefert zu haben, sich vielleicht schon früher regelmäßig mit Charles getroffen zu haben. Marielle kämpft gegen einen erneuten Zusammenbruch an und weiß nicht, ob sie Charles wirklich für den Täter halten soll. Charles beteuert seine Unschuld und hat ein Alibi für den Abend, doch die Polizei vermutet, dass er jemanden für die Entführung angeheuert hat. Ob Charles wirklich schuldig ist oder nicht, bleibt lange Zeit unklar, wie Marielle schwankt auch der Leser in seiner Beurteilung. Die Handlung fesselt durchaus, denn Marielles Schicksal geht zu Herzen und die ungerechtfertigten und immer schlimmeren Vorwürfe ihres Mannes verstärken diese Spannung noch. Mehrmals wird der Fall Lindbergh erwähnt, der ein paar Jahre zurückliegt und der immer noch in den Köpfen der Menschen fest verankert ist - und Marielle hofft verzweifelt, dass Teddys Schicksal anders endet als das des kleinen Charles Lindbergh junior.

"Verlorene Spuren" ist ohne Frage ein kurzweiliger, unterhaltsamer Roman, der sich zudem dank des einfachen Stils auch im Original gut lesen lässt, ohne lange verschlungene Sätze und mit einem eher unkomplizierten Wortschatz, auch was die gerichtlichen Szenen betrifft. Schwächen hat er allerdings auch. Stilistisch fällt beispielsweise auf, dass die Autorin die Aktionen ihrer Charaktere zu häufig unnötigerweise erklärt. Das zeigt sich vor allem während des Prozesses gegen Charles: Die Anwälte und andere Personen sagen etwas, das ihre Abneigung und Häme deutlich macht und anschließend folgt nochmals eine Erläuterung des Erzählers, was mit dieser Aussage bei den Zuhörern bezweckt wird, obwohl es völlig offensichtlich ist. Etwas unausgewogen sind zudem die Details, die vom Prozess erzählt werden: Manchmal gibt es seitenlange Darstellungen eines Verhörs, in dem Charles' oder Marielles Aussagen sowie die des Anwalts Wort für Wort dargelegt werden und andere Verhöre werden nur in wenigen Sätzen zusammengefasst, obwohl sie nicht weniger interessant wären. Das Ende ist dann schließlich eine Spur zu kitschig geraten, da kommt dann doch die Liebesromanautorin zu deutlich durch. Manchmal fällt auch störend auf, dass mit gewissen Andeutungen etwas zu sehr übertrieben wird. Bestimmte Ereignisse erahnt der Leser recht früh und dennoch folgen weitere Andeutungen, bis das Offensichtliche endlich angesprochen wird.

Fazit:


Ein insgesamt durchaus lesenswerter Roman, wenn man leichte, kurzweilige Lektüre sucht. Deutlich weniger liebeslastig als andere Werke der Autorin, allerdings nichts Besonderes im Thrillergenre.

27. Oktober 2012

Lippels Traum - Paul Maar

Produktinfos:

Ausgabe: 1984
Seiten: 232
Amazon
* * * * *

Der Autor:

Paul Maar, Jahrgang 1937, ist einer der bekanntesten und erfolgreichsten deutschen Kinderbuchautoren. Neben Kinder- und Jugendbüchern schrieb er auch Theaterstücke und war, wie bei "Lippels Traum", als Illustrator tätig. Er wurde unter anderem mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis und dem Brüder-Grimm-Preis ausgezeichnet. Von Paul Maar stammt unter anderem die Reihe um das "Sams". www.dassams.de

Inhalt:

Der zehnjährige Phillipp, von allen "Lippel" genannt, liebt vor allem Sammelbilder und Bücher und besucht gern seine Freundin Frau Jeschke, eine ältere Frau aus der Nachbarschaft. Eines Tages kommen zwei neue Mitschüler in Lippels Klasse. Das Mädchen Hamide und Bruder Arslan stammen aus der Türkei. Im Gegensatz zu Hamide kann Arslan nicht viel deutsch, weshalb er nur wenig spricht. Kurz darauf müssen Lippels Eltern zu einem Kongress nach Wien verreisen. Damit Lippel in der Zeit nicht alleine bleibt, stellen sie die pingelige Frau Jakob, die Bekannte einer Freundin, als Babysitterin ein.

