21. September 2016

Die Feinde (Band 1) - Charlie Higson

Produktinfos:

Ausgabe: 2014 bei Heyne
Seiten: 480
Buchhandel.de
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Der Autor:

Charlie Higson, Jahrgang 1958 (England), ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Schauspieler und Sänger. Bekannt wurde er vor allem durch seine "Young Bond"-Romane, die Geschichten über den jugendlichen James Bond erzählen.

Inhalt:

Ohne Vorwarnung wird London von einer Epidemie befallen, die nur Erwachsene betrifft. Die Infektion verwandelt die Menschen in blutrünstige Bestien, die Jagd auf die Kinder machen. Viele sterben, doch einigen gelingt es, sich in Gebäuden zu verstecken und zu verbarrikadieren.

Eine Gruppe von Kindern hat sich in einem Kaufhaus verschanzt. Regelmäßig beschaffen Suchtrupps neue Nahrungsmitteln. Mit der Zeit jedoch wird es immer schwieriger, in der Umgebung Lebensmittel zu finden; zudem gibt es bei den Kämpfen gegen die Erwachsenen immer wieder Opfer.

Eines Tages trifft ein Junge ein, der ihnen von einer sicheren Zuflucht erzählt - dem Buckingham Palast. Er und viele andere Kinder haben sich dort eingerichtet und suchen neue Gruppenmitglieder. Das klingt verlockend, aber der Weg quer durch London ist äußerst gefährlich ...

Bewertung:

Charlie Higsons Auftakt seiner Feinde-Reihe ist eine leichte Variation des üblichen Zombieschemas: Die "Zombies" sind hier keine zum Leben erwachten Toten, sondern kranke Menschen, die zudem älter als vierzehn Jahre sind. Bisse der Infizierten führen oft zum Tod, lösen aber keine Verwandlung aus. Die Protagonisten sind ausnahmslos Kinder, was für einen Horrorroman eine interessante Abwechslung darstellt. Das Szenario erinnert an Williams Goldings "Herr der Fliegen", so sich Kinder allein auf einer Insel durchschlagen müssen, oder auch an Michael Grants "Gone"-Reihe, in der plötzlich alle Menschen über fünfzehn Jahren verschwinden. Harmlos und brav wird der Inhalt durch die Fokussierung auf Kinder gewiss nicht, im Handlungsverlauf müssen einige der Gruppenmitglieder ihr Leben lassen.

Die Geschichte, die ja freilich nur den Anfang einer insgesamt siebenteiligen Reihe erzählt, ist grundsätzlich spannend. Für Kinder ist es ungleich schwerer, in einer postapokalyptischen Welt zu überleben, als für erwachsene Protagonisten - die jüngsten unter ihnen können nur wenig Nützliches beitragen, allen Kindern fehlen technische und medizinische Experten, die das Überleben erleichtern würden. Dennoch schlagen sie sich beachtlich, werden nach und nach immer härter und abgebrühter. Ungefähr nach dem ersten Drittel bestimmt der Aufbruch zum Buckingham Palast das Geschehen. Die Kaufhausgruppe ist sich uneins darüber, ob dieser riskante Weg wirklich angebracht ist. Nicht nur, dass sie einige Kilometer unsicheres Terrain zu Fuß durchqueren müssen, sie wissen auch nicht, ob und inwieweit sie dort überhaupt willkommen geheißen werden und ob es dort tatsächlich so sicher ist, wie der Junge mit der Patchwork-Jacke erzählt, der sie dorthin führen will. Spätestens an dieser Stelle wird offenkundig, dass nicht nur die Erwachsenen ein Problem in dieser Welt darstellen, sondern auch die Kinder - man weiß nicht, wem man noch trauen kann, und es bilden sich in wichtigen Fragen immer wieder mehrere Lager mit unterschiedlichen Ansichten, ganz zu schweigen von rivalisierenden Banden aus der gleichen Gegend, die die gleichen Ressourcen beanspruchen.

