1. Juli 2012

Das Gesicht des Fremden - Anne Perry

Produktinfos:

Ausgabe: 1991
Seiten: 352
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Die Autorin:

Anne Perry wurde 1938 als Juliet Hume in London geboren. 1954 beging sie gemeinsam mit ihrer besten Freundin einen Verzweiflungsmord an deren Mutter, der ihnen eine mehrjährige Haftstrafe einbrachte. Der Fall wurde als "Heavenly Creatures" verfilmt. Nach ihrer Entlassung nahm Perry ihren heutigen Namen an und begann in den sechziger Jahren zu schreiben. 1979 veröffentlichte sie mit "The Cater Street Hangman" ihren ersten Roman. Seither hat sie Dutzende von Büchern in mehreren Reihen herausgebracht. Am bekanntesten sind ihre Inspektor Pitt- und Inspektor-Monk-Romane, die jeweils im viktorianischen London spielen.

Inhalt:

London, Mitte des 19. Jahrhunderts: William Monk erwacht nach einem Kutschunfall im Krankenhaus ohne jede Erinnerung an sein früheres Leben. Verblüfft erfährt er, dass er Polizeiinspektor ist und lässt sich seine Amnesie nicht anmerken. Auch in den Wochen nach dem Unfall kommen seine Erinnerungen wer er ist und was er bisher erlebt hat nicht wieder.

Sobald er körperlich wieder gesund ist, wird er auf einen brisanten Fall angesetzt. Der allseits beliebte und angesehene Veteran Major Jocelin Grey wird erschlagen in seiner Wohnung aufgefunden. Weder Geld noch Wertgegenstände fehlen, alles deutet auf ein persönliches Motiv hin. Monk ermittelt in Greys adliger Familie, ohne recht vorwärts zu kommen.

Ihm zur Seite steht der junge Ermittler Evan, aber ansonsten scheint Monk keine Freunde zu haben. Vor allem sein Vorgesetzter Runcorn scheint ihn aus unbekannten Gründen zu hassen. Immer schwieriger wird es für Monk, seine Amnesie zu verbergen und sinnvolle Ermittlungen durchzuführen. Jede falsche Verdächtigung in Greys adligen Kreisen könnte seinen Ruin bedeuten. Eine Hilfe ist aber die resolute Krankenschwester Hester Latterly, die gerade vom Krimkrieg heimgekehrt ist ...

Bewertung:


Anne Perry kennt sich aus mit viktorianischen Krimis, bekannt ist sie schließlich vor allem für ihre Inspektor-Pitt-Reihe, in der er zusammen mit seiner Frau Charlotte ermittelt. "Das Gesicht des Fremden" ist der erste Teil der William-Monk-Reihe, in der alles ein bisschen düsterer zugeht. Das London des 19. Jahrhunderts ist ein wunderbares Setting für Kriminalfälle. Die Autorin versteht es, eine eindringliche Atmosphäre zu kreieren. Sie entführt den Leser wohl in die vornehmen Salons der höheren Gesellschaft als auch in die dreckigen, gefährlichen Gassen, in der sich die Unterwelt herumtreibt. Ohne plakativ zu werden, zeigt sie die teils elenden Umstände der armen Bewohner Londons, ebenso wie die ungeschönten Schilderungen von Kriegsszenen.

Der Fall an sich ist solide und recht spannend mit einigen verdächtigen Personen. Zunächst erscheint es rätselhaft, warum der beliebte Major Grey so grausam und offenbar gezielt ermordet wurde, denn immer wieder betonen seine Mitmenschen seine leutselige, charmante Art. Dann aber kristallisieren sich langsam aber sicher mögliche Motive heraus: Mit seiner Schwägerin Rosemary war er eine Weile verbandelt, ehe sie seinen Bruder heiraten musste, ihr Kind soll ihm allerdings auffallend ähnlich sehen. Seine Mutter, Lady Fabia, vergöttert ihn auch nach seinem Tod noch und auch wenn sie ihre beiden anderen Söhne liebt, ist offensichtlich, dass sie ihm nie das Wasser reichen konnten. Monk ahnt, dass der Täter in Greys Familie zu finden sein könnte, aber die Ermittlungen sind heikel, denn eine falsche Verhaftung wäre in diesen Kreisen eine Katastrophe. Eine weitere Spur führt in Greys Geschäftskreise,. denn er gab stets deutlich mehr Geld aus als er durch seine häusliche Unterstützung gehabt haben dürfte. Der Mörder ist nicht leicht zu erraten, auch wenn nicht zu viele Personen in Betracht kommen und man vielleicht schon etwas eher als geplant die Hintergründe durchschaut.

