7. Juli 2014

Benjamin Blümchen - Das fleißige Faultier

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Inhalt:

Benjamin besucht mit seinen Freunden Otto, Stella, Wärter Karl und Karla Kolumna eine Zirkusvorstellung, und sie amüsieren sich sehr, vor allem über die Affennummer. Kurz darauf erfahren die Freunde von Wärter Karl und Karla Kolumna, dass ein neues Tier im Zoo erwartet wird: ein Faultier aus Südamerika.

Der Zoo hat mal wieder Geldsorgen, und ein exotisches Tier wie ein Faultier soll zahlreiche Besucher anlocken. Da Herr Tierlieb für ein paar Wochen abwesend ist, vertritt ihn der sympathisch wirkende Herr Bärmann als Zoodirektor. Sie sind sehr aufgeregt, als die Transportkiste ankommt - doch zu ihrer Verblüffung ist sie leer. Offenbar wurde der Zoo betrogen und das Faultier nie verschickt. Vor allem Benjamin ist sehr traurig, denn jetzt wird der Zoo seine Geldsorgen behalten.

Doch kurz darauf haben alle wieder Grund zur Freude: Herrn Bärmann ist es gelungen, anderweitig ein Faultier zu beschaffen. Benjamin und seine Freunde stellen aber verwundert fest, dass sich das Faultier gar nicht arttypisch verhält. Stattdessen ist es äußerst flink und aktiv. Benjamin, Otto und Stella finden das merkwürdig ...

Bewertung:

Geldsorgen sind beim Neustädter Zoo nichts Neues. Meistens wird das Problem (kurzzeitig) dadurch gelöst, dass Benjamin mal wieder einen neuen Beruf annimmt und Geld verdient. Recht originell ist hier die Idee, dass ein neues Tier für mehr Besucher sorgen soll. Kinder erfahren hier ein paar wissenswerte Informationen über Faultiere - über ihre sehr eingeschränkten Aktivitäten, ihre Herkunft aus Südamerika und ihren Seltenheitswert. Generell wird auf dezente Art darauf aufmerksam gemacht, dass es viele bedrohte Tierarten gibt. Mit Herrn Bärmann wird eine Nebenfigur eingeführt, die vorübergehend den in Kur gefahrenen Herrn Tierlieb ersetzt. Herr Bärmann ist zweifellos ein sympathischer Charakter, wenngleich er über das Fehlen des eigentlichen Zoodirektors nicht hinwegtäuschen kann. Einen wunderbaren Auftritt hat mal wieder Karla Kolumna, die den neuen Zoodirektor in ihrer jovialen Art gleich mal "Bärmännchen" tauft. Beeindruckt konstatiert sie, dass er noch dynamischer sei als sie, und wirft ihm ein schmachtendes "Ein toller Kerl!" hinterher. Witzig ist auch ihr Dialog mit Stella, die sich verständnislos zeigt, dass ausgerechnet ein "hässliches Knäuel" wie ein Faultier für Furore sorgen soll. "Es kommt doch auf die inneren Werte an, auch bei Faultieren", entgegnet Karla empört - und da hat sie natürlich wieder einmal recht.

Leider war es das auch schon fast mit den positiven Aspekten dieser Folge. Spannung etwa sucht man hier fast vergeblich - selbst kleine Hörer dürften leicht durchschauen, weshalb sich das Faultier so ungewöhnlich verhält. Die Idee dahinter ist freilich nicht schlecht, aber die Umsetzung zu durchsichtig, die gestreuten Hinweise viel zu plakativ, als wolle man selbst Kindergartenkindern die Lösung nicht zu schwer machen. Eine nach wie vor recht überflüssige Figur ist Stella, Ottos Klassenkameradin und Freundin, die seit Folge 100 mit von der Partie ist. Stella ist zwar an sich nicht direkt unsympathisch, aber ihre vorlauten Spitzen gegenüber Benjamin, Karla oder Wärter Karl nerven eher, als dass sie witzig sind. Stella bringt kaum neue Impulse in die Serie hinein und lenkt unnötig von der engen Freundschaft zwischen Otto und Benjamin ab. Benjamin wiederum erscheint, wie so oft in den neueren Folgen, noch begriffsstutziger als früher, leider auf eine eher dümmliche als liebenswerte Art. Auch das Zirkusdasein von Tieren wird hier wieder einmal zu unproblematisch dargestellt. Beim Neustädter Zoo wird zumindest noch betont, wie groß die Gehege sind und dass die Tiere dort möglichst artgerecht gehalten werden; bei Zirkustieren ist das fraglich, wird in der Serie allerdings generell zu wenig hinterfragt (man denke dabei etwa an die Elefantendressur in "Benjamin verliebt sich").