Der Roman wird ab zwölf Jahren empfohlen, wobei diese Grenze schon recht niedrig angesetzt ist. Es gibt zwar keine Splatterszenen, allgemein wird die Brutalität eher angedeutet als explizit dargestellt, aber die harte Thematik richtet sich eher an Jugendliche ab etwa vierzehn, fünfzehn Jahren. Auch erwachsene Leser, die ein Faible für Zombieromane und postapokalyptische Szenarien haben, werden bei "Die Feinde" solide unterhalten. Zu den Schwächen zählt eine gewisse Langatmigkeit, die sich zwischendrin bisweilen einstellt. Das liegt vor allem daran, dass es lange dauert, bis einem die Figuren ans Herz wachsen. Man kann zwar schnell die Namen und grundlegende Charakterzüge zuordnen, aber wirklich einprägsam ist keiner von ihnen. Todesfälle unter den Kindern lassen einen nicht kalt, doch es mangelt an markanten Protagonisten, die zum intensiven Mitfiebern einladen. Sicher gibt es reizvolle Figuren, wie etwa die toughe Maxie, die in die Rolle der Anführerin hineinwächst, oder Small Sam, der von der Gruppe getrennt wird. Doch es dauert auch bei diesen Charakteren, bis sie diesen Reiz erlangt haben.

Über den Ausbruch der Seuche und die erste Zeit danach erfährt man nur wenig. Die Handlung setzt einige Monate nach Ausbruch der Epidemie ein, sodass man die Kinder bereits recht abgeklärt erlebt; dabei wäre es sicherlich interessant gewesen, die Entwicklung mitzuerleben. Es ist nachvollziehbar, dass die Kinder aufgrund ihrer Lage älter wirken, als sie sind; allgemein verhalten sie sich aber etwas zu erwachsen, für Weinerlichkeit und Ängste ist nur sehr wenig Raum.

Dass am Ende einige offene Fragen bleiben, ist beim Auftakt einer Reihe kaum zu verhindern. Schade ist nur, dass bislang (Stand Herbst 2016) noch keine weiteren Bände auf Deutsch erschienen sind. Wer nicht auf unbestimmte Zeit mit den Fortsetzungen warten will, muss somit auf Englisch ausweichen.

Fazit:

"Die Feinde" von Charlie Higson bildet den soliden Auftakt einer auch für Jugendliche geeigneten Zombiereihe, die den Fokus auf Kinder legt. Die Handlung ist recht unterhaltsam und nicht zu blutig, macht auch durchaus neugierig auf die weiteren sechs Bände. Allerdings gibt es gerade, was die Charaktere angeht, noch Luft nach oben.

8. September 2016

Teufelstritt - Ursula Hahnenberg

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei Goldmann
Seiten: 319
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Die Autorin:

Ursula Hahnenberg, Jahrgang 1974, studierte zunächst Forstwissenschaften, ehe sie sich dem Schreiben widmete. Sie arbeitet heute als Lektorin und Autorin, der nächste Kriminalfall um die Försterin Julia Sommer ist bereits in Planung.

Inhalt:

Julia Sommer erhofft sich mit ihrem Berufsantritt als neue Försterin im Ebersberger Forst bei München einen Neuanfang. Es ist der Wald, den auch schon ihr Vater betreute, in dessen Fußstapfen sie nun treten will. Mit ihr leben hier ihr sechsjähriger Sohn Florian und ihre Großmutter, die sie nach dem frühen Unfalltod ihrer Eltern großgezogen hat. Doch Julias Chef Ludwig Voss entpuppt sich als schmieriger Macho, der sie belästigt.

Einen Tag nach einem besonders unangenehmen Zwischenfall hört Julia während der Jagd Schüsse im Wald - und findet die Leiche von Ludwig Voss. Schon bald gehen im Dorf Gerüchte um, dass sie die Mörderin sei. Auch für die Polizei gerät sie mehr und mehr in den Fokus, da sie Motiv und Gelegenheit hatte.

Je weiter die Ermittlungen voranschreiten, desto feindseliger reagieren die Dorfbewohner. Julia stellt auf eigene Faust Nachforschungen an und stößt dabei auf dunkle Geheimnisse der Vergangenheit, die schließlich auch den Tod ihrer eigenen Eltern betreffen ...

Bewertung:

Im fiktiven bayerischen Ort Grafenried bei München siedelt Ursula Hahnentritt ihr Romandebüt um die Försterin Julia Sommer an, für die bereits weitere Bände in Planung sind.

