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6. Februar 2016

Schlafe, mein Prinzchen, schlaf - Karin Fossum

Produktinfos:

Ausgabe: 2014
Seiten: 288
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* * * * *
Die Autorin:


Karin Fossum wurde 1954 in Norwegen geboren. 1995 erschien ihr Debütroman "Evas Auge", der erste Kriminalroman mit Kommissar Sejer. Weitere Bände sind u.a. "Fremde Blicke", "Dunkler Schlaf" und "Wer anders liebt". Bis 2016 erschienen elf Bände der Reihe.

Inhalt:


Kommissar Sejer wird zum Todesfall des kleinen Tommy hinzugerufen. Der sechzehn Monate alte Junge verließ offenbar unbemerkt das Haus, als seine Eltern gerade beschäftigt waren und ertrank im nah gelegenen See. Alles sieht nach einem Unfall aus, einer unglücklichen Verkettung von Dingen.

Kommissar Sejer ist allerdings misstrauisch. Die Eltern Carmen und Nicolai sind noch sehr jung und gehen sehr unterschiedlich mit dem Vorfall um. Während Nicolai sich zurückzieht und intensiv trauert, scheint die lebenslustige Carmen Tommys Tod viel besser zu verkraften. Tommy hatte das Down-Syndrom, und Sejer erfährt aus Carmens Umfeld, dass sie damit viel schlechter umgehen konnte als ihr Mann - teilweise schämte sie sich sogar für ihr Kind.

Allerdings kann sich kaum jemand vorstellen, dass Tommys Tod kein Unfall gewesen sein soll. Untersuchungen ergeben, dass der Junge gut genährt und gepflegt wurde, es gibt keine Hinweise auf Misshandlungen. Trotzdem lässt Sejer nicht locker und stellt immer wieder neue Befragungen an ...

Bewertung:


Normalerweise sind Karin Fossums psychologische Krimis eine sichere Bank. Mit ihrem elften Band der Kommissar-Sejer-Reihe "Schlafe, mein Prinzchen, schlaf" weicht die norwegische Autorin ein wenig von der gewohnten Qualität ab und legt ein recht durchschnittliches Werk vor, das nicht an die früheren Bände heranreicht.

Vorweg sei gesagt, dass der Buchrückseitentext gleich zwei inhaltliche Fehler enthält, die falsche Erwartungen wecken können. Dort heißt es: "Wie kam der gehbehinderte Junge aus dem Haus? Warum war das Kind nackt?" Gehbehindert war der kleine Tommy nicht, im Gegenteil hatte er gerade Laufen gelernt und war "schnell wie ein Eichhörnchen". Weiterhin wird betont, dass er abgesehen von seinem Down-Syndrom vollkommen gesund war, auch bezüglich der Motorik. Nackt war er indessen schon, allerdings spielt das bei den Ermittlungen, anders als hier suggeriert wird, keine bedeutende Rolle - er starb nämlich an einem sehr heißen Sommertag, und seine Mutter erklärt, dass er sich deswegen unbekleidet auf einer Decke tummelte. Die Betonung der Nacktheit auf der Buchrückseite könnte daran denken lassen, dass hier Kindesmissbrauch thematisiert wird, was nicht der Fall ist.

Die Ausgangslage des Falles ist an sich durchaus dazu geeignet, den Leser zu fesseln und klingt dementsprechend vielversprechend. Ein kleines Kind ist ertrunken, eine kleine Unaufmerksamkeit der Mutter löst eine Katastrophe aus. Tommys Vater macht seiner Frau Vorwürfe, wagt es aber nicht, an irgendeine Art von Vorsatz zu denken. Kommissar Sejer hat nichts Konkretes gegen die Eltern in der Hand, er folgt in erster Linie seinem Gespür. Während Nicolas Trauer ernst scheint, wirkt Carmens Reaktion teilweise aufgesetzt. Schnell denkt sie an ein neues Kind, als Überbrückung dient ihr ein Hundewelpe. Man kann Sejers Gedanken sehr gut nachvollziehen, Carmen erscheint auch dem Leser von Anfang an nicht koscher. Trotzdem gibt es nur Indizien und keine Beweise; es ist ein für die Ermittler frustrierender Fall. Sejer kann und will nicht lockerlassen, macht aber nur sehr langsam Fortschritte. Spannung ergibt sich aus den Fragen, ob Carmen am Ende womöglich doch ein Verbrechen nachgewiesen werden kann, wie dies geschehen mag und wie die Ehe der Eltern den Vorfall verkraftet.