Das eigentlich Gelungene an dem Fall ist aber mit Sicherheit Monks geheimnisvoller Charakter. Der Leser rätselt gemeinsam mit ihm, was in seiner Vergangenheit alles geschehen ist. Für Spannung ist durchgehend gesorgt, da Monk immer wieder Gefahr läuft, sich zu verraten und seinen Gedächtnisverlust zu offenbaren, der ihn wohl in den Ruin stürzen würde. Ganz selten blitzen mal Erinnerungen bei Monk auf, die mal für Erleichterung und mal für Entsetzen sorgen. Interessant ist an seiner Figur vor allem, dass man zwar mit ihm fühlt und ihn grundsätzlich sympathisch findet, man aber immer vorsichtig dabei ist, da man zu wenig über ihn weiß. William Monk ist eine gelungene und vor allem originelle Hauptfigur, die zu entdecken Spaß macht. Etwa nach einem Drittel der Handlung kommt Hester Latterly ins Spiel. Für ihre Zeit ist Hester eine ungewöhnlich emanzipierte Frau, die große Dienste auf den Schauplätzen des Krimkrieges geleistet hat. Im Gegensatz zu vielen anderen Frauen spricht sie ihre Gedanken meist offen aus und geht damit oft das Risiko ein, jemanden vor den Kopf zu stoßen oder sich unbeliebt zu machen. Sie und Monk sind sich anfangs überhaupt nicht grün, was sich erst allmählich etwas ändert und zumindest in diesem Band noch nicht zu einer engen Freundschaft oder Beziehung führt, aber gerade diese langsame Entwicklung ist reizvoll zu verfolgen. Reizvolle Nebenfiguren sind auch Hesters Schwägerin Imogen, zu der sich Monk unerklärlich hingezogen führt sowie die ältliche, sehr direkte Lady Callandra mit ihrem Sinn für Humor.

Schwächen gibt es in diesem Band wenige. Allerdings geht der Kriminalfall in Monks Grübeleien über die eigene Identität manchmal fast ein wenig unter und ist phasenweise nur Nebenschauplatz. Zudem beantwortet das Ende nicht alle Fragen. Vor allem bezüglich Monks Vergangenheit, seinen Unfall und seine Herkunft darf man keine detaillierten Erkenntnisse erwarten; obwohl der Band durchaus für sich allein steht, wird man fast gezwungen auch die Nachfolger zu lesen, denn zu sehr werden hier die weiteren Ereignisse bloß angerissen.

Fazit:


Ein historisch interessanter Krimi aus dem viktorianischen London mit einer reizvollen Hauptfigur. Der Krimiteil hat seine Längen und ist nicht besonders spektakulär, aber Charaktere und Atmosphäre gleichen das wieder aus.

Mädchenfänger - Jiliane Hoffman

Produktinfos:

Ausgabe: 2010
Seiten: 459
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Die Autorin:

Jiliane Hoffman, Jahrgang 1967, arbeitete vor ihrer Karriere als Autorin als stellvertretende Staatsanwältin in Florida. 2004 gelang ihr gleich mit ihrem Debütroman "Cupido" der internationale Durchbruch. Mit "Morpheus" folgte eine Fortsetzung und mit "Vater unser" ein weiterer Thriller, der nicht zu dieser Reihe gehört.

Inhalt:

Die dreizehnjährige Elaine, genannt Lainey, fühlt sich von ihrem kleinen Bruder genervt, von ihrer Mutter unverstanden und dem Stiefvater geht sie erst recht aus dem Weg. Seit ihrem Umzug und der neuen Schule hat sie auch kaum noch Kontakt zu ihren alten Freundinnen. In ihrer Einsamkeit flüchtet sie sich ins Internet. Eines Nachmittags gibt sie vor, sich mit einer Freundin treffen zu wollen - und kehrt nicht mehr zurück.

Für die Polizei deutet zunächst alles auf eine gewöhnliche Ausreißerin hin. Special Agent Bobby Dees aber bleibt misstrauisch, nicht zuletzt auch, weil seine eigene Tochter Katy vor einem Jahr spurlos verschwand. Sie untersuchen Laineys Computer und stoßen auf ihren MySpace-Freund Zack - Kapitän seiner Football-Mannschaft, athletischer Körper, umwerfendes Lächeln. Am Tag ihres Verschwindens wollten sich die beiden zum ersten Mal treffen. Der echte Zack allerdings hat ein Alibi und kennt Lainy überhaupt nicht.