Der Kriminalfall vermischt sich nach und nach mit Julias dramatischer Familiengeschichte. Sie erfährt, dass Ludwig Voss mehr über den Tod ihrer Eltern wusste und dass auch andere Dorfbewohner darüber schweigen. Julia spürt die Abneigung der Grafenrieder, ihre einzige Freundin ist die stille Mesnerin Teresa, was sich nach dem Mord an Voss noch verstärkt. Es gibt eine Handvoll Verdächtiger, etwa Ludwig Voss' junge Geliebte und ihr zwielichtiger Begleiter, auch der Pfarrer, Voss' bester Freund, verhält sich auffällig, indem er Julia seinen Hass ihr gegenüber deutlich demonstriert. Die dörfliche Gemeinschaft, die über Jahrzehnte hinweg Geheimnisse bewahrt und Fremden gegenüber verschlossen bis ablehnend auftritt, bildet den passenden Rahmen für die Handlung. Die Sage vom Teufelstritt kennt man vor allem von der Frauenkirche in München, hier allerdings wird die Variante der Maria-Empfängnis-Kirche von Zullingen als Inspiration für die Grafenrieder Dorfkirche gewählt. Das dörfliche Flair, die Verschwiegenheit der Einwohner und die Waldlandschaft werden gut charakterisiert; der fiktive Ort selbst hätte noch etwas mehr ausschmückende Details vertragen.

Überzeugend dargestellt wird Julias Leidenschaft für ihren Beruf als Försterin. Hier kommt der Autorin zugute, dass sie selbst Forstwissenschaften studiert hat und dem Leser anschaulich den Berufsalltag vermitteln kann. Julia hat den Beruf zwar zunächst ergriffen, um so ihrem verstorbenen Vater nachzueifern, doch auch ihre Liebe zur Natur und zum Wald wird offenkundig. So ungewöhnlich der Beruf für eine junge Frau auch ist, man versteht Julias Faszination und ihren Wunsch, das Gleichgewicht der Natur zu erhalten. Dazu gehört auch die Jagd, die Julia betreiben muss, was für die zum Erhalt des Gleichgewichtes dazugehört. Während Julia zum Wohle der Tier- und Pflanzenwelt auf die Jagd geht, reist ihr Vorgesetzter Ludwig Voss gern auf Safaris, was ihn ihr nur noch unsympathischer macht. Erzählt wird die Handlung in einem flüssigen Stil, der zusätzlich zum nicht allzu dicken Umfang von gut dreihundert Seiten eine sehr schnelle Lektüre ermöglicht.

Der Roman offenbart allerdings auch ein paar Schwächen, die vor allem in der Hauptfigur begründet liegen. Für den Leser ist es alles andere als leicht, sich mit Julia zu solidarisieren, da ihr Verhalten immer wieder verwirrt und befremdet. Sie benimmt sich oft sehr naiv und trägt viel dazu bei, ihren Status als Hauptverdächtige noch zu bestätigen. Die Tatwaffe stammt aus Julias Besitz, was sie der Polizei erst mitteilt, als die Wahrheit unausweichlich ist. Als Julia anonyme (Mord-)Drohungen über Facebook erhält, löscht sie diese, anstatt die Polizei darüber zu informieren. Ein anderes Mal findet sie ein weiteres Mordopfer, berührt dieses und unterlässt es anschließend, die Polizei zu informieren - obwohl ihr klar sein müsste, dass man durch Untersuchungen auf sie stoßen kann.

Auch sonst verhält sich Julia gegenüber ihren Mitmenschen oft nicht gerade kooperativ. So verspätet sich ständig beim Kindergarten ihres Sohnes, wenn sie ihn hinbringt oder abholt, und nimmt dies kurz nach einer Ermahnung der Erzieherin erneut in Kauf, obwohl sie genau wissen müsste, dass sie Ärger provoziert. Als ihr Handy gestohlen wird, informiert sie den Vater ihres Sohnes nicht sogleich darüber. Der Dieb bombardiert ihn daraufhin mit Terroranrufen, die Julias Ex Markus ihr zuschreibt, da ihre verspätete Erklärung, ihr Handy sei gestohlen worden, wie eine Ausrede klingt. Ein anderes Mal rutscht ihr gegenüber einer Person ganz direkt eine Mordanschuldigung heraus, die sie anschließend lapidar entschuldigt. Generell wird Julia zwar übel mitgespielt von den Dorfbewohnern, sie macht es einem andererseits aber auch nicht leicht, sie für unschuldig zu halten und mit ihr zu sympathisieren.