Wie bei der Reihe üblich liegt der Fokus auf Gesprächen mit dem Umfeld des Opfers, aus Kommissar Sejers Gedanken und seiner bedächtigen, subtilen Vorgehensweise. Er ist ein guter Beobachter, seine souveräne Ausstrahlung bringt Verdächtige wider Willen dazu, ihm zu vertrauen. Der zurückgezogene Witwer, der nach wie vor um seine an Krebs verstorbenen Frau trauert, ist eine Figur, deren Lebensweg man als Leser gerne verfolgt und der einem schnell ans Herz wächst. Anders als sonst sind die Charaktere hier jedoch blass geraten. Nicolai ist der traumatisierte Vater, Carmen die unsympathische Mutter; die Schwarz-Weiß-Malerei ist ausgeprägter als in anderen Bänden. Zwar weiß man zunächst noch nicht, wie groß Carmens Schuld tatsächlich ist, aber unabhängig davon distanziert man sich schnell von ihr.

Es ist an sich ein reizvoller Gedanke, die Gefühls- und Gedankenwelt einer Mutter zu präsentieren, die mit der Behinderung ihres Kindes hadert. Diese schwierige Gratwanderung will hier aber nicht wirklich gelingen. Carmen ist kein Charakter zum Ein- und Mitfühlen, sie erscheint nahezu durchweg als verwöhnte, egoistische Prinzessin, die sich zu kurz gekommen fühlt. Andere Täter oder Verdächtige in der Sejer-Reihe erwecken Mitgefühl und stellen den Leser vor eine emotionale Zerreißprobe, dieser Effekt bleibt hier aus. Carmen macht keine Entwicklung durch, bleibt recht eindimensional und ist einfach keine besonders interessante Figur. Zu allem Überfluss gibt es ganz zum Schluss noch einen sehr konstruierten Zufall, der wenig glaubwürdig erscheint.

Fazit:


Ein psychologischer Krimi, der in der Qualität gegenüber den anderen Werken der Reihe abfällt. Kann man lesen, wenn man keine zu hohen Erwartungen hat, aber die anderen Bände sind deutlich vorzuziehen.

27. Januar 2016

Stumme Schreie - Karin Fossum

Produktinfos:

Ausgabe: 2000
Seiten: 317
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* * * * *
Die Autorin:

Karin Fossum wurde 1954 in Norwegen geboren. 1995 erschien ihr Debütroman "Evas Auge", der erste Kriminalroman mit Kommissar Sejer. Weitere Bände sind u.a. "Fremde Blicke", "Dunkler Schlaf" und "Wer anders liebt". Bis 2016 erschienen elf Bände der Reihe; "Stumme Schreie" ist der fünfte.

Inhalt:

Gunder Jomann führt im norwegischen Elvestad ein unauffälliges, zurückgezogenes Leben. Mit seinen einundfünfzig Jahren ist er immer noch Junggeselle, er arbeitet fleißig in seinem Laden für Landmaschinen, besitzt ein kleines Haus mit Garten und seine Schwester Marie ist seine engste Vertraute. Gunder sehnt sich nach einer Frau, der er seine Liebe schenken kann, nach beschaulicher Zweisamkeit.

Da er kaum eine Chance sieht, in seiner Heimat eine Frau zu finden, hofft er, in Indien mehr Glück zu haben. Kurzerhand fliegt er nach Indien und lernt dort die Kellnerin Poona kennen. Gunder verliebt sich und auch Poona empfindet Zuneigung für den liebenswerten Mann, der sie auf Händen tragen will. Sie heiraten in Indien, und schon bald soll Poona Gunder nach Norwegen in ihre neue Heimat folgen. Überglücklich fiebert Gunder seiner Frau entgegen und bereit alles für ihr Eintreffen vor.

Doch alles kommt anders: Seine Schwester Marie erleidet einen schweren Autounfall und liegt im Koma. Gunder muss ins Krankenhaus und kann Poona nicht vom Flughafen abholen. Er beauftragt einen Bekannten damit, der Poona jedoch verpasst. Am Abend wird bei Elvestad die schrecklich entstellte Leiche einer jungen Frau gefunden, offenbar einer Ausländerin. Kommissar Sejer übernimmt den Fall. Wer ist die Fremde und wer hat sie so zugerichtet ...?