Dann geht ein anonymer Brief ein, der die Ermittler zur Leiche eines jungen Mädchens führt. Es ist nicht Lainy, aber eine der vielen angeblichen Ausreißerinnen, die in den letzten Monaten verschwunden sind. Offenbar ist ein Serientäter am Werk, der sich im Internet als attraktiver Teenager Zack getarnt seine Opfer unter jungen Mädchen sucht. Die Zeit drängt, für Lainy und womöglich noch für andere Mädchen ...

Bewertung:

Romane über Mädchenmörder verlieren nie an Brisanz und Nachfrage, egal wie viele es davon schon gibt. Jiliane Hoffman greift in ihrem Werk auf bewährte Zutaten zurück: Verschwundene Mädchen, falsche Identitäten, Internetflirts, ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Täter und Ermittlern. Abwechselnd verfolgt der Leser das Schicksal der entführten Lainey und die Polizeiarbeit.

Im Zentrum steht dabei der Ermittler Bobby Des, der besonders stark in die Geschichte involviert ist - seine Tochter Katy ist genauso vermisst, ohne dass man je beweisen konnte, dass sie entführt wurde. Bobby kämpft nicht nur darum, Lainey wiederzufinden, sondern will damit auch gutmachen, was er bei seiner Tochter vielleicht versäumte - Lainey soll stellvertretend für sie wieder nach Hause kommen und die Chance erhalten, ihre familiären Probleme zu klären. Bobbys Ehe steht auf Messers Schneide, zum einen wegen der verschwundenen Tochter und den Vorwürfen, die sich beide Partner selbst machen und zum anderen wegen seines unermüdlichen Einsatzes. Der Beziehungsteil wird aber glücklicherweise nicht zu stark fokussiert und stört die Thrillerhandlung nicht. Bobby Dees ist sympathisch, nicht zu heldenhaft und als zentrale Figur gut geeignet, jemand, dem man gerne Erfolg wünscht und mit dem man instinktiv hofft, dass es gute Nachrichten zu seiner vermissten Tochter gibt.

Immer wieder kehrt die Handlung zu Lainey in ihrem Verlies zurück. Der Leser erlebt eindrücklich ihre Ängste und fühlt sich mit dem Mädchen verbunden. Der Täter wiederum geht ausgesprochen perfide vor, er kommuniziert mit der Polizei mittels grausamer Gemälde, auf denen seine Opfer zu sehen sind. Die Räumlichkeiten geben Hinweise auf den Ort frei, sodass die toten Opfer wenig später gefunden werden. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, denn eine ganze Reihe von Mädchen, die den Opfern ähneln, sind in den letzten Monaten verschwunden - und möglicherweise keine Ausreißerinnen, sondern in seinen Händen. Besonders grausig ist seine Methode, den Mädchen die Augen zu entfernen - nicht post mortem. Seine Identität bleibt auch dem Leser lange Zeit geheim. Er ist aber letztlich kein ganz Unbekannter und einige Details fügen sich damit recht gut zusammen. Längen gibt in in diesem Thriller keine, für Abwechslung und dramatische Wendungen ist gesorgt.

Trotzdem ist das Werk nicht frei von Schwächen. Da ist zum einen die recht blasse Gestalt des Täters. Er geht zwar sehr geschickt und klug vor, aber er ist weit von markanten Serienmörder-Gestalten wie einem Hannibal Lecter entfernt. Das große Finale ist ein bisschen zu konstruiert, es scheint, als wolle die Autorin unbedingt so viele Überraschungen wie möglich unterbringen. Auf den letzten Seiten wird zudem noch ein großer Zufall eingebaut, der auch einen zu gewollten Beigeschmack trägt. Es ist alles in allem ein solider, lesenswerter Serienmörder-Thriller, der sich aber nicht sonderlich von zahlreichen anderen Büchern dieser Art abhebt. Originelle Zutaten vermisst man hier, aber zur Unterhaltung reicht es.

Fazit:


Ein ordentlicher Thriller über einen Mädchenmörder, der sich leicht und schnell lesen lässt. Die Hauptcharaktere sind ganz gut gelungen, wenngleich es auch Schwächen gibt, vor allem was die Figur des Mörders und ein paar konstruierte Szenen am Ende betrifft. Für Thrillerfans eine solide Lektüre.