Neben diesen Verhaltensweisen fällt bisweilen störend auf, dass Julias Reaktionen teilweise unpassend zur Lage sind. Vor allem in einer sehr dramatischen Situation, in der es um Leben und Tod geht, wirken ihre Gedanken zu sachlich. Zudem fallen Julias Ermittlungsergebnisse sehr dezent aus. Der entscheidende Schlüssel zum Täter fällt ihr in Form eines alten Tagebuchs in die Hände, und zwar durch einen glücklichen Zufall, ohne dass sie dafür etwas tun muss. Die Entlarvung des Täters ist am Schluss keine große Überraschung; auch vorher findet man bereits Hinweise. Das Motiv wiederum ist überzeugend, und die Verquickung zwischen Gegenwart und Vergangenheit ist gut gelungen.

Fazit:

Mit "Teufelstritt" legt Ursula Hahnenberg ein solides Krimidebüt vor, das recht gut unterhält und sich flüssig liest. Überzeugend ist die Verbindung zwischen Gegenwart und der Jahrzehnte zurückliegenden Vergangenheit. Allerdings liegen vor allem im Verhalten der Protagonistin auch einige Schwächen; hier ist noch Luft nach oben für die weiteren Bände.

7. September 2016

Die Schwester - Joy Fielding

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei Goldmann
Seiten: 448
Buchhandel.de
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Die Autorin:

Joy Fielding, geboren 1945 in Toronto, Kanada, hatte bereits in ihrer Kindheit großes Interesse am Schreiben. Vor ihrer Karriere als Schriftstellerin studierte sie englische Literatur und arbeitete eine Weile als Schauspielerin. 1991 gelang ihr mit dem Roman "Lauf Jane, lauf" der internationale Durchbruch. Seitdem landen ihre Frauenthriller regelmäßig auf den Spitzenpositionen der Bestsellerlisten. Weitere Werke sind u. a. "Sag Mammi goodbye", "Ein mörderischer Sommer", "Schlaf nicht, wenn es dunkel wird" und "Tanz Püppchen, tanz".

Inhalt:


Caroline Shipley und ihr Mann Hunter verbringen anlässlich ihres zehnten Hochzeitstages eine Woche mit ihren beiden Töchtern, der zweijährigen Samantha und der fünfjährigen Michelle, in einem Luxushotel in Mexiko. Mit dabei sind auch zwei befreundete Paare sowie Carolines Schwester und deren Mann.

Am letzten Abend ist kein Babysitter für die Kinder verfügbar. Zögernd lässt sich Caroline von ihrem Mann überreden, die Mädchen allein auf dem Zimmer zu lassen, während die Erwachsenen im Hotelrestaurant essen. Alle halbe Stunde schauen die Eltern abwechselnd nach den Mädchen. Alles läuft gut - bis Samantha um zehn Uhr plötzlich aus ihrem Bett verschwunden ist. Das Hotel und die Umgebung werden sofort abgesucht, doch das Mädchen bleibt unauffindbar.

Fünfzehn Jahre später: Die Ehe der Shipleys ist unter den Belastungen zerbrochen, Hunter hat eine neue Familie. Das Verhältnis zwischen Caroline und der inzwischen erwachsenen Michelle ist distanziert; zudem leidet Caroline unter den unverhohlenen Anfeindungen von Polizei und Medien. Doch auf einmal bekommt Caroline einen Anruf von einer jungen Frau namens Lili. Lili glaubt, dass sie Samantha ist ...

Bewertung:

2007 schlug er bis heute ungeklärte Vermisstenfall Madeleine McCann weltweit hohe Wellen, und schnell wird offensichtlich, dass sich Joy Fieldings Thriller an die Ausgangsposition dieser wahren Begebenheit anlehnt, wenngleich Details natürlich verfremdet wurden. Maddie verschwand aus einem Hotelzimmer in Portugal, während ihre Eltern mit Freunden im Hotelrestaurant aßen. Maddies Eltern schlug einerseits eine Welle von Mitleid, andererseits auch offene Abneigung und Misstrauen entgegen; die Beschuldigungen decken alle Bandbreiten von vernachlässigter Sorgfaltspflicht bis Involvierung in das Verschwinden des Kindes ab.