Zu guter Letzt muss man sagen, dass es nicht sehr glaubwürdig wirkt, dass ausgerechnet ein Faultier als Besuchermagnet dargestellt wird. Natürlich sind es faszinierende Tiere, aber das sind letztlich alle Tierarten, wenn man sich erst einmal näher mit ihnen beschäftigt. Dass ein Faultier, das nun mal die meiste Zeit seines Lebens mit Herumhängen verbringt, dem Zoo die Kassen füllen soll, erscheint doch recht übertrieben, als habe man nicht gewusst, wie man ein Faultier anders in die Handlung integrieren könnte. Da hilft es auch nicht viel, dass Herr Bärmann erklärt, die meisten Leute wollten in erster Linie seltene Tiere sehen. In realen Zoos sind es nicht unbedingt die exotischen und seltenen Tiere, sondern eher die aktiven, die den Zuschauern viel Unterhaltung bieten, wie etwa Erdmännchen.

Fazit:

Eine allenfalls durchschnittliche Benjamin-Folge, die ein paar witzige Szenen und ein paar informative Passagen enthält. Der Spannungsfaktor fällt allerdings sehr gering aus, Stella nervt ein bisschen, insgesamt ist die Handlung zu vorhersehbar. Kann man als Benjamin-Fan hören, man verpasst aber nicht viel, wenn man es lässt.

Sprechernamen:

Benjamin Blümchen: J. Kluckert
Otto: K. Primel
Stella: M. Bierstedt
Karla Kolumna: G. Fritsch
Wärter Karl: T. Hagen
Herr Bärmann: S. Staudinger
Herr Toretti: P. Reinhardt
Erzähler: G. Schoß

1. Juli 2014

Das Fräulein von Scuderi - E.T.A. Hoffmann

Produktinfos:

Ausgabe: 1998 (1819)
Seiten: 128
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Der Autor:

Ernst Theodor Amadeus Hoffmann wurde 1776 geboren und starb 1822. Er studierte zunächst Jura und arbeitete als Referendar und Assessor. Dank seines musikalischen Talents brachte er es auch zum Kapellmeister, Theaterkomponist und Musiklehrer, daneben auch als Maler und Zeichner. Hoffmann zählt zu den bekanntesten und bedeutendsten Autoren der Romantik. Populäre Werke sind u.a. Die Elixiere des Teufels, Der Sandmann, Nußknacker und Mausekönig und Die Lebensansichten des Katers Murr.

Inhalt:

Paris im Jahr 1680: Unter der Regierung Königs Ludwig des XIV. sorgen zwei Mordserien für Angst und Schrecken in der Bevölkerung. Zunächst werden eine Reihe von Giftmorden verübt. Der König setzt mit der "Chambre ardente" eine polizeiliche Sonderkommission ein, die mit aller Härte gegen Verdächtige vorgeht und neben Schuldigen auch Unschuldige hinrichten lässt. Auf die Giftmorde folgt eine Serie von Raubmorden. Die Opfer sind meist adlige Männer, die mit einem Schmuckstück auf dem Weg zu ihrer Geliebten sind. Die Männer werden erstochen oder niedergeschlagen, der Schmuck geraubt; die Polizei steht den Vorgängen machtlos gegenüber.

In dieser Zeit gehört das Fräulein von Scuderi, eine ältere Dame, zum Kreis der Hofdichter des Königs. Eines Nachts bringt ein Unbekannter der Scuderi ein Kästchen, das kostbaren Schmuck enthält - dem beiliegenden Brief nach offenbar ein Geschenk der Mörderbande. Es handelt sich um Schmuck des berühmten Goldschmiedes Cardillac, der als außergewöhnlicher Künstler, aber auch als schwieriger Mensch gilt: Nur ungern gibt er die angefertigten Schmuckstücke an seine Auftraggeber heraus, bisweilen wird er sogar beleidigend oder grob. Cardillac kann der Scuderi jedoch nicht sagen, für wen er ihren Schmuck ursprünglich anfertigte.