Der Professor - John Katzenbach

Produktinfos:

Ausgabe: 2010
Seiten: 555
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Der Autor:

John Katzenbach arbeitete vor seiner Schriftsteller-Karriere als Gerichtsreporter für die "Miami News" und den "Miami Herald". Bereits sein Debütroman von 1982, "In the heat of the summer", wurde mit der Nominierung des Edgar Awards bedacht. Es folgten weitere Bestseller, u.a. "Die Rache", "Die Anstalt", "Der Patient" und "Das Opfer".

Inhalt:

Der verwitwete, pensionierte Psychologie-Professor Adrian Thomas erhält eine niederschmetternde Diagnose: Lewy-Körper-Demenz, eine unheilbare Krankheit, die nach und nach seinen Geist verwirren und schließlich zum Tode führen wird. Kurz nach der Diagnose denkt Adrian an Selbstmord, schließelich sind auch seine Frau Cassie, sein Sohn und sein Bruder bereits tot.

Auf dem abendlichem Heimweh macht er aber eine brisante Beobachtung: Ein Lieferwagen mit einem Pärchen als Insassen hält neben einem jungen Mädchen, kurz darauf sind Mädchen und Wagen verschwunden. Adrian findet aber die Baseballkappe mit dem Namen "Jennifer". Er ist nicht sicher, ob er seiner Beobachtung trauen kann, will aber nichts unversucht lassen, dem Mädchen zu helfen. Tatsächlich findet er Jennifers Mutter, die in großer Sorge um ihre sechzehnjährige Tochter ist.

Detective Terri Collins untersucht den Fall. Da Jennifer als Ausreißerin bekannt und der zerstreut wirkende Adrian kein sehr zuverlässiger Zeuge ist, gehen die Untersuchungen nur langsam voran. Terri ist unschlüssig, ob Jennifer wirklich entführt wurde. Adrian wiederum fühlt sich gezwungen, das Schicksal des Mädchens aufzuklären, im Wettkampf gegen das Vergessen. Wo wird Jennifer gefangen gehalten - und was wird mit ihr gemacht ...?

Bewertung:

Demenzerkrankter pensionierter Professor sucht entführte Teenagerin - eine ungewöhnliche Kombination für einen Psychothriller, die aber von einigen Kleinigkeiten abgesehen gut funktioniert. Mit Adrian Thomas ist Katzenbach eine sympathische und einfühlsame Hauptfigur geglückt, die den Leser rasch für sich einnimmt. Sein Schicksal wird nicht zu kitschig umgesetzt und Adrian badet nicht in Selbstmitleid, trotz seiner tödlich verlaufenden Krankheit. Sein Schwanken zwischen Selbstmordabsichten und dem Drängen, Jennifer zu retten, wird überzeugend dargestellt, bis es sich zu einer Art Besessenheit entwickelt, ein nachvollziehbares letztes Anliegen, das er erledigen muss. Ihm zur Seite steht zwar Detective Terri Collins, die aber ist nicht ganz sicher, was sie von dem etwas verschrobenen alten Mann zu halten hat. Adrian verheimlicht seine Demenzkrankheit und verärgert die Kriminalbeamtin durch einige eigenmächtige Aktionen. Terri, die Jennifer bereits von einem früheren Ausreißversuch her kennt, hält es einerseits für möglich, dass das Mädchen wirklich entführt wurde - aber mit den mageren Beweisen sind ihr die Hände gebunden. Es ist gut dargestellt, wie sie sich erst zögernd auf die Entführungsmöglichkeit einlässt; keine perfekte Superpolizistin, dafür umso realistischer handelnd.

Rund die Hälfte der Handlung konzentriert sich auf Jennifers Schicksal. Das Pärchen Michael und Linda hat sie gefangen, damit sie als "Nummer 4" als "Star" wider Willen auf deren Webseite Whatcomesnext.com agiert - ein spartanischer Kellerraum, in dem das Mädchen mit Augenbinde und angekettet ihren Peinigern ausgeliefert ist, ohne zu ahnen, dass eine Kamera ihr neues Leben in alle Welt auf die Computer zahlungswilliger Konsumenten ausstrahlt. Wer sich hier in das gut abgesicherte System einloggt, erlebt eine Realityshow, die selbst die voyeuristischsten und perversesten Gemüter befriedigt. An Flucht ist für Jennifer nicht zu denken und wenn das Publikum das Interesse an ihr verlieren sollte, wird sie ausgelöscht und durch Nummer 5 ersetzt werden. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit und der Leser erlebt hautnah mit, wie Jennifer immer neuen Demütigungen und Hoffnungen ausgesetzt wird, um sie in ein Wechselbad der Gefühle zu stürzen.