"Die Schwester" ist freilich ein fiktives Werk, das sich von Ausgangsszenario und dem Medienecho inspirieren lässt. Joy Fieldings Roman konzentriert sich auf die Sichtweise von Mutter Caroline. Von Beginn an weiß der Leser, dass sie unschuldig ist und nichts mit dem Verschwinden ihrer Tochter zu tun hat. Allerdings ist es gerade sie, die am meisten unter dem Geschehen zu leiden hat. Während die Medien Hunter eher wohlwollend begegnen, berichten sie sehr kritisch über Caroline. Ihren Schockzustand interpretieren sie als kühle Distanziertheit, ihr Aussehen wird über die Jahre hinweg mit spitzer Zunge kommentiert, schließlich gibt es sogar offene Beschuldigungen, sie habe ihre Tochter umgebracht. Der Hotel-Babysitterin wurde nach deren Angaben an jenem Abend von einer weiblichen Person telefonisch abgesagt; Caroline beteuert zwar, nichts damit zu tun zu haben, doch sowohl Ermittler als auch Medien zweifeln an ihrer Version. Auch nach Jahren wird Carolines Leiden nicht kleiner; Hunter verlässt sie für eine jüngere Frau, und ihre Versuche, wieder als Lehrerin zu arbeiten, enden mehrmals in demütigenden Fiaskos. Vorwürfe kommen auch von Carolines Mutter, die ohnehin seit jeher Carolines Bruder Steve bevorzugt. Der Leser ist somit schnell auf Carolines Seite und leidet mit jeder weiteren Gemeinheit mit ihr.

Für solide Spannung sorgt die Frage nach Samanthas Verbleib und ob es sich bei der jungen Lili möglicherweise tatsächlich um das vermisste Mädchen handelt. In Zeiten der DNA-Analyse kann das zwar zweifelsfrei geklärt werden, doch der Weg bis dahin ist weit, denn Lili wohnt in Kanada und sie muss wenn gegen den Willen ihrer Familie zu Caroline reisen. Caroline wiederum schwankt zwischen Misstrauen und Hoffnung. Michelle möchte ein Zusammentreffen mit Lili verhindern, da sie fürchtet, dass es sich um eine Hochstaplerin handelt, die bloß etwas Publicity sucht und nach dem negativen DNA-Bescheid eine zerstörte Caroline zurücklassen wird. Zudem gibt es im Verlauf gewisse Enthüllungen, die Caroline schmerzhaft aufzeigen, dass sich einige Dinge an jenem Abend anders abspielten, als von ihr gedacht.

Dennoch ist der Roman eher Familiendrama als Thriller. Im Vordergrund stehen vor allem die psychischen Folgen, die Samanthas Entführung für die Familie und insbesondere Caroline hatten, sowie das komplizierte Verhältnis von Michelle und ihrer Mutter. Michelle leidet unter dem Empfinden, dass mit Samantha die liebere, einfachere Schwester verschwunden ist und ihr eigenes Verschwinden nie den gleichen Schmerz bei Caroline hervorgerufen hätte. Lilis Auftauchen verstärkt die Probleme, da Michelle dadurch noch deutlicher vor Augen geführt wird, dass sie sich hinter Samantha zurückgesetzt fühlt. Wenn man einen Thriller erwartet, der sich auf den Kriminalfall konzentriert und in dem die Protagonistin womöglich in Gefahr schwebt, kann man leicht enttäuscht werden; erst recht, da das Ende doch ziemlich zahm verläuft.

Fazit:


"Die Schwester" von Joy Fielding ist ein unterhaltsamer Roman, dessen Ausgangssituation sich grob an einem realen Vermisstenfall orientiert. Der Thrilleranteil fällt geringer aus als bei anderen Fielding-Büchern, Hochspannung darf man nicht unbedingt erwarten und trotz gewisser Wendungen ist der Schluss recht harmlos.

26. August 2016

Anders - Anita Terpstra

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei Blanvalet
Seiten: 384
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Die Autorin:

Anita Terpstra aus den Niederlanden, Jahrgang 1975, studierte zunächst Journalismus und Kunstgeschichte und arbeitete als Journalistin. Ihre weiteren Werke sind bislang (Stand 2016) noch nicht auf Deutsch erschienen.

Inhalt:


Die Meesters aus den Niederlanden sind scheinbar eine glückliche Familie wie aus dem Bilderbuch - Mutter Alma, Vater Linc, die fünfzehnjährige Iris und der elfjährige Sander. Das Leben der Familie ändert sich jedoch mit einem Schlag, als Sander während einer Ferienlager-Nachtwanderung mit seinem besten Freund verschwindet. Der Freund wird kurz darauf tot im Wald gefunden, von Sander gibt es keine Spur.

Sechs Jahre später taucht ein Junge bei der Polizei auf und gibt sich als der vermisste Sander aus. Er erzählt, dass er von einem Mann in einem Wald gefangen gehalten und missbraucht wurde, ehe der Mann verstarb und er somit endlich gehen konnte. Alles deutet darauf hin, dass es tatsächlich Sander ist, und er wird wieder mit seiner Familie vereint.