Als Trost schenkt Lippels Mutter ihm ein Buch mit den Geschichten aus "Tausendundeiner Nacht". Die erste Geschichte dreht sich um einen Prinzen, dem großes Unglück prophezeit wird, wenn er in den nächsten sieben Tagen auch nur ein einziges Wort spricht. Lippel liest heimlich abends im Bett, doch bevor er erfährt, was mit dem Prinzen geschieht, nimmt ihm Frau Jakob das Buch weg. Lippel jedoch träumt die Geschichte weiter - und plötzlich beginnen sich Traum und Wirklichkeit miteinander zu vermischen. Der Prinz und die Prinzessin aus dem Traum sehen aus wie seine neuen Mitschüler. Die Tante des Prinzen sieht der strengen Frau Jakob täuschend ähnlich und sie ist es auch, die eine Intrige gegen den Prinzen startet, der daraufhin gemeinsam mit seiner Schwester vom Königshof verbannt wird.

Während Lippel nachts gemeinsam mit den Königskindern durch das Morgenland flüchtet, immer verfolgt von den Häschern des Königs, die sie irrtümlich für Verräter halten, freundet er sich tagsüber mit Arslan und Hamide an und besucht Frau Jeschke. Mit Frau Jakob dagegen wird das Zusammenleben immer schwieriger. Die Streitereien häufen sich und Lippel kann es kaum noch erwarten, bis seine Eltern wiederkommen. Außerdem macht er sich immer größere Sorgen um die Traumkinder Asslam und Hamide - was geschieht, wenn es ihm nicht gelingt, die Geschichte zu Ende zu träumen und sie zu retten ...?

Träume sind Schäume, oder doch nicht?

"Lippels Traum,", der auch als Neuverfilmung in die Kinos kam, ist sicher eines von Paul Maars schönsten Kinderbüchern. Das Besondere an dem Buch ist, dass es zwei Geschichten parallel erzählt. Beide sind für sich genommen lehrreich und spannend zugleich. Der Teil, den Lippel in der Realität erlebt, enthält Punkte, die Kinder seines Alters gut nachvollziehen können:

Lippel muss lernen, eine Woche ohne seine Eltern auszukommen, er muss sich mit einer verständnislosen Erziehungsperson herumschlagen, er schließt Freundschaft mit zwei ausländischen Kindern und er gewinnt Einblicke in eine für ihn fremde Kultur. Anhand von Arslan und Hamide bekommt der Leser auf subtile Weise die Probleme ausländischer Kinder in unserer Gesellschaft aufgezeigt. So verbietet die misstrauische Frau Jakob Lippel den Umgang mit ihnen, während Lippel dieser neuen Welt aufgeschlossen gegenübersteht. Arslan ist ein typisches Beispiel für Kinder, die sich aufgrund von Sprachproblemen schwer damit tun, Freundschaften zu schließen. Zum Glück hat der kleine Türke seine Schwester Hamide - aber viele ausländische Kinder müssen ohne einen Geschwisterteil in einem fremden Land zurechtkommen. Das Buch hilft, diese Problematik Kindern klar zu machen und Vorurteile abzubauen - ohne dabei den erhobenen Zeigefinger zu benutzen. Dazu kommt mit Frau Jeschke eine sehr liebenswerte Gestalt, eine lustige ältere Frau, die zusammen mit Lippen ein auf den ersten Blick sehr ungleiches Paar bildet - aber die beiden verstehen sich einfach gut und Frau Jeschke ist ein bisschen wie ein Oma-Ersatz für den Jungen.

Der Teil, den Lippel im Traum erlebt, ist ein klassisches Abenteuer im 1001-Nacht-Stil, das Kinder wegen seiner Aufregung lieben werden. Lippel und die Königskinder müssen um ihr Leben fürchten und schlagen sich gemeinsam im alten Orient durch. Hier finden sich alle Motive, die es für ein spannendes Märchen braucht: Ein prächtiger Palast mit einer Königsfamilie, eine Intrige gegen zwei Kinder und eine rasante Flucht vor exotischer Kulisse durch die Wüste. Auch der Humor kommt natürlich nicht zu kurz: Lustig wird das Buch vor allem dann, wenn Traum und Wirklichkeit ineinanderfließen und Lippel diese Bereiche nicht mehr richtig trennen kann. Denn Arslan und Hamide wissen nichts von ihrer Rolle in seinen Träumen und finden manche seiner Aussagen daher ausgesprochen verwirrend ...

Die zwei parallelen Handlungsstränge sind so geschickt miteinander verwoben, dass man nie durcheinander gerät. Selbst junge Leser im Grundschulalter werden damit keine Probleme haben, sondern vielmehr immer den weiteren Ereignissen entgegenfiebern. Werden die bösen Intrigen der Tante entlarvt werden? Können die beiden Königskinder an den Hof zurückkehren? Und wie geht es mit Lippels Freundschaft zu Arslan und Hamide aus und was geschieht mit der strengen Frau Jakob? Zu guter Letzt lädt auch die Hauptfigur Lippel zum Identifizieren ein. Zum Einen ist er ein ganz gewöhnlicher Junge und kein Superheld, zum Anderen hat er Probleme, die die meisten Kinder so oder so ähnlich von sich selber kennen.

