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6. März 2014

SOKO im Einsatz: Der Fall Mirco und weitere brisante Kriminalgeschichten - Ingo Thiel

Produktinfos:

Ausgabe: 2012
Seiten: 224
Amazon
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Die Autoren:

Ingo Thiel ist seit über zwanzig Jahren (Stand 2012) als Kriminalhauptkommissar in der Abteilung 11 für Tötungsdelikte in Mönchengladbach tätig. Der Fall Mirco ist bis dato sein bekanntester Fall. Thiel lebt mit seiner Familie bei Mönchengladbach.

Bertram Job, Jahrgang 1959, ist seit 1990 freier Journalist für Magazine und Zeitungen wie den Stern, Die Zeit und die Financial Times und Autor von Fachbüchern von Werken wie "Mystisches Island" und "365 Fußball-Tage".

Inhalt:

3. September 2010: Im nordrheinwestfälischen Grefrath kommt abends der zehnjährige Mirco nicht vom Spielen nach Hause. Am nächsten Tag wird nur sein Fahrrad gefunden, von ihm selbst fehlt jede Spur. Wenig später tauchen vereinzelte Kleidungsstücke auf - die Hoffnung auf eine gesunde Wiederkehr des Jungen liegt nun bei nahezu Null. Unter der Leitung von Kriminalhauptkommissar Ingo Thiel fahndet die Sonderkommission "Mirco" nach Hinweisen zu dem Täter. Die intensive Suche nach dem Jungen entwickelt sich zu einer der aufwändigsten Mordermittlungen der deutschen Kriminalgeschichte ...

21. Januar 1991: Der fünfzehnjährige Sascha aus Willich verschwindet nachmittags an einer Autobahnraststätte. Seine letzte Begleitung soll ein junger Mann gewesen sein, weitere Hinweise gibt es nicht. Zehn Jahre später bestärkt eine Aussage den Verdacht von Saschas Eltern, dass ihr ehemaliger Nachbar in die Tat verwickelt ist. Der Cold Case wird wieder aufgerollt ...

Anfang der neunziger Jahre: Innerhalb weniger Wochen werden ein zwölfjähriges Mädchen ermordet und ein neunjähriges überfallen, das den Angriff überlebt. Monate später geschieht ein ähnlicher Mord an der französischen Atlantikküste ...

"Wir haben 'nen Jungen weg ..."


Von vielen Mord- und Vermisstenfällen erfährt nur, wer sich intensiv mit dieser Thematik befasst. An dem "Fall Mirco" kam im Jahr 2010 jedoch kaum jemand kaum vorbei - ausführlich informierte die Presse von der ersten Meldung bis zur Verurteilung des Täters. Hauptkommissar Thiel erlangte durch diesen Fall "traurige Berühmtheit" und entschloss sich, mit diesem Buch über die Hintergründe der Polizeiarbeit zu informieren. Auch wenn nur sein Name das Cover ziert, formuliert hat in enger Zusammenarbeit der freie Journalist Bertram Job die Worte, die dennoch authentisch daherkommen.

Es ist nichts Neues, dass die Ermittlungsarbeit anders abläuft als in Fernsehkrimis und doch schadet es nicht, dies immer wieder bewusst zu machen. Der Leser erfährt viele Details zur Maschinerie, die knapp 150 Tage bis zur Festnahme quasi unsichtbar im Hintergrund abläuft, von ermüdendem Akten- und Datenstudium, aufwändiger Spurensicherung, Überprüfung tausender Fahrzeuge, Suchen mit Hundertschaften in Wäldern, Zeugenbefragungen und hilfreich gemeinten Tipps wie "Ich habe gerade eine Durchsage aus der Geistigen Welt erhalten: Die Zahl 79. Ohne weitere Zusammenhänge". Immer wieder predigt Thiel die Relevanz "flacher Hierarchie" und muss doch zugleich wie ein Mannschaftskapitän die Fäden zusammenhalten und auch in schwierigen Zeiten Optimismus ausstrahlen. Kleine Unstimmigkeiten im Team aufgrund mangelnder Absprachen und falsche Verdächtige werden nicht verschwiegen, noch weniger die emotionale Beteiligung der Ermittler, denen bei aller Abhärtung in bestimmten Momenten die Tränen kommen.

Thiel erwähnt auch, dass Mircos Eltern während der Ermittlungen längst nicht nur Sympathie und Mitleid in ihrem Umfeld entgegen schlug. Wer sich während der Suche nach Mirco in entsprechenden Internetforen zum Thema Kriminalfälle aufhielt, stieß in der Tat auf unzählige verständnislose bis bösartige Kommentare, die dies bestätigen. Eine Verkettung unglücklicher Zufälle sorgte dafür, das Mircos Fehlen erst am nächsten Morgen entdeckt wurde; grundsätzlich wurde heftig kritisiert, dass ein zehnjähriger Junge noch abends unterwegs sein durfte. Aussagen wie "Geschieht den Eltern recht" und Schimpftiraden (nicht selten in verstörender Auslegung der Rechtschreibregeln) stellten häufige Reaktionen dar, als seien Vorwürfe an die Eltern bei all ihrem Kummer jetzt tatsächlich von Relevanz. Auf ähnliches Unverständnis stößt bei vielen Menschen der tiefe Glaube der Eltern, den auch Mircos Schicksal nicht auszulöschen vermochte. Wenn Sandra und Reinhard S., Mitglieder einer Freikirche, verkünden, dem Täter vergeben zu haben, ist das in erster Linie bemerkenswert, darf Außenstehende aber gewiss auch befremden. Ob es angebracht ist, darüber (öffentlich) zu urteilen, steht jedoch auf einem anderen Blatt.

Aber nicht nur Hintergründe zu Mircos Eltern, sondern auch zum Hauptkommissar werden in dem Buch geliefert. Die Überstrapazierung gewisser "Schimanski-Klischees" hat Thiel dafür Kritik eingebracht und der Verdacht der Selbstdarstellung steht im Raum. Gewiss, der Leser erfährt einiges, was nicht unmittelbar mit den Ermittlungen in Verbindung steht, so etwa, dass Thiel Hobbyjäger ist und mit Chesapeake-Bay-Retrieverrüde Carlos auf die Pirsch geht (er verwahrt sich allerdings gegen die Parallele zur Mörderjagd), dass er während des Aktenstudiums gerne Unmengen von Zigaretten und Plätzchen konsumiert, dass seine Frau Uta abends Spaghetti mit Rucola-Pesto und Pinienkernen kocht und akzeptiert, dass sie ihn bei schwierigen Fällen wochenlang kaum zu Gesicht bekommt. Die Information, dass Thiel den überführten Täter mit einem knappen "Hab dich" begrüßt, wird auch nicht jedermann sympathisch finden.

Dass der Verlag ohne Absprache den Aufkleber "Deutschlands erfolgreichster Ermittler" auf dem Cover anbrachte, war dafür sicherlich auch nicht zuträglich und hat Thiel nach eigenem Bekunden geärgert. Unterm Strich erscheint es glaubwürdig, dass Thiel das Werk in erster Linie nutzen will, um für die schwierigen Hintergründe der Polizeiarbeit zu sensibilisieren und die Medienpräsenz nicht aus Eitelkeit, sondern zur Mobilisierung der Öffentlichkeit forciert.

Knapp 140 Seiten widmen sich der Soko Mirco, die verbleibenden 72 Seiten befassen sich mit zwei anderen Fällen aus früherer Zeit, die der breiten Öffentlichkeit weniger bekannt sein dürften. Der Cold Case des vermissten fünfzehnjährigen Sascha bewegt vor allem wegen der Kälte des Täters, des erschreckenden Motivs und der Beteiligung eines unfreiwilligen Komplizen, der selbst zu einem Opfer des Mörders wurde. Anders gelagert ist der Fall des Mädchenserienmörders, der einst bei einem Geistlichen Beistand suchte und nicht von weiteren Taten abgehalten wurde und mit dem Thiel noch heute gelegentlich telefoniert - einmal, um ihm ein Stück Normalität zu geben und einmal, um möglichen weiteren Taten dieses Mörders auf die Spur zu kommen.

Nicht alle Kollegen verstehen die unspektakuläre Behandlung dieses Mannes, Thiel allerdings hält nichts davon, Menschen als Monster zu sehen und vertritt hier wie auch bei anderen Verbrechern die Ansicht: "Je mehr Würde wir ihm lassen, desto mehr werden wir von ihm hier erfahren". Bei aller Brisanz dieser beiden anderen Fälle wirken sie in diesem Buch ein wenig gezwungen und gehen in der Kürze ihrer Schilderungen etwas unter. Besser wäre es gewesen, Thiel hätte sich diese weiteren, kürzeren Fälle für einen zweiten Band aufgespart.

Es ist formal gesehen ein leicht zu lesendes Werk, wenn man sich auf die Thematik einlässt, und ist vermutlich bewusst so gestaltet, dass es eine breite Masse anspricht. Für alle Interessierten, die sich tiefer mit der Ermittlungsarbeit befassen möchten, gibt es detailfreudigere Werke, aber gerade für Einsteiger in die Materie ist "Soko im Einsatz" durchaus zu empfehlen.

Fazit:

Interessante Einblicke eines Ermittlers in drei Kriminalfälle, leicht zu lesen und gut für Einsteiger in das Thema geeignet. Für Leser, die bereits Erfahrung in dieser Materie haben, sind die Erkenntnisse unter Umständen etwas zu oberflächlich, grundsätzlich aber eine sehr lesenswerte Lektüre.