Bewertung:

Kommissar Sejers fünfter Fall ist, wie die meisten Werke Karin Fossums, ein eher untypischer Krimi. Spannung ist gegeben, doch der Fokus liegt eher auf Atmosphäre, psychologischem Gespür und Charakterzeichnung.

Gelungen ist vor allem die Darstellung von Gunder Jomann. Anfangs mag er noch in erster Linie Mitleid erregen und ist alles andere als ein typischer Sympathieträger - etwas verschroben und sein Vorhaben, sich eine Frau in Indien zu suchen, weckt erst einmal Misstrauen. Dann aber kristallisiert sich heraus, dass Gunder ein liebenswerter Mann ist, der zwar einige naive Ansichten hat, es mit seiner zukünftigen Ehefrau aber nur gut meint. Die rund fünfzehn Jahre jüngere Kellnerin Poona ist die erste und einzige Inderin, mit der er während seines Urlaubs in Kontakt kommt, und sie gewinnt sogleich sein Herz. Es ist rührend, Gunders Begeisterung zu lesen, das fast ungläubige Staunen darüber, dass Poona sich tatsächlich auf ihn einlässt und sein Bestreben, alles richtig zu machen. So ungewöhnlich die Beziehung zwischen den beiden auch beginnt, sie ist von beiden Seiten ehrlich gemeint. Poona sieht in dem älteren Gunder einen soliden, zuverlässigen und zärtlichen Mann; Gunder projiziert wiederum auf Poona all die liebevollen Gefühle, die er bislang nicht ausleben konnte. Was nach außen hin wie eine Zweckehe wirken könnte, ist das glückliche Zusammenfinden zweier Menschen, die aus verschiedenen Welten stammen und doch irgendwie füreinander bestimmt zu sein scheinen.

Karin Fossum lässt sich Zeit, Gunder vorzustellen und die unkonventionelle Eheanbahnung zu beschreiben. Trotz dieser gemächlichen Entwicklung wird der Leser auf gewisse Weise gefesselt, fühlt man sich doch stark ein in Gunder und freut sich über sein Glück. Über all dem liegt aber stets eine sich immer stärker intensivierende Melancholie, denn dem Leser ist natürlich klar, wer hier das Mordopfer werden wird. Das mindert aber nicht die Spannung - das Opfer mag früh feststehen, das Motiv und der Täter tun dies dagegen nicht. Ist es eine Zufallstat, die auch jemand anderes hätte treffen können, oder gibt es irgendetwas, das Opfer und Täter miteinander verbindet? So wie Kommissar Sejer rätselt auch der Leser.

Eine Zeugin scheint es zu geben, die im Vorbeifahren Opfer und Täter kurz vor der Tat gesehen haben will. Doch die sechzehnjährige Linda hat nur flüchtig zwei Gestalten in der Dunkelheit gesehen, die scheinbar scherzhaft Fangen spielten; ihre Beobachtungen sind zu vage für eine eindeutige Spur. Linda allerdings möchte gern eine größere Rolle bei den Ermittlungen einnehmen - und sie ist fasziniert von Sejers jungem Kollegen Skarre, der sie befragt hat. Sie möchte ihn wiedersehen und ist dafür gerne bereit, ihre Beobachtungen aufzubauschen. Linda nimmt zwar nur eine Nebenrolle ein, aber auch ihre Geschichte interessiert den Leser und er verfolgt gebannt, wie sich ihre Rolle im Verlauf entwickelt. Melancholie liegt nicht nur über Gunders, sondern diesmal auch über Konrad Sejers Leben. Sein geliebter Leonberger Kollberg ist mittlerweile ein gebrechlicher Hundesenior, dem eine große Operation bevorsteht. Es ist fraglich, wie gut er sie verkraften wird und wie sinnvoll es überhaupt noch ist, ihn am Leben zu halten - Sejer muss sich mit der schweren Frage auseinandersetzen, ob Einschläfern vielleicht allmählich der angemessene Weg wäre.

Wer einen klassischen Krimi erwartet, der kann hier leicht enttäuscht werden. Nicht nur, dass es lange dauert, bis es überhaupt zum Kriminalfall kommt - auch das Ende ist nicht hundertprozentig eindeutig. Es bleibt ein Hauch Restzweifel, ob Sejer zum korrekten Schluss gekommen ist, oder ob nicht doch etwa sein weniger überzeugter Kollege Skarre richtigliegt. Gerade dies macht den Roman umso authentischer, ist doch auch in der Realität nicht immer alles restlos geklärt. Freilich ist dieser Karin Fossum eigene Zug auch speziell und wird den einen oder anderen Leser etwas frustrieren.