Der Stil ist sehr einfach und kindgerecht gehalten, dabei aber nie langweilig. Er ist für Kinder wie für Erwachsene gleichermaßen geeignet und lässt das Buch in kürzester Zeit durchlesen. Zu bemängeln gibt es kaum etwas - nur eine kleine Unlogik: Es ist nicht nachvollziehbar, warum Lippels Eltern ihm eine wildfremde Frau, die von Kindern offensichtlich nicht viel versteht, als Babysitterin vorsetzen, anstatt dafür direkt Frau Jeschke zu nehmen, bei der Lippel sowieso regelmäßig vorbeischaut, zumindest hätte Lippel diesen Vorschlag machen können.

Fazit:

Ein sehr lesenswertes Kinder-Buch ab dem Grundschulalter mit viel Spannung; lehrreich für kleine Leser auf eine angenehm unaufdringliche Art und mit viel abenteuerlichem Flair vor exotischer Kulisse.

Echo einer Winternacht - Val McDermid

Produktdetails:

Ausgabe: 2004
Seiten: 550
Amazon
* * * * *

Die Autorin:

Val McDermid wurde 1955 geboren und wuchs in einer schottischen Bergarbeiterstadt auf. Sie studierte in Oxford und arbeitete als Dozentin für Englische Literatur und als Journalistin. Ihr Spezialgebiet als Autorin sind Thriller und Kriminalromane. Ihre Bücher werden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. Für den Roman "Das Lied der Sirenen" wurde sie 1995 mit dem Gold Dagger der britischen Crime Writers' Association ausgezeichnet. Weitere Werke von ihr sind unter anderem: "Ein Ort für die Ewigkeit", "Die Erfinder des Todes", "Schlussblende", "Ein kalter Strom", "Abgekupfert", Skrupellos" und "Das Kuckucksei".

Inhalt:


Dezember 1978: Die vier Studenten Alex, Ziggy, Mondo und Weird, Freunde seit Jugendtagen trotz unterschiedlichster Charaktere, kommen von einer Party und streifen durch die verschneite Nacht der schottischen Universitätsstadt St. Andrews. Da passiert etwas, das ihr aller Leben für immer verändern wird: Alex stolpert auf dem keltischen Friedhof über den Körper einer schwerverletzten jungen Frau. Während Medizinstudent Ziggy ihr erste Hilfe leistet, holt Alex den Streifenpolizisten Lawson herbei. Doch sie kommen zu spät - die junge Frau ist tot. Verblutet, offenbar erstochen.

Für die vier Jungen beginnt ein Albtraum. Die Polizei lässt keinen Zweifel daran, dass sie sie für die Täter halten. Es existieren keine Zeugen und keine weiteren Verdächtigen, alle vier haben in der Nacht Alkohol getrunken und jeder war zu einem Zeitpunkt auf der Party unbeobachtet. Zu allem Überfluss kannten die Jungs die tote Rosie Duff als Kellnerin in einem Pub, Alex war sogar verliebt in sie.
Die Ermittlungen verlaufen erfolglos, trotz mehrmaliger Verhöre wird keiner der Vier verhaftet. Doch sowohl für Rosies Familie als auch für viele ihrer Studienkollegen und der Leute im Dorf bleiben die Freunde auch ohne Verurteilung die Hauptverdächtigen.

Fünfundzwanzig Jahre später: Neben einer Reihe anderer Morde wird auch der ungeklärte Fall Rosie Duff wieder aufgerollt. Mit Hilfe neuer DNA-Untersuchungsmethoden will man einen erneuten Anlauf wagen. Die vier Freunde sind inzwischen unterschiedliche Wege gegangen, haben dabei aber stets den Kontakt gehalten. Alex ist glücklich mit Mondos jüngerer Schwester Lynn verheiratet. Die beiden erwarten das erste Kind. Ziggy ist ein berühmter Kinderarzt, Weird ist ein leicht überkandidelter Gemeindepriester geworden und Mondo hat eine akademische Laufbahn eingeschlagen. Doch die Vergangenheit holt sie erbarmungslos wieder ein, als zwei von ihnen kurz nacheinander ermordet werden, pünktlich zu Rosie Duffs 25. Todestag. Alex ahnt, dass hier jemand seine späte Rache nimmt. Der Polizei allerdings genügen die Beweise nicht, auch die erneuten Ermittlungen verlaufen schleppend. Um sein Leben zu retten, bleibt Alex nur eine Möglichkeit - er selbst muss den wahren Täter finden ...