Monate später bittet ein Unbekannter die Scuderi dringend, den Schmuck sofort an Cardillac zurückzugeben. Als Scuderi den Goldschmied aufsuchen will, gerät sie in einen Tumult: Cardillac wurde auf der Straße erstochen, sein Geselle Oliver Brusson als mutmaßlicher Täter verhaftet. Oliviers Verlobte Madelon, zugleich Cardillac Tochter, beschwört gegenüber der Scuderi seine Unschuld. Instinktiv glaubt ihr das Fräulein und ermittelt auf eigene Faust ...

Bewertung:

Spannung, Dramatik, interessante Charaktere und mannigfaltige Deutungsansätze - dies alles präsentiert E.T.A, Hoffmanns Novelle, die häufig als erste Kriminal- bzw. Detektivgeschichte der Literatur gilt. Freilich liegen hier einige der wesentlichen Merkmale einer Detektivgeschichte vor: Der am Ende aufgeklärte Mord, die Verdächtigen, die nicht-polizeiliche Ermittlerin Scuderi.

Das Fräulein von Scuderi erinnert jedoch nur auf den ersten Blick an moderne Kolleginnen wie Miss Marple. Tatsächlich basieren ihre Erkenntnisse weniger auf Fakten als mehr auf Intuition. Die Scuderi ermittelt und kombiniert nicht mit kühlem Verstand wie ein Sherlock Holmes, sondern lässt sich von ihren Eindrücken und ihrem Herz leiten. Interessanterweise ist sie keine Erfindung des Autors: Mademoiselle de Scudéry, die das gesegnete Alter von 94 Jahren erreichte, war in der Tat eine Dichterin der Barockzeit, die galante Gesellschaftsromane verfasste, die über die Grenzen Frankreichs hinaus beliebt waren. Bei Hoffmann erscheint die Scuderi als charmante, ältere Dame, die das Herz auf dem rechten Fleck trägt und die schnell zur Verbündeten des Lesers wird. Noch reizvoller als die Scuderi ist ohne Zweifel der mysteriöse Goldschmied Cardillac - ein genialer Künstler, der im Umgang mit Menschen offenbar umso so größere Defizite besetzt. Die Scuderi scheint er zu verehren, ansonsten erscheint er als schwieriger Charakter, der für seine Kunst lebt.

Sein junger Gehilfe Olivier Brusson ist der Polizei der ideale Verdächtige: Der niedergestochene Cardillac wird in seinen Armen gefunden, Olivier trägt die Tatwaffe bei sich. Der Polizei gilt er nicht nur als Mörder Cardillacs, sondern auch die früheren Verbrechen werden ihm zur Last gelegt. Die Scuderi sieht sich vor einer schweren Aufgabe, es scheint kaum möglich, Olivier zu entlasten. In dieser Phase der Handlung erwarten den Leser einige unerwartete Enthüllungen und Wendungen; selbst die Scuderi wird mehrfach überrascht und gerät phasenweise ins Schwanken, wem sie glauben und trauen darf. Trotz der kriminalistischen Elemente eignet sich die Erzählung weniger zum Mitraten. Wer es liebt, durch logische Schlüsse dem Täter auf die Spur zu kommen, wird hier eventuell enttäuscht werden. Die Scuderi gelangt vor allem durch Eingebung und Geständnisse zur Wahrheit, statt in traditioneller Detektivmanier Puzzlestücke aneinanderzufügen. So ist es denn auch weniger eine Detektivgeschichte als eher eine Erzählung, die die Themen Kunst, Genie, Wahnsinn, Psychologie und Gesellschaft aufgreift und in kriminalistisches Gewand verpackt.

