7. Juni 2012

Vom Winde verweht - Margaret Mitchell

Produktinfos:

Ausgabe: 2003
Seiten: 1030
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Die Autorin:

Margaret Mitchell (1900-1949) verfasste mit "Vom Winde verweht" nur einen einzigen Roman - der ihr jedoch Weltruhm einbrachte. Zehn Jahre lang schrieb die Südstaatlerin, die zuvor als Journalistin arbeitete, an ihrem Meisterwerk über den amerikanischen Bürgerkrieg. 1937 erhielt sie für ihr Schaffen den Pulitzerpreis.

Inhalt:

Georgia, 1861. Die sechzehnjährige Scarlett O'Hara ist eine typische »Southern Belle«, eine verwöhnte Südstaatenschönheit, die allen Männern in der Umgebung den Kopf verdreht. Ihr Zuhause ist Tara, die reiche Baumwollplantage, auf der sie mit ihren Eltern und ihren Schwestern lebt und wo sie von Mammy, der gütigen, aber auch energischen schwarzen Amme, die wie eine zweite Mutter für sie ist, unter Argusaugen bewacht wird. Von ihrer französischstämmigen Mutter hat Scarlett die elegante Schönheit, von ihrem irischen Vater den eisernen Willen und das hitzige Temperament geerbt.

Ein Krieg soll kommen, heißt es in diesen Tagen. Das ist dummes Gerede, denkt Scarlett, die ihre Zeit viel lieber damit verbringt, die Männer zu bezirzen. Ein Blick aus ihren katzengrünen Augen genügt, um sämtliche Herzen zu brechen. Die rothaarigen Tarleton-Zwillinge Stuart und Brent sind ihr ebenso verfallen wie der linkische Charles Hamilton und alle anderen jungen Männer in der Gegend.

Scarlett aber will nur einen haben - Ashley Wilkes, den geistreichen, poetischen Gentleman von der Nachbarplantage Twelve Oakes. Doch was muss sie am Abend vor dem großen Ball bei den Wilkes erfahren: Ashley wird seine brave Cousine Melanie heiraten. Am nächsten Tag fängt sie Ashley auf dem Ball ab und gesteht ihm ihre Liebe. Zu ihrem Entsetzen jedoch weist Ashley sie zurück, sie seien zu verschieden.

Erst als sie sich wieder allein glaubt, bemerkt sie den heimlichen Beobachter der Szene: Ausgerechnet Rhett Butler, das charmante Schlitzohr aus Charleston mit dem schlechten Ruf, war Zeuge ihrer Aussprache - und zu allem Überfluss amüsiert er sich auch noch königlich über Scarletts Unglück, denn er weiß sofort, dass Scarlett und der poetische Ashley nicht zueinander passen. Scarlett aber sieht in dem gut aussehenden Abenteurer nichts als einen ungehobelten Kerl, der so gar nichts mit ihrem angebeteten Ashley gemeinsam hat, den sie nicht aufgeben will.

Da sorgt eine neue Nachricht für Wirbel: Der Krieg ist ausgebrochen! Die Männer satteln die Pferde und ziehen in den Krieg. Auch Ashley wird fortgehen. Aus Trotz sieht Scarlett nur eine Möglichkeit, sich an Ashley zu rächen, und heiratet kurzerhand Melanies Bruder Charles, einen netten, aber langweiligen Kerl, der sien Glück kaum fassen kann. Charles schenkt Scarlett einen Sohn, doch noch ehe er zu Welt kommt, rafft den werdenden Vater an der Front eine Krankheit dahin. Die siebzehnjährige Scarlett findet sich plötzlich als Witwe in Trauerkleidung mit einem Kind am Bein wieder.

In der Hoffnung, Ashley bald wiederzusehen, nimmt sie die Einladung der ahnungslosen Melanie und deren Tante Pittypat an und zieht vorübergehend nach Atlanta. Dort trifft sie auch Rhett Butler wieder, der die Fassade der trauernden Witwe sofort durchschaut. Mehr denn je verachtet Scarlett den Abenteurer, doch sie genießt seine kostspieligen Umwerbungen in den freudlosen Zeiten des Krieges.