Etwas zwiespältig sind Adrians ausufernde Halluzinationen, in denen ihm die wichtigsten Personen seines Lebens, alle bereits verstorben, zur Seite stehen: Abwechselnd tauchen seine Frau Cassie, sein jüngerer Bruder Brian und sein Sohn Tommy auf; Brian, der Vietnamheld, der sich erschoss ohne Erklärungen zu hinterlassen und Tommy, der Kriegsfotograf, der bei seiner Arbeit ums Leben nahm. Sie alle geben Adrian Ratschläge, helfen ihm, seinen Geist beisammen zu halten und sich auf das Wichtigste zu konzentrieren, mit kleinen Abschweifungen, in denen sie mit ihm über die Vergangenheit reden. Es ist rührend zu lesen, wie Adrian so noch einmal mit seinen Liebsten in Kontakt kommt, mögen es auch Halluzinationen sein, teilweise aber auch ein bisschen zu dominant. In den Momenten, in denen Adrians Angehörige auftauchen, vergisst man teilweise fast, dass es sich um einen Thriller handelt, von einer wirklichen Schwäche kann man dabei aber nicht sprechen - es gibt hier weniger Längen als in seinen Werken wie "Die Anstalt" oder "Das Rätsel". Dafür ist das Finale ein bisschen zu aufgesetzt, nachdem eher ruhigen Verlauf wird es hier spektakulär und nicht besonders realistisch, zu sehr wird auf Action gesetzt. Zudem fällt das Ende ein bisschen zu knapp aus, zwischen dem recht abrupten Schluss und dem Epilog liegen ein paar Jahre, sodass ein paar kleine Fragen offen bleiben - nichts Zentrales, aber dennoch schade.

Fazit:

Ein spannender Psychothriller mit einer ungewöhnlichen Konstellation, der auch durch den sympathischen Protagonisten überzeugt. Die Handlung ist weitgehend ohne Längen und fesselnd, aber das Ende hätte noch besser gestaltet werden können. Insgesamt auf alle Fälle lesenswert für Thrillerfans, die auch zwischendrin mal ruhigere Töne mögen.

Der Weihnachtsmann ist da - Clement Clarke Moore


Produktinfos:

Ausgabe: 1984
Seiten: 24
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Der Autor:

Clement Clarke Moore, 1779-1863, gilt allgemein als Autor des Gedichtes, das 1823 zunächst anonym erschien. Moore gab sich später als Autor zu erkennen und es wurde 1844 in seine Werkesammlung aufgenommen. Einige Literaturforscher sehen aber eher in Henry Livingston Jr. (1748-1828) den Autor. Jahrzehnte nach der ersten Veröffentlichung und nachdem Moore bereits als Autor genannt wurde, erinnerten sich Livingstons Kinder, ihr Vater habe ihnen das Gedicht bereits 1807 vorgelesen. Die Urheberschaft konnte bis heute nicht zweifelsfrei geklärt werden.

Inhalt:

'Twas the night before Christmas, when all through the house
Not a creature was stirring, not even a mouse;
The stockings were hung by the chimney with care,
In hopes that St. Nicholas soon would be there;

Es ist die Nacht vor Weihnachten, in einem amerikanischen Städtchen. Die Stadt liegt verschneit und ruhig da, überall herrscht Stille. Die ganze Familie liegt schon friedlich im Bett und am Kamin hängen die Strümpfe, die der Weihnachtsmann füllen kann. Kurz vor dem Einschlafen erwacht der Vater, da er ein Klappern vor dem Haus hört. Er läuft zum Fenster und erblickt am Himmel den Weihnachtsmann. Mitten im hellen Mondschein fliegt der Schlitten durch die Nacht, gezogen von acht Rentieren. Wenig später kommt der Weihnachtsmann zum Schornstein herein. Bei sich hat er einen großen Sack mit Geschenken ...

Bewertung:

Das mehrheitlich Clement Clarke Moore zugeschriebene "The Night before Christmas" (oder auch "A Visit from St. Nicholas") gehört in Amerika zu den populärsten Gedichten überhaupt, wiewohl es hier in Deutschland nicht ganz so bekannt ist.