Wie so häufig bei Hoffmann erwächst die Angst nicht aus einem per se unheilvollen Setting, sondern aus dem bürgerlichen Alltag. Akribisch hat Hoffmann die Zeitumstände erforscht und Lokalkolorit eingebaut. Die Gift- und Raubmorde sind die eine Seite der Medaille, die die Bevölkerung das Fürchten lehrt, die inquisitorische "Chambre ardente" ist die andere: Justiz dient hier nicht mehr der Gerechtigkeit, sondern bildet eine eigenständige Gewalt- und Willkürherrschaft. Offiziell soll die "Chambre ardente" für Ordnung sorgen, tatsächlich arbeitet sie mit Foltermethoden und lässt Unschuldige sterben. Gesellschaftskritik ist E.T.A., Hoffmann nicht fremd, als Jurist war er mit dem preußischen Rechtsapparat vertraut und konnte dessen Schwächen in der Novelle verschleiert darstellen, indem er die Handlung zur Zeit des Absolutismus spielen ließ. "Das Fräulein von Scuderi" ist eine beliebte Schullektüre und das sicher zu Recht, lässt sich doch hier in vielerlei Hinsicht über die Charaktere, den historischen Hintergrund Hoffmanns und der Handlung sowie über die Gattungsfrage der Detektivgeschichte diskutieren.

Anzukreiden ist dem Werk der bisweilen zu schwülstige und umständliche Stil. Sicher darf man von einem Werk aus der Romantik keine glatt polierte Sprache erwarten, doch Hoffmann schießt manches Mal ein wenig über das Ziel hinaus. Gewiss hätte es dem Werk gut getan, wenn einige Sätze etwas kürzer ausgefallen wären; auch die gehäufte Verwendung von Adjektiven nimmt phasenweise überhand.

Fazit:

Eine romantische Novelle im kriminalistisch-historischen Gewand, die eine unterhaltsame Lektüre und interessante Deutungsansätze mit sich bringt. Spannend zu lesen, wenngleich die Ermittlungen noch nicht der traditionellen Detektivgeschichte entsprechen. Die oft pathetische Sprache mit verschachtelten Sätzen kann das Lesevergnügen trüben.

8. Juni 2014

Undine - Friedrich de la Motte Fouqué

Produktinfos:

Ausgabe: 2012
Seiten: 128
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Der Autor:

Friedrich Baron de la Motte Fouqué wurde 1777 geboren und starb 1843. Er entstammte einer altadligen französischen Hugenottenfamilie und gehörte während der Romantik zeitweise zu den populärsten Autoren. Weitere Werke sind u.a. Der Zauberring, Eine Geschichte vom Galgenmännlein und Der Held des Nordens.

Inhalt:

Ritter Huldbrand von Ringstetten wird auf seinem Ritt durch einen Wald von einem Unwetter auf eine Landzunge abgedrängt, wo ein altes Fischerehepaar lebt. Das Ehepaar hat eine etwa achtzehnjährige Tochter namens Undine, die sie vor vielen Jahren als Findelkind aufnahmen. Huldbrand ist sofort von dem hübschen, kecken Mädchen fasziniert und auch Undine zeigt schnell Gefallen an dem Ritter. Bald kommt es auf der Insel zur Heirat.

Am Morgen nach der Hochzeitsnacht vertraut Undine ihrem Ehemann das Geheimnis ihrer Herkunft an: Sie ist ein Elementargeist, Tochter eines mächtigen Wasserfürsten. Undine besitzt Macht über die Naturgewalten, hat wie alle Elementargeister aber keine Seele - doch durch die Heirat mit einem Menschen können sie diese erlangen. Undine wurde zu diesem Zweck von ihrem Vater in die Menschenwelt empor gesandt und ist froh, durch Huldbrand nun tatsächlich eine Seele erhalten zu haben.

Huldbrand ist zunächst trotz dieses überraschenden Bekenntnisses glücklich mit Undine. Die junge Frau hat jedoch mit ihrem Seelenerhalt über Nacht auch merklich ihren Charakter verändert - sie ist kein übermütiges Naturkind mehr, sondern ein sittsames und engelgleiches Hausmütterchen geworden. Nach und nach fühlt sich Huldbrand immer stärker zu seiner einstigen Verlobten Bertalda hingezogen, während er sich von seiner Ehefrau entfremdet. Das Dreiecksverhältnis, das Undines Oheim, der Elementargeist Kühleborn, argwöhnisch überwacht, spitzt sich immer weiter zu ...

Wenn gleich sich nicht zu gleich gesellt ...