Fazit:

Sehr berührender, melancholischer und atmosphärischer Krimi. Störend kann allenfalls sein, dass der Kriminalfall erst spät ins Rollen kommt und dass das Ende nicht absolut eindeutig ist.

4. Juni 2012

Evas Auge - Karin Fossum

Produktinfos:

Ausgabe: 2003
Seiten: 368
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Die Autorin:

Karin Fossum wurde 1954 in Norwegen geboren. 1974 und 1978 erscheinen zwei Gedichtbände von ihr, ehe sie ihre Kinder bekam und eine schriftstellerische Pause einlegte. 1995 erschien ihr Debütroman "Evas Auge" mit dem Ermittler Kommissar Sejer. Es folgten weitere Bände, u. a. "Fremde Blicke", "Dunkler Schlaf" und "Stumme Schreie".

Inhalt:

Nach ihrer Scheidung leidet die alleinerziehende Eva Magnus unter Geldproblemen. Ihre Arbeit als Malerin bringt nicht viel ein, ihre kleine Tochter, das fröhliche Pummelchen Emma, soll ohne Sorgen aufwachsen. Eine zufällige Begegnung mit Jugendfreundin Maja bringt sie auf eine Idee. Die lebenslustige Maja arbeitet als Prostituierte, verdient damit gut und schlägt Eva vor, es ihr gleichzutun. Eva nutzt die Chance, bei einem Kundenbesuch im Nebenzimmer zuzuschauen und sich Einblicke in das Metier zu verschaffen. Das Treffen verläuft jedoch völlig anders als geplant, und Eva wird ungewollt Zeugin eines Verbrechens ...

Bald darauf werden in der norwegischen Kleinstadt Engelstad zwei Leichen gefunden, der erstochene Egil Einarsson in einem Fluss und Maja Durban, erwürgt in ihrer Wohnung. Einarsson, der Frau und Kind hinterlässt, verschwand, nachdem er angeblich seinen Wagen einem Käufer vorführen wollte. Nichts deutet darauf hin, dass sich Einarsson und Maja kannten, doch der ruhige, verwitwete Kommissar Sejer vermutet bei zwei Morden innerhalb so kurzer Zeit dennoch einen Zusammenhang.

Eva Magnus, die als Freundin der Verstorbenen befragt wird, gibt sich unwissend. Als ihre Tochter jedoch ausplaudert, dass sie und ihre Mutter die Leiche im Fluss entdeckt haben, wird Sejer misstrauisch, denn Eva hat die Polizei nicht verständigt. Nach weiteren Ermittlungen bestätigt sich sein Verdacht, dass Eva Einarsson kannte. Merkwürdig ist auch, dass Evas Geldprobleme seit Kurzem abgenommen haben. Während Sejer untersucht, in welcher Verbindung Eva zu den Morden stehen könnte, wird die junge Frau bedroht ...

Bewertung:

Eine unfreiwillige Verbrechens-Zeugin und finanzielle Verlockungen bilden die Folie für diesen Debütroman, der gleichzeitig auch das erste Buch mit Ermittler Kommissar Sejer ist.

Gelungene Charaktere

Im Mittelpunkt steht die talentierte, aber erfolglose Malerin Eva Magnus, eine Frau mit vielen Facetten und nachvollziehbaren Schwächen, die zufällig in ein Verbrechen hineingezogen wird. Eva ist mit Leib und Seele Künstlerin. Sie lehnt Auftragsarbeiten ab und lässt sich allein von ihrer Inspiration leiten. Ihre Bilder bestehen aus schwarzen Leinwänden, in die sie mit dem Spatel helle Stellen einritzt, eigenwillige Kreationen, die nur schwer Käufer finden. Neben der Kunst sind ihr verwitweter, kranker Vater Markus und ihre kleine Tochter Emma ihre einzigen Haltepunkte im Leben. Die Rechnungen türmen sich immer höher, das Telefon wurde bereits abgestellt, Emmas geliebte Ausflüge zu McDonald's werden zum unerschwinglichen Luxus. Daneben plagen sie die Sorgen um ihren Vater, der aufgrund einer Gebehinderung seine Wohnung nicht mehr verlassen kann und zunehmend schwächer wird, sowie das deutliche Übergewicht ihrer Tochter, die bald in die Schule kommt und dort vermutlich Hänseleien ausgesetzt sein wird. Immer tiefer gerät der Leser in den trostlosen Alltag der Eva Magnus vor dem Hintergrund eines düsteren skandinavischen Herbstes. Die Tage werden kürzer, die Temperaturen immer kälter, und Gleiches geschieht mit Evas Leben.