Auch Ashley kehrt für ein paar Tage heim und entfacht Scarletts Liebe von Neuem, ohne dass sie ihn jedoch für sich gewinnen könnte. Bald darauf spitzt sich die Lage gefährlich zu: Die Yankees stehen vor den Toren Atlantas, die Bevölkerung flieht aus der Stadt. Nur Scarlett muss bleiben - die zarte Melanie erwartet ein Kind. Kein Doktor ist zur Stelle, und so muss die verwöhnte Scarlett über ihren Schatten springen und Ashleys Erstgeborenem auf die Welt helfen.

Scarlett aber muss einen Weg finden, um zu fliehen - sie will heim nach Tara, fort von dem Krieg mit seinen Zerstörungen, den Schüssen und all den Toten und Verletzten. Heim nach Tara - und Rhett Butler soll helfen. Auf einer abenteuerlichen Kutschfahrt bringt Rhett die Frauen und Kinder durch die brennende Stadt. Doch mitten auf dem Weg verlässt Rhett Scarlett, um seinem Patriotismus nachzukommen und in den längst verlorenen Krieg zu ziehen. Vorher gesteht er Scarlett noch seine Liebe - um wieder einmal nichts als Verachtung zu ernten.

Der Krieg ist verloren, der Reichtum dahin, doch Tara soll wieder auferstehen, und dazu ist Scarlett jedes Mittel Recht - auch eine neue Ehe mit einem Mann, den sie nicht liebt, der ihr jedoch das Geld verschafft, um die Plantage wieder aufzubauen. Auch Ashley hat Scarlett noch nicht aufgegeben - ebensowenig, wie der wiederkehrende Rhett Butler sie aufgegeben hat ...

Bewertung:

"Vom Winde verweht" gehört zu den ganz großen Romanen der Weltliteratur. Selbst der erklärteste Lesefeind hat zumindest den Titel schon mal gehört oder sogar die ebenso erfolgreiche, oscargekrönte Monumentalverfilmung von 1939 gesehen, in der Vivien Leigh und Clark Gable den Charakteren von Scarlett und Rhett Unsterblichkeit verliehen. Der Roman mit seinem gewaltigen Umfang enthält alles, was ein fesselndes Meisterwerk ausmacht: eine mitreißende Handlung, unvergessliche Charaktere, eine bildhafte Sprache; Verwicklungen, Dramatik, Leidenschaft ebenso wie subtilen Humor und Poesie. Vor den Augen des Lesers wird der alte Süden lebendig: die weiten Baumwollfelder mit den herrschaftlichen Plantagen, die korsettgeschnürten Damen in ihren rauschenden Kleidern, die eleganten Gentlemen, die feinen Gesellschaften und der Stolz dieser Menschen, die nicht glaubten, dass die glorreiche Zeit des Südens einmal enden könne.

Besonders mit den beiden Hauptfiguren ist der Autorin ein Glanzstück gelungen: Scarlett und Rhett sind beides außergewöhnliche Charaktere, die vor allem eines sind, nämlich unangepasst. Scarlett ist, so gern sie es auch sein möchte, keine feine Lady, sondern ist und bleibt ein Temperamentsbündel mit einem bemerkenswerten Dickkopf. Um das zu bekommen, was sie will - seien es materielle Dinge oder Männer -, geht sie über Leichen. Besonders in der Zeit nach dem Fall des Südens zeigt sich, dass in der hübschen Frau die Tatkraft und der Mut von mindestens zehn Männern stecken.