Friedrich Baron de la Motte Fouqué hat uns ein ausgesprochen umfangreiches Schaffen hinterlassen, vorwiegend bestehend aus Ritterromanen, Gruselerzählungen und Sagen. Indessen ist der Autor, der seinerzeit zu den berühmtesten romantischen Dichtern zählte, heute weitgehend in Vergessenheit geraten - seine Märchenerzählung "Undine" (1811) allerdings ist ungebrochen populär. Der hübsche Elementargeist aus dem Wasser hat E.T.A. Hoffmann bereits kurz nach Erscheinen zur ersten romantischen Oper inspiriert, Edgar Allan Poe hat von ihr geschwärmt und ein gewisser Hans Christian Andersen verfasste in Anlehnung an Undines Geschichte sein Märchen um die kleine Seejungfrau.

Fouqués Märchen erzählt eine rührende, sentimentale Geschichte von einer Liebe zwischen verschiedenen Welten. Ganz im Sinne der Romantik wird hier eine harmonische Einheit zwischen Natur und Mensch angestrebt, doch der Mensch, vor allem Huldbrand, ist mit den Eigenheiten der Natur überfordert. Es ist freilich nicht die erste Erzählung dieser Art; vor allem die mittelalterliche Versnovelle "Peter von Staufenberg" und Thürings von Ringoltingen "Melusine" haben zahlreiche Motive geliefert. Fouqué selbst erklärte in einem Brief, ihm habe das Traktat über die Elementarlehre "Liber de nymphis ..." von Paracelsus aus dem 16. Jahrhundert als Vorlage gedient, das wiederum kurz die Staufenbergsage nacherzählt.

Undine hat zwar keinen Fischschwanz wie viele ihrer literarischen Schwestern, doch ist sie zweifellos dennoch eine Außenseiterin in der Menschenwelt und bleibt es auch nach ihrer Beseelung. Intrigen sind ihr fremd, liebevoll steht sie sogar ihrer Rivalin Bertalda gegenüber. Huldbrand könnte sich nach romantisch-biedermeierlichen Vorstellungen glücklich schätzen, eine solch liebenswerte, schöne und sittsame Frau an seiner Seite zu haben - doch unbewusst distanziert er sich zunehmend von Undine und nähert sich der einstigen Verlobten wieder an, die ihm als Menschenfrau eben doch vertrauter ist. Fouqué präsentiert ein komplexes Dreiecksverhältnis, das auf ein ungewisses Ende hinausläuft. Da ist die liebenswerte, unschuldige Undine, die einfach nur mit ihrem Ehemann in Frieden leben möchte und kaum noch an das wilde, kecke Naturgeschöpf vor der Beseelung erinnert. Da ist Ritter Huldbrand, der weder von der einen noch von der anderen Frau lassen kann und es sich mit Naturmächten verscherzt, die man besser unbehelligt lässt. Und da ist Bertalda, die für Undine zunächst von Huldbrand verlassen wird. Ungeachtet dessen zieht sie sogar zu dem Pärchen auf die Burg und steht Undine mit gemischten Gefühlen gegenüber: Die oberflächliche Bertalda ist zwar gewiss keine Sympathieträgerin, doch ein bisschen Mitleid kann man mit ihr durchaus empfinden, schließlich ist es alles andere als schön, aus heiterem Himmel für eine fremde Frau verlassen zu werden.

Die Erzählung schwelgt in anschaulichen Naturbeschreibungen, vor allem der Anfangsteil, in dem Undine und Huldbrand frisch verliebt auf der Insel leben, ist sehr poetisch. Die Handlung ist spannend, denn wirklich vorherzusehen ist der Ausgang der Geschichte nicht, auch wenn gewisse Vorausdeutungen Hinweise geben. Eine gelungene Nebenfigur ist Undines Oheim Kühleborn, der misstrauisch darüber wacht, dass seine Nichte in der Menschenwelt gut behandelt wird. Mal als alter Mann und mal als sprudelnder Bach tritt er in Erscheinung und erinnert Huldbrand durch seine Präsenz daran, dass Undine bei aller scheinbaren Menschlichkeit doch immer Teil der Elementarwelt sein wird.