5. Oktober 2012

Ihm in die Augen sehen - Sabine Dardenne

Produktinfos:

Ausgabe: 2004
Seiten: 281
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Die Autorin:

Sabine Dardenne, 1983 in Tournai geboren, war eines der Opfer des mehrfachen Entführers und Mörders Marc Dutroux. Mehrere Jahre nach ihrer Befreiung und dem spektakulären Prozess verfasste sie ein Buch über ihr Schicksal.

Inhalt:

Belgien, 28. Mai 1996: Die zwölfjährige Sabine fährt wie jeden Morgen mit dem Fahrrad zur Schule. Sie ist früher dran, die Straßen sind noch leer. Plötzlich hält ein Lieferwagen neben ihr und ein Mann zerrt sie und das Rad hinein. Alles geht so schnell, das sich das kleine, schmächtige Mädchen kaum wehren kann. Während ein Mann fährt, verabreicht der andere dem Kind Medikamente, um es zu betäuben. Sabine wird nach zwei Stunden Fahrt in ein unordentliches Haus gebracht und in ein Kellerverlies gesperrt.

Ihr Entführer ist der wegen Vergewaltigung vorbestrafte Marc Dutroux, ein Kinderschänder und Mörder, der bereits vier Mädchen vor ihr dort gefangen gehalten und bis zu deren Tod missbraucht hat. Sabine ist sein neues Opfer. Achtzig Tage lang wird sie im Keller gefangen gehalten. Sie darf sich kaum waschen, erhält oft ungenießbares Essen und wird jeden zweiten Tag missbraucht und vergewaltigt. Ihr Peiniger behauptet, ein gefährlicher "Chef" habe eine Rechnung mit ihrem Vater offen und wollte sie entführen. Dutroux habe sie angeblich vor ihm gerettet und sie müsse nun bei ihm bleiben, damit er nicht erfährt, dass sie noch am Leben ist. Immer wieder erzählt er dem verängstigten Kind, dass er sie schützen wolle und der "Chef" sie noch viel schlimmer behandeln würde.

Trotz ihres Misstrauens schenkt Sabine ihm Glauben. Sie hasst und beschimpft ihn zwar für den Missbrauch, den er ihr antut, doch sie glaubt, dass er ihre Eltern wie behauptet informiert hat und diese ihr übermitteln, dass sie ihm gehorchen soll. Sabine ahnt nicht, dass ganz Belgien verzweifelt nach ihr sucht und Dutroux alles nur erfunden hat, um sie zu beruhigen. Stattdessen verfasst sie traurige Briefe an ihre Eltern, die sie nie erreichen. Nach über siebzig Tagen Gefangenschaft bringt Dutroux ein zweites Mädchen in ihr Verlies: Die vierzehnjährige Laetitia soll ihre neue Freundin werden. Sie erleidet das gleiche Schicksal wie Sabine. Nach achtzig Tagen gelingt den Behörden endlich die Festnahme von Dutroux und die Befreiung der beiden Mädchen. Doch das Leiden ist nicht vorbei. Es kommt zu einem Aufsehen erregenden Prozess, der international Schlagzeilen macht ...

Bewertung:

Wohl kaum jemand ist Ende der Neunziger Jahre am Fall Marc Dutroux vorbeigekommen. Die spektakulären Entführungen und die Bergung der beiden letzten lebenden Opfer gingen um die Welt. Fast zehn Jahre nach ihrer Entführung hat Sabine Dardenne ein Buch über ihr Schicksal verfasst, das nicht nur die Erlebnisse während der Gefangenschaft, sondern auch noch den Prozess und die Verurteilung im Jahr 2004 schildert.

~ Mitgefühl und Bewunderung ~

Sie will kein Mitleid, sagt Sabine spät im Buch, doch als Leser kann man nicht anders, wenn man ihre ergreifende Geschichte liest. Der rasche Einstieg lässt die Entführung auf offener Straße miterleben, ebenso das Martyrium im Keller, die unhygienischen Umstände und den Missbrauch. Sabine ist ein ganz normales Mädchen, als sie in den Fängen von Dutroux landet. Sie ist klein und schmal für ihr Alter, aber sie ist ein trotziges, energisches Kind, das bis zum Schluss nicht aufhört, sich zu wehren. Sie ist weder eine Musterschülerin noch ist sie immer artig. Im Gegenteil, sie streitet sich oft mit ihren Eltern und ihren Schwestern, sodass nach ihrem Verschwinden zunächst die Vermutung aufkam, sie sei einfach davongelaufen. In Wahrheit erlebt sie achtzig grausame Tage, die sie nur mit eisernem Willen durchsteht.

Dutroux schlägt sie nicht, doch das ist auch schon das Einzige, was man ihm zugute halten kann. Ihr Verlies ist dreckig, die Schlafmatratze mit Insekten übersät, statt einer Toilette gibt es nur einen Eimer, einmal die Woche wird sie von Dutroux gewaschen. Wochenlang trägt sie die gleiche Unterhose, ihre Kleidung starrt vor Dreck. Zu essen gibt es oft nur verschimmeltes Brot und kalte Konserven. Sabine schlägt die Zeit mit Briefeschreiben, mit Zählen und Malen tot. Ein winziges Dachfenster ist der einzige Kontakt zur Außenwelt. Etwa jeden zweiten Tag nimmt Dutroux sie in sein Schlafzimmer, wo er Pornofilme laufen lässt und das Kind missbraucht. Schließlich vergewaltigt er sie und Sabine muss nicht nur starke Schmerzen, sondern auch tagelange Blutungen erleiden. Immer wieder bettelt sie um Freilassung, doch er wiederholt unermüdlich die erfundene Geschichte, die ihn als Retter darstellt. In all der Zeit weiß Sabine nur, dass sie durchhalten wird und leben will. Auch wenn sie kaum noch Hoffnung hat, ihre Familie wiederzusehen, ergibt sie sich nicht in ihr Schicksal. Sie beschimpft ihren Peiniger und wehrt sich, so gut es ein zierliches Kind eben kann, um sich den Stolz zu bewahren.

~ Von Schuld und Sühne ~

Eine besondere Perversion im Fall Dutroux liegt darin, dass nicht der Entführer und Kinderschänder, sondern sein Opfer bis heute mit Schuldgefühlen kämpfen muss. Je länger ihre Gefangenschaft dauert, desto einsamer fühlt sich Sabine. Daher bettelt sie immer wieder um eine Spielkameradin, um Besuch von Freundinnen. Da sie nicht ahnt, dass Dutroux sie bei weitem vor niemandem schützt, sondern sie gezielt entführt hat, glaubt sie, es sei nicht ausgeschlossen, dass ein gleichaltriges Mädchen ihr Gesellschaft leisten kann, ohne ihr Schicksal zu teilen. Tatsächlich bringt Dutroux siebzig Tage nach ihrer Entführung die vierzehnjährige Laetitia mit, wie sie am helllichten Tag gefangengenommen.

Er betäubt und missbraucht auch sie und steckt sie in das dreckige Verlies. Zwar weiß Sabine heute, dass sie keine Schuld an Laetitias Entführung trägt. Vielmehr hatte Dutroux bereits früher paarweise Mädchen gefangen gehalten, so die achtjährigen Melissa und Julie sowie die siebzehn- und neunzehnjährige An und Eefje. Während Melissa und Julie zur Zeit einer Haftstrafe, die er verbüßen musste, im Kerker verhungerten, wurden An und Eefje betäubt und anschließend lebend begraben. Es war nur eine Frage der Zeit, bis er sich ein zweites Mädchen zu Sabine holen würde, doch bis heute nagt der Gedanke an der jungen Frau, dass ihr Wunsch nach einer Freundin auf so perverse Weise erfüllt wurde und ein weiteres Leben zerstörte.

~ In seine Augen sehen ~

Im Jahr 2004 war es soweit, dass Sabine Dardenne als Zeugin beim Prozess auftrat und mehrmals Gelegenheit hatte, Marc Dutroux gegenüberzutreten. Sabine nutzt diese Möglichkeiten, sie spricht ihn offen im Gericht an, konfrontiert ihn mit Vorwürfen, lehnt seine halbherzige Entschuldigung ab. Noch ein weiteres Mal begegnet sie ihm, bei der Besichtigung ihres einstigen Verlieses, bei dem auch Laetitia und die Geschworenen teilnehmen. Beide jungen Frauen machen keinen Hehl aus ihrer Verachtung gegenüber dem Mann, der ihnen ihre Unschuld geraubt hat, in jeglicher Hinsicht. Trotz der Erleichterung über diese Konfrontation, bei der sie ihren Gefühlen Luft machen kann, bringt der Prozess gleichzeitig auch große Belastung mit sich. Sabine muss sich mit Zweiflern auseinandersetzen, die glauben, dass ihre Aussagen unzuverlässig sind, weil sie vermuten, dass Dutroux das Kind unter Drogen setzte. Schon im Vorfeld herrschte großer Tumult um die Verhandlung, da etliche Zeugen unerwartet verstarben.

Die Angeklagten, neben Dutroux seine Frau und weitere Komplizen, beschuldigen sich gegenseitig und der erste Untersuchungsrichter wurde wegen angeblicher Befangenheit abgesetzt. Die Vorwürfe mehren sich, dass hohe Beamten- und Regierungskreise in die Affäre verstrickt sind, das Misstrauen der Bevölkerung wächst zunehmend. Zu allem Überfluss vertritt das zweite überlebende Opfer Laetitia die Ansicht, dass Dutroux nur ein Täter einer großen Kette von Kinderschändern war, während Sabine ihn für einen Einzeltäter hält.