Vor allem Alma ist überglücklich, ihren Jungen wiederzuhaben, während Iris ihrem nun siebzehnjährigen Bruder eher distanziert begegnet. In den nächsten Wochen bemüht sich die Familie, Sander in sein neues Leben einzugewöhnen. Doch nach dem ersten Überschwang kommen Alma allmählich Zweifel: Sagt Sander in allen Belangen die Wahrheit, oder hat er etwas zu verbergen? Immer mehr deutet sich an, dass Sanders Geschichte nicht in allem stimmig ist ...

Bewertung:


Die meisten Entführungsthriller befassen sich intensiv mit der Suche nach dem Opfer und dem Täter. "Anders" von Anita Terpstra ist tatsächlich anders, denn die eigentliche Handlung setzt erst ein, als das Opfer wieder aufgetaucht ist. Der Roman dreht sich einerseits um die Probleme, die neben der ersten Freude durch eine solch überraschende Wende entstehen, andererseits dreht er sich um die Suche nach der Wahrheit, was in jener Nacht wirklich geschah und ob Sander tatsächlich (nur) Opfer war.

Der erste Punkt ist eher Familiendrama denn Thriller. Natürlich herrscht erst einmal große Freude bei den Meesters, schließlich hatte kaum noch jemand gehofft, Sander lebend wiederzusehen. Doch sechs Jahre sind eine lange Zeit: Aus dem pummeligen Elfjährigen, der am liebsten allein mit seinem Rad durch die Natur fährt, ist ein stiller junger Mann geworden, mit dem seine Angehörigen nicht recht umzugehen wissen. Alma und Linc haben auf Almas Drängen in der Zwischenzeit noch ein drittes Kind bekommen, den kleinen Bas, der zweifellos eine Art Sander-Ersatz darstellen sollte. Die Ehe hat Sanders Verschwinden indessen nicht verkraftet, Alma und Linc sind getrennt; überdies wurde Linc von den Ermittlern verdächtigt und verlor seine Arbeit - aus dem dynamischen Arbeitsmensch ist ein antriebsloser, depressiver Mann geworden. Sander kehrt also nicht heim in eine heile Familie, sondern wird mit komplizierten Verhältnissen konfrontiert. Die Familie tut sich schwer, mit Sander zu reden, er ist verschlossen, gibt nur das Nötigste über die vergangenen sechs Jahre preis. In realistischer Weise zeigt der Roman die Schwierigkeiten auf, die das Auftauchen eines Vermissten mit sich bringen kann.

Schon bald aber halten auch bedrohliche Elemente Einzug in die Handlung, die für viel Spannung sorgen. Kurze Rückblicke in die Zeit vor Sanders Verschwinden verdeutlichen, warum Iris ihrem Bruder so distanziert begegnet. Das Familienleben war mitnichten so harmonisch, wie es nach außen hin den Anschein pflegte, stattdessen gab es immer wieder bedenkliche Zwischenfälle mit Sander, die aber außer Iris niemand richtig einzuordnen wusste. Es ist offensichtlich, dass Sander zu gefährlichen und bösartigen Dingen fähig war - und möglicherweise immer noch ist. Alma hat davor zwar damals die Augen verschlossen, aber nun fallen ihr zumindest immer wieder Widersprüche auf, die Sander bezüglich seiner Entführung erzählt - und sie fragt sich, ob er sich nur falsch erinnert oder ob er bewusst lügt.

Zudem gibt es immer wieder Andeutungen, dass Iris und ihr damaliger Freund Christiaan etwas in jener Nacht im Ferienlager getan haben, was mit Sander zu tun hat und was sie verborgen halten wollen - um was es sich dabei handelt, erfährt der Leser erst spät. Schließlich kommt auch noch die Frage auf, ob es sich überhaupt um Sander handelt. Ein DNA-Test wurde nicht gemacht, da Sanders Geschichte stimmig schien, er optische Ähnlichkeit mit dem elfjährigen Sander aufwies und ihm genau wie Sander eine Fingerkuppe fehlte. Doch nach einer Weile ertappt sich Alma bei der Frage, ob sie es nicht vielleicht doch mit einem Betrüger zu tun haben.