Rhett Butler ist gut aussehend und charmant, aber im Gegensatz zu all den anderen Männern im Süden kümmert er sich nicht um seinen Ruf, und das Letzte, was er will, ist, ein Gentleman zu sein. Er ist der Einzige, der vor Kriegsbeginn offen ausspricht, dass die Südstaatler den Yankees unterlegen sind und der sich keinen Deut darum schert, dass ihn die kriegshungrigen Patrioten Georgias dafür verachten. Sowohl Scarlett als auch Rhett verstoßen gegen alle Konventionen. Eine Frau, die selbst Geld verdient und dabei alle Damenhaftigkeit vergisst! Ein Mann, der sich nichts dabei denkt, junge Damen zu kompromittieren! - So wie sich Ashley und Melanie einander gleichen, so gleichen sich Scarlett und Rhett. Wenn sich Scarlett es sich doch nur eingestehen könnte ...

Aber nicht nur die Hauptakteure sind gelungen, auch die Nebenfiguren wissen zu fesseln: Da ist Mammy, die resolute schwarze Amme, die immer ein Auge auf ihre »kleine Miss Scarlett« hat und die in ihrer unnachahmlichen Art alles zusammenhält. Da ist die stadtbekannte Hure Belle Watling, die keinen guten Ruf, aber ein großes Herz vorzuweisen hat und die zu Scarletts Empörung eng mit Rhett Butler verbunden ist. Da ist Frank Kennedy, der eigentlich um Sue-Ellen wirbt, ehe ihre Schwester Scarlett ihm schöne Augen macht; da ist Scarletts Vater, Gerald O'Hara, ein waschechter Ire, der seine Tochter lehrt, dass Land das Einzige ist, wofür es sich zu kämpfen lohnt, und der ihr die Liebe zu Tara beibringt; da ist der junge Soldat Will, der während des Krieges Zuflucht auf der Plantage findet ... Diese und noch viele andere Charaktere füllen die Seiten mit Leben.

Der Leser begleitet Scarlett durch ein Schicksal, wie es wechselhafter nicht sein könnte, und durchlebt gleichzeitig ihre inneren Wandlungen. Man möchte ihr zurufen, dass sie sich anders verhalten möge, um dann wieder fasziniert zu sein, wie sie sich wieder einmal aus einer Situation herausmanövriert. Man hasst Scarlett regelrecht für ihre Unbarmherzigkeit, man vergnügt sich über ihre bissigen Wortgefechte mit Rhett, und gleichzeitig hat man sie ins Herz geschlossen und wünscht ihr, dass sie endlich begreift, was das Richtige für sie ist. Und begreift sie es nicht heute, begreift sie es vielleicht morgen, »denn schließlich, morgen ist auch noch ein Tag ...« Der farbige historische Hintergrund ist gründlich recherchiert und bietet ein umfangreiches Bild von den Geschehnissen des Amerikanischen Bürgerkrieges, ohne jemals zu trocken oder zu patriotisch zu werden.

Natürlich bleiben in einem solchen Mammut-Werk auch ein paar kleine Mängel nicht aus. So ist Melanie Wilkes in ihrer engelsgleichen Art zu sanftmütig und großherzig geraten. Melly erduldet jeden körperlichen Schmerz, ohne zu klagen, liebt Scarlett wie eine Schwester und steht trotz jeder Verfehlung zu ihr und ist ihrem Mann und allen Freunden der zuverlässigste Mensch, den man sich denken kann ... Das ist schon hart an der Grenze zur Heiligen. Auch die Behandlung der Sklaven auf Tara ist wohl weitaus positiver, als es damals bei den meisten Plantagen der Fall gewesen sein dürfte. Mammy und Co. gehören praktisch zur Familie und lassen teilweise vergessen, wie schlecht es die meisten anderen hatten.

Fazit:

"Vom Winde verweht" ist ein unvergleichliches Leseabenteuer, das man nie mehr vergisst. Mag der unglaubliche Umfang dieses Schmökers auch so manchen potenziellen Leser abschrecken, es sei ihm gesagt: Es lohnt sich ... Also: Den grandiosen Soundtrack von Max Steiner einlegen, aufs Sofa zurückziehen und in den Süden träumen ... :-)

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