~ Eindrucksvolles Porträt ~


Dem betroffenen Leser bietet sich die Darstellung einer beeindruckenden jungen Frau dar, die gelernt hat, mit ihrem schweren Schicksal umzugehen und dabei teilweise recht ungewöhnliche Wege gewählt hat. Sabine verzichtete auf psychologische Hilfe, sie ist trotz ihres Traumas in der Lage, Beziehungen zu führen und hat die Medien seit jeher gemieden. Bereits kurz nach ihrer Befreiung überraschte sie die Polizeibeamten durch ihre körperliche wie seelische Stärke und ebenso ihre Familie. Es ist irritierend aber auch bemerkenswert zugleich, dass sie auch weiterhin ihrem sturen und eigensinnigen Charakter treu bleibt. Die Gefangenschaft hat sie nicht gebrochen. Auch nach ihrer Rückkehr in den Schoß der geliebten Familie gibt es dort die gleichen Konflikte wie vor ihrer Entführung über Schule, Hilfe im Haushalt, Bevorzugung der älteren Schwestern. Das mag verwundern, zeigt aber andererseits, dass Sabine sich nicht auf eine lange Schonzeit berufen hat, sondern sich bemühte, so rasch wie möglich wieder am normalen Leben teilzunehmen.

Ihre einfache, direkte Sprache lädt dazu ein, das Buch in einem Rutsch zu verschlingen, eine Mischung aus Entsetzen und Respekt hervorrufend. Für besondere Betroffenheit sorgen die Auszüge aus den intimen Briefen, die sie im Verlies an ihre Eltern schrieb und die als wichtiges Beweismaterial im Prozess dienten. Es sind die Worte eines gequälten Kindes, das sich trotz allen Leids noch an seinen einstigen Alltag klammert, nach Geschenken der Schwestern und ihren Haustieren fragt, im nächsten Satz darum bittet, Dutroux dazu zu bringen, mit seinen Taten aufzuhören und den Leser damit mitten ins Herz trifft. Im Grunde gibt es nur einen Kritikpunkt, nämlich das Fehlen jeglicher Bilder. Nicht umsonst mussten die Geschworenen das Haus und den Kerker vor Ort besichtigen, um sich eine annähernde Vorstellung zu machen. Auch für den Leser wäre es gut gewesen,ein paar der Fotos, die durch die Medien gingen, hier vorzufinden.

Fazit:


Ein intensives Buch über die Erlebnisse eines Entführungs- und Missbrauchsopfers und einen Fall, der weltweit Schlagzeilen machte. Sabine Dardenne präsentiert sich als bewundernswerte und starke junge Frau, deren Schicksal berührt, bewegt und aufrüttelt, angenehmerweise ohne dabei unnötig auf die Tränendrüse zu drücken. Schade ist lediglich, dass auf Fotos verzichtet wurde.

28. September 2012

Die versunkene Stadt Z: Expedition ohne Wiederkehr - das Geheimnis des Amazonas - David Grann

Produktfakten:

Ausgabe: 2011
Seiten: 416
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Der Autor:

David Grann, Jahrgang 1967, studierte Politologie und Kreatives Schreiben und arbeitet als Journalist beim "New Yorker". "Die versunkene Stadt Z" war sein erstes Buch und landete sofort auf der amerikanischen Bestsellerliste. http://www.davidgrann.com/

Inhalt:


1925: Der britische Forscher Percy Fawcett gilt als einer der größten Experten für Südamerika. Schon mehrfach hat er große Expeditionen im Dschungel geleitet und erstaunliche Entdeckungen gemacht. Jetzt will er sich der größten Herausforderung stellen und im tiefsten Amazonasgebiet nach einer versunkenen Stadt zu suchen, der Fawcett selbst den kryptischen Namen Z gegeben hat.

Seit Jahrhunderten stoßen Forscher immer wieder auf Relikte, die auf eine mögliche untergegangene Hochkultur im Amazonasgebiet hindeuten. Andere Forscher dagegen halten diese Gerüchte für Irrsinn - aufgrund der unwirtschaftlichen Bedingungen in dem Gebiet könne sich niemals eine solche Hochkultur entwickelt haben. Fawcett ist überzeugt davon, dass diese versunkene Stadt wirklich existiert - und dass ihr Fund der Wissenschaft bahnbrechende Erkenntnisse bringen würde.

Gemeinsam mit seinem 22-jährigen Sohn Jack und dessen bestem Freund Raleigh Rimmel macht er sich auf die gefahrenvolle Reise, die international großes Interesse erregt. In den ersten Wochen erhalten Fawcetts und Rimmels Familien noch ein paar optimistische Nachrichten - und danach nichts mehr. Sie kehren niemals zurück und ihr Schicksal ist bis heute ungeklärt. Immer wieder machen sich Abenteurer auf die Suche nach ihnen und hoffen, das Rätsel um Fawcett und die versunkene Stadt zu klären ...

Bewertung:

Biographie, Sachbuch, Thriller und Mystery - David Granns Werk ist von allem ein bisschen etwas und diese Mischung ergibt ein äußerst fesselndes und faszinierendes Ergebnis. Das ungeklärte Schicksal von Percy Harrison Fawcett, einem der größten Forscher seiner Zeit, bewegt die Menschen auch noch fast hundert Jahre nach seinem spurlosen Verschwinden. Offiziell sind dreizehn Expeditionen mit hundert Todesopfern verzeichnet, die sich vergeblich aufmachten, um Fawcetts Schicksal eindeutig zu klären. Der Autor David Grann ist eigentlich Journalist beim New Yorker. Aus einem Artikel heraus entwickelte sich dieses Buch, für das sich Grann selbst auf die Pfade von Fawcett und dessen Begleiter begab. Grann sprach mit anderen Fawcett-Experten, Hinterbliebenen und Einwohnern im Amazonasgebiet und fügt detailgenau die Fakten rund um die mysteriösen Ereignisse zusammen. Das Rätsel um Fawcetts Verschwinden lösen kann er nicht, so viel sei vorweggenommen - doch zum Schluss ergibt sich nicht nur das facettenreiche Bild eines großen Geistes mit all seinen Stärken und Schwächen, sondern auch eine Reihe plausibler Theorien, was auf der Expedition geschah.

~ Ein Mann und seine Obsession ~

Percy Fawcett fasziniert nicht nur wegen seiner eindrucksvollen Leistungen auf den Gebieten der Ethnologie und der Geographie. Etwa seit 1900 widmete Fawcett sein Leben den Forschungsreisen unter schwierigsten Bedingungen. Im Gegensatz zu manch einem seiner Konkurrenten war Fawcett alles andere als wohlhabend, gegen Ende hin sogar verarmt. Die Gelder, die er für seine Reisen gestellt bekam, flossen fast gänzlich in Ausrüstung und Mitarbeiter, sodass er und seine Familie in größter Bescheidenheit leben mussten. In seiner Frau Nora hatte Fawcett eine Gleichgesinnte gefunden, die seine Arbeit unterstützte, sein älterer Sohn sollte ihm später auf jene verhängnisvolle achte und letzte Expedition folgen. Während die Familie in den Monaten und Jahren seiner Abwesenheit stets am Existenzminimum lebte, stellte sich Fawcett den Herausforderungen der "Grünen Hölle".

Fawcett unterschied sich vor allen in drei Dingen von vielen seiner Kollegen: Er bevorzugte eine möglichst kleine Truppe von Expeditionsteilnehmern, weil große Gruppen leichter den Argwohn von Eingeborenen auf sich zogen; er war bemüht, unter allen Umständen Waffengewalt zu verhindern und er zeigte eine schier unmenschliche Härte gegenüber sich selbst. Ob wochenlange Märsche ohne Nahrung, tagelange Regenfälle, schlaflose Nächte wegen unzähliger Moskitostiche und Maden unter der Haut, nichts konnte Fawcett von seiner Zielstrebigkeit abbringen. Bis kurz vor seiner letzten Expedition galt er als außergewöhnlich robust - während seine Mitstreiter um ihn herum an Malaria, Elephantiasis, infizierten Wunden oder Hunger und Erschöpfung starben, trieb Fawcett sein unbändiger Wille stets weiter vorwärts. Seine Ausrüstung umfasste lediglich das Notwendigste, kaum mehr als ein Messer und ein Kompass halfen ihm bei seinem Weg durch den Dschungel und führten ihn zu erstaunlichen Entdeckungen. Fawcett erscheint als ein wahrlich Besessener, dessen Mission den Leser bald in eine fiebrige Faszination versetzt - parallel dazu wird allerdings auch sein schwieriger Charakter immer deutlicher und er verlangt nicht nur sich selbst, sondern auch seinen Expeditionsteilnehmern unmenschliche Leistungen ab.

~ Spannend und bewegend zugleich ~

Seine felsenfeste Überzeugung, dass entgegen aller Zweifler und Spötter die sagenhafte Stadt "Z" existiert, ist erstaunlich und bewegend zugleich. So sehr die Geschichte sich anfangs wie ein spannender Abenteueroman liest - je weiter man vordringt, desto bewusster wird dem Leser, dass es sich hier um das wahre Schicksal dreier Männer dreht, die ihr Leben für einen Traum gaben. Nicht nur Colonel Fawcetts Schicksal rührt an, sondern auch das seiner Begleiter, wenngleich sie weitaus kürzer beleuchtetet werden: Fawcetts Sohn Jack, der zu seinem Vater bewundernd aufsah und von klein auf davon träumte, ihn auf eine seiner Expeditionen zu begleiten und ihm vermutlich bedingungslos in den Tod folgen würde - und Jacks bester Freund Raleigh, der eine ähnliche Bewunderung wiederum Jack schenkte. Während Jack in allen Nachrichten, die seine Familie erreichte, von der Expedition schwärmte, fühlte sich Raleigh offenbar recht schnell desillusioniert und hatte am meisten mit den Strapazen des Dschungels zu kämpfen. Schmerzhaft ist nicht allein der Gedanke daran, dass die drei womöglich recht bald nach der letzten Nachricht ihren Tod gefunden haben - sondern auch die Vorstellung, welche Verzweiflung Fawcett vielleicht in seinen letzten Minuten befiel angesichts der gescheiterten Mission und dem Tod dieser beiden jungen Männer.