In blumiger, aber nicht zu überladener Sprache schildert der Erzähler die bewegenden und gefühlvollen Ereignisse, die zwischen Dramatik, Sentimentalität und leichtem Grusel schwanken. Mehrfach spitzen sich die Ereignisse zu und der Leser ist geneigt, das Büchlein in einem Rutsch zu lesen, um den Ausgang zu erfahren. Sicherlich ist das Kunstmärchen an manchen Stellen etwas zu kitschig geraten, doch hält sich Fouqué in Sachen Schwülstigkeit und Moralisieren im Vergleich zu etlichen seiner anderen Werke vergleichsweise zurück. Der Gegensatz zwischen Mensch und Natur, aufgeklärte Welt gegen rätselhaften Mythos, der Antagonismus der Geschlechter, progressive Universalpoesie und romantische Naturphilosophie sind die Themen, die Fouqué in seinem Märchen streift und die den Leser auch nach der Lektüre noch eine Weile beschäftigen.

Fazit:

Ein unterhaltsames und rührendes Kunstmärchen der Romantik, das sich leicht lesen lässt, eine reizvolle Geschichte erzählt und nicht zu vorhersehbar ist. Insgesamt ein sehr empfehlenswertes Werk, das zu Recht viele Dichter und Musiker zu eigenen Werken inspiriert hat.

9. Mai 2014

Der Teufel von New York - Lyndsay Faye

Produktinfos:

Ausgabe: 2014
Seiten: 480
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Zur Rezension auf der Histo-Couch ... 

1. Mai 2014

Ovid - Amores (Liebesgedichte)

Produktinfos:

Ausgabe: 1997
Seiten: 271 (Lateinisch-Deutsch)
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Der Autor:

Publius Ovidius Naso, geboren 43 v. Chr. und gestorben vermutlich 17 n. Chr., stammte aus einer angesehen Ritterfamilie. Auf Wunsch des Vaters schlug er zunächst eine politische Ämterlaufbahn ein, doch schon früh zeigte sich sein literarisches Talent, sodass er sich ganz dem Dichten widmete. Die Amores sind sein erstes Werk und brachten ihm rasch große Popularität ein. Sehr bekannt sind weiterhin die "Ars amatoria" (Liebeskunst) sowie sein Hauptwerk, das Epos "Metamorphosen", in dem er 250 mythologische Verwandlungssagen präsentiert. Im Jahr 8 n. Chr. wurde er von Kaiser Augustus ans Schwarze Meer verbannt. Der offizielle Grund war die Frivolität der "Ars amatoria", wahrscheinlicher sind jedoch politische Verwicklungen. Bis zu seinem Tod bemühte sich Ovid vergeblich durch seine klagevolle Exildichtung, von Augustus und später von dessen Nachfolger Tiberius begnadigt zu werden und nach Rom zurückkehren zu dürfen.

Inhalt:

In knapp 50 Gedichten, verteilt auf drei Bücher, erzählt ein Dichter aus der Zeit des Kaisers Augustus über Freude und vor allem Leid der Liebe. Der junge Römer aus gutem Hause fühlt sich eigentlich dazu geboren, um große Dichtkunst zu schaffen - doch der freche Liebesgott Amor macht ihn zum Dichter von Liebeselegien. So also besingt der Dichter zunächst die schöne Corinna und bald auch andere Damen, deren Reizen er erliegt.

Die Liebe zu seinen Frauen ist jedoch nicht nur von glücklichen Momenten geprägt. Corinna hat noch weitere Liebhaber und der junge Dichter muss einen ständigen Kampf um ihre Gunst ausfechten. Dabei agiert er stets eloquent und ist bei allen Rückschlägen meist unverdrossen und stolz auf sein dichterisches Können, das ihm und seiner Corinna zu Ruhm und Ehre verhelfen soll.

Das erste Buch widmet sich ausschließlich Corinna und zeigt das Auf und Ab ihres Liebesverhältnisses. Im zweiten Buch treten weitere Liebschaften hinzu, das Thema Seitensprung nimmt immer wieder einen zentralen Fokus ein. Im dritten Buch dominieren längere narrative Passagen und immer deutlicher werden sowohl die Abkehr von der Elegie als auch die Hinwendung zu anderen dichterischen Stoffen und Gattungen. Eingeflochten werden in diese Elegien zahlreiche Anspielungen, die Liebesglück und Liebesleid der römischen Götter-und Mythenwelt vor Augen führen, bis es denn schließlich heißt: "Lebt wohl, friedfertige Elegien ..."