Das Wiedersehen mit Maja, der lustigen und quirligen Freundin aus Kinder- und Jugendtagen, die Eva durch einen Umzug entrissen wurde, bringt eine Wendung. Der Gedanke an Prostitution schreckt Eva ab, doch Maja ist der lebende Beweis dafür, wie schnell sich mit scheinbar einfacher Arbeit das große Geld verdienen lässt. Nur wenig fehlt noch, damit Maja ihren Traum vom kleinen Hotel in Frankreich verwirklichen und ein unabhängiges Leben führen kann. Die Versuchung ist groß für Eva, die Vorstellung gewinnt an Reiz. Was folgt, ist ein Absturz in die Tiefen eines Verbrechens und einen Strudel weiterer Abgründe, der sich von Eva nicht mehr kontrollieren lässt. Scham und Angst halten sie davon ab, der Polizei ihre Zeugenaussage abzuliefern; einerseits fürchtet sie, selbst als Verdächtige zu gelten, und andererseits quält sie der Gedanke, ihre Tochter und ihr Vater könnten erfahren, dass sie mit der Idee spielte, als Prostituierte zu arbeiten.

Ein vielschichtiger Charakter ist auch Kommissar Sejer. Der große, souveräne Mann mit der ruhigen Art ist ein gewissenhafter Ermittler, dessen Argusaugen kein Detail übersehen. Beinah beiläufig erfährt man vom Krebstod seiner geliebten Frau und seiner Einsamkeit, durch die er sich mit seinem Leonberger Kollberg hinwegtröstet. Sejer entgeht nicht, dass Eva Magnus etwas zu verbergen hat, auch wenn er nicht erraten kann, um was es sich handelt. Ihn fasziniert diese einsame Frau mit den außergewöhnlichen Bildern, die so wenig über sich preisgibt, die in ein brutales Verbrechen verwickelt zu sein scheint und gleichzeitig offensichtlich eine liebevolle Mutter ist, die für ihr Kind zu beinah jedem Opfer bereit ist.

Spannung und Tiefe

Es ist kein typischer Thriller oder Krimi, der den Fokus auf die Spannung legt, und doch fesselt der Roman den Leser von Anfang bis Ende. Die düstere, realistische Atmosphäre lässt bis zum Schluss Zweifel an einem guten Ausgang. Die Protagonistin ist keine strahlende Heldin, sondern vielmehr eine Frau, deren Schwäche ihr zum Verhängnis wurde und die in einem Lügengerüst gefangen ist. Es ist nicht vorherzusehen, ob Eva von der Polizei überführt wird, ob der Mörder sie findet und ausschaltet oder ob sie einen Weg entdeckt, ihrer fatalen Situation zu entrinnen. Faszinierenderweise hofft man einerseits, dass Kommissar Sejer ihre Lügen durchschaut und ihr seine Hilfe und polizeilichen Schutz bietet - auf der anderen Seite aber versetzt man sich unwillkürlich auch in Eva hinein, die alles daransetzt, ihre Fassade aufrechtzuerhalten, und drückt ihr die Daumen. Kurz vor Ende kann der Roman zudem noch mit einer überraschenden Wendung aufwarten, die einige Dinge noch einmal in ein anderes Licht rückt.

Kaum Schwächen

Reizvoll und gewöhnungsbedürftig zugleich ist die Chronologie des Romans, der mit dem Fund der beiden Leichen beginnt. Erst etwa in der Mitte setzt ein detaillierter Rückblick ein, in dem die aus Evas Leben vor den Morden erzählt wird. Der Klappentext allerdings geht chronologisch vor und fasst nur den Rückblick zusammen, sodass man nach seiner Lektüre schon zumindest die Umstände eines Mordes kennt. Dadurch wird die Spannung ein wenig geschmälert, was allerdings nicht dramatisch ist angesichts der Konzentration auf die psychologischen Vorgänge. Das Ende ist ein wenig zu offen gehalten; die Hauptfragen werden zwar geklärt, doch es bleibt Raum für einige Spekulationen, was das weitere Schicksal mehrerer Figuren angeht.