Hinter den Versen verbirgt sich aber nicht nur eine hübsche kleine Geschichte, sondern auch die Entstehung der Figur des Weihnachtsmannes wie wir ihn kennen. Mitte des 19. Jahrhunderts formte sich das Bild vom rundlichen Gesellen mit weißem Rauschebart, dessen Schlitten von fliegenden Rentieren gezogen wird. Hier tauchen auch erstmals die Namen der acht Tiere auf, als da sind Dasher, Dancer, Prancer, Vixen, Comet, Cupid, Donner und Blitzen - oder, wie sie in dieser Übersetzung heißen: Feuerhuf, Traber, Blitz, Fidibus, Zuckermaul, Silberpfeil, Troll und Pfiffikus.

In nur wenigen Zeilen gelingt es dem Autor, den Zauber der Weihnachtsnacht wunderbar darzustellen: Das ruhige Haus, in dem selbst Katze und Maus bereits schlafen, die weiße Winterlandlandschaft der Stadt, das geheimnisvolle Klappern aus der Luft, das immer lauter wird und schließlich die herrliche Erscheinung am Himmel mit einem fröhlichen Weihnachtsmann, der Geschenke bringt und allen im Land ein schönes Fest wünscht. Außergewöhnlich ist auch, dass der Ich-Erzähler, der als Einziger in dem Gedicht den Weihnachtsmann sieht, kein Kind, sondern der Familienvater ist - das zeigt, dass der Weihnachtsmann nicht nur für die Kinder da ist und sich auch manch Erwachsener nicht seinem Zauber entziehen kann.

Es gibt natürlich zahlreiche Ausgaben dieses Gedichtes, auch mit unterschiedlichen Titeln, aber diese Ausgabe ist vor allem dank der sehr schönen Zeichnungen äußerst gelungen. Jedes der zwölf Bilder, die sich fast alle über zwei Seiten erstrecken, strahlt unheimlich viel Liebe zum Detail aus. Das erste Bild, noch vor Beginn des Gedichtes, zeigt einen Stadtüberblick. Überall liegt Schnee, die hübschen Häuser stehen meist frei und haben eine Veranda, auf den Straßen sind einige Menschen zu sehen, die z.B. einen Schlitten ziehen und auch ein Schneemann steht am Wegesrand.

Das zweite Bild zeigt den Blick vom Fenster nach draußen. Vor dem Fenster kauert sich eine schwarze Katze zusammen und auf dem Brett sieht man allerlei nostalgische Utensilien wie einen Zinnsoldat, eine Pfeife und Mistelzweige. Bild Nummer drei zeigt einen Querschnitt des Hauses, sodass man in die Räume blicken kann. Man sieht gemütliche Stuben, weihnachtlich dekoriert und alle Bewohner liegen schlafend in den Betten. Das nächste Bild zeigt das Wohnzimmer mit dem herrlich geschmückten Baum, dem schlafenden Hund, dem erloschenen Kamin mit den Strümpfen davor und vielen Einrichtungsdetails wie eine hübsche Standuhr, Bildern an den Wänden, eine Puppe im Sessel. Auf dem fünften Bild ist das Kinderzimmer zu sehen mit vier schlafenden Kindern. Das Zimmer ist, schön authentisch, ein bisschen unordentlich. Bild Nummer sechs zeigt das Elternschlafzimmer. Die Mutter schläft, der Vater schaut mit müdem Blick zum Fenster, in das der Vollmond scheint.

Auf dem siebten Bild steht der Vater, noch mit Nachtmütze auf dem Kopf, auf und blickt aus dem geöffneten Fenster in den Himmel. Das nächste Bild zeigt den Schlitten des Weihnachtsmannes, der über den Dächern schwebt. Auf dem folgenden Bild klettert der Weihnachtsmann durch den Kamin und landet schließlich im Wohnzimmer, den Sack auf dem Rücken. Niedliches Detail ist die schwarze Katze, die vor Schreck einen Buckel macht und der der nächtliche Besucher offenbar nicht ganz geheuer ist. Das Bild darauf zeigt das Titelbild - den sitzenden Weihnachtsmann, der dem Leser freundlich zuzwinkert, seine Pfeife raucht und neben sich einen Sack mit wunderbarem Spielzeug hat. Anschließend steckt er in jeden Strumpf einige Geschenke und Süßigkeiten, legt den Finger auf die Lippen, zwinkert dem Betrachter noch einmal zu und verschwindet wieder durch den Kamin. Auf dem vorletzten Bild steigt er wieder auf seinen Schlitten und das letzte Bild zeigt ihn schon in weiter Ferne, wie er über der Stadt schwebt und noch ein letztes Mal zurück winkt.