Anita Terpstra versteht es glänzend, den Leser mit sich steigender Spannung zu fesseln, die Situation immer bedrohlicher zu gestalten, ohne dass allzu früh zu viel verraten würde. Am Ende gibt es mehrere Wendungen und Enthüllungen, die sich teilweise schon angedeutet haben; der Schluss hält aber auch Überraschungen bereit und ist vor allem sehr konsequent statt weichgespült. Man kann kritisieren, dass die Dramatik etwas gekünstelt wirkt, ist sie doch sehr auf die Spitze getrieben mit so vielen Lügen, die sich alle auf einmal offenbaren. Einer dieser Punkte für sich wäre realistisch, in der Anhäufung, was sich am Ende offenlegt, erscheint es etwas konstruiert. Das gilt erst recht für den letzten Satz, der noch einmal eine schockierende Andeutung präsentieren will, gerade für regelmäßige Leser des Genres aber sehr abgedroschen erscheint. Ein bisschen schade ist zudem, dass sich Alma nur bedingt als Sympathiefigur eignet, zu sehr distanziert man sich durch ihre deutliche Bevorzugung Sanders gegenüber Iris in der Vergangenheit.

Etwas verwirrend ist zudem die Erwähnung, dass die 2007 in Portugal verschwundene Madeleine McCann inzwischen sechs Jahre alt sein würde - wenn man davon ausgeht, dass die Handlung etwa zur Erscheinungszeit des Romans spielt, wäre sie zu dem Zeitpunkt bereits elf gewesen. Möglicherweise ein Übersetzungsfehler ist die Aussage, jemand sei wegen Pädophilie verurteilt worden, gemeint ist wohl Kindesmissbrauch.


Fazit:

"Anders" von Anita Terpstra ist ein spannender und kurzweiliger Thriller mit reizvoller Grundthematik, der zu einer schnellen Lektüre einlädt. Von kleinen Kritikpunkten abgesehen, erwartet den Leser hier mehr als nur solide Unterhaltung - empfehlenswert für alle Thrillerfans.

24. August 2016

Die Schwere des Blutes - Laura McHugh

Produktinfos:

Ausgabe: 2016 bei Limes
Seiten: 400
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Die Autorin:

Laura McHugh, aufgewachsen in Iowa und Missouri, arbeitete nach ihrem Studium der Bibliothekswissenschaft als Bibliothekarin und Softwareentwicklerin. Vor ihrem Debütroman "Die Schwere des Blutes" veröffentlichte sie bereits mehrere Kurzgeschichten.

Inhalt:

Das Städtchen Henbane, tief in den Bergen von Missouri: Sechzehn Jahre ist es her, dass die schöne und geheimnisvolle Lila spurlos verschwand. Lucy hat kaum Erinnerungen an ihre Mutter, sieht ihr aber von Jahr zu Jahr ähnlicher. Und plötzlich verschwindet wieder eine junge Frau - Lucys Schulfreundin Cheri.

Ein Jahr später wird Cheris Leiche gefunden, übersät mit Tattoos und Brandmalen. Das geistig leicht zurückgebliebene Mädchen muss noch Monate nach dem Verschwinden gelebt haben, irgendwo in Gefangenschaft. Lucy braucht Ablenkung von dieser furchtbaren Sache und nimmt einen Ferienjob im Diner ihres Onkels Crete an. Der Job bedeutet nicht nur Geld, sondern auch gemeinsame Zeit mit ihrem Schwarm Daniel, der ebenfalls in den Ferien dort arbeitet.

Beim Reinigen eines alten Trailers auf Cretes Grundstück entdeckt Lucy eine Kette, die sie einst Cheri geschenkt hat. Cheri muss vor ihrem Tod also hier gewesen sein - wurde sie womöglich in diesem Trailer gefangen gehalten? Lucy will herausfinden, was mit ihrer Freundin geschehen ist, wer den Trailer zuletzt gemietet hat. Gibt es womöglich sogar einen Zusammenhang mit dem Verschwinden ihrer Mutter damals? Bei ihren Nachforschungen stößt Lucy auf düstere Geheimnisse der Bewohner ...

Bewertung:


Laura McHughs erster Roman, der 2015 den Thriller Award in der Kategorie "Bestes Debüt" gewann, verbindet eine bewegende Familiengeschichte mit kriminalistischen Verwicklungen, und das insgesamt in ansprechender Weise.