Fazit:

Der erste Roman mit Kommissar Sejer ist ein fesselnder, vielschichtiger Thriller über eine Frau, die Zeugin eines Mordes wird und zwischen die Fronten von Gesetz, Versuchung und Gewissen gerät. Obwohl durchaus spannend, liegt der Fokus auf den ausgefeilten Charakterdarstellungen. Deswegen und auch wegen der nicht chronologischen Erzählweise keine ganz leichte Lektüre, aber sehr empfehlenswert.

Der Mord an Harriet Krohn - Karin Fossum

Produktinfos:

Ausgabe: 2006
Seiten: 268
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* * * * *
Die Autorin:

Karin Fossum wurde 1954 in Norwegen geboren. 1974 und 1978 erscheinen zwei Gedichtbände von ihr, ehe sie ihre Kinder bekam und eine schriftstellerische Pause einlegte. 1995 erschien ihr Debütroman "Evas Auge" mit dem Ermittler Kommissar Sejer. Es folgten weitere Bände, u. a. "Fremde Blicke", "Dunkler Schlaf" und "Stumme Schreie".

Inhalt:

Nach dem Tod seiner geliebten Frau Inga geht es mit Charles Olav Torp nur noch bergab. Seine Spielsucht gerät außer Kontrolle, seine Schulden werden immer höher, er verliert seine Arbeit, und der Kontakt zu seiner 16-jährigen Tochter Julie friert ein. Vor allem unter der Distanz zu Julie, die selbstständig in einem Wohnheim lebt, leidet er stark. Als sich seine Spielschulden auf 200.000 Kronen belaufen und er fürchtet, von seinen Gläubigern zusammengeschlagen zu werden, fasst er einen grausigen Entschluss:

Charles sucht sich die alte Harriet Krohn als Raubopfer aus. Unter einem Vorwand lässt er sich abends in ihre Wohnung bitten und bedroht sie mit einem Revolver. Wider Erwarten wehrt sich die alte Frau, und in Panik erschlägt er sie. Anschließend durchsucht er ihre Wohnung, findet 200.000 Kronen in bar und Silberbesteck. Auf dem Heimweg gerät er unverschuldet in einen Autozusammenstoß und flüchtet, um nicht in Tatortnähe gesehen zu werden.

Mit dem Geld bezahlt er seine Schulden, für den Erlös des Silbers kauft er einen stolzen Fuchswallach und schenkt ihn seiner reitbegeisterten Tochter, die ihr Glück kaum fassen kann. Endlich verbringt er wieder regelmäßig Zeit mit Julie, zumal er im Reitstall eine Anstellung findet. Doch die Angst, dass man seine Spur findet, nimmt kein Ende. Täglich verfolgt Charles die neuen Ermittlungen im Fall Harriet Krohn. Die wachsende Paranoia und sein Gewissen setzen ihm immer weiter zu ...

Bewertung:

Karin Fossums Krimis um Hauptkommissar Konrad Sejer zeichnen sich stets durch einen besonderen Fokus auf die Seelenzustände der Figuren und psychologische Tiefe aus.

Lupenreiner Whydunnit

Von Beginn an ist der Leser über den Täter im Bilde. Er verfolgt unentwegt Charles' Gedankengänge, die Vorbereitungen für den Mord und die Tat selbst sowie sein anschließendes Martyrium, seine ständige Angst vor Entdeckung. In kleinen Rückblicken wird man in seine Vergangenheit geführt. Man erfährt, wie er schon während seiner Ehe allmählich auf die schiefe Bahn geriet und der Faszination des Glücksspiels erlag. Was er damals noch halbwegs unter Kontrolle halten konnte, entglitt ihm nach dem Tod seiner Frau, die seine Stütze war, vollends. Eine kleine Unterschlagung in der Firma kostet ihn den Job, seine Gläubiger drohen ihn mit Gewalt zum Zahlen zu bringen, der Kontakt zu Julie, dem einzigen Menschen, der ihm noch etwas bedeutet, reißt ab. In manchen Momenten empfindet man ansatzweise Mitleid mit Charles. Seine Vorstellung von Glück konzentriert sich auf eine liebevolle Beziehung zu seiner Tochter, nur für sie ist er bereit, buchstäblich über Leichen zu gehen. Anrührend sind die Rückblicke in Julies ersten Ausflug in einen Reitstall, ihre ersten Reitversuche auf dem Pony Snowball, ihre späteren Turniererfolge und Charles' Stolz auf seine Tochter, dem er mit einem eigenen Pferd endlich Ausdruck verleihen möchte. Es ist ein verzweifelter Versuch, mit dem edlen und riesigen Fuchswallach "Call me crazy" die Liebe seiner Tochter zurückzugewinnen, und anfangs scheint diese traurige Rechnung sogar aufzugehen. Auch um Julies Willen, um die junge Frau, die tapfer den Verlust der Mutter erträgt und ihr Leben schon sehr selbstständig meistert, fühlt man sich zerrissen zwischen dem Wunsch, die beiden mögen wieder zusammenfinden, und der Abneigung gegen Charles, der für seine Tochter das Leben einer alten Frau opferte.