Bewertung:


Das "Echo einer Winternacht" hallte nicht nur an den rauen Klippen der schottischen Küste, sondern auch in den Bestsellerlisten nach. Zu Recht, denn hinter dem dicken Schmöker mit dem stimmungsvollen Titelbild steckt ein spannender Krimi, der alle Leseratten in den Bann zieht - wenn auch nicht ohne Einschränkungen.

Dabei ist die Grundkonstellation des Romans zunächst alles andere als neu: Eine Handvoll Freunde, die zufällig in einen Mordfall verwickelt werden und von da an als Hauptverdächtige gelten, bis einer von ihnen den Mörder auf eigene Faust sucht - das hat man so oder so ähnlich bereits häufig in der Kriminalliteratur gelesen. Val McDermid gelingt es dennoch, diesen altbekannten Plot so solide zu präsentieren, dass man schnell von der Geschichte gefesselt wird. Auch der lockere, flüssig zu lesende Stil trägt dazu bei, dass man sich in wenigen Tagen/Nächten durch die knapp 550 Seiten liest. Die Dialoge der jungen Studenten wirken authentisch und ungekünstelt, die Sätze sind einfach und übersichtlich gehalten.

Das Hauptaugenmerk der Autorin liegt dabei sichtlich auf den Charakteren der Freunde, die trotz ihrer Unterschiedlichkeiten so eng miteinander verbunden sind. Da wäre zunächst Alex, der die Hauptfigur des Romans ist. Sein Leben und seine Gedanken nehmen den größten Teil des Werkes ein. Gleichzeitig ist er der geradlinigste Charakter der Vier, der sich auch nach fünfundzwanzig Jahren kaum verändert hat. Er ist derjenige, der die arme Rosie Duff auf dem Friedhof findet und damit derjenige, der den Stein ins Rollen bringt. Dem Leser fällt es leicht, sich mit ihm zu identifizieren - von Anfang an sieht man in ihm den zuverlässigen Hauptcharakter, der zu seinen Schwächen und Ängsten steht und in dem man sich wohl am ehesten von den Vieren wiedererkennt. Einerseits fehlen ihm gewisse markante Züge der anderen drei, andererseits trägt genau diese Durchschnittlichkeit zur Identifizierung bei.

Ziggy, eigentlich Sigmund Malkiewicz, steht Alex am nächsten. Sein bester Freund ist auch der einzige Mensch, der um Ziggys Homosexualität weiß. Ziggy erscheint als ruhiger, stets gefestigter Charakter, hinter dessen Oberfläche man jedoch eine vielschichtige Tiefgründigkeit spürt. Tom Mackie ist Weird (engl. für "seltsam"), der komische Kauz, der sich gerne mit Drogen vollpumpt und auch Mondo alias David Kerr macht seinem Spitznamen - abgeleitet von "Crazy Diamond" - alle Ehre.

Leider stecken in den Charakteren der beiden letztgenannten Figuren einige Schwächen: Weird macht im Verlauf des Buches eine erstaunliche und viel zu abrupte Wandlung durch. Als junger Student ist er der verrückteste der vier, der gerne zu Drogen greift und immer nur knapp mit einem blauen Auge davonkommt. Nach dem Mord entdeckt er urplötzlich seinen Sinn im Glauben und wird von heute auf morgen zum ultrareligiösen Christen. Im zweiten Teil des Buches, der 25 Jahre später spielt, wird sein Charakter wiederum gut dargestellt, eine amüsante Mischung aus dem schlagfertigen Frechdachs, der er früher einmal war und dem ernsthaften Gehabe eines religiösen Fundamentalisten. Nicht nur Alex, auch der Leser muss an manchen Stellen grinsen, wenn der ehemalige Wirrkopf sowohl in passenden als auch unpassenden Momenten feierlich den Glauben predigt.

Aber es fällt ausgesprochen schwer, diese Karikatur eines Geistlichen mit dem unberechenbaren Jungspund von 1978 in Einklang zu bringen. Weirds Wandlung vom Saulus zum Paulus kommt erst kurz vor Schluss des ersten Teils, der kurz danach abrupt abbricht. Der Leser wird dann im zweiten, 25 Jahre später spielenden Teil, fast unvermittelt mit dem "neuen Weird" konfrontiert, während die anderen drei ihr Grundwesen beibehalten haben. Dadurch, dass man von Weird nicht so viel mitbekommt wie vom Hauptcharakter Alex, erscheint seine Wandlung sehr überraschend und willkürlich, gerade so, als wolle die Autorin mit diesem originellen Charakter die Leser unterhalten ohne sein Verhalten begründen zu können.