David Grann hält sich selbst, obgleich er sich ebenfalls in die Tiefen des Amazonasdschungel begibt, angenehm im Hintergrund. Viel erfährt man nicht über den Autor, allerdings ist es interessant zu wissen, dass er bis dato weder für Sport noch für Camping geschweige denn solch gefährliche Expeditionen einen Sinn hatte - erst das legendäre "Fawcett-Fieber", wie es in jenen Kreisen gerne amüsiert genannt wird, trieb ihn dazu, das heimische Sofa zu verlassen und sich ebenfalls in die Grüne Hölle zu stürzen. Die eigentliche Expedition Fawcetts wird zwar zwischendurch immer wieder angesprochen, dennoch kommt sie im Detail erst recht spät im Werk zur Sprache. Zuvor erhält der Leser stattdessen ausführliche Einblicke in Fawcetts bisheriges Leben, in seine sieben frühere Expeditionen, Informationen zu seinen Konkurrenten und zum Entdeckerwesen des viktorianischen Zeitalters. Das ist auf seine eigene Art ebenso reizvoll wie das Rätsel um sein Verschwinden, aber wer erwartet, dass sich das Buch mehr oder weniger ausschließlich auf diese letzte Expedition bezieht, wird vielleicht ein wenig enttäuscht. Kleiner Schönheitsfehler am Rande: Königin Victoria hat fast 64 Jahre regiert und nicht nur 46, wie es hier irrtümlich heißt, vermutlich einfach ein Zahlenvertipper.

Fazit:


Ein faszinierendes Sachbuch, das sich flüssig und fesselnd wie ein Roman liest. Vor den Augen des Lesers wird die Gestalt eines brillanten Forschers lebendig, dessen Schicksal bis heute für Spekulationen sorgt.

15. September 2012

Doppelmord in Fall River. Leben und Legende der Lizzie Borden - David Kent

Lizzie Borden, 1889 (Wikipedia)
Produktinfos:

Ausgabe: 1993 bei Rororo
Seiten: 312
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Der Autor:

David Kent, Schriftsteller und Geschäftsmann aus Virginia, hörte im Zweiten Weltkrieg erstmals vom Fall Lizzie Borden und war seither fasziniert davon. Nach umfangreichen Recherchen vor Ort verfasste er sein Buch und starb wenig später 1992.

Inhalt:

Das beschauliche Fall River in Massachusetts, an einem heißen Sommertag 1892: Lizzie Borden, die unverheiratete Tochter des wohlhabenden Andrew Borden, findet ihren Vater und ihre Stiefmutter Abby erschlagen vor. Beiden wurde mit einem Beil der Schädel gespalten. Die Nachricht geht wie ein Lauffeuer durch den Ort, Polizei und Schaulustige sind schnell zur Stelle.

Die ersten Untersuchungen werfen immer neue Fragen auf. Weder Lizzie noch Hausmädchen Bridget haben etwas gesehen oder gehört, es fehlen keine Wertgegenstände, weder im Haus noch aus Andrew Bordens Kleidung. Offenbar wurden Mr. Borden und seine Frau im Abstand von rund zwei Stunden getötet und man fragt sich, wo sich der Mörder in der Zwischenzeit so gut verstecken konnte - und weshalb er solch ein Risiko einging. Schließlich gerät Lizzie unter Verdacht und wird verhaftet.

Trotz ihrer Unschuldsbeteuerungen kommt es zu einem Aufsehen erregenden Prozess. Aus Hass gegen die Stiefmutter oder Geldgier soll sie die beiden ermordet haben. Die Öffentlichkeit ist gespalten, denn die unauffällige Lehrerin passt so gar nicht in das Schema eines so brutalen Mörders. Schließlich wird Lizzie von der Jury freigesprochen - doch der Mörder wird nie gefunden. Bis zu ihrem Tod und noch heute wird über ihre mögliche Schuld diskutiert ...

Bewertung:

"Lizzie Borden mit dem Beile ..." beginnt ein alter Vers, den in den USA fast jedes Schulkind aufsagen kann. Was England sein Jack the Ripper, ist Amerika Lizzie Borden - ein Mysterium, das wohl nie geklärt werden wird und das als einer der rätselhaftesten Fälle in die Kriminalgeschichte eingegangen ist. In der amerikanischen Kultur ist Lizzie Borden auch hundert Jahre nach den Geschehnissen ein fester Begriff und der Krimiautor Walter Satterthwait hat ihr in Miss Lizzie und der Fortsetzung dazu ein wunderbares, humorvolles Denkmal gesetzt. Hat sies getan oder nicht, lautet die Frage, die Kriminologen wie Hobbydetektive bis heute beschäftigt. David Kent ist der Frage nachgegangen und bemüht sich um ein differenziertes Lizzie-Borden-Bild. Im Gegensatz zu einigen Werken, die sie eindeutig der Tat bezichtigen, versucht der Autor sie zu entlasten und obwohl er sich einer eindeutigen Meinung enthält, ist offensichtlich, dass er ihre Schuld als eher unwahrscheinlich empfindet.

Das Werk ist eine Zusammensetzung aus Zeitungsartikeln, Mitschriften des Prozesses und David Kents Analyse. Behutsam führt er in die Geschichte ein, stellt die Ausgangssituation und die wichtigsten Figuren vor, als da wären: Lizzie Borden, eine unauffällige unverheiratete Frau Anfang dreißig, beherrscht, tierlieb und belesen, die im Haus ihres Vaters lebt. Andrew Borden ist ein reicher, aber sehr geiziger Mann, dennoch offenbar seiner Tochter sehr zugetan. Seit rund 30 Jahren ist er mit seiner zweiten Frau Abby verheiratet, die andere Tochter Emma ist wie Lizzie unverheiratet und lebt in Fairhaven. Der bestialische Mord erschüttert die Stadt und trifft sie bis ins Mark. Niemand kann sich ein Motiv für diese Tat denken, es sind keine Feinde der Bordens bekannt und der Täter muss ein enormes Risiko eingegangen sein. Die Polizei steht angesichts des Status der Bordens als reiche Bürger unter Zugzwang - und sieht in Lizzie den einzigen möglichen Täter. Obwohl das Motiv auf wackligen Füßen steht, keine eindeutige Tatwaffe gefunden wird und es für Lizzie zeitlich sehr schwierig gewesen sein müsste, die Tat zu begehen und sich rasch umzukleiden kommt es zur Anklage und zu einem Aufsehen erregenden Prozess.

Geschickt stellt David Kent die Indizien, die auf Lizzies Schuld hindeuten denen gegenüber, die sie entlasten. Besonders reizvoll ist sein Bemühen, Ungerechtigkeiten und Widersprüche aufzudecken; seien es Meineide, die Gesetzeshüter geschworen haben, um Lizzie zu belasten oder aus der Luft gegriffene Beschuldigungen der Zeitungen. Vor allem der "Globe" legte sich von Anfang an auf Lizzie als Täterin fest und setzte einen rufschädigenden Artikel nach dem anderen in die Welt und verkaufte Spekulationen und Lügen als Tatsachen, die die Leser beeinflussten. Tatsächlich dürfte der Leser des Buches nach der Lektüre dahin tendieren, als dass Lizzie wirklich unschuldig war - dass die Öffentlichkeit sich aber so dringend nach Aufklärung des entsetzlichen Doppelmordes sehnte, dass sie händeringend nach der naheliegendsten Lösung griff. Obwohl Lizzie nach nicht einmal einer Stunde Beratungszeit von den Geschworenen freigesprochen wurde und es zwischenzeitlich gar aussah, als würde die Anklage fallen gelassen, gilt Lizzie bis heute weithin als Täterin. David Kent deutet mögliche andere Täter an, ein Mieter etwa, der sich kurz zuvor mit Andrew Borden zerstritt oder sein Schwager John Morse, der sich reichlich seltsam zum Tatzeitpunkt verhielt, zwingt dem Leser im Gegensatz zu den allermeisten anderen Büchern zu dem Fall aber keine Meinung auf. Eine alphabetische Namenstafel am Ende und zahlreiche Fotos von Tatort und vielen Beteiligten sorgt für eine gute Ergänzung.

Das Buch ist einerseits ein spannendes kriminalistisches Werk, das minutiös einen dramatischen Prozess erläutert und dabei Rücksicht auf Leser nimmt, die im juristischen Bereich weniger bewandert sind. Andererseits ist es eine Art Biographie Lizzie Bordens, jener schwer fassbaren, geheimnisvollen Hauptperson, die in den Jahrzehnten bis zu ihrem Tod nicht mehr öffentlich über den Doppelmord sprach. So wenig Lizzie auch zeitlebens über sich preisgegeben hat, der Autor bemüht sich, ein differenziertes Bild von ihr zu zeichnen. Lizzie ist hier weder ein Unschuldsengel noch eine erwiesene Mörderin, in jedem Fall aber eine rätselhafte Frau, die bis zu ihrem Tod gebrandmarkt war.