Bewertung:

Die römische Liebeselegie erlebte eine kurze aber intensive Blüte zur Zeit des Kaisers Augustus. Wie so oft in der lateinischen Literatur ging auch hier eine griechische Tradition voraus, vor allem Elegien von Antimachos von Kolophon aus dem 4. Jh. v. Chr. und dem großen Hellenisten Kallimachos aus dem 3. Jh. v. Chr. haben den römischen Elegikern Gallus (quasi nichts erhalten), Tibull, Properz und Ovid Themen und Motive geliefert - doch ist die römische Liebeselegie eine eigenständige Schöpfung, die in ihrer konkreten Form kein griechisches Äquivalent kennt. Die Elegie versteht sich als nicht allzu kurzes Gedicht im Versmaß des elegischen Distichons, das sich aus einem Hexameter und einem Pentameter zusammensetzt.

Während die griechische Elegie eine bunte Themenvielfalt von Mahnung und Tröstung über Reflexion bis hin zu Erotik und Politik kannte, konzentriert sich die subjektive römische Liebeselegie auf eine feste Grundkonstellation: Ein junger Mann aus gutem Haus ist als Dichter, aber nicht als Liebhaber erfolgreich; er wirbt um eine schöne junge Frau mit zweifelhaftem Ruf, die ihm immer wieder untreu wird. Die Liebeselegie entwirft eine eigene, in sich geschlossene Welt, die in Kontrast zur realen Welt steht und die sich vor allem in drei Grundmotiven manifestiert:

1. Liebe wird als Dauerzustand gesehen (foedus aeternum). Analog zur Ehe will das elegische Ich eine dauerhafte Beziehung zu seiner Geliebten eingehen und verspricht ihr idealerweise Liebe bis zum Tod.
2. Liebe tritt als Lebensform in Konkurrenz zur normalen römischen Lebensform und wird geradezu als Kriegsdienst gesehen (militia amoris). Der elegische Liebende findet keine Erfüllung in den üblichen Tätigkeiten, denen ein junger Mann aus der Oberschicht nachgehen sollte, etwa einem Leben als Soldat oder Kaufmann. Mit gleichem Eifer wie sich ein Militarist den kriegerischen Dingen widmet, verfolgt er seine Karriere als Liebender.
3. Liebe wird als Sklavendienst verstanden (servitium amoris). Das elegische Ich ordnet sich wie ein Sklave seiner Geliebten unter und ist zu allerlei Mühen bereit, um das Herz (und den Körper) seiner puella zu gewinnen.

Das elegische System ist als eine Art Provokation zur zeitgenössischen Wirklichkeit zu lesen; sicher nicht zufällig fallen die Anfänge der Liebeselegie in die Übergangszeit von der Republik zum Prinzipat: Wichtige Ämter wurden nunmehr zunehmend willkürlich durch einige große Heerführer wie Pompeius, Cäsar oder Octavian (der spätere Augustus) vergeben, zudem herrschte in den letzten Jahren der Bürgerkriege ein moralischer Verfall, in dem soldatische Tugenden und Treue gegenüber der Ehefrau missachtet wurden.

Das neue Wertesystem der Elegiker kann durchaus als Reaktion auf diese misslichen Umstände gedeutet werden, indem es die römische Gesellschaftsordnung auf den Kopf stellte. Doch während Tibull und Properz überwiegend ernst und pathetisch dieses System vertreten, kann der jüngere Ovid mit dieser literarischen Tradition sein charmantes Spiel treiben. Ovid erlebte die Umbruchszeiten nicht mehr bewusst mit, da er damals noch ein Kind war, sodass der augusteische Frieden für ihn eine Selbstverständlichkeit darstellte und nicht ausgiebig thematisiert werden musste. Entsprechend kann sich seine Dichtung dem Spiel mit den Motiven der Vorgängern widmen.

Auch der Sprecher bei Ovid (man darf trotz gewisser Parallelen nicht von autobiographischen Situationen ausgehen) erscheint in vielerlei Hinsicht zumindest auf den ersten Blick durchaus wie ein typischer Elegiker: Das elegische Ich klagt vor der verschlossenen Tür seiner Geliebten, wird mit ihren Seitensprüngen konfrontiert, huldigt ihrer Schönheit mit mythologischen Vergleichen und kritisiert sich selbst heftig für Fehlverhalten in Bezug auf seine Geliebte.