Die Handlung entfaltet sich auf zwei Zeitebenen: Zum einen steht die Gegenwart um die siebzehnjährige Lucy im Mittelpunkt, die sich auf der Wahrheit um den Tod ihrer Freundin Cheri auf gefährliches Terrain begibt. Zum anderen führt ein Strang den Leser gut sechzehn Jahre zurück in die Vergangenheit. Hier erzählt die junge Lila, wie sie zum Arbeiten nach Henbane kam, wie ihre exotische Schönheit ihr zum Verhängnis wurde, wie sie dennoch mit Carl und ihrer Tochter das Glück fand, ehe sie auf mysteriöse Weise verschwand. Es ist vor allem dieser Strang in der Vergangenheit, der zu fesseln und anzurühren versteht. Neue Einwohner haben es in Henbane schwer, erst recht, wenn sie so schön und geheimnisvoll sind wie Lila. Rasch ranken sich die wildesten Gerüchte um sie, sie sei eine Hexe, heißt es immer wieder, und der Aberglaube und das Misstrauen der Einwohner bereiten diesen Gerüchten einen fruchtbaren Boden. Harte Arbeit, abgeschiedenes Leben, ein allgemeiner Unwille gegenüber allem Neuen und Fremden zeichnet den Ort aus und wird Lila zum Verhängnis.

Schon bald zeichnet sich ab, dass Lilas Arbeitgeber Crete mehr als eine Hilfe auf dem Feld und im Imbiss in Lila sieht, und das unglückselige Dreiecksverhältnis aus Lila, Crete und seinem Bruder Carl zieht sich immer enger zusammen. Neben Lila sind auch Carl und Birdie Snow sympathische Charaktere, beide mit Ecken und Kanten ausgestattet. Carl liebt Lila und ist bereit, viel für sie zu tun, Lila spürt jedoch auch seine Verbundenheit zu seinem Bruder Crete und zweifelt, ob er diese jemals in Frage stellen würde. Die alte Birdie Snow ist die ehemalige Gehilfin eines Landtierarztes, die aufgrund ihrer Naturheilkunde gerne statt eines Arztes zu Rat gezogen wird. Birdie wird für Lila eine der wenigen Vertrauten, doch bevor sie die junge Frau näher kennenlernt, ist auch sie nicht ganz frei von gewissen Vorbehalten. Die Vergangenheitshandlung zeichnet sich durch eine intensive Atmosphäre aus, in der sich das Unheil zwar bereits früh am Horizont ankündigt, allerdings lange Zeit ohne konkret greifbar zu sein.

Demgegenüber fällt die Gegenwartshandlung ein wenig ab. Das liegt schon allein daran, dass hier die Charaktere weniger charismatisch sind. Lucy, die hier meist als Ich-Erzählerin fungiert, bleibt blasser als ihre faszinierende Mutter, Carl ist weniger präsent, Lucys Schwarm Daniel wirkt beliebig. Am interessantesten ist hier Crete, der in der Vergangenheitshandlung überwiegend schmierig und bedrohlich wirkt, in der Gegenwartshandlung aber offenbar seiner Nichte Lucy emotional sehr verbunden ist. Die meisten Kapitel werden entweder aus Lilas oder aus Lucys Sicht erzählt, allerdings gibt es auch immer wieder Abschnitte, in denen personale Erzähler andere Figuren beleuchtet. Das ist teilweise etwas übertrieben, manche dieser Kapitel verraten etwas zu viel über diese Charaktere.

Die Handlung arbeitet langsam, aber sicher auf die Klärung der Fragen hin, was mit Lila und Cheri geschehen ist und wie die beiden Fälle zusammenhängen, trotz der großen Zeitspanne dazwischen. Es gibt keinen bemerkenswerten Überraschungseffekt am Ende; überhaupt ist es kein Werk, das Hochspannung bietet. Der Fokus liegt vielmehr auf knisternder Atmosphäre, einer melancholischen Stimmung mit vereinzelten idyllischen Momenten, eingebettet in einen flüssigen Stil mit anschaulichen Landschaftsbeschreibungen. Eine gewisse Geduld wird dem Leser abverlangt, wer Action sucht, ist mit diesem Roman gewiss schlecht bedient. Grundsätzlich aber bietet das Werk ein paar Stunden sehr solides Lesevergnügen, wenn man solche Bücher mag.

Fazit:

Mit "Die Schwere des Blutes" ist Laura McHugh ein insgesamt gelungenes Debüt geglückt. Der Roman verbindet auf zwei Zeitebenen eine intensive Atmosphäre mit einer bewegenden Handlung und präsentiert einige reizvolle Charaktere, wenngleich die Gegenwartshandlung nicht ganz die Klasse der Vergangenheitshandlung erreicht.