Lizzie Borden took an axe
And gave her mother forty whacks.
When she saw what she had done
She gave her father forty-one.

Fazit:

Eine fesselnde sowie leicht zu lesende Darstellung des berühmten Kriminalfalls, der durch umfangreiche Recherche besticht. Allen an Kriminologie interessierten Lesern sei das Buch aufs Wärmste empfohlen, Vorkenntnisse über den Fall sind nicht notwendig.

Das Sterben der Päpste - Alois Uhl

Produktinfos:

Ausgabe: 2007
Seiten: 249
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Der Autor:

Alois Uhl, Jahrgang 1936, studierte Theologie, Philosophie und Pädagogik. Von ihm erschienen bereits die Sachbücher »Papstkinder« sowie »Die Päpste und die Frauen«.

Inhalt:

Zwei Jahrtausende Sterben und Tod der Päpste werden kommentiert, die vielfältigen Todesursachen, die anschließenden Rituale und Verwicklungen, kuriose und interessante Begleitumstände.

Im Mittelalter waren turbulente Zustände an der Tagesordnung. Gregor VII., einst gefeiertes Idol, wurde von einem Gegenpapst verdrängt und starb im Exil. Die Leiche von Innozenz III. erfuhr eine Plünderung durch Unbekannte, der abgedankte Coelestin V. erlebte seine letzten Stunden eingesperrt hinter Burgmauern. Das nächste Kapitel widmet sich den Leibärzten der Päpste, ihren mitunter ausgefallenen Heilmethoden und ihrer lebensrettenden Einsatzbereitschaft. Es wird informiert über die Präparierung des Leichnams, die Überführung nach St. Peter und die typischen Darstellungen der Epoche wie den Totentanz in Verbindung mit dem Papsttum.

»Das Sterben der Päpste in der Renaissance und Barockzeitalter« berichtet von Mordanschlägen auf Alexander VI. und Leo X. in den bewegten Zeiten der Borgia und Medici. Das nächste Kapitel widmet sich im Gegensatz dazu den Päpsten, die nach langer Krankheit und im hohen Alter dahinschieden. Es folgt eine Übersicht über diverse letzte Stunden der Päpste, über ihre Sterbezimmer und letzten Worte sowie über die Totenzeremonien und bemerkenswerte Reaktionen der Römer auf ihren verstorbenen Papst.

Der dritte Teil befasst sich mit den Gräbern der Päpste und ihre Legenden. Es beginnt mit dem Petrusgrab über die Bestattungen in der Calixtus-Katakombe, in San Giovanni in Laterano bis hin zu einem makaberen Transport päpstlicher Gebeine in einem Koffer per Eisenbahn. Das nächste Kapitel informiert über Papstgräber außerhalb von Rom, so unter anderem auch über letzte Ruhestätten in Deutschland und schließt mit einer Übersicht über die verschiedenen Grabmale, ihre Ausstattung und ihre Botschaften.

»Das Sterben der Päpste vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart« konzentriert sich auf Leben und Ableben der umstrittenen Päpste Pius VI., Pius VII. und Pius IX., auf den Übergang ins 20. Jahrhundert mit Leo XIII., hin zum viel diskutierten Pontifikats Pius XII., der während des Zweiten Weltkrieges amtierte und über dessen Ableben unsägliche, intime Details an die Öffentlichkeit traten. Mit Johannes XXIII. erlebte die Welt einen engagierten Sympathieträger als Papst, dessen Tod internationale Bestürzung hervorrief.

Das letzte Kapitel befasst sich mit Johannes Paul I. und Johannes Paul II. Der frühe und unerwartete Tod des 33-Tage-Papstes Johannes Paul I. sorgt bis heute für Debatten über einen möglichen Mordanschlag, auch wenn dies mittlerweile zurückgewiesen wird. Im Gegensatz dazu steht das zweitlängste Pontifikat in der Geschichte, das Johannes Paul II. ausübte, der Medienpapst, der trotz Attentat und einer Vielzahl von Krankheiten lange Zeit dem Tode trotzte, bis er am 2. April 2005 verstarb - ein von der Öffentlichkeit verfolgtes Sterben mit enormer Anteilnahme. Den Abschluss bilden zwei Kapitel über die Heiligsprechung der Päpste und den Bezug zum Jüngsten Gericht.

Bewertung:

Bücher über Leben und Wirken der Päpste gibt es wie Sand am Meer - umso attraktiver ist da ein Werk, das den Fokus auf ihre letzten Stunden und die Zeit unmittelbar nach ihrem Tod legt. Der Autor Alois Uhl hat eine interessante Übersicht markanter Ereignisse zusammengestellt, die natürlich niemals vollständig sein kann, aber eine ausgewogene Mischung aus spektakulären Todesfällen und herkömmlichem Ableben darstellt.

~ Bunte und informative Mischung ~

Dabei arbeitet er sich chronologisch vor, vom frühen Mittelalter über das Renaissancezeitalter bis in die Gegenwart. Der Leser erfährt von Papstmördern und Schändungen nach dem Tod, von Konflikten mit Gegenpäpsten und einsamem Sterben in Gefängnissen. Auch wenn, gerade angesichts des Todes von Johannes Paul II., der dieses Thema wieder aktualisierte, inzwischen viele Details bekannt sind, ist es immer wieder interessant, über die zahlreichen Rituale und ihren Wandel im Verlauf der Zeit zu lesen.

So etwa die bis 1978 gültige Aufgabe des Camerlengos, des Kardinalkämmerers, der dreimal dem Verstorbenen mit einem Hämmerchen an die Stirn klopfte und ihn ansprach, um den Tod zu bestätigen, die Schriften des Zeremonienmeisters, die den Ablauf der Totenliturgie festlegen. Dabei kommen auch allerlei kuriose Vorfälle zur Sprache: Nach einer Tradition wurden nach dem Tod von Sixtus IV. seine persönlichen Gegenstände aus dem Sterbezimmer geräumt, mit der Folge, dass dem Zeremonienmeister kein Hemd zum Wechseln zur Verfügung stand, nicht einmal Tücher, um den gewaschenen Leichnam abzutrocknen. Noch härter traf es Alexander VI., gegen den der Zeremonienmeister einen persönlichen Groll hegte und der erst bestattet wurde, nachdem sein Körper bereits deutliche Verwesungsanzeichen aufwies.

~ Respektvoll, aber nicht unkritisch ~

Sehr angenehm liest sich der Tonfall, in dem das Werk verfasst ist. Der Autor befasst sich in respektvoller Weise, aber nicht unkritisch mit den Themen Kirche und Papsttum. Im Zentrum steht die Aussage, dass auch der Papst, »Seine Heiligkeit«, im Augenblick des Todes ein gewöhnlicher Mensch ist. So wie sich die Päpste menschliche Verfehlungen leisten, so bleiben sie auch nicht von menschlichen Leiden verschont. Sie erlebten schmerzhafte und einsame Tode, langwierige Krankheiten, lebensverlängernde Operationen, mühsame Genesungen, heimtückische Anschläge. Aufgeräumt wird mit dem Vorurteil des frommen und friedlichen Einschlafens, das längst kein Standard in der Geschichte des Papsttums ist.

Und selbst wenn kein spektakulärer Tod hinter dem Ableben steht, kann der falsche Umgang des Vatikans damit zu großen Turbulenzen führen, etwa im berühmten Fall des »lächelnden Papstes« Johannes Paul I., der zwar ohne Leid und Schmerzen im Schlaf verstarb, über dessen mögliche Ermordung jedoch noch heute wild spekuliert wird - dies auch weil der Vatikan die Umstände, etwa die scheinbar skandalöse Auffindung durch eine Nonne, vertuschte, was den Gerüchten nur noch mehr Auftrieb verschaffte.
Obgleich der Autor Theologe ist, richtet sich das Werk in Inhalt und Tenor keinesfalls speziell an Christen und Kirchenanhänger. Sachkundig, neutral und mit einem Sinn für das Amüsante und Lächerliche wird hier mit Mythen aufgeräumt und ein Blick hinter die sonst so verschlossenen Kulissen des Vatikans geworfen. Keine Anbiederung schmälert diese Informationen, dafür aber wird der Leser mit allerlei interessanten und aufschlussreichen Details versorgt, die das Werk zu einem Sachbuch machen, das man gerne immer wieder aus dem Regal nimmt.

~ Nur winzige Mängel ~


Ein paar Bilder mehr hätten es ruhig sein dürfen, vor allem um den Anblick der lebenden Päpste nochmals ins Gedächtnis zurufen. Noch bedauerlicher allerdings ist das Fehlen eines Registers am Ende. Zwar verfügt das Werk über eine chronologische Struktur, doch da man bei der Vielzahl der Päpste eine spezielle Auswahl treffen musste, wäre ein Namensregister sehr angebracht gewesen. Entsprechendes gilt für ein Stichwortregister, etwa um Schlagwörter wie »Camerlengo« und andere Begriffe auf Anhieb zu finden.

Fazit:


Es bleibt ein interessantes Sachbuch über die vielfältigen letzten Stunden der Päpste und die unmittelbare Zeit nach ihrem Tod, das mit Mythen abschließt und einen durchaus kritischen Blick hinter die Kulissen des Vatikans wirft. Den Leser erwartet eine informative Mischung aus kuriosen und alltäglichen Details aus zwei Jahrtausenden Geschichte des Papsttums.

Kurze Geschichte des amerikanischen Bürgerkriegs - Giampiero Carocci

Produktinfos:

Ausgabe: 1997
Seiten: 154
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Der Autor:

Giampiero Carocci wurde 1919 in Florenz geboren. Er studierte Literatur, Geschichte und Philosophie und arbeitete als Journalist, später als Dozent an der Universität von Rom.