Neben der Handlung und den zauberhaften Bildern ist es für Kinder sicherlich auch ganz interessant, hier die amerikanischen Bräuche kennenzulernen, etwa dass man dort Weihnachten erst am 25. Dezember feiert statt wie bei uns gewöhnlich an Heiligabend, dass der Weihnachtsmann immer mit seinen Rentieren erscheint und auch, dass man Strümpfe an den Kamin hängt. Kritisieren kann man an diesem schönen Büchlein wenn überhaupt nur, dass in der Übersetzung natürlich einiges von der wunderbaren Sprachmelodie des Originals verloren geht.

Fazit:


Eine sehr schönes Weihnachtsbilderbuch für Kinder mit einem hübschen Gedicht und sehr liebevollen Zeichnungen. Das Buch eignet sich natürlich besonders für die Adventszeit, sowohl zum Vorlesen für Vorschulkinder als auch für Leseanfänger.

Die Legende der Wächter 1 (Die Entführung) - Kathryn Lasky

Produktinfos:

Ausgabe: 2010
Seiten: 288
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Die Autorin:

Kathryn Lasky, Jahrgang 1944 und aufgewachsen in Indianapolis, arbeitete zunächst als Lehrerin, bevor sie sich dem Schreiben widmete. Sie verfasste eine Reihe von Sachbüchern für Kinder, Bilderbüchern, "The Royal Diaries" und die fünfzehnbändige Eulen-Reihe, deren ersten drei Teile auf deutsch erschienen.

Inhalt:

Das kleine Schleiereulenmännchen Soren lebt mit seinen Eltern, dem älteren Bruder Kludd und der frisch geschlüpften Schwester Eglantine im Reich Tyto. Abgesehen davon, dass Bruder Kludd immer recht hinterhältig ist, fühlt sich Soren hier glücklich. Noch ist er flugunfähig, stark auf seine Eltern angewiesen und darf das Nest nicht verlassen.

Eines Nachts fällt er aus dem Nest, während die Eltern ausgeflogen sind. Ehe er gerettet wird, greift ihn eine riesige Eule und bringt ihn weit fort, ins Eulenwaisenhaus Sankt Ägolius. Hier trifft Soren zahlreiche andere Eulenkinder, die wie er entführt wurden. Den kleinen Eulen stehen harte Arbeit und eine Ausbildung zu düsteren Zwecken bevor: Sie sollen willenlos gemacht werden, um sich dem Regime kampflos unterzuordnen.

Soren und seine neue Freundin, die Elfenkäuzin Gylfie, wollen aber nicht aufgeben. Gemeinsam gelingt es ihnen, sich der Kraft der wirr machenden Mondstrahlen zu unterziehen und sich einen wachen Geist zu bewahren. Auch die Legenden über die Eulenritter vom Königreich Ga'Hoole, die sie von ihren Eltern kennen, machen ihnen Mut. Sie hoffen auf eine günstige Gelegenheit, um zu fliehen ...

Bewertung:

Eulen als Hauptfiguren in einer Fantasyreihe - warum nicht, wenn die Helden so liebenswerte Charaktere wie Soren und Gylfie sind. Der erste Band der Reihe, die es mittlerweile auch auf die Kinoleinwand geschafft hat, versteht es, kleine und große Leser ab etwa zehn Jahren zu verzaubern und sich von dem Abenteuer der kleinen Eulen fesseln zu lassen.

Protagonist Soren ist wenige Wochen alt, als er entführt wird und in ein spektakuläres Schicksal getaucht wird. Der winzige Schleiereulerich mausert sich in den nächsten Wochen und Monaten zu einem tapferen Eulenkind, das nichts unversucht lässt, um sich dem Regime zu entziehen. Zusammen mit der ein wenig älteren, aber dafür kleineren Elfenkäuzin Gylfie bildet er ein mutiges Gespann, dem man als Leser gerne das Beste wünscht. Soren ist vor allem zu Anfang ein bisschen naiv, sehr gutgläubig, etwas schüchtern und neigt dazu, leicht zu verzagen. Dagegen ist Gylfie ein energisches Eulenmädchen, das wilde Entschlossenheit zeigt und gerne die Führung übernimmt. Die beiden ergänzen sich gut und jeder für sich ist heilfroh, wenigstens einen Verbündeten gefunden zu haben. Weitere gelungene Charaktere sind das emsige Fleckenkauzmädchen Hortense, das die beiden Freunde zunächst nicht recht einschätzen können, die liebevolle Blindschlange Mrs. Plithiver, die bei Sorens Familie als Nesthälterin für Sauberkeit sorgte, der undurchschaubare Aufseher Grimbel, der möglicherweise auf ihrer Seite sein könnte und später noch der draufgängerische Bartkauz Morgengrau.