Bei näherem Hinsehen offenbart sich jedoch oft Ovids "neues Kunstwollen" (Erich Reitzenstein), das sich bewusst vom feierlichen Pathos der Vorgänger abhebt. Die elegische Klage etwa schlägt bei Ovid allzu rasch in schmeichelnden, wütenden oder drohenden Tonfall um. Ob nun der Sklave hinter der Tür, mit dem er sich - quasi von (Liebes-)Sklave zu Sklave - zu solidarisieren versucht, der Wächter, der die Geliebte nicht aus dem Auge verliert oder auch die Morgenröte, die das romantische Stelldichein mit ihrem Heraufdämmern unbarmherzig zu beenden droht - der ovidische Liebhaber nimmt es dank seiner Eloquenz mit jedem auf und reagiert ungleich selbstbewusster auf Hindernisse und Rückschläge, als man es von seinen Vorgängern kennt.

Ovids Elegien sind ein Feuerwerk an witzigen Einfällen, die aufzuzählen den Rahmen sprengen würden. Mal beschwört er einen Wildbach, ihm doch den Weg zu seiner Geliebten zu räumen, nur um frustriert zu bemerken, dass alle Ansprache nichts genutzt hat und das Wasser unterdessen nur noch höher gestiegen ist. Ein anderes Mal gibt er der Geliebten geschickte Anweisungen, wie sie sich im Beisein ihres Mannes auf einem gemeinsamen Gastmahl vergnügen können (nur um später feststellen zu müssen, dass die clevere Corinna genau jene Taktik gegen ihn mit einem anderen Liebhaber anwendet). Selbst ein prekäres Thema wie Impotenz fehlt nicht und es ist ausgesprochen amüsant, zu lesen, wie der einst so selbstbewusste Liebhaber, der seiner Corinna nicht weniger als neun Mal selige Wonnen in einer Nacht beschert haben will, nun mit dieser frustrierenden Situation umgeht.

Gewiss ist es hilfreich, sich ein wenig mit der antiken Mythologie auszukennen, da sich auf dieser Folie viele Scherze erst in Gänze entfalten. Wenn der elegische Dichter beispielsweise seinem Mädchen andeutet, seine Lieder würden sie so berühmt wie Leda, Europa oder Io machen und ihr dabei ewige Liebe gelobt, dann ist dies nur auf den ersten Blick schmeichelhaft - waren diese drei schönen Damen doch nur flüchtige Liebchen des Göttervaters Jupiters und somit nicht gerade geeignete Exempel, um ein Treueversprechen zu untermauern. Dass Ovid auch tiefgründige Momente schaffen kann, beweisen die ernsteren Elegien, die sich etwa mit einer lebensgefährlichen Abtreibung Corinnas oder mit der Totenklage auf den verehrten Tibull befassen. Ovid ist unbestreitbar einer der amüsantesten römischen Dichter, zugleich ist er aber auch ein poeta doctus, der in hellenistischer Tradition seinem Publikum, der belesenen römischen Oberschicht, eine Fülle an Anspielungen auf mythologische Sagen oder die Werke seiner Vorgänger Tibull und Properz präsentiert. Diese Doppelbödigkeit und Liebe zur Intertextualität laden dazu ein, sich ausgiebig mit Kommentaren und Erläuterungen zum Werk zu befassen, doch auch textimmanent versprechen Ovids Elegien geistreiche Unterhaltung.

Jede Elegie ist ein Kunstwerk für sich, doch bestehen auch zwischen den einzelnen Gedichten oft Bezüge und Anspielungen, gerne kreiert Ovid auch Gedichtpaare, die sich des gleichen Themas annehmen. Grundsätzlich empfiehlt sich eine lineare Lektüre, in der sich wunderbar die zunehmend problematische Entwicklung des Liebeslebens und die allmähliche Abkehr des elegischen Ichs von der Gattung verfolgen lässt.

Fazit:

Ein Klassiker der römischen Literatur, der nichts von seiner Aktualität und seinem Reiz verloren hat. Ovids Elegien sind auch in der deutschen Übersetzung amüsante und kurzweilige und bisweilen auch durchaus berührende poetische Meisterwerke, die es sich zu entdecken lohnt, auch wenn man sich sonst nicht viel mit antiker Literatur beschäftigt.