Inhalt:

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts sorgt die einsetzende Industrialisierung für einen Aufschwung im Norden. Im Süden dagegen bleibt die Baumwolle das zentrale Element, die Neuerungen erreichen das Land kaum. Die Sklaverei ist seit 1815 untrennbar mit der Produktion der Baumwolle verbunden. Im Norden leben die Schwarzen frei, werden allerdings häufig diskriminiert. Bei jeder neuen Aufnahme eines Staates in die Union gibt es Konflikte über die Frage, ob er zu den Sklaven- oder den freien Staaten gehören soll. 1820 einigt man sich auf den Missouri-Kompromiss, laut dem in Zukunft die Sklaverei aber nur noch südlich von Missouri erlaubt werden soll. In den dreißiger Jahren werden zahlreiche Bewegungen der Abolitionisten, die radikal gegen die Sklaverei plädieren, aktiv.

1854 kommt es zur Eskalation, als Senator Stephen A. Douglas den Vorschlag durchsetzt, Nebraska und Kansas als Territorien aufzunehmen, deren Bevölkerung selber über die Sklavenfrage kann. Damit wird der Missouri-Kompromiss für nichtig erklärt. Aus Teilen der Demokraten und der Whigs entsteht die neue Republikanische Partei. Abraham Lincoln tritt ihr bei. Obwohl er die radikalen Maßnahmen der Abolitionisten nicht unterstützt, setzt er sich gegen die Sklaverei ein. Sein wichtigster Punkt ist die Beibehaltung der Union. Als Lincoln 1860 zum Präsidenten der USA gewählt wird, tritt kurz darauf South Carolina aus Protest aus der Union aus, es folgen sechs weitere Staaten, später noch mal vier, die sich zur Konföderation zusammenschließen und Jefferson Davis zu ihrem eigenen Präsidenten wählen.

Der Krieg beginnt mit dem Beschuss von Fort Sumter bei South Carolina am 12. April 1861 von den Konföderierten. Beide Seiten unterschätzen vollkommen das drohende Ausmaß. Während der Norden aufgrund der materiellen und zahlenmäßigen Überlegenheit auf ein schnelles Ende baut, setzt der Süden auf seinen Stolz, die besseren Offiziere und die größere Erfahrung mit Waffen und Pferden. Der Einsatz von neuartigen Technologien ruft einen sehr modern geführten Krieg hervor, der gleichzeitig auch der mit Abstand verlustreichste Krieg der USA wird. Bis zur Schlacht von Gettysburg liegen die Vorteile bei den Konföderierten. Im Juli 1862 kommt es am Fluss Bull Run zu einer offenen Schlacht, in der überraschend der Norden sensationell besiegt wird. Der Norden erringt einen Teilerfolg bei Tennessee unter General Grant und die Kontrolle über den Mississippi durch die Eroberung Vicksburgs, dennoch dominiert überwiegend der Süden. 1862 erklärt Lincoln unter dem öffentlichen Druck die Abschaffung der Sklaverei als offizielles Kriegsziel und sichert sich somit die Sympathien aus Europa.

1863 ist das Jahr der Wende. Bei der dreitägigen Schlacht in Gettysburg in Pennsylvania verlieren die Konföderierten 4000 Mann und können sich von dieser Niederlage nicht mehr erholen. Die Union erobert mit Chattanooga die Kontrolle über den Tennessee und einen Eisenbahnknotenpunkt, General Sherman marschiert 1864 Richtung Atlantikküste und hinterlässt ein Feld der Verwüstung, das die Südstaatler endgültig demoralisiert. Fast vier Jahre nach dem Ausbruch kapituliert General Lee bei Appotomax. Wenige Tage nach der Kapitulation wird Abraham Lincoln im Theater von John Wilkes Booth erschossen. Der Tod des neuen Hoffnungsträgers ist eine nationale Tragödie. 1867 entsteht der berüchtigte rassistische Ku-Klux-Klan. Der Süden ist fast vollständig zerstört. Weder Präsident Andrew Johnson noch sein Nachfolger Präsident Grant besitzen das Vermögen, eine richtige Ordnung durchzusetzen. Nur in den ersten Jahren werden Verbesserungen für die schwarze Bevölkerung durchgeführt, u.a. der Aufbau eines kostenlosen Bildungswesen, wirkliche Autonomie gewinnen sie aber trotz der Freiheit nicht.

Bewertung:

Der amerikanische Bürgerkrieg ist auch 150 Jahre nach seinem Abschluss ein beliebtes Thema für Literatur und Film, unsterblich natürlich alleine durch Margaret Mitchells "Vom Winde verweht" sowie die berühmte Verfilmung und die Serie "Fackeln im Sturm". Auch die Geschichte der Afro-Amerikaner ist ganz eng mit diesen Ereignissen verknüpft und auch für die, die sich nicht gezwungenermaßen mit dem Stoff befassen müssen, lohnt sich eine Auseinandersetzung mit diesem komplexen Thema - vor allem, da die Sklaverei, die man heute meist als Hauptursache für den Ausbruch annimmt, zunächst eher eine untergeordnete Rolle spielte.

~ Guter Einstieg für Laien ~

Caroccis Einführungswerk setzt so gut wie keine Vorkenntnisse voraus. Mehr oder weniger chronologisch arbeitet er sich von Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Zeit des Bürgerkriegs vor und gibt eine übersichtliche Darstellung der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Ereignisse, die alle zusammen zur Sezession führten. Er beschreibt die sozialen Zustände des stolzen Südens und macht dem Leser begreiflich, wie es dazu kommen konnte, dass ein so menschenunwürdiger Zustand wie die Sklaverei dort als selbstverständlich gesehen wurde. Angenehmerweise verfällt er in diesem Punkt nicht in Schwarz-Weiß-Malerei, sondern betont vielmehr, dass Rassismus gegen die Schwarzen im Norden der USA nicht weniger ausgeprägt war. Teilweise lebten die Sklaven auf den Plantagen unter besseren Umständen als die Lohnarbeiters des Nordens und die schwarzen Bürger der Nordstaaten waren zwar offiziell frei, wurden aber grundsätzlich diskriminiert. Auf diese Weise räumt der Autor auf mit dem verbreiteten Vorurteil, die Nordstaaten hätten ausschließlich oder auch nur größtenteils aus Abolitionisten bestanden, die die Sklaverei verabscheuten. Stattdessen empörte man sich dort nicht über die Behandlung der Schwarzen auf den Plantagen, sondern über die Eigenmächtigkeit der Südstaaten, über die Distanzierung vom Zusammenhalt der Union, die letztlich das ganze Land in einen fragilen Zustand versetzte.

Zu den zentralen Persönlichkeiten, etwa Stephen A. Douglas, Abraham Lincoln, die Generäle Robert E. Lee und Ulysses Grant, liefert Carocci kurze biographische Informationen. Auch an Bildern wird nicht gespart, sondern etwa alle vier Seiten findet sich eine schwarz-weiße Abbildung, entweder eines Politikers, eines Kriegsschauplatzes, einer Landkarte oder von Sklaven, um wenigstens eine kleine bildliche Vorstellung zu vermitteln. Carocci setzt auch hin und wieder Zahlen ein, um die Zustände zu verdeutlichen, aber stets in gemäßigter Form, sodass man nicht überschüttet wird. Beispielsweise unterstreicht er die kulturellen Unterschiede zwischen dem Norden und dem Süden, indem er einen Vergleich um 1850 zwischen den Staaten Arkansas (Süden) und Michigan (Norden) ansetzt: Zu dieser Zeit existierten 13 Mal mehr Schüler in Michigan, es gab halb so viele Analphabeten und 280 Bibliotheken gegenüber einer einzigen in Arkansas. Wem selbst noch die kompakten 150 Seiten Zusammenfassung der Ereignisse zu ausschweifend ist, der findet im Anhang eine Zeittafel, auf der mit Jahreszahl und Stichwort die wichtigsten Stationen von 1808 bis 1877 festgehalten sind.

~ Eine Reihe kleiner Mängel ~

Bedauerlicherweise hat sich ein glatter Fehler in das Werk eingeschlichen. Sowohl in der Zeittafel als auch im Text schreibt der Autor, dass sich Lincoln 1858 gegen seinen Konkurrenten Douglas bei der Wahl um das Senatorenamt durchsetzen konnte. Dies stimmt allerdings nicht. Lincolns Reden während es Wahlkampfes machten ihn zwar national berühmt, zum Sieg reichte es dennoch nicht. Des Weiteren ist die Zeittafel im Anhang nicht optimal aufbereitet, bei den Schlachten fehlt nämlich jeweils die Angabe, ob die Union oder die Konföderierten sie gewonnen haben. Auch wenn das in manchen Fällen nicht eindeutig zu sagen ist, hätte man zumindest eine Tendenz oder die Opferzahlen beifügen können, damit man die Bedeutung der Schlacht einordnen kann.