Mondo ist insgesamt zu blass geraten für die wichtige Rolle, die er im Buch trägt. Er ist der labilste der vier Freunde, aber das Potential seines zerrissenen Charakters wird nicht voll ausgeschöpft. Am Ende des ersten Teils kommt ihm eine wichtige Rolle zu, als er bei einem missglückten Versuch, sich Aufmerksamkeit zu verschaffen, eine Tragödie auslöst. Leider endet genau an der Stelle der Teil aus dem Jahr 1978 und es erfolgt der nahtlose Sprung zu 2003. Im Rückblick wird mehrmals auf die Vergangenheit und die Entwicklung Mondos nach diesem Vorfall eingegangen, aber immer nur flüchtig, so dass das Bild des schwachen und schwierigen Mondos im Verhältnis zu den anderen Figuren verschwommen bleibt. Sein Charakter besitzt weder die sympathische Art von Alex und Ziggy, noch die schillernde Persönlichkeit des älteren Weird.

Etwas schade ist auch, dass der Täter relativ leicht zu erraten ist. Es kommen nur wenige Figuren in Betracht und bei den meisten Verdächtigen ahnt der Leser, dass man bei ihnen auf eine künstliche falsche Fährte geschickt werden soll. Das Buch ist keiner der typischen Thriller, bei denen man atemlos durch die Seiten hetzt und immer wieder mit den Verdächtigen als mögliche Täter umher jongliert. Die größte Spannung liegt zunächst in der Frage, welche der beiden Freunde ermordet werden und ob dieser Täter mit Rosie Duffs Mörder identisch ist. Beide Fragen werden relativ früh beantwortet, so dass der weitere Verlauf eher einem Drama ähnelt, bei dem man um Alex und seine kleine Familie bangt.

Überhaupt liegt der Schwerpunkt des Werkes auf gesellschaftskritischen Aspekten. In einem Interview mit der Zeitschrift "Brigitte" sagte Val McDermid, die Idee zu dem Roman sei ihr durch einen Fall in der Bekanntschaft gekommen. Eine Gruppe Studenten eilte dem Opfer einer Schlägerei zu Hilfe und wurde von der Polizei zunächst irrtümlich für die Täter gehalten.

Im "Echo einer Winternacht" ist das Opfer tot und kann nicht mehr für die Zeugen aussagen. Eine Nacht genügt, um vier junge Männer in einen Strudel aus Gewalt, Hass und Rache hineinzuziehen. Was nützt alle Unschuld, wenn man sie nicht beweisen kann? Alex und seine Freunde werden zwar von keinem Gericht, dafür aber von den Einwohnern St. Andrews verurteilt. Jeder der vier versucht, auch nach dem Vorfall sein Leben so gut wie möglich zu meistern. Doch die menschliche Natur braucht immer einen Schuldigen. Für die Hinterbliebenen von Rosie Duff sind das die vier Studenten, die für ihre schicksalhafte Begegnung büßen müssen. Einer von ihnen wird in einer Höhle eingesperrt, ein anderer brutal zusammengeschlagen, ihr aller Leben wird zu einem Spießrutenlaufen und am Ende werden zwei von ihnen sterben. Die Ereignisse jener Winternacht werfen einen Schatten auf das Leben der Männer, der auch nach 25 Jahren noch nicht erloschen ist.

Fazit:

"Echo einer Winternacht" ist unterm Strich ein dichter und über weite Strecken auch sehr spannender Krimi, der sich schnell und leicht herunter liest. Der Leser identifiziert sich rasch mit der Hauptperson und verfolgt gebannt seine Ermittlungen auf eigene Faust, um nach über zwanzig Jahren einen Mörder dingfest zu machen. Kein überragender, aber auf alle Fälle überdurchschnittlicher Roman um Rache, Schuld und die Flucht aus einer Vergangenheit, die einen immer wieder einholt.