Dass man Charles einerseits für den Mord verabscheut und andererseits hin und wieder in Versuchung gerät, ihn wegen seines Schicksals zu bedauern, bildet einen interessanten Spannungspunkt, der den Leser fesselt - obwohl es keiner der konventionellen Krimis ist, bei denen man den Mörder erraten muss. Dennoch bleiben genug Faktoren übrig, die bis zum Schluss ungewiss sind. Man fragt sich, ob Charles von Kommissar Sejer gefasst werden wird oder sich womöglich stellt, ob seine Tochter, bei der der plötzliche Geldsegen natürlich Misstrauen erweckt, hinter die schreckliche Tat kommt oder ob Charles sogar zusammenbricht und aus Verzweiflung Selbstmord begeht - denn seine verständliche Sorge vor Entdeckung wandelt sich nach und nach in eine ausgewachsene Paranoia. Plötzlich fürchtet Charles an jeder Ecke, entlarvt zu werden. Irgendjemand könnte ihn wider Erwarten beobachtet haben, sein Aussehen ist vielleicht doch nicht so unauffällig und durchschnittlich, wie er glaubt, der Verursacher des Autounfalls könnte ihn identifizieren, nachdem bekannt wurde, dass ganz in der Nähe kurz zuvor ein Mord verübt wurde. Sein sorgfältig ausgearbeiteter Plan bricht in sich zusammen, kleine Patzer und Risiken häufen sich. Charles' Leben ist eine einzige Lüge, die Belastung hinterlässt schließlich auch körperliche Spuren. Karin Fossum zeichnet das gelungene Porträt eines Mörders, der sich selbst vor allem als Opfer widriger Umstände sieht, und schafft dadurch eine unkonventionelle Krimi-Basis.

Kleine Schwächen

Im Gegensatz zu anderen Werken der Autorin taucht der ermittelnde Kommissar Sejer hier nur am Rande auf. Wer die Reihe also vorwiegend wegen seiner Person verfolgt, wird in diesem Band sicher zunächst leicht enttäuscht werden. Bis auf ein paar wenige Begegnungen mit dem Kommissar lebt der Roman allein durch die Präsenz von Charles. Das ist schade, da Konrad Sejer ein sehr sympathischer und interessanter Ermittler ist. Andere Romane der Reihe gewähren Einblick in sein Gefühlsleben, das vor allem von Einsamkeit geprägt ist nach dem Krebstod seiner Frau, ohne dabei die Krimihandlung zu verdrängen.

Gewöhnungsbedürftig ist auch der Stil des Buches. Karin Fossum neigt grundsätzlich zu einem parataktischen Stil, es dominieren die Hauptsätze, die sich oft anstelle eines Nebensatzes aneinanderreihen. Dies passt natürlich ideal zu den inneren Monologen von Charles, zu seinen sprunghaften Gedanken, die mit vielen Assoziationen durchsetzt sind - aber diese Hektik verleiht dem Text nicht nur Authentizität, sondern macht ihn auch ein wenig schwerer lesbar.

Fazit:

Ein interessanter Krimi aus der Kommissar-Sejer-Reihe, in der man intensiv an der Psyche des Mörders teilnimmt. Obwohl der Täter dem Leser von Beginn an bekannt ist, kommt Spannung auf. Nur der hektische Stil ist gewöhnungsbedürftig sowie die Tatsache, dass Kommissar Sejer deutlich weniger Auftritte in der Handlung hat als gewohnt.