Ein weiterer Punkt ist die teilweise etwas einseitige Betrachtung, was Personen angeht. Der Autor zeichnet ein sehr geschöntes Bild von Abraham Lincoln. Natürlich ist es nur gerechtfertigt, ihn als fähigen Präsidenten und ehrenhaften Menschen darzustellen, aber ganz so groß, wie es hier erscheint, war seine Abneigung gegen die Sklaverei offenbar nicht. Tatsächlich belegen viele andere Historiker, dass Lincoln lange Zeit ein gewisses Verständnis für die Sklavereistaaten hegte und die Union ihm immer wichtiger war als die Freiheit der Schwarzen und er sie den Weißen nicht gleichgestellt sah. Auch General Lee wird als reiner Gegner der Sklaverei dargestellt. Es trifft zwar zu, dass er für einen Südstaatler eine sehr generöse Einstellung vertrat und er nur auf der Seite des Südens kämpfte, um nicht gegen seine Heimat Virginia marschieren zu müssen. Allerdings fehlt hier der Hinweis, dass er seine eigenen Sklaven nicht aus reiner Gutherzigkeit entlassen hatte, wie angemerkt wird, sondern da sie ein Erbe seines Schwiegervaters waren und ihre Freilassung nach einem gewissen Zeitraum testamentarisch verfügt worden war. Der letzte kritische Punkt betrifft die fehlenden Belege und Fußnoten. Carocci nennt etwa ein Zitat eines "kritischen Historikers", führt aber nicht seinen Namen an - wenn schon keine Fußnoten mit Verweis auf das entsprechende Werk existieren, sollten wenigstens die Namen der Historiker, auf die man sich bezieht, genannt werden.

Fazit:

Eine leicht verständliche Einführung in die Geschichte des amerikanischen Bürgerkriegs, für die man kaum Hintergrundwissen benötigt. Trotz der kompakten Übersicht gibt es einige Mängel, da manche Personen zu einseitig betrachtet werden, sich ein Fehler eingeschlichen hat, Belege fehlen und die Zeittafel nicht genug Informationen bietet. Daher eignet sich das Werk zwar als Einstieg in die Thematik, sollte aber keinesfalls die einzige Grundlage bleiben.

15. Juni 2012

Der Verdacht des Mr. Whicher oder Der Mord von Road Hill House - Kate Summerscale

Produktinfos:

Ausgabe: 2010
Seiten: 430
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Die Autorin:

Kate Summerscale, geboren 1965, wurde in England bekannt durch ihr Buch The Queen of Whale Cay (deutsch: Kerle wie wir), das ein Nr. 1-Times-Bestseller war und den Somerset Maugham Award gewann. Sie lebt mit ihrem Sohn in London.

Inhalt:


Eine Sommernacht im Jahr 1860 in Wiltshire: In dem herrschaftlichen Landhaus des reichen Fabrikinspektors Samuel Kent, der hier mit seiner zweiten Frau und sieben Kindern aus erster und zweiter Ehe lebt, geschieht in dieser Nacht etwas Schreckliches. Am frühen Morgen ist der dreijährige Saville aus seinem Kinderbett verschwunden. Es beginnt eine groß angelegte Suche nach dem Kind, bis seine Leiche schließlich in der Sickergrube gefunden wird - mit durchgeschnittener Kehle.

Schon bald deutet alles darauf hin, dass der Mörder aus dem engsten Umfeld stammen und unter den Hausbewohnern zu finden sein muss. Road Hill House war in der Nacht verschlossen, es gibt keine Einbruchsspuren. Die Polizei verdächtigt zunächst die Dienstboten, allen voran das Kindermädchen, das für Saville zuständig war. Doch auch nach rund zwei Wochen gibt es keine konkreten Hinweise, die Bevölkerung reagiert zunehmend unruhig.

Das Innenministerium reagiert schließlich und schickt den Scotland Yard-Detective Inspector Jonathan Whicher zur Unterstützung. Whicher wird mit einer äußerst schwierigen Aufgabe konfrontiert: Zum einen kooperiert die örtliche Polizei alles andere als ideal mit dem Neuling, zum anderen wird es teilweise als frevelhaft betrachtet, dass er Mitglieder einer angesehenen bürgerlichen Familie des Mordes verdächtigt. Unbeirrt ermittelt Whicher weiter und kommt schließlich der Wahrheit hinter der grausamen Tat auf die Spur ...

Bewertung:

Es klingt wie der typische Plot eines klassischen Landhauskrimis: Ein herrschaftliches Anwesen, eine Reihe von Bewohnern, ein nächtlicher Mord und die Gewissheit, dass der Täter unter den Bewohnern sein muss. Was sich wie ein wohliges Krimivergnügen anhört, ist tatsächlich ein wahrer Kriminalfall, der im viktorianischen England hohe Wellen schlug und der noch heute berühmt ist. Große Kriminalautoren wie Wilkie Collins und Charles Dickens ließen sich von dem Fall zu Werken inspirieren und noch heute berühren die Schilderungen dieser Ereignisse, die letztendlich nicht nur der Familie selbst schadeten, sondern auch für andere Beteiligte schlimme Folgen hatten. Kate Summerscale hat hier eine faszinierende Mischung aus Roman und Dokumentation geschaffen, die in Großbritannien mit dem Samuel Johnson-Preis ausgezeichnet wurde, einer der höchsten Anerkennungen für nicht-fiktionale Literatur. In erster Linie ist "Der Verdacht des Mr. Whicher" ein Sachbuch, das sich mit einem wahren Kriminalfall und seinen Hintergründen sowie den Anfängen der kriminalistischen Arbeit und der frühen Geschichte von Scotland Yard befasst.

Der Fall ist zunächst so schockierend wie unverständlich. Ein dreijähriger Junge wird ermordet, offenbar von einem Familienmitglied. Die Frage nach einem möglichen Motiv gibt Rätsel auf, denn welchen Grund kann es geben, um ein Kleinkind aus der eigenen Familie zu ermorden? Nach und nach aber ergeben sich tatsächlich denkbare Hintergründe für das unfassbare Verbrechen - vielleicht war der kleine Saville Anlass für Eifersucht unter den Familienmitgliedern, vielleicht hat der Dreijährige etwas gesehen, das nicht für seine Augen bestimmt war und das er niemandem verraten durfte, vielleicht gibt es auch ein geistesgestörtes Familienmitglied, das dem Wahn verfallen ist? Dabei ist es doch auf den ersten Blick eine tadellose Familie: Samuel Kent ist in seiner Eigenschaft als Fabrikinspektor nicht sonderlich beliebt bei der Bevölkerung, aber ein recht angesehener Mann. Aus seiner ersten Ehe leben Mary Ann (29), Elizabeth (28), Constance (16) und William (14) im Haus, mit seiner zweiten Frau Mary hat er außer Saville noch die fünfjährige Mary Amelia, die einjährige Eveline und seine Frau ist gerade im achten Monat schwanger.

Die Nachforschungen ergeben, dass in der Familie längst nicht alles so idyllisch ist, wie es den Anschein hatte: Samuel Kents erste Ehefrau zeigte schon früh Anzeichen von Wahnsinn, gebar ihm dennoch Jahr für Jahr neue Kinder, von denen die meisten im Säuglingsalter starben. Schließlich stellte er eine junge, hübsche Gouvernante ein, die sich um die überlebenden Kinder kümmerte und schon bald Mr. Kents Geliebte wurde. Diese Konstellation - die wahnsinnige Frau im gleichen Haus wie die Gouvernante, die die neue Liebe geworden ist - erinnerte stark an das damals gerade erschienene Werk "Jane Eyre" von Charlotte Bronte und sorgte für Häme und Kritik in der Nachbarschaft, weshalb die Familie mehrfach umzog. Schließlich starb die erste Mrs. Kent und die einstige Gouvernante wurde offiziell die zweite Ehefrau und gebar wiederum eigene Kinder.

Damit nicht genug, gab es Gerüchte, dass Edward, der mittlerweile verstorbene Sohn aus erster Ehe, der eigentliche Vater zweier seiner offiziellen Geschwister gewesen sei, er habe also im jungen Alter eine Affäre mit seiner Stiefmutter gehabt. Dies ist zwar unbestätigt, offenkundig war aber wohl eine gewisse Kluft zwischen den Kindern aus erster Ehe und denen aus zweiter Ehe, was konkret bedeutet: Vor allem der kleine Saville und seine noch jüngere Schwester Eveline waren die Lieblinge der Eltern und es scheint denkbar, dass einer der älteren Geschwister einen unverarbeiteten Hass auf Saville in sich trug. Eine andere mögliche Theorie ist Affäre zwischen Samuel Kent und einem Dienstmädchen, eine ähnliche Konstellation wie in seiner ersten Ehe also - und möglicherweise hat der kleine Saville ein solche Beobachtung gemacht und musste ausgeschaltet werden, da allen bekannt war, dass er seiner Mutter alles zutrug, was ihm auffiel. Akribisch beschreibt Kate Summerscale den genauen Zeitablauf und das Fortschreiten der Ermittlungen. Wer hinter der Tat steckte, erfährt der Leser auch erst recht spät und kann so wie bei einem Kriminalroman ein wenig miträtseln und seine eigenen Schlüsse ziehen. Zur besseren Übersicht über all die Personen gibt es zu Anfang eine Auflistung aller Mitwirkenden mit Namen und Alter, schön geordnet nach ihrer Zugehörigkeit, ob es Familienmitglieder, Bedienstete, Ermittler oder Dorfbewohner sind.

Diese minutiöse Beschreibung ist lobenswert, zumal das Buch trotzdem sich nie trocken oder wie eine bloße Auflistung der Fakten liest, vor allem wird stets deutlich, ob es sich um unbestreitbare Fakten handelt oder die Autorin Spekulationen wiedergibt, die beispielsweise Dorfbewohner oder Dienstboten äußerten. Knapp 350 Fußnoten, die im Anhang erläutert werden, bezeugen die äußerst sorgfältige Recherche, die Autorin listet auch viele weitere Quellen zu diesem Fall auf. Dazu ergänzen Fotografien von Familienmitgliedern und anderen Beteiligten sowie Fotos und Grundrisse des Hauses die Forschungsarbeit. Diese Akribie wird aber nicht von jedem Leser geschätzt werden, beispielsweise wird bei dem Zeugen, der die Leiche des Kindes fand, ausführlich über mehrere Zeilen zitiert, wie eine Zeitung sein Aussehen beschrieb - der Vollständigkeit halber ist es interessant, nur ist es manch einem Leser vielleicht zu viel der Information.