Lollipop - Christine Nöstlinger

Produktdetails:

Ausgabe: 1977
Seiten: 120
Amazon
* * * * *

Die Autorin:

Christine Nöstlinger wurde 1936 in Wien geboren. Zunächst arbeitete sie einige Jahre als Grafikerin, bis sie in den Journalismus einstieg und für diverse Zeitschriften und Fernsehsender schrieb. Mit der "feuerroten Frederike" erschien 1970 ihr erstes Kinderbuch. Seitdem hat sie zahlreiche Bilder-, Kinder-, und Jugendbücher verfasst. Viele davon hat sie selber illustriert, manche auch ihre Tochter Christine. Christine Nöstlinger gilt als eine der bekanntesten und erfolgreichsten Kinderbuchautorinnen unserer Zeit. Sie wurde u.a. mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis, dem Österreichischen Staatspreis und der Hans-Christian-Andersen-Medaille ausgezeichnet. Weitere Werke von ihr sind unter anderem: "Geschichten vom Franz", "Wir pfeifen auf den Gurkenkönig", "Am Montag ist alles ganz anders" und "Man nennt mich Ameisenbär". www.christine-noestlinger.de

Inhalt:

Lollipop ist ein achtjähriger Junge, der eigentlich Viktor Emmanuel heißt. Den Spitznamen hat er wegen seiner Leidenschaft für grüne Lutscher. Allerdings hat es für Lollipop mit diesen Lutschern eine besondere Bewandtnis: Wenn er sie ganz hauchdünn und durchsichtig geschleckt hat und sie vors Auge hält, während er jemanden ansieht, dann tut derjenige genau das, was Lollipop will. Meistens jedenfalls. Oder ist es nur Zufall?

Lollipop kauft seine Lutscher beim "gemischten Otto", einem Gemischtwarenhändler, der gleichzeitig sein Freund ist. Er hat eine ältere Schwester, mit der er sich oft streitet, eine Oma, die für ihn kocht und eine berufstätige Mutter. Bis auf die Sache mit den Lutschern ist Lollipop ein ganz normaler Junge mit ganz normalen Problemen: Da ist dieser fremde Junge, den Lollipop immer nur hinter dem Fenster sieht und mit dem er gerne Freundschaft schließen würde. Aber wie stellt man so etwas an? Ein anderes Mal fühlt sich Lollipop vernachlässigt, weil seine Großmutter arbeiten geht. Wer soll ihm denn jetzt das Essen kochen und bei den Hausaufgaben helfen? Ein Problem ist auch seine Hundeangst. Normalerweise macht Lollipop um jeden Hund einen Riesenbogen. Was aber tun, wenn plötzlich die Freundin der Mutter ihren "Lehmann" zu jedem Besuch mitbringt?

Lollipop lernt auch die erste Liebe kennen. Ausgerechnet in die schöne Evelin verguckt er sich - und die will jeden Tag aufs Neue eingeladen werden, bis Lollipop eines Tages kein Geld mehr hat. In seiner Not begeht er einen schlimmen Fehler, der ihm nur noch größere Probleme bereitet ... Seine neue Freundin Heidegunde ist viel netter als die dumme Evelin. Aber Heidegunde und ihre Familie mögen keine Putzfrauen. Und genau als das arbeitet Lollipops Großmutter. Also erfindet er spontan eine neue Großmutter, die im Krankenhaus arbeitet. Zu dumm, dass Heidegundes Familie sie unbedingt kennenlernen will ... Lollipops Leben ist gar nicht so einfach - aber zum Glück helfen die grünen Schlecker in jeder Lage. Oder zumindest in fast jeder ...

Die Welt durch einen grünen Lutscher betrachtet

Lollipop ist eine ideale Identifikationsfigur für Kinder im Grundschulalter. Fast jedes seiner Probleme dürfte ihnen bekannt vorkommen. Es geht um alltägliche Probleme wie erste Liebe und neue Freundschaften, Streit mit der Familie und Geldsorgen, diverse Ängste sowie Lügen und die schlimmen Folgen daraus.

Lollipop ist kein Musterschüler und er ist auch nicht immer brav. Stattdessen ist er dickköpfig und ärgert seine Schwester, er ist leicht beleidigt und manchmal greift er auch auf die eine oder andere Notlüge zurück. Dennoch ist er ein liebenswerter Junge, der letztlich seine Fehler immer einsieht und aus ihnen eine Lehre zieht.

Lollipop unterscheidet sich nur durch seine Lutscher von anderen Kindern. Aber halt - stimmt das wirklich? Viele Kinder entwickeln zeitweise eine Strategie, um mit ihren Ängsten umzugehen. Manche suchen sich einen unsichtbaren Freund, mit dem sie reden können oder sie vertrauen sich einem Tier oder einer Puppe an. Andere flüchten sich in Tagträume, in denen sie größer und stärker sind als in Wirklichkeit. Bei Lollipop sind es eben die Lutscher, mit deren Hilfe er seine Probleme angeht.

