14. September 2014

Deathbook - Andreas Winkelmann

Produktinfos:

Ausgabe: 2013
Seiten: 448
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Der Autor:

Andreas Winkelmann, Jahrgang 1968, arbeitete unter anderem als Sportlehrer, Ausbilder bei der Armee und Taxifahrer, interessierte sich aber bereits als Jugendlicher fürs Schreiben und besonders für unheimliche Literatur. Seine Werke sind u. a. Hänschen klein, Tief im Wald und unter der Erde, Blinder Instinkt und Wassermanns Zorn. Mehr über den Autor auf seiner Homepage www.andreaswinkelmann.com.

Inhalt:

Kati Winkelmann, die fünfzehnjährige Nichte des Thrillerautors Andreas Winkelmann, wird von einem Zug überfahren. Für die Polizei ist der Fall klar: Das Mädchen hat offenbar Selbstmord begangen. Ihr Onkel kann dies nicht glauben. Er stand Kati nah und ist sicher, dass sie nicht selbstmordgefährdet war.

Andreas recherchiert in Katis Umfeld. Dabei erfährt er, dass sich das Mädchen tatsächlich in den letzten Wochen und Monaten zuvor intensiv mit dem Sterben auseinander setzte, nachdem Kati ein Schulprojekt mit dem Thema Tod bearbeitete. Andreas entdeckt auf Katis PC jedoch auch Videos, die sie zeigen - offenbar wurde sie heimlich gefilmt und bekam die Videos zugeschickt. Freunde berichten, dass sie sich kurz vor ihrem Tod verfolgt fühlte.

Schließlich stößt Andreas auf die mysteriöse Internetseite "Deathbook". Offenbar erhalten Mitglieder der Seite Zugang zu authentischen Snuff-Videos. Doch der Preis ist hoch: Als Gegenleistung müssen sie zeitnah selbst den Tod eines Menschen filmen. Wer sich weigert, wird zum nächsten Opfer ...

Ich bin der Tod 3.0

Schon bei der Inhaltsangabe fällt der durchaus originelle Schachzug auf, den der Autor mit diesem Weg begeht: Andreas Winkelmann machte sich kurzerhand selbst zum Protagonisten seines Thrillers und vermischt somit Fiktion und Realität. Winkelmann gibt seinem Ich-Erzähler nicht nur seinen Namen und seine Profession, sondern baut auch weitere reale Details in die Handlung ein. Wie der wirkliche Andreas Winkelmann lebt der Protagonist in einem Haus am Waldrand, betreibt zur Kommunikation mit den Fans eine Facebookseite und geht ähnlich beim Verfassen seiner Werke vor, indem er eher spontan und dynamisch agiert, statt vor dem Schreiben Handlung und Charaktere ausgiebig zu planen.

Unterschiede zur Realität gibt es andererseits auch (abgesehen davon, dass natürlich die Grundhandlung ohnehin fiktiv ist). So ist der Andreas Winkelmann aus "Deathbook" offenbar Single und wohnt allein, während der reale Autor mit Ehefrau, Tochter und Berner Sennenhündin lebt. Definitiv hat es seinen Reiz, dass sich der Autor zur Hauptfigur macht und gerade für Kenner des Autors dürfte es interessant sein, nach Parallelen und Unterschieden zu suchen. Noch raffinierter ist die E-Book-Variante, die Videosequenzen einstreut und den Leser über Internet interaktiv einbindet.

Auf die Spitze getrieben wird das Spiel mit der Fiktion bei der Figur der Ermittlerin Manuela Sperling - sie ist in diesem Werk eine mit Winkelmann befreundete Polizistin in Ausbildung, die ihm bei der Suche nach Katis Mörder hilft. Sie ist allerdings auch die Hauptfigur in dem älteren Thriller "Wassermanns Zorn" und ebenjenes Buch nimmt sie in diesem Roman selbst in die Hand; sie ist also sowohl eine bereits bekannte Romanfigur Winkelmanns als auch eine pseudo-reale Bekannte und wird in "Deathbook" quasi indirekt mit der eigenen Identität als Romanfigur konfrontiert.

Der Roman spielt nicht nur mit Realität und Fiktion, sondern auch mit den Gefahren der neuen Medien und warnt indirekt vor einem leichtsinnigen Umgang mit dem Internet. Ein perfider Serienkiller nutzt Facebook und QR-Codes, um seine Opfer in die Fänge zu bekommen, gepaart mit menschlicher Sensationslüsternheit. Gewiss stecken einige wahre Körnchen in diesem Szenario: So haben Schockseiten wie ogrish.com oder Videos wie das legendäre "2 Girls 1 Cup" (besser nicht googeln, wenn man keinen Fäkal- oder Vomit-Fetisch besitzt) seinerzeit unzählige Klicks erhalten; das Überangebot an Gewalt und Pornographie ist selbst für Teenager oder gar Kinder zugänglich und kann emotionale Abstumpfung hervorrufen. Der Mörder aus "Deathbook" richtet sich an jene Internetuser, denen Bilder von Unfall- oder Mordopfern nicht mehr reichen, sondern die auf der Suche nach echten Snuff-Filmen sind - nach Videos, in denen ein Mensch gezielt zu Unterhaltungszwecken ermordet wird.