Auch wenn hier niedliche Eulenkinder die Hauptrolle spielen, ist der Roman keineswegs ein harmloses Märchen. Die Handlung entpuppt sich als wechselhaftes Fantasy-Abenteuer, in dem Gut und Böse einen heftigen Kampf ausfechten. Einige liebgewonnene Charaktere müssen im Laufe der Geschichte ihr Leben lassen was bereits zeigt, dass man hier mit vielem rechnen muss, auch wenn sich natürlich alle Schilderungen im kindgerechten Rahmen bewegen. Das Eulenwaisenhaus Sankt Ägolius sammelte hunderte von vermeintlichen Waisenkindern, die zu willenlosen Sklaven herangezogen werden sollen. Die Strahlen des Mondes, das Ansprechen mit einer Nummer statt mit Namen und stundenlange Märsche sollen sie "mondwirr" machen und ihren Verstand brechen, jegliche Fragen sind verboten und werden hart bestraft und vor den ersten Flugversuchen sorgen Fledermäuse dafür, dass die Kleinen dank Blutarmut zu schwach sind, um einen solchen Kraftakt zu vollbringen. Soren und Gylfie finden heraus, dass der Gedanke an die Legenden von Ga'Hoole und dem Eulenbund Glaux sie davon abhalten, mondwirr zu werden und sie geistig wach halten. Gegenüber den Aufseher müssen sie sich rund um die Uhr wie all die anderen Eulenkind verhalten, die mechanisch sprechen, Befehle ausführen ohne zu fragen und wie Schlafwandler durch die Gegend laufen. Insgeheim aber planen die beiden Rebellen ihre Flucht. Dafür müssen sie vor dem ersten Blutsaugen davonfliegen, denn danach werden sie zu schwach dafür sein. Immer wieder geraten sie in brenzlige Situationen und die Handlung bleibt bis zur letzten Seite spannend. Das düstere Waisenhaus, die dramatische Flucht und die langen Mondnächte verbreiten eine magische Atmosphäre und das Ende ist zwar gezwungenermaßen offen, da der zweite Teil direkt anschließt, aber ohne Cliffhanger, sodass man den ersten Teil des Abenteuers erst einmal sacken lassen kann - und sich auf den nächsten Band zu freuen, der die Legende um Ga'Hoole vertiefen wird.

Die Eulen werden in der Geschichte natürlich erheblich vermenschlicht, sowohl was Mimik als auch Gefühle betrifft. Trotzdem werden immer wieder Informationen über ihre Spezies eingeflochten. Kinder lernen beim Lesen ein wenig über die Aufzucht und das Heranwachsen von Eulenküken, über die verschiedenen Arten von Schleiereule über Raufußkauz bis hin zur Schneeeule, über ihr verschiedenes Aussehen oder die Nahrungsgewohnheiten. Das alles geschieht immer wie nebenbei, ohne dass man je das Gefühl hätte, belehrt zu werden, zeitweise ist es auch sehr lustig, wenn etwa von den ersten Stationen "Erste-Knochen", "Erstes Fleisch" und "Erstes-Fell" eines Kükens oder von typischen Eulenschimpfwörter wie "Waschbärkacke!" die Rede ist. Die Vermenschlichung wurde vielleicht an manchen Stellen übertrieben, etwas nervig ist außerdem die öfter auftauchende Formulierung "Bist du gaga?", die zu salopp für den restlichen Stil des Buches ist. Zudem ist es bei einer Figur etwas zu unlogisch, wie schnell Gylfie merkt, dass sie hier einen Verbündeten vor sich haben, ein paar mehr Hinweise wären schön gewesen, um es realistischer zu machen, dass sie es riskiert, denjenigen direkt anzusprechen. Davon abgesehen gibt es aber so gut wie nichts zu bemängeln. Sehr schön ist auch das Personenverzeichnis am Schluss, das die wichtigsten Charaktere nochmal aufführt.

Fazit:


Der spannendes und sehr unterhaltsame erste Teil einer Fantasy-Trilogie für Kinder ab etwa zehn Jahren. Eulen als Charaktere sind originell gewählt, der Leser erfährt einiges über ihre Lebensweise und die Handlung besticht durch Atmosphäre. Ein sehr lesenswertes Abenteuer für alle, die märchenhafte Gut-gegen-Böse-Geschichten im Stil von Harry Potter und Co. mögen.