Zum anderen dürfen keine falsche Erwartungen vorangestellt werden: Das Buch dreht sich nicht nur um den konkreten Fall, sondern es ist auch eine Darstellung eben jenes Mr. Whicher. Über Jonathan oder, wie er genannt wurde, Jack Whicher gibt es kaum Material zu seinem Privatleben und es sind keine existierenden Fotos bekannt, aber Kate Summerscale beleuchtet einige seiner wichtigsten und symptomatischsten Fälle vor dem Fall von Road Hill House. Gleichzeitig informiert sie dadurch über die Anfänge der Kriminalistik, zum ersten Mal wurde eine systematische Polizeiarbeit etabliert und parallel dazu entstand auch die Kriminalgeschichte in der Literatur und berühmte Polizisten waren ein wenig die Popstars ihrer Zeit. Das alles ist hochinteressant und zugleich leicht verständlich erläutert, aber natürlich führt es erst einmal von den konkreten Ermittlungen von Road Hill House weg und kann die Leser langweilen, die sich eben nur für jene Ereignisse interessieren. Einmal gibt es zudem eine irritierende Stelle: Wie nebenbei wird nach der Beerdigung erwähnt, dass Mrs. Kent nach der Aussage des Arztes Dr. Parsons ihn bat, Constance für verrückt erklären zu lassen. Danach gibt es einen neuen Absatz und diese Aussage wird erst viel später noch einmal aufgegriffen und näher erklärt und sorgt damit erst einmal für Verwirrung und Unverständnis.

Fazit:


Ein höchst reizvolles und informatives Sachbuch über einen viktorianischen Kindermord, der bis heute populär ist. Sehr fundiert geschrieben, mit vielen zusätzlichen Informationen zum viktorianischen Leben und der Entwicklung der Kriminalistik.

14. Juni 2012

Doppelmord in Fall River - Leben und Legende der Lizzie Borden - David Kent

Produktinfos:

Ausgabe: 1993
Seiten: 312
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Der Autor:

David Kent, Schriftsteller und Geschäftsmann aus Virginia, hörte im Zweiten Weltkrieg erstmnals vom Fall Lizzie Borden und war seither fasziniert davon. Nach umfangreichen Recherchen vor Ort verfasste er sein Buch und starb wenig später 1992.

Inhalt:

Das beschauliche Fall River in Massachusets, an einem heißen Sommertag 1892: Lizzie Borden, die unverheiratete Tochter des wohlhabenden Andrew Borden, findet ihren Vater und ihre Stiefmutter Abby erschlagen vor. Beiden wurde mit einem Beil der Schädel gespalten. Die Nachricht geht wie ein Lauffeuer durch den Ort, Polizei und Schaulistige sind schnell zur Stelle.

Die ersten Untersuchungen werfen immer neue Fragen auf. Weder Lizzie noch Hausmädchen Bridget haben etwas gesehen oder gehört, es fehlen keine Wertgegenstände, weder im Haus noch aus Andrew Bordens Kleidung. Offenbar wurden Mr. Borden und seine Frau im Abstand von rund zwei Stunden getötet. Schließlich gerät Lizzie unter Verdacht und wird verhaftet.

Trotz ihrer Unschuldsbeteuerungen kommt es zu einem aufsehenerregenden Prozess. Aus Hass gegen die Stiefmutter oder Geldgier soll sie die beiden ermordet haben. Die Öffentlichkeit ist gespalten, denn die unauffällige Lehrerin passt so gar nicht in das Schema eines so brutalen Mordes. Schließlich wird Lizzie von der Jury freigesprochen - doch der Mörder wird nie gefunden. Bis zu ihrem Tod und noch heute wird über ihre mögliche Schuld diskutiert ...

Bewertung:

"Lizzie Borden mit dem Beile ..." beginnt ein alter Vers, den in den USA fast jedes Schulkind aufsagen kann. Was England sein Jack the Ripper, ist Amerika seine Lizzie Borden - ein Mysterium, das wohl nie geklärt werden wird und als einer der rätselhaftesten Fälle in die Kriminalgeschichte eingegangen ist. In der amerikanischen Kultur ist Lizzie Borden auch hundert Jahre nach den Geschehnissen ein fester Begriff und der Krimiautor Walter Satterthwait hat ihr gar in zwei Bänden ein wunderbares, humorvolles Denkmal gesetzt. Hat sie es getan oder nicht, lautet die Frage, die Kriminologen wie Hobbydetektive bis heute beschäftigt. David Kent ist der Frage nachgegangen und bemüht sich um ein differenziertes Lizzie-Borden-Bild. Im Gegensatz zu einigen Werken, die sie eindeutig der Tat bezichtigen, versucht der Autor sie zu entlasten und obwohl er sich einer eindeutigen Meinung enthält, ist offensichtlich, dass er ihre Schuld als eher unwahrscheinlich empfindet.

Das Werk ist eine Zusammensetzung aus Zeitungsartikeln, Mitschriften des Prozesses und David Kents Analyse. Behutsam führt er in die Geschichte ein, stellt die Ausgangssotuation und die wichtigsten Figuren vor, als da wären: Lizzie Borden, eine unauffällige unverheiratete Frau Anfang dreißig, beherrscht, tierlieb und belesen, die im Haus ihres Vaters lebt. Andrew Borden ist ein reicher, aber sehr geiziger Mann, dennoch offenbar seiner Tochter sehr zugetan. Seit rund 30 Jahren ist er mit seiner zweiten Frau Abby verheiratet, die andere Tochter Emma ist wie Lizzie unverheiratet und lebt in Fairhaven. Der bestialische Mord erschüttert die Stadt und trifft sie bis ins Mark. Niemand kann sich ein Motiv für diese Tat denken, es sind keine Feinde der Bordens bekannt und der Täter muss ein enormes Risiko eingegangen sein, um der Entdeckung zu entgehen. Die Polizei steht angesichts des Status der Bordens als reiche Bürger unter Zugzwang - und sieht in Lizzie den einzigen möglichen Täter. Obwohl das Motiv auf wackligen Füßen steht, keine eindeutige Tatwaffe gefunden wird und es für Lizzie zeitlich sehr schwierig gewesen sein müsste, die Tat zu begehen und sich rasch umzukleiden komtm es zur Anklage und zu einem ausfernden Prozess.

Geschickt stellt David Kent die Indizien, die auf Lizzies Schuld hindeuten denen gegenüber, die sie entlasten. Besonders reizvoll ist sein Bemühen, Ungerechtigkeiten und Widersprüche aufzudecken; seien es Meineide, die Gesetzeshüter geschworen haben, um Lizzie zu belasten oder aus der Luft gegriffene Beschuldigungen der Zeitungen. Vor allem der "Globe" legte sich von Anfang an auf Lizzie als Täterin fest und setzte einen rufschädigenden Artikel nach dem anderen in die Welt, und verkaufte Spekulationen und Lügen als Tatsachen, die die Leser beeinflussten. Tatsächlich kann der Leser nach der Lektüre kaum zu einem anderen Schluss kommen, als dass Lizzie wirklich unschuldig war - dass die Öffentlichkeit sich aber so dringend nach Aufklärung des entsetzlichen Doppemordes sehnte, dass sie händeringend nach der naheliegendsten Lösung griff. Obwohl Lizzie nach nicht einmal einer Stunde Beratungszeit von den Geschworenen freigesprochen wurde und es zwischenzeitlich gar aussah, als würde die Anklage fallen gelassen, gilt Lizzie bis heute weithin als Täterin. David Kent deutet mögliche andere Täter an, ein Mieter etwa, der sich kurz zuvor mit Andrew Borden zerstritt oder sein Schwager John Morse, der sich reichlich seltsam zum Tatzeitpunkt verhielt, zwingt dem Leser im Gegensatz zu den allermeisten anderen Büchern zu dem Fall aber keine Meinung auf. Eine alphabetische Namenstafel am Ende und zahlreiche Fotos von Tatort und vielen Beteiligten sorgt für eine gute Ergänzung.

Das Buch ist einerseits ein spannendes kriminalistisches Werk, das minutiös einen dramatischen Prozess erläutert und dabei Rücksicht auf Leser nimmt, die im juristischen Breich weniger bewandert sind. Andererseits ist es eine Art Biographie Lizzie Bordens, jener schwer fassbaren, geheimnisvollen Hauptperson, die in den Jahrzehnten bis zu ihrem Tod nicht mehr öffentlich über den Doppelmord sprach. So wenig Lizzie auch zeitlebens über sich preisgegeben hat, der Autor bemüht sich, ein differenziertes Bild von ihr zu zeichnen. Lizzie ist hier weder ein Unschuldsengel noch eine erwiesene Mörderin, in jedem Fall aber eine rätselhafte Frau, die bis zu ihrem Tod gebrandmarkt war.

Fazit:

Eine fesselnde sowie leicht zu lesende Darstellung des berühmten Kriminalfalls, der durch umfangreiche Recherche besticht. Allen an Kriminologie interessierten Lesern sei das Buch aufs Wärmste empfohlen, Vorkenntnisse über den Fall sind nicht notwendig.