Die Handlung ist grundsätzlich sehr spannend und garantiert eine kurzweilige Lektüre. Während für Andreas rasch feststeht, dass seine Nichte ermordet wurde, genügen der Polizei die Indizien zunächst nicht. Andreas sucht auf eigene Faust weiter, findet Beweise für seine Mordtheorie - und gerät nun prompt selbst unter Mordverdacht. Zwischendrin gibt es immer mal wieder Kapitel, die von der Ich-Perspektive zur personalen Erzählsituation wechseln. In diesen Kapiteln werden entweder die Gedanken des Mörders präsentiert - der dabei freilich anonym bleibt - oder es wird zu den potentiellen Opfern geschaltet. Es stets ein ähnliches Bild: Die Jugendlichen sind zunächst neugierig auf die Todesvideos, sind dann irritiert über die Aufforderung, nun als Bezahlung ihren "Beitrag" zu leisten - und merken allmählich, dass diese Aufforderung kein Scherz war, sondern jemand in ihr Leben eindringt.

Der Roman bezieht seine Spannung aus mehreren Punkten: Man fragt sich natürlich, wer der Mörder ist, wie ihm Andreas auf die Spur kommt, wer von den Deathbook-Mitgliedern alles noch sterben muss und wer vielleicht doch noch gerettet werden kann. Positiv fällt überdies auf, dass der Protagonist durchaus öfter mal falsch liegt mit seinen Vermutungen und nicht immer zielsicher die richtigen Schlüsse zieht.

Zu den negativen Aspekten zählt ein gewisses Selbstlob des Autors, das mitunter ein bisschen irritiert. Seine zuvor veröffentlichten Werke werden in "Deathbook" mehrmals erwähnt und die befreundete Ermittlerin Manuela Sperling hat sie mit Begeisterung gelesen. Zudem wird von einer Lesung Winkelmanns berichtet mit der Betonung, wie sehr sich die Gäste unterhalten gefühlt haben und wie intensiv der Autor auf sie einging, anstatt nur vorzulesen. Die kleine Hommage an den Autor aus den Gedanken einer seiner Romanfiguren kann natürlich auch als augenzwinkernde Spielerei verstanden werden. Liest man allerdings seine Kommentare über den internationalen Erfolg seiner Bücher, etwa dass es ihm als erster deutscher Thrillerautor gelang, in Korea auf Anhieb den dritten Platz der Bestsellerliste einzunehmen, kommt man ins Zweifeln, ob diese lobenden Selbstbezüge in "Deathbook" ironisch gemeint sind. Ohne Frage ist Andreas Winkelmann ein sehr erfolgreicher Thrillerautor; umso unnötiger sollte es allerdings sein, das so herauszukehren.

Störend fällt zudem auf, dass sich gleich zwei Charaktere wider besseren Wissens ins Gefahr begeben. Der Plot wird dadurch zwar am Laufen gehalten, das Verhalten wirkt aber in beiden Fällen recht konstruiert. Auch der Protagonist selbst verhält sich manchmal zu wagemutig und begibt sich zu leichtfertig in gefährliche Situationen. Zwar ergeben sich dadurch aufregende Situationen, der Handlungsweise der Figur mangelt es jedoch etwas an Glaubwürdigkeit. Nicht ganz realistisch wirken auch die Reaktionen der Clique, die Mitglied bei Deathbook wird. Der Anführer geht übertrieben gleichgültig mit dem Gedanken um, dass sie einen Menschen beim Sterben filmen sollen, schließlich seien sie nicht die Mörder, sondern sollen nur die Kamera bedienen. Auch der Plan, den Mörder hereinzulegen und sich darauf zu verlassen, dass sie ihm zu viert überlegen sind, ist sehr naiv und erscheint reichlich überzogen.

Fazit:

Trotz kleiner Schwächen ein unterhaltsamer Thriller ohne Längen, der sich schnell lesen lässt und der Spannung verspricht. Die Grundidee ist interessant, der Kniff mit der Mischung aus Fiktion und Realität originell. Ein absolutes Highlight ist der Roman nicht, aber für Thrillerfans lesenswert.

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