Das Schöne am Buch ist, dass diese Lutscher nie explizit als Zauberlutscher hingestellt werden. Helfen sie Lollipop wirklich oder sind es bloß Zufälle, die ihn daran glauben lassen? Was es auch immer es ist - am Ende kommt Lollipop zu dem Schluss, dass er seine Lutscher nicht mehr braucht. Denn alles, was er erreichen will, kann er auch ohne sie schaffen. Kleinen Lesern kann das Mut machen, dass auch sie ihre Probleme ohne Hilfsmittel lösen können.

Das Buch besticht durch eine einfache Sprache mit kurzen Sätzen. Grundschüler werden keine Verständnisprobleme beim Lesen bekommen. Deutsche Kinder irritieren vielleicht der Gebrauch von Schilling anstatt Pfennig und D-Mark bzw heute Euro. Hier sollte ein Erwachsener hilfreich zur Seite stehen. Davon abgesehen ist die Erzählung für Leser ab etwa acht Jahren sehr gut geeignet. Die einzelnen Episoden lassen sich auch unabhängig voneinander lesen, da sie mehr oder weniger in sich abgeschlossen sind. Auszüge des Buchs lassen sich prima als Unterrichtslektüre verwenden. Die Kapitel sind nicht nur kurz und überschaubar, sondern handeln auch noch von Themen die Kinder interessieren und über die man mit ihnen diskutieren kann.

Fazit:

Ein sympathisches Buch über den Alltag eines Jungen, der sich mit Mut und Phantasie seinen Problemen zu stellen weiß. Die Autorin unterhält die kleinen Leser mit kindgerechter Sprache und Erlebnissen, die an ihren eigenen Alltag erinnern. Darüber hinaus regt die Erzählung zum Nachdenken und zur Eigeninitiative an. Aber Vorsicht: Nicht wundern, wenn das Kind plötzlich mit einem Lutscher vor dem Auge durch die Welt rennt.

23. Oktober 2012

Der Hahn ist tot - Ingrid Noll

Produktdetails:

Ausgabe: 1993
Seiten: 266
Amazon
* * * * *

Die Autorin:

Ingrid Noll wurde 1935 als Tochter eines Arztes in Shanghai geboren. Mit 14 Jahren siedelte ihre Familie nach Deutschland über, wo sie in Bonn Germanistik und Kunstgeschichte zu studieren begann. Erst im Alter von 55 Jahren veröffentlichte sie mit "Der Hahn ist tot" ihren ersten Roman, der sofort die Bestsellerlisten stürmte. Es folgten weitere Werke, allesamt humorvolle Krimis, die sich meist um mordende Alltagsfrauen drehen, u.a.: "Die Apothekerin", "Die Häupter meiner Lieben", "Selige Witwen", "Röslein rot". Mehrere ihrer Bücher wurden bereits verfilmt.

Inhalt:


Rosemarie Hirte lebt ein recht ereignisloses Leben. Unverheiratet und kinderlos, mit biederem Aussehen, wenigen Bekannten und ohne besondere Hobbies kommt sie der Bezeichnung "alte Jungfer" recht nah. Das ändert sich schlagartig, als sie sich mit 52 Jahren zum ersten Mal ernsthaft verliebt. Der Auserwählte ist Rainer Witold Engstern, Lehrer und Sachbuchautor, dem sie auf einer Lesung begegnet. Rosemarie ist wild entschlossen: Diesen Mann muss sie haben!

Regelmäßig schleicht sie sich in seinen Vorgarten, um ihn heimlich zu beobachten. Eines Abends wird sie zufällig Zeugin einer heftigen Auseinandersetzung zwischen ihm und seiner alkoholkranken Ehefrau. Im Affekt kommt es zu einer Schießerei, bei der Witolds Frau getroffen wird. Während der geschockte Witold einen Krankenwagen rufen will, kommen Rosemarie Schreckensvisionen von ihrem Angebeteten im Gefängnis. Das muss sie verhindern!

Kurzerhand stürmt sie auf die Bildfläche, erschießt die Verletzte und lässt alles wie einen Überfall aussehen. Der verstörte Witold ist seiner Retterin zwar dankbar, doch in Liebe will er nicht so recht entflammen. Aber Rosi gibt nicht auf. Die einstige alte Jungfer kennt nur noch ein Ziel und dafür geht sie über Leichen - im wahrsten Sinn des Wortes ...

Wenn alte Scheunen brennen ...

Der Clou bei "Der Hahn ist tot" liegt in der Hauptperson, die den Leser sofort auf ihrer Seite hat. Rosemarie Hirte ist keine kaltblütige Mörderin. Sie ist lediglich eine einsame Frau, die urplötzlich eine Chance auf das langersehnte Glück wittert - und jenseits aller Vernunft darum zu kämpfen beginnt.

Das Buch ist rückblickend aus der Ich-Perspektive geschrieben. In lakonischem Tonfall erzählt Rosemarie die Ereignisse, die sie von einer harmlosen Versicherungsangestellten zur mehrfachen Mörderin werden ließen. Das Absurd-Witzige an der Handlung ist, dass Rosemarie nur durch unglückliche Umstände in diese mörderische Lage gerät. Sie ist eine Durchschnittsfrau, die an sich niemals jemandem etwas Böses wollte. Doch das jahrzehntelange Entbehren jeglicher glücklicher Beziehungen lässt sie mit einem Mal die Kontrolle verlieren, als sie ihre Chance zum Greifen nah sieht.

Man muss weder in Rosemaries Alter sein noch ihre Erfahrungen erlebt haben, um sich rasch mit ihr zu identifizieren oder doch zumindest Sympathie für diese Frau zu entwickeln, die sich von Herzen ihren Witold und nichts anderes wünscht. Doch jedes Mal, wenn sich ihre Chancen verbessert haben, wird ihr Glück vereitelt, meist in Gestalt einer Rivalin. Für Rosemarie gibt es da natürlich kein Pardon - denn sie weiß genau, dass dies wahrscheinlich ihre letzte Gelegenheit sein wird, jene heiß ersehnte Zweisamkeit zu erleben ...

Neben der resoluten Rosemarie weiß Ingrid Noll auch einprägsame Nebenfiguren zu kreieren, die dem Leser sofort lebendig vor Augen werden. Da ist die lebenslustige Beate, Rosis ungleiche und einzige Freundin, die zur vermeintlichen Rivalin um den geliebten Witold wird. Da ist die feurige Pamela Schröder alias "Scarlett", die mit roter Mähne und rauchigem Gesang den schmucken Lehrer zu umgarnen weiß. Da ist die liebenswert-natürliche Schulkollegin Kitty mit der Pfadfinderinnenaura, der Rosi um ein Haar den Kampf um Witold gönnen würde und Witolds kumpelhafter Freund Ernst Schröder. Nicht zu vergessen die alte Frau Römer, die ihre Rosi für eine herzensgute Kollegin hält und deren Hund Dieskau (sic!), den Rosi kurzzeitig in Pflege nimmt, nicht ganz unschuldig am weiteren Verlauf der Dinge ist.

Und zu guter Letzt natürlich das Objekt der Begierde selbst, Rainer Witold Engstern mit dem jungenhaften Charme und dem schlagfertigen Wortwitz, um den sich die Frauen scharen. Mit der Zeit erkennt auch die zunächst verblendete Rosemarie, dass an ihrem Adonis nicht alles Gold ist, was glänzt. Ein ums andere Mal gerät sie ins Wanken, ob dieser sprunghafte Narziss tatsächlich all die Mühe und Morde wert ist - aber da ist es bereits zu spät ...

Ingrid Noll weicht ab vom gängigen Krimi-Schema des bösen Mörders, der in typischer "Who-dunnit"-Manier vom Leser und Ermittler gleichermaßen erraten werden muss. Stattdessen konzentriert sie sich vollkommen auf die Täterin selbst. Die Morde stehen nicht im Vordergrund, sie sind nur logische Konsequenz im Leben der Protagonistin. Rosemarie ist nicht gerne eine Mörderin, aber das Schicksal scheint ihr keine andere Möglichkeit zu geben. Ihr schnodderiger Tonfall und ihre selbstironischen Kommentare über ihre missglückte Liebeswerbung geben dem Roman den richtigen Pfiff.

Rosemarie Hirte ist die Antwort auf all die frustrierten, einsamen Frauen, die das große Glück in ihrem Leben verpasst haben und sich vor einem letzten Versuch, darum zu kämpfen, scheuen. Natürlich schießt Rosi auf ihrem Weg ein wenig übers Ziel hinaus - aber das Ergebnis ist ein wunderbar leicht geschriebener Roman, der auch beim wiederholten Lesen nichts von seinem Charme einbüßt. Es ist ein gänzlich ungewöhnlicher Krimi, der trotz seiner amüsanten Note auch nicht der Spannung entbehrt - denn was könnte aufregender sein als die Frage, wie es mit Rosi und Witold enden mag ...?

Fazit:


Humorvoller Krimi voll bissiger Ironie um eine Frau, die für die Liebe ihres Lebens buchstäblich über Leichen geht. Rasant und flüssig geschrieben mit einer sympathischen und durchweg authentischen Hauptfigur, die zur Mörderin wider Willen wird. Klare Empfehlung für alle Freunde amüsanter und fesselnder Unterhaltung.